mini|Lucas Cranach d. Ä.: Philipp Melanchthon, datiert 1543 (rechte Hälfte eines Doppelporträts von Luther und Melanchthon, Uffizien) Philipp Melanchthon (eigentlich Philipp Schwartzerdt enthaltend mit mélas ‚schwarz‘ und chtōn ‚Erde‘ die Gräzisierung Melanchthon für Schwartzerdt; * 16. Februar 1497 in Bretten; † 19. April 1560 in Wittenberg) war neben Martin Luther der wichtigste kirchenpolitische Akteur und theologische Autor der Wittenberger Reformation.

Von Johannes Reuchlin empfohlen, erhielt der junge Tübinger Humanist 1518 den Lehrstuhl für Altgriechisch an der Universität Wittenberg. Er stellte sich dort mit einem Programm zur Universitätsreform vor. Als einer der damals besten Kenner des Griechischen sah er im Studium der drei alten Sprachen einen Weg der Persönlichkeitsbildung. In den 1520er Jahren konnte er als Rektor in Wittenberg sowie als Schulgründer seine Reformpläne verwirklichen. Die Regeln der Rhetorik machte er für das Verständnis antiker Texte fruchtbar, und die Fähigkeit, ein Thema im Zusammenhang und in ansprechender Form darzustellen, wurde von den Wittenberger Studenten anstelle der traditionellen scholastischen Disputationen eingeübt.

Melanchthon begleitete Luther 1519 zur Leipziger Disputation und profilierte sich danach als dessen Parteigänger. Mit den Loci communes legte er 1521 eine evangelische Dogmatik vor. Da Luther als Geächteter in seinen Reisemöglichkeiten eingeschränkt war, vertrat Melanchthon die Wittenberger Positionen bei Reichstagen und Religionsgesprächen. Mit der Confessio Augustana und der zugehörigen Apologie verfasste er 1530/31 zwei bis heute maßgebliche Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Nach der Niederlage der Protestanten im Schmalkaldischen Krieg (1547) suchte Melanchthon Kompromisslösungen, was ihn in Gegensatz zu Matthias Flacius und seinem Kreis brachte. Der Adiaphoristische Streit war auch ein Streit um Melanchthons persönliche Integrität, in dem sich das konfessionelle Luthertum letztlich gegen ihn entschied.

Obwohl Melanchthon seit 1560 als Praeceptor Germaniae („Lehrer Deutschlands“) bezeichnet wurde, gingen von seinem Werk auch europaweite Wirkungen aus: Melanchthonschüler prägten die lutherischen Kirchen in Skandinavien und Südosteuropa. Melanchthon stand in extensivem brieflichem Austausch mit anderen Reformatoren, darunter Johannes Calvin in Genf und Heinrich Bullinger in Zürich. Melanchthons Einfluss auf die Reformierte Kirche geht vor allem auf den Heidelberger Katechismus zurück, dessen Hauptverfasser, Zacharias Ursinus, sein Schüler war.

Lange galt Melanchthon vor allem als Mitarbeiter Luthers. Die neuere Forschung nimmt stärker die Eigenständigkeit seines Denkens wahr. Als Bildungsreformer trug Melanchthon zur Etablierung der heutigen Naturwissenschaften an den Universitäten bei. Er sah den Fortschritt stets in der Erschließung antiker Quellentexte. Das heliozentrische Weltbild des Nikolaus Kopernikus hielt er für Spielerei, akzeptierte es aber zögernd als Denkmodell. Die neuen anatomischen Kenntnisse, die Andreas Vesalius durch Leichenöffnungen erzielt hatte, verfolgte er interessiert, verband sie aber auch mit den Erkenntnissen des Gelehrten und Arztes Galenos von Pergamon (2. Jahrhundert n. Chr.).

Leben Elternhaus und Kindheit Philipp Melanchthons Vater, der Waffenschmied Georg Schwartzerdt (um 1459–1508), stammte aus Heidelberg und hatte das Amt des kurfürstlichen Rüstmeisters inne. Seine Mutter Barbara Reuter (1476/77–1529) war eine Tochter des Kaufmanns und Bürgermeisters von Bretten Johann Reuter († 1508) und dessen Frau Elisabeth geb. Reuchlin († 1518). Da Georg Schwartzerdt als Vorsteher der kurfürstlichen Waffenkammer beruflich viel unterwegs war, wohnte die junge Familie im Haus der Schwiegereltern Reuter am Brettener Marktplatz. Vier Jahre nach der Eheschließung 1493, am 16. Februar 1497, brachte Barbara Schwartzerdt dort ihren ältesten Sohn zur Welt.Corpus Reformatorum 10, Sp. 256f.: „Er (Georg Schwartzerdt) hat im Ehestande gelebt 4 Jahr ohne Kinder, und nach Ausgang des vierten Jahrs, welches war das 1497., Donnerstag nach Invocavit, wird ihm sein erster Sohn Philippus, unser lieber Herr und Praeceptor, geboren, in seines Schwähers Hans Reuters, seines Großvaters Hause zu Bretta.“ Bei der Taufe in der Brettener Stiftskirche erhielt der Junge den Namen Philipp zu Ehren des Kurfürsten Philipp des Aufrichtigen von der Pfalz.Christine Mundhenk: Leben. In: Günter Frank (Hrsg.): Philipp Melanchthon: Der Reformator zwischen Glauben und Wissen. Berlin / Boston 2017, S. 25–42, hier S. 25 (abgerufen über De Gruyter Online).Heinz Scheible: Philipp Melanchthon und seine Heimat. In: Ders.: Beiträge zur Kirchengeschichte Südwestdeutschlands. Band 2, Kohlhammer, Stuttgart 2012, S. 201–222, hier S. 202. Er hatte vier jüngere Geschwister: Anna (* 5. April 1499), Georg (* 1500/1501), Margarete (* 17. März 1506) und Barbara (* 1508).Nikolaus Müller: George Schwartzerdt, der Bruder Melanchthons und Schultheiß zu Bretten. Festschrift zur Feier des 25jährigen Bestehens des Vereins für Reformationsgeschichte. Leipzig 1908, S. 13 (Digitalisat).

Philipp Schwartzerdt wuchs in Brettheim auf, wie Bretten damals genannt wurde. Sein Großvater verpflichtete den Hauslehrer Johannes Unger aus Pforzheim. Ihm verdankte der Junge die sehr guten Lateinkenntnisse und damit die Grundlage seines Erfolgs an Schule und Universität.

Im Landshuter Erbfolgekrieg 1504/05 erlebte der siebenjährige Philipp mit, wie ein Heer Herzog Ulrichs von Württemberg das stark befestigte kurpfälzische Bretten belagerte, allerdings vergeblich.Heinz Scheible: Melanchthon, Philipp (1497–1560). Berlin / New York 1992, S. 371. Georg Schwartzerdt war während des Krieges mit der kurfürstlichen Artillerie in Mannheim, er kehrte als chronisch kranker Mann nach Hause zurück. Die Familie meinte, sein Leiden sei eine Folge davon, dass er aus einem vergifteten Brunnen getrunken habe. Aber seine Krankheit kann auch Folge seines berufsbedingten ständigen Kontakts mit Chemikalien gewesen sein.Heinz Scheible: Melanchthon. Vermittler der Reformation. München 2016, S. 15. Martin H. Jung: Philipp Melanchthon und seine Zeit. Göttingen 2010, S. 11: „So oder so: der Vater wurde Opfer des Kriegsgeschäftes.“

In Melanchthons Elternhaus wurde eine intensive Laienfrömmigkeit nach klösterlichem Vorbild gelebt.Martin H. Jung: Frömmigkeit und Theologie bei Philipp Melanchthon. Das Gebet im Leben und in der Lehre des Reformators (= Beiträge zur historischen Theologie. Band 102). Mohr Siebeck, Tübingen 1998, S. 50. Mit großem zeitlichem Abstand erinnerte sich Melanchthon 1554 in einem Brief, dass der Vater ihn zwei Tage vor seinem Tod zu sich rief, ihn zu einem religiösen Leben ermahnte und betete, dass Philipp in künftigen politischen Veränderungen von Gott geleitet werden möge. Dann sei er nach Speyer geschickt worden, um das Sterben seines Vaters am 27. Oktober 1508 nicht mitzuerleben.Martin H. Jung: Philipp Melanchthon und seine Zeit. Göttingen 2010, S. 11. Kurz zuvor, am 17. Oktober, war bereits der Großvater verstorben. Der elfjährige Philipp und sein jüngerer Bruder Georg wurden nach Pforzheim zu einer entfernten Verwandten gebracht: zu Elisabeth Reuter, der Schwester Johannes Reuchlins.Heinz Scheible: Melanchthon. Vermittler der Reformation. München 2016, S. 13, 16. Reuter war nach Scheible nicht, wie lange Zeit angenommen, Melanchthons Großmutter, sondern vielmehr mit seiner mütterlichen Familie verschwägert.

Bildungsweg mini|hochkant|Exlibris Reuchlins mit Widmung an Philipp Melanchthon (Universitätsbibliothek Uppsala, Ink. 35b:42 fol. min.ALVIN, Platform for digital collections and digitized cultural heritage: Exlibris Johannes Reuchlin, med dennes vapensköld och dedikation till Philipp Melanchton. Lateinischer Text Reuchlins: Signum Joannis Reuchlin. Hanc Grammaticam grecam dono dedit Joannes Reuchlin phorcensis. LL. Doctor Philippo Melanchtoni Bretthanensi Anno Domini. M. D. IX. Idus Martijs.) mini|hochkant|Melanchthon wohnte als Magister in der Tübinger BurseHeinz Scheible: Melanchthon. Vermittler der Reformation. München 2016, S. 31.

Lateinschule Pforzheim (1508–1509) In Pforzheim besuchten die Brüder Schwartzerdt die Lateinschule, bekannt für ihre damals moderne Pädagogik. Durch den Rektor Georg Simler aus Wimpfen und Johannes Hiltebrant aus Schwetzingen hatte diese Schule hohes Ansehen und großen Zulauf. Zu den Mitschülern gehörten einige später bekannte Persönlichkeiten: Simon Grynaeus, Kaspar Hedio, Berchtold Haller und Franciscus Irenicus.

Georg Simler, ein Schüler Reuchlins, förderte den Griechischunterricht, der aber nicht zum normalen Unterrichtsprogramm gehörte, sondern ein Privileg für besonders begabte Schüler war. Philipp Schwartzerdt gehörte zu diesem Kreis, der nach Schulschluss von Simler unterrichtet wurde.Reinhard Pohlke: Melanchthon und sein Griechischlehrer Georg Simler – zwei Vermittler des Griechischen in Deutschland. In: Stefan Rhein, Armin Schlechter, Udo Wennemuth (Hrsg.): Philipp Melanchthon in Südwestdeutschland: Bildungsstationen eines Reformators. Selbstverlag der Badischen Landesbibliothek, Karlsruhe 1997, S. 39–62, hier S. 40. Reuchlin, der in Stuttgart lebte und in Tübingen als einer der obersten Richter des Schwäbischen Bundes tätig war, beobachtete die Fortschritte des Zwölfjährigen und belohnte sie mit einem Exemplar der griechischen Grammatik von Konstantinos Laskaris. In dieses Buch klebte er das Wappen aus seiner eigenen hebräischen Grammatik ein und schrieb eine lateinische Widmung darunter (Foto), die auf Deutsch übersetzt lautet:

Damit verlieh Reuchlin am 15. März 1509 Philipp Schwartzerdt den Humanistennamen Melanchthon, eine Gräzisierung seines Nachnamens: „schwarz“ „Erde“

Universitäten Heidelberg (1509–1512) und Tübingen (1512–1518) Nach knapp einem Jahr in Pforzheim wurde Philipp Melanchthon am 14. Oktober 1509 an der Universität Heidelberg immatrikuliert. Er wohnte bei dem Theologieprofessor Pallas Spangel, wo auch Jakob Wimpfeling gelegentlich zu Besuch war. 1511 veröffentlichte Wimpfeling in seinen eigenen Büchern Melanchthons erste lateinische Gedichte.Christine Mundhenk: Leben. In: Günter Frank (Hrsg.): Philipp Melanchthon: Der Reformator zwischen Glauben und Wissen. Berlin / Boston 2017, S. 25–42, hier S. 26 (abgerufen über De Gruyter Online). Unter den Mitstudenten knüpfte Melanchthon Kontakt mit Theobald Billicanus, Johannes Brenz und Erhard Schnepf. Das Studienprogramm bewältigte Melanchthon problemlos und erwarb am 10. Juni 1511, zum frühestmöglichen Zeitpunkt, den untersten akademischen Grad eines Baccalaureus artium.

Nach dem Tode von Spangel wechselte Melanchthon an die Universität Tübingen, wo er am 17. September 1512 immatrikuliert wurde. Dort studierte er Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie (Quadrivium). Nebenher beschäftigte er sich mit Griechisch, Hebräisch und Latein. Er las antike Autoren sowie humanistische Dichter und machte Bekanntschaft mit neuen Lehrmethoden. So lernte er auch die Schriften von Rudolf Agricola zur Logik kennen und entnahm ihnen ein neues Verständnis der Dialektik. Seit Beginn seiner Tübinger Zeit war Melanchthon eng mit Ambrosius Blarer befreundet.