Autonomiesuisse ist eine Bewegung von Schweizer Unternehmern und Wirtschaftsvertretern.
Geschichte und Position Autonomiesuisse ist aus der Diskussion um das Rahmenabkommen EU-Schweiz, auch als Institutionelles Abkommen (Abkürzung: InstA) bezeichnet, entstanden. Das geplante Vertragswerk sollte die Zusammenarbeit zwischen der EU und der Schweiz in Zukunft regeln.Neue Zürcher Zeitung, 9. Januar 2020. EU-Rahmenabkommen – Recht und Souveränität Der Bundesrat brach die Verhandlungen darüber jedoch am 26. Mai 2021 ab.
Anfang 2019 formierte sich erstmals ein Komitee von Unternehmern um Hans-Jörg Bertschi, Verwaltungsratspräsident der Bertschi Group, und Hans-Peter Zehnder, Verwaltungsratspräsident der Zehnder Group. Dieses forderte vom Schweizer Bundesrat weitere Nachverhandlungen des Rahmenabkommens und nahm damit eine Gegenposition zu Wirtschaftsverbänden wie Economiesuisse und Swissmem ein.Tages-Anzeiger, 20. Februar 2019. Schweizer Firmen fordern besseres EU-Abkommen
Am 6. Juni 2020 konstituierte sich das erweiterte Komitee formell und gründete dazu die Bewegung «Autonomiesuisse für eine weltoffene, erfolgreiche und freie Schweiz». Diese argumentiert, dass das vorliegende Abkommen «die Standortvorteile der Schweiz zunichtemacht und das Erfolgsmodell infrage stellt».Finanz & Wirtschaft, 13. November 2020. Europapolitische Zitterpartie
Erstmals öffentlich in Erscheinung trat Autonomiesuisse am 13. November 2020. Im Medienzentrum des Bundeshauses in Bern startete die Organisation eine Kampagne für «ein besseres Rahmenabkommen».Neue Zürcher Zeitung, 13. November 2020. Der Widerstand der Wirtschaft gegen das Rahmenabkommen formiert sich Demnach verlangten die Unternehmer und Wirtschaftsvertreter beim Rahmenabkommen EU-Schweiz vor allem, dass die «Souveränitätsfragen» geklärt werden.Blick, 13. November 2020. Neue Wirtschaftsgruppe kritisiert Vertrag. Front gegen Rahmenabkommen wächst
So forderten sie unter anderem ein neutrales Schiedsgericht anstelle des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), ein Opting-out ohne «Androhungen von EU-Vertragskündigungen» sowie die Ausklammerung des Freihandelsabkommens mit der EU von 1972 und der Unionsbürgerrichtlinie vom Rahmenabkommen.L'agefi, 13. November 2020: Am 26. Mai 2021 liess der Bundesrat aber die Verhandlungen mit der EU über das Rahmenabkommen platzen.
Studie zum Nutzen der Bilateralen Verträge mit der EU Der Bundesrat schlug im Februar 2022 vor, den bilateralen Weg mit der EU über einen «vertikalen Ansatz», auch Paketansatz genannt, fortzuführen. Die institutionellen Elemente könnten dabei in den einzelnen Binnenmarktabkommen festgehalten werden. In der Folge nahm der Bundesrat die Gespräche mit der EU über die Weiterentwicklung der bilateralen Verträge wieder auf. Am 20. Dezember 2024 nahm der Bundesrat Kenntnis vom Abschluss der materiellen Verhandlungen. Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen reiste nach Bern, um das Resultat mit Bundesrätin Viola Amherd zu würdigen. Der Bundesrat bezeichnet diese Verträge mit der EU als Paket Schweiz–EU (Bilaterale III).
Autonomiesuisse hält die Bilateralen III im Wesentlichen für eine Neuauflage des gescheiterten Rahmenabkommens. Sie wehrt sich unter anderem gegen die dynamische Rechtsübernahme der Regeln des EU-Binnenmarkts, gegen die vorgesehene Rolle des Europäischen Gerichtshofs und gegen die ihrer Ansicht nach zu befürchtende Bürokratie.
Autonomiesuisse hat bei Swiss Economics SE AG eine volkswirtschaftliche Analyse des Vertragspakets Schweiz–EU in Auftrag gegeben. Prof. Mark Schelker von der Universität Freiburg hat sie am 10. März 2026 in Bern vorgestellt. Demnach würden die Bilateralen III kaum einen wirtschaftlichen Nutzen bringen; sie würden aber die direkte Demokratie in der Schweiz aushöhlen. Die Untersuchung steht im Widerspruch zu Studien der Forschungsinstitute Ecoplan und BAK Economics im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO). Gemäss deren Berechnungen würde im Falle eines Wegfalls der Bilateralen I, wovon im Falle des Scheiterns der Bilateralen III auszugehen sei, das BIP im Jahr 2045 um ‑4,90 % geringer ausfallen als mit funktionierenden Abkommen und einer Assoziierung.
Autonomiesuisse sowie Ökonomen wie Prof. Dr. Reiner Eichenberg der Universität Freiburg argumentieren jedoch, dass eine Wegfall der Bilateralen I unrealistisch ist. Der Wachstumseffekt beruht demnach vor allem auf der Personenfreizügigkeit. Denn mehr Personen konsumieren ceteris paribus mehr. Das Einfluss auf das BIP pro Kopf ist jedoch vernachlässigbar. Die Allianz Kompass Europa, die sich ebenfalls aus der Wirtschaft formiert, bestätigt diese Sichtweise. Autonomiesuisse-Co-Präsident Prof. Dr. Giorgio Behr geht davon aus, dass die Rahmenverträge mit der EU langfristig der Wirtschaft schaden.
Organisation Autonomiesuisse hat keinen Präsidenten, sondern ein Co-Präsidium. Dieses besteht aus 29 Personen (Stand 26. Mai 2026).
Sie stammen laut eigenen Angaben «aus der politischen Mitte». Den Leitungsausschuss im Co-Präsidium bilden Hans-Jörg Bertschi, Alexandra Janssen, Hans-Peter Zehnder und Prof. em. Giorgio Behr.
Derzeit zählt Autonomiesuisse über 1000 Mitglieder.
Weblinks Offizielle Website Tagblatt, 13. November 2020: Wirtschaftsvertreter verlangen besseres Rahmenabkommen Aargauer Zeitung, 12. November 2020. Bundesrat verschweigt Verhandlungsposition: Steht die Schweizer Souveränität zur Debatte? Neue Zürcher Zeitung, 13. November 2020: Der Widerstand der Wirtschaft gegen das Rahmenabkommen formiert sich Alt-Bundesrat Johann Schneider-Ammann: Rahmenabkommen: Drei Klarstellungen reichen nicht aus. Die Souveränitätsfrage muss angesprochen werden. In: Neue Zürcher Zeitung, 19. September 2020
Einzelnachweise
Kategorie:Schweizer Wirtschaftsorganisation Kategorie:Verbandsgründung 2020