mini|hochkant=1.25|Simon Studion im Alter von 50 Jahren, 1593
Simon Studion (* 6. März 1543 in Urach; † zwischen 1608 und 1610 in Maulbronn) war ein württembergischer Dichter, Landeshistoriker, Landesarchäologe und Verfasser religionspolitischer Schriften.Da Simon Studions Werk schwer einzuordnen ist, wurden ihm von verschiedenen Autoren eine ganze Reihe weiterer Epitheta zugeordnet: Altertumsforscher, Hobbyarchäologe, Heimatgeschichtsforscher, Lateinlehrer, Apokalyptiker, Chiliast, Esoteriker, Frührosenkreuzer, Mystiker, Humanist, Renaissance-Humanist, Pansophist, Prophet, Theologe. Er gilt als „Vater der württembergischen Altertumskunde“#Hagen 1957, S. 86. und lieferte den Grundstock für das Römische Lapidarium des Württembergischen Landesmuseums. Seine Schriften sind in lateinischer Sprache verfasst und wurden mit wenigen Ausnahmen nicht gedruckt und nicht übersetzt.
Seine Dichtungen sind vergessen, und seine archäologischen und landeshistorischen Arbeiten sind nur noch von kulturhistorischem Wert. Sein Haupt- und Lebenswerk, die rund 2000 Seiten starke, apokalyptische Naometria ist ein Werk voll mystischer Berechnungen und kühner Prophezeiungen, das sich auf die Auslegung von Bibelzitaten stützt. Auch die Naometria blieb ohne größere Nachwirkung, wenn man von dem Einfluss absieht, den sie auf den Geheimbund der Rosenkreuzer hatte.
Leben Frühe Jahre Simon Studion wurde am 6. März 1543 in Urach als erster von vier Söhnen geboren. Sein Vater war der Koch Jakob Studion, der nach seiner Einwanderung aus Hessen wohl am Hof in Urach angestellt war. Simon Studion wuchs in Urach auf und besuchte dort wahrscheinlich die Lateinschule und anschließend die Klosterschule Herrenalb.Zur Hochzeit von Jacobus Mercator am 7. Februar 1564 verfasste Simon Studion ein Gedicht, in dem er sich „als ehemaligen Schüler“ bezeichnet. Jacobus Mercator hatte am 1. Februar 1559 an der Universität Tübingen den Magistergrad erworben und wurde am 9. Februar 1560 als Zweiter Präzeptor im Kloster Herrenalb, zum 20. Mai 1564 als Präzeptor in Stuttgart angestellt. Simon Studion war demzufolge vor seiner Immatrikulation an der Universität Tübingen am 1. August 1561 Schüler im Kloster Herrenalb. Siehe: Genealogie Johann Ernst Kaufmann. (PDF; 1,9 MB) S. 15, Hochzeitsgedicht für Jakob Mercator. In Simons Geburtsjahr erhielt sein Vater in Stuttgart eine Anstellung als Koch am herzoglichen Hof. Die Familie zog später ebenfalls nach Stuttgart.#Hagen 1957, S. 86–87.
Studium Von 1561 bis 1565 studierte Simon Studion als Stipendiat des Tübinger Stifts Theologie an der Universität Tübingen. Er erwarb 1562 das Bakkalaureat und schloss sein Studium 1565 unter dem Altphilologen und Historiker Martin Crusius mit der Magisterwürde ab. Den Schwerpunkt seiner Studien legte er auf die mystische Arithmetik, wahrscheinlich unter dem Einfluss des Professors der Ethik Samuel Heyland. „Dieser war nicht nur ein vorzüglicher Mathematiker, sondern genoß auch einen großen Ruf als Astronom und noch mehr als Astrolog.“#Hagen 1957, S. 87–88.
Beruf Der angestrebte Pfarrerberuf blieb Simon Studion wegen einer Sprachbehinderung verwehrt. Von 1565 bis 1572 arbeitete er bei mäßiger Besoldung als Kollaborator (Hilfslehrer) am PädagogiumDas Pädagogium war ein Vorläufer des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums. in Stuttgart.
mini|hochkant=1.25|Gebäude der Lateinschule in Marbach, Nachfolgebau von 1702, Westfassade.
1572 wechselte er an die Lateinschule in Marbach am Neckar, wo er bis 1605 die gutbezahlte Stelle eines Präzeptors (Lehrer) ausfüllte. Die Lateinschule war in einem großen, über 30 Meter langen Gebäude an der Stadtmauer in der Unteren Holdergasse Nummer 4 untergebracht, in dem Simon Studion auch mit seiner Familie wohnte und auswärtige Schüler als Pensionsgäste aufnahm.#Kulf 1988, S. 50, #Hagen 1957, S. 88, #Gühring 2002, S. 280–282.
Das Personal der Lateinschule bestand aus dem Präzeptor Simon Studion und zwei Kollaboratoren, deren Vorgesetzter er war.In einem Hochzeitsgedicht bezeichnete sich Simon Studion 1584 als „Pädagogarch in Marbach“ (Rektor), eine etwas hochtrabende Bezeichnung für den Leiter eines dreiköpfigen Lehrerkollegiums. Siehe: Hochzeitsgedicht für Melchior Jäger. Ab 1597 war einer der beiden Kollaboratoren Simon Studions Sohn Johann Stephan Studion. Bei den jährlichen Visitationen durch die Kirchenobrigkeit wurden der Präzeptor und seine Kollaboratoren für ihre untadelige Arbeit gelobt. Gegen Mitte der 1580er Jahre mischten sich in die positive Beurteilung von Simon Studions Tätigkeit als Lehrer Klagen über seine „Unbescheidenheit und Trinkfreude“. Auch wurde ihm angelastet, dass er wiederholt Streit anfing mit seinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem Stadtpfarrer, und dem Marbacher Vogt.Im Titel seiner „Naometria“ zielt Simon Studion wohl besonders auf Pfarrer und Vogt, wenn er behauptet, dass er in Marbach unter Skorpionen lebe.
In den 1590er Jahren vernachlässigte er immer wieder seine Amtspflichten, indem er teilweise nur noch sporadisch zum Unterricht erschien und die Arbeit seinen Kollaboratoren überließ. Hinzu kam, dass das Stuttgarter Konsistorium die Theorien seiner Naometria aus theologischen Gründen nicht billigen konnte. Trotz aller Bedenken und Beschwerden scheint der Herzog über lange Zeit seine schützende Hand über Simon Studion gehalten zu haben. 1605 schließlich wurde Simon Studion entlassen. Der Herzog gewährte ihm eine bescheidene Leibrente und verbannte ihn in das Kloster Maulbronn, wo er im Pfründnerhaus seine letzten Lebensjahre zubrachte.#Schulz 1995, S. 167–170.
Neben seinem Beruf betätigte sich Simon Studion als Dichter und Landeshistoriker und forschte nach römischen Altertümern im Land. In den zwölf Jahren von 1592 bis 1604 schuf er sein Haupt- und Lebenswerk, die apokalyptische Naometria.
Beziehung zum Hof Simon Studion stand bei Herzog Ludwig von Württemberg in gutem Ansehen. Das verdankte er dem Hochzeitsgedicht, in dem er die Geschichte des württembergischen Herrscherhauses darstellte, und den sieben römischen Steindenkmälern, die er dem Herzog zur Ausstellung in Stuttgart geschenkt hatte.
Nach Ludwigs Tod 1593 trat Herzog Friedrich von Württemberg seine Nachfolge an. Ihn konnte Simon Studion 1597 dazu gewinnen, Ausgrabungen in Benningen am Neckar zu veranlassen. Seine Schrift über die römischen Steindenkmäler in Württemberg und die Geschichte der württembergischen Fürstenhäuser,#Studion 1597.1, #Studion 1597.2. die er im gleichen Jahr veröffentlichte, fand beim Herzog freundliche Aufnahme. Da dieser eine große Vorliebe für Geheimwissenschaften und Alchemie hatte, erhoffte sich Simon Studion auch die Unterstützung des Herzogs für seine 1596 veröffentlichte Naometria. Ein anfängliches Interesse des Herzogs, vor allem an den Prophezeiungen in der Naometria, verpuffte jedoch bald. Auch die überarbeitete Neufassung des Werks von 1604 fand nicht den erhofften Widerhall, weder beim Herzog noch beim Publikum.
Lebensabend mini|hochkant=1.25|Pfründhaus im Kloster Maulbronn, Simon Studions letzte Wohnstatt (seit 1605).
Simon Studions Unbotmäßigkeit gegenüber seinen evangelischen Kirchenoberen, denen die Naometria weithin untragbar erschien, und der streitbare Umgang, den er an der Lateinschule und gegen seine Mitbürger an den Tag legte, führten 1605 zu seiner Zwangspensionierung durch einen Befehl von Herzog Friedrich von Württemberg vom 19. Februar 1605. Er erhielt zwar eine Pension, wurde aber in das einstige Pfründhaus des Klosters Maulbronn verbannt. Das Todesjahr ist nicht bekannt, wahrscheinlich starb er zwischen 1608 und 1610 in Maulbronn.#Hagen 1957, S. 97–99. – Nach Recherchen des Marbacher Stadtarchivars Albrecht Gühring war Simon Studion 1608 noch am Leben, während seine Frau 1610 in einem amtlichen Vermerk als Witwe bezeichnet wurde (Elke Evert: In: Stuttgarter Nachrichten. 18. Mai 2010).
Familie Simon Studions Vater Jakob Studion (1517–1589) wurde 1517 in Flechtdorf, einem Ortsteil der nordhessischen Gemeinde Diemelsee als Sohn eines Bauern geboren. 1534 wanderte er nach Württemberg aus und ließ sich in Urach nieder, wo er als Koch wohl am Hof angestellt wurde. Aus Jakob Studions erster Ehe mit einer Uracherin gingen drei Söhne hervor: Simon Studion, der älteste Sohn. Jakob Studion (?–1629), 1594 Magister in Tübingen, 1595 Provisor in Cannstatt, zuletzt von 1604 bis zu seinem Tod Stadtpfarrer in Rosenfeld. Bartholomäus Studion, ab 1573 Präzeptor (Lehrer) in Hagenau.
1543, in Simons Geburtsjahr, erhielt sein Vater in Stuttgart eine Anstellung als Koch am herzoglichen Hof. Die Familie zog später ebenfalls nach Stuttgart und wohnte in einem eigenen Haus in der nördlichen Vorstadt. 1571 starb Simons Mutter, 1572 schloss sein Vater eine zweite Ehe mit Katharina, der Witwe eines Ambrosius Burkhard von Lauingen. Aus der Ehe ging ein Sohn hervor, der im Hofdienst angestellt wurde und 1571 nach Ansbach übersiedelte. Nach dem Tod ihres Mannes 1589 heiratete Katharina im gleichen Jahr Gregorius Koch genannt Glaeri in Stuttgart.
Simon Studion heiratete 1566 Anna Dieterich aus Stuttgart. Aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor, von denen drei in Stuttgart zur Welt kamen. Der Sohn Johann Stephan Studion (1570–1626) war ab 1597 unter seinem Vater als Kollaborator (Hilfslehrer) angestellt, ab 1605 war er nacheinander Präzeptor in Blaubeuren, Waiblingen und Cannstatt. Die beiden jüngsten Kinder wurden in Marbach am Neckar geboren.#Studion 1604.2, S. 1170–1171, #Hagen 1957, S. 86–88, #Schulz 1995, S. 244.
Werk Simon Studion verfasste über ein Dutzend lateinische Gelegenheitsgedichte von teilweise beachtlichem Umfang. Als Schriftsteller veröffentlichte er ein Werk über römische Altertümer in Württemberg und die württembergische Landesgeschichte sowie sein Haupt- und Lebenswerk, die Naometrie, ein apokalyptisches Werk, das in der allgemeinen Weltuntergangsstimmung um die Jahrhundertwende den Menschen eine Hilfestellung zur Vorbereitung auf die kommende Endzeit geben sollte. Die meisten seiner Werke (außer einigen wenigen Gedichten) blieben ungedruckt und liegen nur als Handschriften und in Abschriften vor. Keines seiner Werke hat die Zeiten überdauert, sie sind nur noch von kulturhistorischem Interesse, insbesondere die Naometria, die einen gewissen Einfluss auf den Geheimbund der Rosenkreuzer hatte.
Dichtung mini|hochkant=.85|Trauerelegie auf Johannes Brenz, erste Seite (#Studion 1570).
Zwischen 1564 und 1583 schrieb Simon Studion mindestens 15 Fest- und Trauergedichte in lateinischer Sprache, meist in Form von Distichen, darunter einige von imposanter Länge. Sie liegen überwiegend nur als Handschriften vor. Diese werden in der Württembergischen Landesbibliothek und im Hauptstaatsarchiv Stuttgart verwahrt.#Klein 1980, S. 73–74. Dort werden drei Gedichte vorgestellt: eine Trauerelegie, ein Hochzeitsgedicht und ein Spottgedicht.
Trauerelegie Die aus 78 elegischen Distichen bestehende Trauerelegie auf den württembergischen Reformator Johannes Brenz erschien 1570 im Anhang von Jakob Heerbrands Leichenrede auf Johannes Brenz.#Studion 1570. Walter Hagen urteilte über das Gedicht:#Hagen 1957, S. 88–89. „Die erste, gewissermaßen offizielle Anerkennung fand sein Dichtertum im Jahre 1570, als seine Trauerelegie auf den Tod von Johannes Brenz in den Anhang der Oratio funebris von Jakob Heerbrand aufgenommen wurde. Dort prangt sie inmitten vieler ähnlicher Ergüsse … Es scheint, daß diese Elegie das einzige Gedicht Studions ist, das jemals gedruckt wurde.“
mini|hochkant=1.25|Ehemaliges Steinbild in der Klosterkirche Alpirsbach, Vorlage zu Simon Studions Spottgedicht
Hochzeitsgedicht