mini|hochkant|Der US-amerikanische Finanzminister Alexander Hamilton verfasste den Report on Manufactures. Gemälde von John Trumbull aus dem Jahr 1792 Der Report on the Subject of Manufactures („Bericht zum Thema des Gewerbes“), genannt Report on Manufactures, war der vierte bedeutende Finanzbericht des ersten Finanzministers der Vereinigten Staaten von Amerika, Alexander Hamilton. Er wurde am 5. Dezember 1791 dem Kongress vorgelegt. Im Bericht spricht sich Hamilton für eine staatliche Unterstützung des amerikanischen Gewerbes aus. Dabei nimmt er sowohl gegen die Anhänger des Laissez-faire als auch gegen die Physiokraten Stellung. Hamilton befürwortete im Gegensatz zu Zeitgenossen wie Thomas Jefferson die spätere Industrialisierung. Der Kongress setzte vor allem die den Zoll betreffenden Vorschläge des Berichts um, doch der Report beeinflusste mehrere zukünftige industriefreundliche Maßnahmen.

Hintergrund mini|hochkant|Thomas Jefferson (Charles Willson Peale, 1791) Als Finanzminister schlug Hamilton in drei Berichten an den Kongress, dem Report on Public Credit, dem Report on the Mint und dem Report on a National Bank, umfassende Wirtschaftsreformen vor, die dem modernen Kapitalismus in den Vereinigten Staaten den Weg ebneten. Mit dem Report on Public Credit versuchte Hamilton, die Bundesregierung kreditwürdig zu machen. Des Weiteren empfahl er assumption, also die Übernahme der Verschuldung der Bundesstaaten durch die Bundesregierung. Die letzteren Reports schlugen die Gründung einer Münzprägeanstalt und einer Nationalbank vor. Obwohl Hamilton seine Vorschläge durch den Kongress bringen konnte, empfanden die agrarischen Südstaaten diese als benachteiligend. Um zwei der prominentesten Politiker des Südens – den Virginiern Madison und Jefferson – bildete sich infolgedessen die Demokratisch-Republikanische Partei, welche unter Plantageneliten und Siedlern in der Frontier Erfolge feiern konnte. Gegenpartei war die sich um Hamilton bildende Föderalistische Partei, die Hamiltons Finanzreformen vertrat und von Kaufleuten gewählt wurde. Die Republicans und die Federalists waren keine Parteien im modernen Sinne, sondern lose Gruppierungen um einzelne Politiker. Es herrschte keine strenge Parteidisziplin; So unterstützten die Republikaner Elbridge Gerry und Albert Gallatin große Teile Hamiltons Finanzplans.Ron Chernow: Alexander Hamilton S. 385–394Andreas Etges: Wirtschaftsnationalismus: USA und Deutschland im Vergleich (1815-1914) S. 152–153

Die Industrielle Revolution begann Mitte des 18. Jahrhunderts im Königreich Großbritannien. In Amerika entwickelten sich kurz darauf erste Fabriken, jedoch herrschte insbesondere in den Südstaaten lange der Agrarsektor vor. Man war in vielen Fällen noch vom Ausland – besonders Großbritannien – und dessen Exporten abhängig. Industrielle wollten sich vor diesen Exporten mit höheren Importzöllen schützen.Doron Ben-Atar: Alexander Hamilton’s Alternative: Technology Piracy and the Report on Manufactures, S. 389–391

Entstehung und Einflüsse mini|hochkant|Tench Coxe Der Präsident George Washington mahnte das Repräsentantenhaus am 8. Januar 1790, dass „ein freies Volk“ eine unabhängige Waffenindustrie brauche, um im Krieg autark zu bleiben. Deshalb bat das Repräsentantenhaus Hamilton am 15. Januar 1790 um einen Finanzbericht „für die Unterstützung und Förderung solcher Gewerbe, welche dazu verhelfen, die Vereinigten Staaten unabhängig von anderen Nationen in Bezug auf unbedingt erforderlichen, besonders militärischen Bedarf zu machen“. Allerdings nutzte Hamilton den Bericht als Plattform für die allgemeine Unterstützung des US-amerikanischen Gewerbe. Hamilton zählt dazu Zweige wie die Holz- und Lederverarbeitung, den Kohlebergbau und die Eisenerzeugung. Die meisten „manufactures“ waren noch kleinere Gewerbebetriebe, die jedoch in Folge der Industrialisierung rasant wuchsen.Ron Chernow: Alexander Hamilton S. 374–375Andreas Etges: Wirtschaftsnationalismus: USA und Deutschland im Vergleich (1815-1914) S. 150

Um den Bericht vorzubereiten, schickte Hamilton am 25. Januar Informationsanfragen an mehrere Gewerbeverbände. Einer der führenden Befürworter der US-amerikanischen Industrialisierung, Tench Coxe, beschrieb die vielversprechende Zukunft des US-amerikanischen Gewerbes, insbesondere in seiner Heimat Pennsylvania. Dem Gewerbe fehle es jedoch noch an Arbeitskräften und Technologien. Auch sei man noch vom Königreich Großbritannien abhängig, weshalb die Regierung Handel mit dem revolutionären Frankreich ermutigen müsse. Hamilton ernannte Coxe im Mai 1790 zum Stellvertretenden Finanzminister (), als der er zunächst Daten zu amerikanischen Gewerbevertriebe sammelte. Durch seine Arbeit kam ein erster Entwurf des Berichts zustande, den er innerhalb kürzester Zeit im Januar oder Februar 1791 schrieb. Diese Vorlage wurde darauf im Hitzesommer 1791 mehrfach durch Hamilton überarbeitet; Coxe überprüfte Hamiltons Versionen.Jacob E. Cooke: Alexander Hamilton S. 98–99Jacob E. Cooke: Tench Coxe, Alexander Hamilton, and the Encouragement of American Manufactures, S. 369–374Bernard Mason: Alexander Hamilton and The Report On Manufactures: A SuggestionDoron Ben-Atar: Alexander Hamilton’s Alternative: Technology Piracy and the Report on Manufactures, S. 398–399 Gemeinsam gründeten sie die Society for the Encouragement of Useful Manufactures (zu Deutsch etwa: Gesellschaft für die Förderung nützlicher Gewerbe), die jedoch bald wegen Missmanagement und Veruntreuung an Bedeutung verlor.Jacob E. Cooke: Tench Coxe, Alexander Hamilton, and the Encouragement of American Manufactures, S. 380–392Forrest McDonald: Alexander Hamilton: A Biography, S. 231–232.Andreas Etges: Wirtschaftsnationalismus: USA und Deutschland im Vergleich (1815-1914) S. 153

Dem Herausgeber der Hamilton Papers Harold C. Syrett zufolge zeichne sich der Report on Manufactures nicht durch intellektuelle Neuerungen aus; Hamilton habe vieles von Vordenkern übernommen. Schon in seiner Jugend hatte Hamilton Werke von den Schottischen Aufklärern David Hume, James Steuart und Adam Smith, dem ehemaligen französischen Finanzminister Jacques Necker und dem Enzyklopädisten Malachy Postlethwayt gelesen, die die positiven Effekte der Industrialisierung auf ihre Heimat beschrieben. Von Hume übernahm Hamilton die Kenntnis, dass das Gewerbewachstum den Markt für Agrarprodukte erweitern würde. Hamilton kritisiert hingegen Adam Smiths Theorie des Laissez-faires, wonach sich die Wirtschaft durch die Unsichtbare Hand selbst reguliere und Staatsinterventionen deshalb sinnlos seien. Dabei dienten Hamilton die Bücher des Staatsrechtlers Montesquieu und des Rechtsphilosophen Vattel, für die staatliche Eingriffe in die Wirtschaft kein Bruch der Gewerbefreiheit beziehungsweise des Naturrechts darstellten, als rechtliche Grundlage.Harold C. Syrett (Hrsg.): The Papers of Alexander Hamilton. Band 10, Columbia University Press, New York 1966, S. 1–15 Im Bericht würde Hamilton allerdings Smiths Kritik der französischen Physiokraten übernehmen.Glory M. Liu: Adam Smith’s America: How a Scottish Philosopher Became an Icon of American Capitalism S. 40–42 Die US-amerikanischen Historiker Elkins und McKitrick, Verfasser eines Standardwerks zur US-amerikanischen Geschichte zwischen 1789 und 1800, sehen den Report als eine Kombination verschiedener Theorien, die Hamilton auf Amerika bezog.Stanley Elkins und Eric McKitrick: The Age of Federalism S. 258

Inhalt Hamilton eröffnet seinen Report mit einer Widerlegung jener „respectable patrons of opinions“ (zu Deutsch etwa: „angesehene Meinungsmacher“), die eine staatliche Unterstützung heimischer Gewerbebetriebe noch immer kritisierten und deren Ideen in Amerika weit verbreitet waren. Zunächst griff Hamilton die französischen Physiokraten an, welche die Landwirtschaft als einzig produktive Wirtschaftsbranche sahen. Aber auch das Gewerbe sei nicht produktiver als die Landwirtschaft. Vielmehr sei eine gemischte Wirtschaft mit einer Gewerbebranche nötig: Sie würde nämlich durch eine erweiterte Arbeitsteilung und Mechanisierung die Wirtschaft produktiver machen, die Arbeitskraft um Frauen und Kinder erweitern und Bauern die Möglichkeit geben, auch außerhalb der Feldarbeit Geld zu verdienen. Auch Immigranten, die aufgrund der höheren Löhne, geringeren Steuern und Religionsfreiheit (vgl. 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten) nach Amerika strömen würden, könnten im Gewerbe arbeiten. Arbeitnehmer würden eine breitere Auswahl an Berufen haben; auch hätten Erfinder einen größeren Innovationsspielraum. Zuletzt beschreibt er landwirtschaftliche Vorteile einer Mischwirtschaft, die wichtig sei für den agrarischen Süden und eine erweiterte inländische Nachfrage nach Agrarprodukten sowie bessere und günstigere Maschinen für Bauern sichere.Richard Sylla und David J. Cowen: Alexander Hamilton on Finance, Credit, and Debt, S. 197–199Forrest McDonald: Alexander Hamilton: A Biography S. 232–234Stanley Elkins und Eric McKitrick: The Age of Federalism S. 259 mini|hochkant|Die von Adam Smith in seinem Hauptwerk Wohlstand der Nationen (Bild) formulierte Theorie des Laissez-faire versucht Hamilton zu widerlegen. Nachdem Hamilton die Vorteile der Entwicklung des Gewerbesektors beschrieben hatte, widerlegte er Adam Smiths Freihandelsideal, nach dem die Vereinigten Staaten sich wegen ihrer natürlichen Vorteile in der Landwirtschaft auf diese fokussieren und Industrie-Produkte importieren sollte, mit dem second best world-Argument: Nur in einer perfekten Welt ohne Handelshemmnisse könne ein Staat so handeln. In der echten Welt erschweren die Industrienationen Europas den Handel mit Zöllen. Das gleiche Argument nutzt er, um Prämien () zu verteidigen: In einer idealen Welt könnten die USA Unternehmen frei wachsen lassen. Andere Staaten unterstützten ihr heimisches Gewerbe jedoch, was ihnen einen Vorteil gegenüber dem US-amerikanischen Gewerbe verschaffe. Des Weiteren behauptet Hamilton, dass der Staat Menschen dazu bewegen müsse, ihren Beruf zu wechseln, wenn nötig durch Prämien. Prämien würden auch Investoren zeigen, dass der Staat dem Gewerbe freundlich gesinnt sei. Darauf formuliert er erstmals das infant industries-Argument für Schutzzölle: Die noch jungen Industrien der USA müssten vor den größeren Industrien anderer Länder geschützt werden. Prämien seien aber effektiver als Schutzzölle, da sie direkter wirken und die Konsumenten nicht durch höhere Preise belasten.Richard Sylla und David J. Cowen: Alexander Hamilton on Finance, Credit, and Debt, S. 199–200Thomas K. McCraw: The Founders and Finance: How Hamilton, Gallatin, and Other Immigrants Forged a New Economy S. 128–129Forrest McDonald: Alexander Hamilton: A Biography S. 234Stanley Elkins und Eric McKitrick: The Age of Federalism S. 259–260 Gerard Clarfield schrieb, dass das Schlüsselwort in Hamiltons Programm encouragement, also Unterstützung, nicht protection, also Schutz, sei.Gerard Clarfield: Protecting the Frontiers: Defense Policy and the Tariff Question in the First Washington Administration, S. 459

Im Folgenden versuchte Hamilton, die Angst vor fehlenden Arbeitskräften und fehlendem Kapital zu mindern. Trotz der kontinuierlichen Abwanderung in die Frontier seien viele Staaten noch ausreichend bevölkert. Erneut verwies Hamilton auf Kinder-, Frauen- und Immigrantenarbeit. Auf Grund der Mechanisierung und der Wasserkraft würde die Zahl der benötigten Arbeiter sinken. Hamiltons bisherigen Finanzreformen hätten schon genug Kapital geschaffen.Richard Sylla und David J. Cowen: Alexander Hamilton on Finance, Credit, and Debt, S. 200–202Stanley Elkins und Eric McKitrick: The Age of Federalism S. 260