mini|hochkant|François Bayrou (2025)
François René Jean Lucien Bayrou (; * 25. Mai 1951 in Bordères bei Pau, Département Pyrénées-Atlantiques) ist ein französischer Politiker. Er ist seit 2007 Vorsitzender der Mitte-Partei „Demokratische Bewegung“ (Mouvement démocrate oder kurz MoDem). Zudem war er von Dezember 2024 bis September 2025 Premierminister von Frankreich.
Der frühere Gymnasiallehrer Bayrou begann seine politische Karriere im christdemokratischen Centre des démocrates sociaux (CDS), dessen Vorsitzender er 1994 wurde und das 1998 in der Union pour la démocratie française (UDF) aufging. Von 1993 bis 1997 war er französischer Bildungsminister. Bayrou kandidierte bei den französischen Präsidentschaftswahlen 2002 (6,8 %), 2007 (18,6 %) und 2012 (9,1 %). Nach der Wahl 2007 wandelte er die bürgerliche UDF in die Partei MoDem um. Zur Präsidentschaftswahl 2017 bildete Bayrous Partei mit der Bewegung En Marche von Emmanuel Macron ein Bündnis zur Wahl Macrons. Im Übergangskabinett Philippe I (Mai bis Juni 2017) war Bayrou stellvertretender Premierminister (Ministre d’État) und Justizminister.
Bayrou ist ein ausgesprochener Anhänger der Europäischen Union, war von 1999 bis 2002 Mitglied des Europäischen Parlaments und steht seit 2004 der Europäischen Demokratischen Partei (EDP) vor. Auf kommunaler Ebene ist er seit April 2014 Bürgermeister der Stadt Pau.
Leben Der Sohn eines Kleinbauern aus einem Dorf am Fuß der Pyrenäen studierte zunächst lettres classiques (klassische Sprachen und Literatur) an der Universität Bordeaux und schloss sein Studium im Alter von 23 Jahren mit der Agrégation (Staatsprüfung für das höhere Lehramt) in lettres classiques ab. Anschließend arbeitete er bis 1979 als Lehrer am Lycée in Nay (Pyrénées-Atlantiques). Schon Bayrous Vater war Politiker, wenn auch nur auf kommunaler Ebene: Er war Bürgermeister seines Heimatdorfs Bordères und Mitglied der christdemokratischen Volksrepublikaner-Bewegung (MRP).Bernard Pascuito, Olivier Biscaye: Les Politiques aussi ont une mère. Albin Michel, Paris 2017. Bayrous großes Interesse an Literatur und Geschichte findet unter anderem Ausdruck in der Veröffentlichung von Büchern über die Geschichte Frankreichs, darunter eine Biographie des „guten Königs“ Heinrich IV., den er als Vorbild für das heutige Frankreich sieht, da er Frieden und Versöhnung zwischen Katholiken und Protestanten ermöglicht habe. Zudem hat er zahlreiche politische Werke veröffentlicht (siehe unten).
François Bayrou, der neben Französisch auch Béarnais, einen okzitanischen Dialekt spricht, setzt sich für die Pflege der regionalen Kulturen und Sprachen ein.
Bayrou gehört der römisch-katholischen Kirche an, ist mit Élisabeth (Babeth) Perlant verheiratet und hat sechs Kinder.
Frühe politische Karriere Bayrou begann seine politische Karriere im christdemokratischen Centre des démocrates sociaux (CDS; Nachfolgepartei der MRP). Dieses war ein Bestandteil des bürgerlich-liberalen Parteienbündnisses Union pour la démocratie française (UDF), das die Präsidentschaft Valéry Giscard d’Estaings (1974–1981) unterstützte. Bayrou ist geprägt von einer christlich-demokratischen Haltung und bezeichnet sich als praktizierenden Katholiken und Anhänger der Laizität.. In: Le Figaro (französisch). Bayrou ist – für einen französischen Spitzenpolitiker untypisch – kein Absolvent einer Elite-Hochschule, sondern machte eine parteipolitische „Ochsentour“.Daniela Kallinich: François Bayrou – ein Rathaus für ein Königreich. 2016, S. 371.
Von 1979 bis 1981 war er hoher Verwaltungsbeamter im Landwirtschaftsministerium, das von seinem Parteikollegen Pierre Méhaignerie geleitet wurde, danach war er für den Senatspräsidenten Alain Poher (ebenfalls UDF-CDS) tätig. Im Jahr 1982 wurde er für die UDF in den Generalrat des Départements Pyrénées-Atlantiques im äußersten Südwesten Frankreichs gewählt. Seinen Sitz im Generalrat behielt er bis 2008. Von 1984 bis 1986 beriet er den damaligen Präsidenten des Europaparlaments Pierre Pflimlin (UDF-CDS).
Die französische Parlamentswahl 1986 wurde ausnahmsweise nach Verhältniswahlrecht abgehalten, Bayrou wurde dabei über die gemeinsame Liste der bürgerlichen Parteien UDF und RPR in die Nationalversammlung gewählt. Nach der Rückkehr zum Mehrheitswahlrecht gewann er bei der vorgezogenen Neuwahl 1988 das Direktmandat im 2. Wahlkreis des Départements Pyrénées-Atlantiques. Diesen Sitz verteidigte er auch bei den vier folgenden Parlamentswahlen bis 2007. Von 1986 bis 1993 stand Bayrou der „Ständigen Gruppe im Kampf gegen den Analphabetismus“ vor.
Dass die eigentlich ausgesprochen proeuropäische UDF zur Europawahl 1989 eine gemeinsame Liste mit der gaullistischen und eher europaskeptischen RPR aufstellte, lehnte Bayrou ab. Stattdessen unterstützte er die von UDF-Abweichlern (vor allem aus Reihen der CDS) gebildete Liste Le Centre pour l’Europe mit der Spitzenkandidatin Simone Veil, deren Wahlkampf er auch managte. Trotz dieser Differenzen ernannte ihn Giscard d’Estaing 1991 zum Generalsekretär der UDF. Von 1992 bis 2001 war Bayrou Präsident des Generalrats in seinem Heimatdépartement Pyrénées-Atlantiques.
Bildungsminister Nach dem Wahlsieg der Rechtsliberalen unter Édouard Balladur berief dieser Bayrou am 29. März 1993 als Minister für nationale Bildung in sein Kabinett. In seiner Amtszeit sorgte er für eine umfassende Überprüfung der Situation der Schüler und Lehrer in Frankreich.
Zudem spielte Bayrou eine wichtige Rolle im französischen Kopftuchstreit. Durch ein ministerielles Rundschreiben im September 1994 schränkte er die Regelung von 1989 ein, nach der Schülern das Tragen religiöser Symbole (einschließlich des islamischen Kopftuchs) gestattet war. Das Rundschreiben unterschied zwischen „diskreten“ Symbolen, die in der Schule erlaubt waren, und „ostentativen“ (worunter das Kopftuch fiel), die nicht zugelassen waren. Als Reaktion kam es zu Schülerprotesten. Bayrou setzte Hanifa Cherifi, selbst muslimische Immigrantin aus Algerien, als Vermittlerin ein. Diese versuchte, die Mädchen vom Tragen des Kopftuchs abzubringen oder sie zumindest von Bandanas zu überzeugen, die Ohrläppchen und Haaransatz freiließen und daher zulässig waren.Anna C. Korteweg, Gökçe Yurdakul: Kopftuchdebatten in Europa. Konflikte um Zugehörigkeit in nationalen Narrativen. Transcript, Bielefeld 2016, S. 47. Dennoch wurden auf Grundlage des Rundschreibens Bayrous in den folgenden zehn Jahren um die 100 Schülerinnen vom Unterricht ausgeschlossen. Der Conseil d’État als oberstes Verwaltungsgericht hob den Unterrichtsausschluss in fast allen Fällen auf. Insgesamt ging die Zahl Kopftuch tragender Schülerinnen jedoch stark zurück.Frank Schenker: Umkämpfte Laïcité. Eine Policy-Analyse zum Verbot auffälliger religiöser Zeichen an Frankreichs öffentlichen Schulen. In: Felix Heidenreich u. a.: Staat und Religion in Frankreich und Deutschland. Lit Verlag 2008, S. 176–198, auf S. 178.
Als 1995 Alain Juppé neuer Ministerpräsident wurde, beließ er Bayrou in seinem Ministeramt und erweiterte dessen Ressort um den Bereich Forschung.
CDS- und UDF-Vorsitzender Im Dezember 1994 wurde Bayrou zum Parteivorsitzenden der CDS gewählt. Bayrous Bestreben war es, in der politischen Mitte eine Kraft zu schaffen, die stark genug sein sollte, um den Gaullisten auf der rechten Seite gleichberechtigt gegenüberzutreten. Dazu wollte er die verschiedenen in der UDF zusammengeschlossenen Parteien zu einer einzigen Partei verschmelzen. An diesem Vorhaben beteiligten sich zunächst jedoch nur seine CDS und die kleine sozialdemokratische PSD. Die fusionierte Partei nahm den Namen Force démocrate (Demokratische Kraft) an und Bayrou wurde ihr Vorsitzender. Die übrigen Parteien der UDF blieben eigenständige Bestandteile des Parteienbündnisses. Als das Mitte-rechts-Kabinett Juppé 1997 seine Parlamentsmehrheit verlor und wieder eine linke Regierung ins Amt kam, verlor Bayrou seinen Ministerposten.
1998 kam es zur Spaltung der UDF anhand der Frage, ob sich Politiker des bürgerlichen Bündnisses auch mit Stimmen der rechtsextremen Front National zu Regionalpräsidenten wählen lassen dürften. Die rechtsliberale Démocratie libérale (DL) befürwortete dies, Bayrou und die übrigen UDF-Bestandteile lehnten es strikt ab. Die DL schied daraufhin aus der UDF aus. Bayrou nutzte diese Gelegenheit, die in der UDF verbliebenen Bestandteile unter der Bezeichnung Nouvelle UDF zu einer einzigen Partei umzuwandeln.Udo Kempf: Das politische System Frankreichs. 5. Auflage, Springer Verlag, Wiesbaden 2016, S. 213. Er wurde deren Parteivorsitzender und blieb dies bis zu ihrer Auflösung 2007. Bei der Wahl zum Europaparlament 1999 war er Spitzenkandidat der UDF-Liste. Die Liste erreichte 9,3 Prozent der Wählerstimmen und Bayrou wurde Abgeordneter im Europaparlament. In der Europäischen Volkspartei – dem EU-weiten Zusammenschluss der christdemokratischen Parteien – setzte sich Bayrou für einen entschieden proeuropäischen und an der politischen Mitte orientierten Kurs ein. Als die ÖVP in Österreich im Jahr 2000 eine Koalition mit der rechtspopulistischen FPÖ einging, initiierte Bayrou die Schuman Group (benannt nach Robert Schuman) zur Verteidigung traditioneller christdemokratischer Werte.Karl Magnus Johansson: European People’s Party. In: European Political Parties between Cooperation and Integration. Nomos, Baden-Baden 2002, S. 51–80, auf S. 66.
mini|hochkant|François Bayrou (2006)
2002 trat er bei der französischen Präsidentschaftswahl an und erreichte mit 6,8 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang den vierten Platz. Im gleichen Jahr spaltete sich die liberale Mitte, als ein Teil sich dem Plan einer starken Mitte-rechts-Partei unter Jacques Chirac öffnete, der in Form der UMP verwirklicht wurde. Bayrou versuchte vergeblich, die Eigenständigkeit der UDF zu bewahren.
Bayrou gab sein Mandat als Europaabgeordneter nach der Wahl zur Nationalversammlung 2002 auf, um Mitglied der Nationalversammlung zu werden. Bei der Regionalwahl in Aquitaine 2004 kam die von Bayrou angeführte UDF-Liste nur auf den dritten Platz. Für den zweiten Wahlgang verband sie sich mit der UMP-Liste, aber auch vereint unterlagen sie dem sozialistischen Amtsinhaber Alain Rousset. Bei der Europawahl 2004 erhielt die UDF 12 % der Stimmen. Nach dieser Wahl verließen die UDF-Abgeordneten die christdemokratisch-konservative EVP-ED-Fraktion. Stattdessen initiierte Bayrou zusammen mit Francesco Rutelli von der italienischen Margherita-Partei die Europäische Demokratische Partei (EDP) als Zusammenschluss der proeuropäischen Mitte-Parteien. Sie beklagten, dass sich die EVP durch die Aufnahme stärker konservativer Parteien zu weit nach rechts geöffnet habe und vom europäischen Föderalismus abgerückt sei.David Hanley: Beyond the Nation State. Parties in the Era of European Integration. Palgrave Macmillan, Basingstoke (Hampshire) 2008, S. 121. Im Europaparlament bildete die EDP eine Fraktionsgemeinschaft mit den Liberalen, die ALDE. Bayrou und Rutelli leiten die EDP seither als Kovorsitzende.
Präsidentschaftskandidatur 2007 und MoDem mini|François Bayrou auf einer Linux-Messe in La Défense (2007)
Im Wahlkampf zur französischen Präsidentschaftswahl 2007 gelang Bayrou laut Umfragen der größeren Meinungsforschungsinstitute, sich binnen weniger Wochen vom aussichtslosen Nischenkandidaten zum ernstzunehmenden Anwärter auf das Präsidentenamt zu entwickeln.welt.de vom 9. April 2007: Bayrou, der Kandidat ohne Erinnerung Seine Kandidatur wurde von kleineren Parteien wie Corinne Lepages öko-liberaler Gruppierung Cap 21 und dem Mouvement écologiste indépendant unterstützt.