mini|100px|Das alt-uigurische Wort uiɣur im mittelalterlichen uigurischen Alphabet
Die Alten Uiguren – im Sinne eines alten uigurischen Volkes – haben etwa vom 8. bis 15. Jahrhundert n. Chr. eine herausragende Rolle in der Geschichte Chinas und Innerasiens gespielt. Erste Online-Veröffentlichung: 26. April 2018. Auch verfügbar als: Nach diesem mittelalterlichen Volk haben sich im 20. Jahrhundert die Uiguren der Modernen Geschichte benannt, bei denen es sich um eine turksprachige, muslimische Gruppe mit turko-persischen Traditionen handelt, die insbesondere im Tarimbecken lebt.
Die Uiguren im Mittelalter wurden Mitte des 8. Jahrhunderts zu einer politischen Einheit, als sie ihr Steppenreich als Erben der alten Steppen-Stammeskonföderation der Türk (Köktürken) gründeten, das von der Hauptstadt in der Mitte der mongolischen Steppe regiert wurde, bis es ein Jahrhundert später durch rivalisierende kirgisische Stämme angriffen und beendet wurde. Die uigurische Aristokratie floh daraufhin südwärts in die Grenzgebiete zwischen China und der Steppe und Diaspora-Uiguren errichteten einen wenig machtvollen Staat in der Gansu-Region, wo sie als Gansu-UigurenDie Säriq oder Sariğ Yuğur (dt.: „Gelben Uiguren“) leben heute vorwiegend in der Provinz Gansu und werden von den Han-Chinesen Yugur genannt. Sie praktizieren den Lamaistischen Buddhismus und hängen sozusagen noch der Lebensweise des ersten uighurischen Reichs (744–840) an. Sie sind die Nachkommen der mittelalterlichen Uiguren des Gansu-Staates und sprechen eine Turksprache. Einige von ihnen – die Šira Yuğur – haben die mongolische Sprache angenommen, während eine andere Gruppe, die das gleiche Ethnonym trägt, Tibetisch spricht. (Quellen: ) Sie wurden als möglicherweise direkte Nachkommen der Uiguren aus dem 8. Jahrhundert angesehen. (Quelle: , ) verblieben, sowie einen weiteren, erfolgreicheren Staat im Tarimbecken, wo sie das Reich von Kocho gründeten, das eine stabile Herrschaft über die Bevölkerung etablierte, die sich aus Stadtbewohnern und Nomaden in den weit verstreuten Oasen der Region zusammensetzte. Die Uiguren im Tarimbecken gingen zur Sesshaftigkeit über und schufen eine der vielfältigsten Gesellschaften ihrer Zeit, in der Buddhisten, nestorianische Christen, Manichäer, Zoroastrianer und Nomaden gemeinsam miteinander lebten. Die Uiguren gerieten in Abhängigkeit der Kara Kitai und später der Mongolen, konnten aber als politische Herrscher im Tarimbecken ein gewisses Maß an Autonomie wahren, bis Kublai Khan die Kontrolle über das Tarimbecken verlor und der größte Teil der uigurischen Aristokratie nach China zog. Die uigurische Diaspora konnte sich noch einmal eine neue Identität im China der Yuan-Dynastie als Mitglieder der Regierung der mongolischen Eroberer und der Gelehrtenklasse der Literati aufbauen, endete aber schließlich als eigenständige politische Einheit mit der Vertreibung der Mongolen aus China. Erste Online-Veröffentlichung: 28. Juni 2017.
Die Uiguren in der Moderne haben diesen Namen im 20. Jahrhundert so gewähltFür die englischsprachige Literatur ist zu beachten, dass die Schreibweise des Ethnonyms für die Uiguren in offiziellen chinesischen Texten „Uygur“ lautet, während die uigurische Diaspora die Schreibweise „Uyghur“ verwendet. Als neutralere Schreibweise wurde auch „Uighur“ vorgeschlagen. (Quelle: ) - es handelt sich um eine turksprachige und nahezu geschlossen muslimische ethnische Gruppe mit im turko-persischen Zentralasien verwurzelten Traditionen. Sie bilden die Mehrheitsbevölkerung des Tarimbeckens, wo bereits seit mehreren Jahrhunderten eine turksprachige Bevölkerung vorherrschte. Nach der Eroberung durch die Qing im Jahr 1759 geriet diese uigurische Region schließlich unter chinesische Herrschaft. Seitdem wurden die turksprachigen, sesshaften, muslimischen Einwohner von Altishahr (Süd-Xinjiang)Altishahr ist eine indigene Bezeichnung für Ostturkestan, Chinesisch-Turkestan oder Süd-Xinjiang. In seinem üblichen Gebrauch umfasst der Begriff „Altishahr“ alle Oasen des Tarim-Beckens, einschließlich Turpan (Turfan). (Quelle: ) – nur unterbrochen von einigen kurzen Perioden der Unabhängigkeit Altishahrs – von einer Reihe chinesischer Staaten regiert und die Region wurde allmählich von einer locker gehaltenen Abhängigkeit unter den Qing in eine streng überwachte, assimilatorische Siedlerkolonie im 21. Jahrhundert umgewandelt, deren Regierung durch eine von Han-Chinesen dominierte Bürokratie übernommen wurde. Das Vorgehen der chinesischen Führung zielt heute nach Einschätzung westlicher Wissenschaftler auf die „Sinisierung“ (中国化) der religiösen und kulturellen Identität der Uiguren und auf die vollständige „Transformation“ (转化) ihrer Gedanken und ihres Verhaltens ab, Auch verfügbar als PDF: : Policy Brief, Report No. 38/2020, , S. 1–45. während das uigurische kulturelle Gedächtnis ausgelöscht werden soll. (Sammelwerk auch als PDF; 21,4 MB. Kapitel China Columns auch als PDF; 1,57 MB), Lizenz: Creative Commons Attribution CC BY-NC-ND 4.0. Auch online erschienen: Verschiedene internationale Fachleute sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die chinesische Führung die staatliche Verantwortung für einen anhaltenden Genozid gegen die Uiguren trage und gegen die Genozidkonvention von 1948 verstoße. Verfügbar auf:
Uiguren im Mittelalter Anfänge Die Ursprünge der Uiguren sind für die Wissenschaft schwer aufzuklären. Grund dafür ist die Beschaffenheit der frühesten Quellen und die Weise, in der sie die verschiedenen Stämme und Völker der Steppe verstanden, beschrieben und benannt haben.
Die erste Erwähnung der Uiguren als eigenständige Stammesgruppe findet sich in der im 6. Jahrhundert niedergeschriebenen chinesischen Geschichtsdarstellung (Wei Shu) der nördlichen und östlichen Wei-Staaten. Darin findet sich die Angabe, dass die Uiguren (chin. Hui-hoBei der Bezeichnung Hui-ho handelt es sich um die chinesische Darstellung des turksprachigen Namens Uyğur, der von der Chiu Wu Tai-shih als Hinweis interpretierte auf die „Schnelligkeit, mit der sie herumwirbelten und wie ein Falke in die Morgendämmerung stießen“ (Quelle: ).), von den Xiongnu-Stämmen (auch: Hsiung-nu) abstammten und zur Zeit der Wei-Staaten als Gaoche (auch: Kao-chü/Kao-ch'e; dt. etwa: „Hohe Wagen“Die Bezeichnung Gaoche („Hohe Wagen“) bezieht sich vermutlich auf ihre Kibitka-artigen Behausungen (Quelle: )) bekannt waren, einer etwa 10.000 Leute umfassenden Untergruppe der großen – als Tiele bekannten – Konföderation der Steppenstämme. Die Gaoche spalteten sich schließlich in zwei Gruppen auf, von denen eine On Uyğur (turksprachig für: „Zehn Uiguren“) genannt wurde, in der Steppe verblieb und in den Flusstälern Orchon und Selenge lebte, während die andere als Tokuz Oghuz (turksprachig für: „Neun Stammesgruppen“)Die turksprachige Bezeichnung Tokuz Oghuz entspricht – wenn auch nicht ganz reibungslos – der Bezeichnung der Konföderation in chinesischen Quellen (chin.: Chiu hsing für „Neun Nachnamen“), wurde in muslimischen Quellen (als „tġzġzz“) wohl aus turkischen Quellen entlehnt und sowohl für das Uigurische Kaganat in der Mongolei, als auch für die nachfolgenden diasporischen Uiguren-Staaten angewendet (Quelle: ). oder Toquz Uyğur bekannt wurde und nach Südwesten in die Altai-Region in die Gegend um das Tianshan-Gebirge migrierte. Diese Orte entwickelten sich schließlich zu Zentren zweier uigurischer Staaten. All diese Stämme waren zu jener Zeit Mitglieder des regierenden Türk-Kaganats, das die Steppe beherrschte. Bei den in den Tälern des Selenge und des Orchon lebenden Uiguren (chin.: Huihe 迴紇, Huihu 回鶻) handelte es sich um ein turksprachiges, weidewirtschaftendes Nomadenvolk. Erste Online-Veröffentlichung: 29. März 2017.
Zu den chinesischen Quellen, die die Uiguren im Zusammenhang mit der Stammesföderation der Tiele (ch: T'ie-lê) erwähnen, zählen beispielsweise das Sui-Shu, das eine ausführliche Liste der Tiele-Stämme – darunter auch den Kern der späteren Uiguren-Völkerschaft – enthält, und das T'ang-shu, das eine etwas kleinere Gruppe von Tiele-Stämmen vorstellt, unter denen viele der Elemente ausgemacht werden können, die die später von den Uiguren geführte Stammesunion umfassten, die später von den Türk (auch: Gök-Türken oder Kök-Türken) und Basmıl die Nachfolgeschaft des Khaghanats in der Mongolei übernahm.
In der Spätantike kam es im 7. Jahrhundert zum Niedergang des Türk-Kaganats, auch vorangetrieben durch die Aufteilung in westliche und östliche Gruppen mit unterschiedlichen Anführern. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Uiguren bereits begonnen, eigene Beziehungen zum Tang-China aufzubauen und es wurden ihnen im Rahmen der klassischen chinesischen Strategie, nomadische Stammesgruppen gegeneinander auszuspielen, militärische Titel verliehen.
Ebenfalls Mitte des 7. Jahrhunderts trat der uigurische Clan der Yağlaqar als herrschender oder charismatisch wirksamer der zehn Clans des führenden Uiguren-Stammes der Wei-ho or Yüan-ho (Uyğur) hervor und die Bezeichnung „Uigurisch“ etablierte sich fest für alle Mitglieder als politische Identität. Die Uiguren, die als Tiele ursprünglich von den Türk als Vasallen zur Kontrolle der nördlichen Regionen des Khaganats eingesetzt worden waren, sich aber gegenüber der Türk-Obrigkeit als widerspenstig erwiesen und zu Beginn des 7. Jahrhunderts ihre Unabhängigkeit wiedererlangt hatten, besiegten eine etwa 100.000 Mann starke Türk-Armee, wobei sie von dem Krieger Pusa geführt wurden, der sich daraufhin als Teil seiner Strategie der vollständigen Ablösung von der Türk-Obrigkeit direkt den Chinesen unterwarf. Pusas Nachfolger Tumidu nahm im Jahr 640 den Khagan-Titel – den alten Kaisertitel der Türk – an. 647 gerieten sie unter direkte Oberherrschaft oder zumindest „Protektion“ der Chinesen. Nach Tumidu ist über den uigurischen Staat – mit Ausnahme der Namen ihrer Führer – für die nächsten Jahrzehnte nur wenig bekannt. Eine Schwierigkeit für die Klärung ihrer damaligen Geschichte besteht darin, dass einige Quellen sie weiterhin in die weitergefasste Tiele-Konföderation einordneten.
660–662 und 685 erhoben sie sich erfolglos gegen China. Nachdem das östliche Türk-Khaganat Ende des 7. Jahrhunderts seine Macht zurückerlangte und das Zweite Türk-Kaganat auflebte, wurden die Uiguren wieder Gegenstand des politischen Systems der Türk und gerieten unter deren Obrigkeit. Erneut erwiesen sie sich jedoch für die Türk als problematisch und zunehmend aufsässig, rebellierten 717 erneut, wurden jedoch besiegt. Etwa zur selben Zeit entsandte der chinesische Tang-Kaiser einen kaiserlichen Gesandten zu den Uiguren, um diese dazu zu bewegen, sich mit zwei weiteren Turk-Stämmen – den Qarluk (Karluken) und den Basmıl zu vereinigen, die ebenfalls unter den östlichen Türk unzufrieden waren.
Einige flohen wohl nach China (Region Kansu) und traten dort in den Dienst der Tang ein, womit sie ihre Tradition der häufig eingegangenen Allianz mit China festigten, auch wenn sie auch dort schwierige Vasallen darstellen konnten.
Das Uigurische Kaganat – „Orchon-Staat“ (744–840)
Im Jahr 744 besiegten die drei Stammesgruppen und ehemaligen Vasallen, Uiguren, Karlucken und Basmıl, die Göktürken. Koreanische Originalversion: 檀國大學校 附設 北方文化硏究所 第 19回 國際學術大會 – 북방민족 고유문자와 몽골 고고학 II – [the 19th (World) International Conference for Institute of Northern Cul-tures [at Dankook University] – Northern Race Native letters and Mongol Archaeology II –], Cheonan, Korea, 16. März 2018. Eine bearbeitete koreanische Version wurde veröffentlicht als: 中央아시아 硏究 [Chung’ang Asia Yŏn’gu] (Central Asian Studies), 23/1, Paju 2018, S. 33–46. Der uigurische Khagan zeigte China sein Interesse an guten Beziehungen und schickte den Kopf des besiegten Türk-Khagan dem Tang-Kaiser. Das zweite Türk-Kaganat endete und die Uiguren übernahmen die Herrschaft in der Steppe. Ihr Reich sollte fast über ein Jahrhundert lang bestehen (744–840) und in Ostasien sowohl politisch als auch kulturell eine bedeutende Rolle spielen.