Homosexualität und Transgender in Cartoons und Kinderserien ist ein weltweit umstrittenes und häufig tabuisiertes Thema in öffentlichen und privaten Medien wie Literatur, Fernsehen, Film und Internet. Besonders Kinderkanäle wie zum Beispiel Nickelodeon, Nicktoons, KiKa und Disney Channel geraten immer wieder in den Fokus von Kritikern, Familienorganisationen, Elternverbänden und Kirchen, weil sie nach deren Dafürhalten Inhalte veröffentlichen, die oft als „nicht kindgerecht“ und/oder gar als „unzüchtig“ wahrgenommen werden.

Kontroversen Hintergründe Viele weltweit bekannte und populäre Cartoon- und Kinderserien geraten immer wieder in den Fokus von Kritikern und diversen Familien- und Kirchenorganisationen, besonders in westlichen Ländern. Obwohl viele der Kinder- und Anime-Serien ursprünglich eben für Kinder konzipiert wurden, weisen einzelne Episoden mehr oder weniger gelegentlich Elemente, Gesellschaftsthemen und Handlungen auf, die eindeutig als „nicht kindgerecht“ eingestuft werden können. Hauptaugenmerk der Kritiken sind Gewalt verharmlosende Szenen und sexuelle Anspielungen, die sich gemäß Kritikern wie zum Beispiel Heather Hendershot immer häufiger in einzelnen Episoden wiederfinden ließen und die mittlerweile kaum noch vertuscht würden. Dabei bedienten sich zahlreiche Produktionskanäle wie Nickelodeon und Cartoon Network des „dreisten“ Arguments, dass Erwachsene die Serien kaum schauen würden, eben weil sie „typische Kinderserien“ seien – und Kindern würden die Anspielungen ohnehin entgehen.Sarah Banet-Weiser, Lynn Spigel: Kids Rule!. S. 178–182.

Problematik Laut dem US-amerikanischen Marktforschungsunternehmen Nielsen Media Research (NMR) jedoch besteht das allgemeine Publikum bei vielen Kinderserien inzwischen zu mindestens einem Drittel aus Erwachsenen zwischen 18 und 48 Jahren. Ergänzend weist NMR darauf hin, dass Serien wie zum Beispiel SpongeBob Schwammkopf und Yu-Gi-Oh! nicht nur auf Kinderkanälen zu entsprechenden Wochenend-Uhrzeiten (also am frühen Vormittag), sondern auch auf Erwachsenenkanälen wie MTV und Netflix zu später Nachtstunde laufen. Dazu bestünde jedoch kein Grund, wenn diese Sender wirklich sicher wären, dass gewisse Serien reine, unschuldige Kinderserien seien, die für Erwachsene uninteressant sind. Außerdem wurden inzwischen einige Episoden aus gewissen Kinderserien aufgrund ihres Inhaltes und darauf bezogener Kritik aus dem Vormittagsprogramm genommen.

Auch in beliebten Mangas und Cartoons lassen sich Charaktere wiederfinden, welche gemäß konservativen Familienorganisationen und Literaturkritikern Lebens- und Verhaltensweisen hegen, die zuweilen als „anzüglich“ bis „unzüchtig“ und „nicht kindgerecht“ wahrgenommen werden können. Dabei sei unerheblich, dass es sich um fiktive Charaktere handele. Das Problem sei, dass Kinder sich allzu häufig mit ihren Helden und/oder deren Antagonisten identifizierten und nicht selten deren Verhalten imitierten. Daher sei es – neben den Eltern – Aufgabe und Verantwortung der Zeichner und Serienproduzenten, eben darauf zu achten, dass das Verhalten und die Lebensweisen von Trick- und Serienfiguren vorbildlich, kindgerecht und frei von Anzüglichkeiten und sexuellen Anspielungen sind. Genau dies werde aber oft zugunsten von Profit, Beliebtheit und Ruhm vernachlässigt oder gar willentlich ignoriert. Fandom und Merchandise seien oft wichtiger.

Im Falle diverser Animeserien sei zusätzlich problematisch, dass diese fast immer auf Roman- und Comicliteratur zurückgehen, die von Anfang an gar nicht für Kinder vorgesehen war (bekannte Beispiele: Inuyasha und Yu-Gi-Oh!). Erschreckend sei dabei die geradezu zwanghaft und rücksichtslos durchgeführte Umsetzung adulter Comics, Mangas und Serien in stark verniedlichte und verkitschte Kinderserien, koste es, was es wolle. Bei dem Versuch, diese einem breiten Kinderpublikum zuzuführen, würden nämlich viele adulte Elemente entweder übersehen oder geflissentlich mehr oder weniger versteckt mit eingebaut. Alternativ würden einfach Geschlechterrollen umgeschrieben, um beispielsweise lesbische Paare in „normale Heteropärchen“ zu verwandeln (bekanntestes Beispiel: Sailor Moon). Dabei würden sich diese „Korrekturversuche“ oft als „oberflächlich“, „plump“ und „leicht durchschaubar“ entpuppen. Die Gefahr, dass auch kleinere Kinder gewisse Anzüglichkeiten doch bemerkten und hinterfragten, werde dabei maßlos unterschätzt oder gar eiskalt in Kauf genommen. Die Änderung von Geschlechterrollen in Comics und Trickfilmen wird deswegen zunehmend auch von Jugendlichen kritisiert, die mit den Originalvorlagen vertraut sind und deshalb ganz genau wissen, dass in den Romanen und Mangas schwule oder lesbische Pärchen vorkommen.

Sexismusvorwürfe Neben der vorgeblichen Homosexualitätspropaganda in Cartoons und Animes stellen auch gewisse Sexismusvorwürfe und Genderdiskriminierungen einen häufig wiederkehrenden Streitpunkt dar. Beliebtes Schaubeispiel hierfür ist die Anime-Serie Sailor Moon. In dieser Serie spielen weibliche Heldinnen die tragende Rolle. Während die Protagonistinnen dabei selbstbewusst bis forsch und kämpferisch auftreten, spielen männliche Helden eindeutig eine eher untergeordnete Rolle und sind zahlenmäßig weit unterlegen. Mehr noch: in fast allen Episoden siegen durchweg die Frauen, nur selten wird auch mal einem Mann ein Triumph gegönnt. Das hat unter Fernsehkritikern und Animefans gleichermaßen für Kontroversen gesorgt. Sailor Moon verweibliche die Zuschauer und stelle Männer als Schwächlinge dar. Frauen seien überlegen und unantastbar, Männer hingegen würden zu „schmückendem Beiwerk“ degradiert. Selbst wenn ein Mann die Gelegenheit bekäme, eine Protagonistin aus einer misslichen Lage zu befreien, dann nur, weil sie ihn ausdrücklich dazu aufgefordert habe. Männer seien in dieser Serie eindeutig den Frauen zu Diensten. Dies spiegele sich auch in den Feindesrollen wider: bis auf zwei Ausnahmen sind alle Gegner und Bösewichte Männer oder Transgender.

Prominente Beispiele Sailor Moon

Als eines der bekanntesten Beispiele für Zensur und Diskriminierung homo- und transsexueller Figuren und Handlungen aus Roman- und Mangaliteratur gilt jenes der späteren Anime-Reihe Sailor Moon. In diesem Jugendroman, der sich um die tollpatschige Heldin Usagi „Bunny“ Tsukino dreht, treten zwei Kriegerinnen (benannt nach Planeten) namens Haruka „Uranus“ Tenoh und Michiro „Neptun“ Kaioh auf. Beide sind älter als die Protagonistin und ein offen lebendes Lesbenpaar. In der Romanreihe scheuen sich beide nicht, ihre Liebe und Treue zueinander zu zeigen und sie offen auszusprechen. In Japan, aus der Roman und Anime stammen, wurde es kaum als problematisch, jugendgefährdend oder gar unzüchtig betrachtet, dass im Anime offen lesbische, schwule oder androgyne Charaktere auftreten. Man war sich von Anfang an bewusst, dass die Serie für Jugendliche und junge Heranwachsende konzipiert und gestaltet war. Generell geht die japanische Gesellschaft und Kultur in gewissen Punkten deutlich offener mit den Themen „Homosexualität“ und „Transgender“ in Fernsehserien und Mangas um. So fand sich schnell eine breite Fangemeinde ein, welche die lesbische Beziehung zwischen „Neptun“ und „Uranus“ akzeptierte und/oder begrüßte.Masami Toku: International Perspectives on Shojo and Shojo Manga. S. 38 & 39.Terra Necessary: 9 Ways Sailor Moon Was Way Gayer Than You Remember. Internetartikel auf pride.com (englisch); zuletzt aufgerufen am 2. Juni 2020.

Als aber die Animeversion des Romans dem westlichen Fernsehen bekanntgemacht werden sollte, wurde sie mit Zensuren und Script-Änderungen überhäuft, die von Fans wie Kritikern gleichermaßen teilweise als „empörend“ und „diskriminierend“ verurteilt wurden (und werden). Weil besonders US-amerikanische Sender die Serie unbedingt einem jüngeren Publikum zuführen wollten, mussten „Uranus“ und „Neptun“ als Erste zensiert werden: US-amerikanischen Familien- und Kirchenorganisationen kam es einem Affront gleich, dass ein Lesbenpaar vor den Augen ihrer Kinder auftreten sollte. Also wurden aus einem Liebespaar zwei Cousinen, die sich „lediglich gut verstehen“. Dabei wurden jedoch etliche anzügliche Bemerkungen und Gesten übersehen, die für familiäre Verwandtschaftsverhältnisse unangemessen sind. Um die Zensur besser vertuschen zu können, ersetzte man in den meisten nicht-japanischen Synchronisationen die weiblichen Sprecher durch männliche.

Aber auch Antagonisten blieben nicht verschont: Nach Edelsteinen benannt, wurde aus dem offen gelebten Schwulenpaar Zoisite und Kunzite ein heterosexuelles Brüderpaar. Der androgyne Antagonist Nanami „Fisheye“ Uokawa besitzt im Original die Fähigkeit, sein Geschlecht nach Belieben zu wechseln. In der „kinderfreundlichen“ Version wurde er kurzerhand zur Frau. Auch wird in amerikanischen wie europäischen Versionen verschwiegen, dass Nanamis Ehemann von der Androgynie weiß, sich aber nicht darum schert. Andere Charaktere wurden in der US-Version komplett aus der Serie gestrichen: Der königlichen Armee der Sailor Starlights wurde jeglicher Auftritt verweigert, weil auch deren Soldaten von männlich zu weiblich wechseln, wenn sie sich verwandeln. Außerdem wird mehrfach angedeutet, dass die Befehlshaberin der Armee in Usagi verliebt ist.

Erdferkel Arthur und seine Freunde

Die erste Folge der 22. Staffel der Serie Erdferkel Arthur und seine Freunde mit dem Titel Mr. Ratburn and the Special Someone, in der Herr Rattenmeier, der Klassenlehrer der Titelfiguren, seinen Lebenspartner ehelicht, wurde von vielen Zuschauern und Kritikern positiv bewertet, da die Serie so zur Erhöhung der Sichtbarkeit von LGBT-Personen beitrage. Am Tag der Premiere waren jedoch sowohl bei Alabama Public Television als auch Arkansas Educational Television Network statt Mr. Ratburn and the Special Someone Wiederholungen älterer Arthur-Folgen zu sehen, in einer Stellungnahme schrieb der APT-Programmdirektor Mike McKenzie, dass Eltern dem Sender anvertrauten, Programme auszustrahlen, die Kinder auch ohne elterliche Aufsicht ansehen könnten. Auch sei Arthur unter Kindern beliebt, die jünger als die eigentliche Zielgruppe seien. Da die meisten Eltern den Inhalt der Episode im Vorfeld nicht kennen würden, egal, ob sie mit diesem einverstanden seien oder nicht, wäre die Ausstrahlung der Folge ein Vertrauensbruch. Eine ähnliche Aussage traf auch Julie Thomas, Marketing-Direktorin bei AETN, laut der die Folge im Bundesstaat nicht gezeigt wurde, da vielen Eltern das Thema vor der Erstausstrahlung nicht bekannt gewesen sei. One Million Moms, eine Sparte der christlich-fundamentalistischen Organisation American Family Association, schrieb auf ihrer Webseite, dass Arthur nicht mehr rein sei, da die gleichgeschlechtliche Ehe in der Episode normalisiert und glorifiziert werde.

Laut der GLAAD-Direktorin Sarah Kate Ellis seien in einer Zeit, in der sich LGBT-Sichtbarkeit auch im Familien- und Kinderfernsehen auf einem Allzeithoch befände, derartige Zensur-Angriffe nicht nur kleinlich, sondern auch ein aussichtsloser Kampf. Die Medien müssten die Methoden LGBT-feindlicher Organisationen und Einzelpersonen aufzeigen, auch bräuchten LGBT-Kinder und ihre Familien Fernsehsender, die die Interessen der gesamten Öffentlichkeit abbildeten. Die Episode wurde schließlich auf Initiative von Rachel Morgan, Kreativ-Direktorin des örtlichen Sidewalk Film Festival, in einer Methodisten-Kirche in Birmingham gezeigt. Marc Brown, auf dessen Büchern die Serie basiert, äußerte seine Zufriedenheit über die vielen positiven Reaktionen auf die Folge und behauptete, dass sich Kunst und Leben gegenseitig reflektierten, Kinder sollten sehen, was in der Welt passiere.