Explosion in der Kathedrale (spanischer Titel: „El siglo de las luces“, d. h. „Das Jahrhundert der Aufklärung“) ist der Titel eines 1962 veröffentlichten historischen Romans des kubanischen Schriftstellers Alejo Carpentier. An der Biographie Victor Hugues orientiert, erzählt er die Geschichte der Französischen Revolution in den Kolonialgebieten der Karibik. Die deutsche Übersetzung von Hermann Stiehl wurde 1964 publiziert.Alejo Carpentier: „Explosion in der Kathedrale“. Insel-Verlag Frankfurt am Main, 1964.
Überblick Die Handlung spielt in Frankreich, Spanien und v. a. der Karibik zur Zeit der Französischen Revolution. Drei junge spanische Kreolen, Sofia, Carlos und Esteban, befreunden sich in Havanna mit dem Franzosen Víctor Hughues und begleiten ihn auf seinem politischen Karriereweg durch Frankreich, Guadeloupe und Guayana. Durch ihn werden sie für die Ideen der Menschenrechte und der Beendigung der Feudalherrschaft begeistert und später desillusioniert, denn sie erleben den Kreislauf der Entwicklungen: die Befreiung der Sklaven, die Radikalisierung der Revolutionsherrschaft zur Despotie und ihre Beendigung durch Napoleon, der die Sklaverei wieder legalisiert.
Handlung Dem Roman als Motto vorangestellt ist ein Zitat aus der jüdischen Textsammlung Sohar: „Die Worte fallen nicht ins Leere“.
Im einleitenden Abschnitt bringt der Nationale Kommissar Hugues, als Vorausblick auf Abschnitt 16, auf einem Schiff eine Guillotine zusammen mit dem Erlass von der Abschaffung der Sklaverei und der Gleichberechtigung aller Inselbewohner nach Guadeloupe.
Erstes Kapitel (Havanna) Das erste Kapitel spielt in der spanischen Kolonie Kuba und handelt von der Infizierung dreier Jugendlicher mit den Ideen der Französischen Revolution.
Nach dem Tod des Vaters (Abschnitt 1), der in Havanna ein Handelsgeschäft für Nahrungs- und Genussmittel führte, befreien sich die Kinder Carlos und Sofia und ihr Cousin Esteban aus seinem Patriarchat. Seine Tochter hat er nach dem Tod der Mutter zur Erziehung ins Kloster der Klarissinnen gegeben. Das in die Familie aufgenommene Waisenkind Esteban hielt er wegen seiner häufigen Asthmaanfälle für lebensuntüchtig. Seinen Sohn beschäftigte er, besorgt über dessen Interesse an revolutionären Ideen, mit Botengängen zum Landgut. Mehr als die Arbeit im Kontor interessieren Carlos geistige Themen. Jetzt fürchtet er, „zur Führung des Geschäfts verurteilt“ zu sein. Alle drei haben das „Gefühl des Eingeschlossenseins“ auf einer Insel ohne Wege zu anderen Ländern und die Sehnsucht nach Grenzüberschreitungen. Das Trauerjahr nutzen die Kinder, um sich aus den bisherigen Zwängen zu lösen. Der Geschäftsführer Don Cosme erfüllt ihnen, wie sie später erfahren, nicht uneigennützig alle Wünsche. Sie entdecken jetzt erst die vielen ungepflegten Räume des Hauses, das Warenlager, das Kontor. Eines der zahlreichen Gemälde beeindruckt Esteban besonders: die apokalyptische Darstellung eines neapolitanischen Malers „Explosion in der Kathedrale“. Das Bild begleitet leitmotivisch die Romanhandlung bis zum letzten Satz und dient als Titel der deutschen und englischen Ausgaben (2). Sie bestellen wie in einem Rausch Experimentiergeräte, Bücher, Musiknoten, Spiele, neue Möbel usw. in solcher Menge, dass sie mit dem Auspacken der Kisten nicht nachkommen und diese sich zu einem Berg stapeln. Sie kapseln sich, von der Außenwelt abgeschlossenen, in eine Phantasie- und Spielwelt ein (3).
In dieser Situation tritt, auf der Suche nach Handelsgeschäften mit dem Vater, der französische Kaufmann Victor Hugues aus Port-au-Prince, Hauptstadt der französischen Kolonie Saint-Domingue, in die Handlung ein (4) und beginnt, das Leben der jungen Spanier zu bestimmen. Er freundet sich mit den Jugendlichen an, strukturiert ihr planloses Bohème-Leben und wird ihr Führer. Sie packen zusammen die Kisten aus, experimentieren und spielen in Kostümen historische Personen. Der lebens- und welterfahrene ehemalige Seemann führt die Jugendlichen in nächtlichen Kutschfahrten in das Hafenviertel mit den Bars und Bordellen, was Sofia schockiert. Nach einem Asthmaanfall Estebans holt Victor seinen Freund Ogé,Er ist im Roman der ältere Bruder Vincent Ogés, der 1790 für mit Schwarzen und Mestizen für die von der Nationalversammlung beschlossene Gleichberechtigung kämpfte und 1791 in Cap-Français auf Haiti hingerichtet wurde. einen Mestizen aus Haiti ins Haus. Der Naturheiler und Freimaurer entdeckt eine Pflanzenallergie als Ursache der Anfälle und behandelt sie erfolgreich (6). Während eines Taifuns (7) organisiert Victor die Rettung der Waren aus den überfluteten Räumen. Dabei entdeckt er im Kontor Buchungsfehler und beschuldigt Don Cosme der Unterschlagung (8). Dieser reagiert mit einem Gegenangriff und wirft ihm und Ogé vor, Mitglieder des revolutionären Geheimbundes der Freimaurer zu sein, der die Ordnung der Insel untergrabe. Dieser Vorwurf bestätigt sich den Geschwistern, als Ogé auftaucht und berichtet, die Freimaurer würden in der Stadt verfolgt und sie müssten fliehen.
Während Carlos in Havanna bleibt, um mit Don Cosme die geschäftliche Situation zu klären, flüchten die anderen auf das Landgut (9). Esteban und Sofia verfolgen interessiert die Diskussion zwischen Victor, der sich als Atheist bekennt und die Ideale der französischen Revolution, die Gleichheit aller Menschen, vertritt, und Ogé, dem Agnostiker, Philanthropen und Freimaurer, der einen gewaltsamen Aufstand ablehnt und auf die Entwicklung der im Menschen schlummernden transzendentalen Kräfte hofft. Sofia und Esteban stimmen Victors Argumenten und seiner Kritik am Katholizismus zu. Esteban denkt dabei an das Bild von der Explosion. Die beiden beschließen, mit Victor und Ogé auf Kapitän Calebs Schiff „Arrow“ das Land zu verlassen (10). Durch das freie Lebensgefühl während der Seefahrt und das Naturerlebnis löst sich Sofia aus den Fesseln ihrer Erziehung. Bisher war ihr Verhältnis zu Victor ambivalent, einerseits störte sie sein sexuelles Interesse an ihr, andererseits bewunderte sie seine männliche Tatkraft, z. B. als er von seiner Vergangenheit als Schmuggler von Seidenstoffen erzählte, um die spanischen Zölle zu umgehen, und dies als revolutionäre Tat ausgab. Nun beginnt sie mit ihm auf dem Schiff eine sexuelle Beziehung.
In Santiago de Cuba erfahren sie von einem Sklavenaufstand auf Saint-Domingue.Der Aufstand der Schwarzen begann im August 1791 – ausgehend von der Region Plaine-du-Nord unter der Führung des später als Nationalheld gefeierten Toussaint Louverture – und überschwemmte bald die gesamte Kolonie. Während Sofia zu ihrer Sicherheit bei einer mit ihrem Handelshaus befreundeten Familie in Santiago bleibt, setzen Victor, Esteban und Ogé nach Port au Prince über. Dort sehen sie die Folgen der Unruhen: Victors Haus ist zerstört. Ogé bleibt als Mestize auf der Insel. Für die weißhäutigen Victor und Esteban ist die Gefahr zu groß, Opfer von Angriffen zu werden. Sie verlassen mit dem letzten auslaufenden Schiff die Stadt, und dieses bringt sie nach Frankreich.
Zweites Kapitel (Frankreich, Guadeloupe) Das zweite Kapitel erzählt aus der Perspektive Estebans die Entwicklung der Revolution in Frankreich und in den Kolonien der Karibik bis zur Herrschaft Robespierres.
Victor und Esteban geben sich nach ihrer Ankunft zuerst einmal in Paris dem Genuss des Lebens mit politischen Theorie-Diskussionen in den Cafés und vielen Ausschweifungen hin, bis Victors Geldreserven erschöpft sind (12). Esteban ist von den Ideen begeistert und will helfen, die Revolution in die Karibik zu tragen. Zugleich liest er Bücher der Freimaurer und theosophischer Philosophien und wird in die „Loge der Vereinigten Ausländer“ eingeführt. Victor, der schon in den Kreisen der Revolutionsführer verkehrt, hat sich von seinen früheren Verbindungen mit den Freimaurern gelöst (14) und kritisiert den Freund: Wenn er für die Revolution arbeiten wolle, müsse er die „konterrevolutionäre Freimaurerei“ aufgeben, die „jakobinische Moral“ annehmen und Anhänger Robespierres werden.
Esteban entscheidet sich für die politische Aktion. Jacques Pierre Brissot (13) schickt ihn nach Bayonne zu dem Exilspanier Martínez de Ballesteros. Im baskischen Grenzgebiet soll er mit seinen Spanischkenntnissen helfen, den Plan Abbè Marchenas umzusetzen, die Revolution nach Spanien zu tragen. Esteban übersetzt Agitationsschriften, und die von Saint Jean de Luz gedruckten Flugblätter werden über die Grenze gebracht. Im Baskenland erlebt Esteban andererseits ernüchtert, wie die großen Entwürfen gegenüber skeptische Bevölkerung auf Anweisungen aus Paris reagiert. Die Umbenennungen der Dorfnamen und des Kalenders werden im Privaten nicht befolgt. Man huldigt nicht der Göttin der Vernunft, sondern hält an den verbotenen katholischen Gebräuchen insgeheim fest.
Estebans Mission endet mit dem Krieg Frankreichs gegen Spanien und andere europäische StaatenErster Koalitionskrieg 1793. Jetzt werden in Frankreich die einst als Brüder willkommen geheißenen monarchiefeindlichen Ausländer sowie kritische Freigeister und Künstler misstrauisch beobachtet. Eine harte Linie setzt sich durch: Man hört von Denunziationen und Hinrichtungen und Esteban ist um seine Sicherheit besorgt und will wieder nach Amerika zurückkehren. Als er von Militärtransporten unter den Kommissären Chrétien und Hugues nach den französischen Antillenbesitzungen hört, um sie gegen die Engländer und Spanier zu verteidigen, bietet er dem alten Freund in einem Brief seine Dienste an. Hugues ist ein mächtiger Mann geworden. Der Sicherheitsausschuss ernannte ihn zum Staatsanwalt von Brest und später von Rochefort. Er ruft Esteban nach Rochefort und stellt ihn als Schreiber beim Geschwader ein, das im Frühjahr 1794, kurz nach Robespierres Herrschaft, in die Karibik fährt. Victors Verhalten dem alten Freund gegenüber hat sich geändert. Als sein Vorgesetzter hält er ihn wie auch die anderen Untergebenen auf Distanz. Er achtet auf Disziplin und verbreitet Angst unter den Soldaten. Aber unter vier Augen beim Wein diskutiert er mit Esteban über die Methoden der Revolution. Victor hat die radikale Verfolgung und Verurteilung der Gegner in der Orientierung an Robespierres Schreckensherrschaft bereits als Staatsanwalt in Rochefort durchgeführt. Esteban kritisiert die Überwachungen und Denunziationen kritischer Intellektueller und die Hinrichtungen Unschuldiger. Victor warnt ihn, sich wegen seiner Systemkritik der Gefahr der Bestrafung auszusetzen. Er bringe den Erlass von der Abschaffung der Sklaverei und der Gleichberechtigung aller Inselbewohner vor dem Gesetz in die Kolonien, aber auch die Guillotine (16). Esteban reflektiert darauf seine Haltung zu den harten Kampfmethoden: Er schwankt zwischen Verteidigung Hugues und Kritik an ihm. Er würde gerne über die Vor- und Nachteile der Revolution wissenschaftlich schreiben, eine Studie über die Irrtümer der Revolution, um sich Klarheit zu verschaffen. Er plant, wenn die Engländer die französischen Kolonien bereits besetzt halten und sie in den USA landen müssen, Hugues und die Truppe zu verlassen (17).