mini|Jalila Haider (2020) Jalila Haider (Hazaragi/; * 10. Dezember 1984 in Quetta) ist eine pakistanische Menschenrechtsanwältin, Feministin und politische Aktivistin.
Haider gehört der Ethnie der Hazara an und ist die erste Frau aus der Hazara-Gemeinschaft Pakistans, die als Rechtsanwältin tätig wurde.asiafoundation.org: Jalila Haider. (englisch; abgerufen am 30. November 2020)
Leben Haider wuchs in einer Hazara-Familie in Quetta auf. Ihr Vater bestärkte sie in dem Wunsch, Rechtsanwältin zu werden; nach seinem Tod, als Haider zwölf Jahre alt war, zog ihre Mutter sie und ihre fünf Geschwister allein groß.
Haider hat einen Abschluss der Universität von Belutschistan. 2007 begann sie zudem ein Jurastudium am University Law College in Quetta und erwarb dort 2010 den Abschluss LL.B. 2011 nahm sie ihre Tätigkeit als Rechtsanwältin auf; bis 2026 bearbeitete ihre Kanzlei nach Angaben von Right Livelihood mehr als 7000 Fälle, darunter zahlreiche Verfahren, die andere Anwälte wegen ihres Risikos oder geringer Verdienstmöglichkeiten nicht übernommen hatten.
Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf den Rechten von Frauen; sie vertritt unter anderem Betroffene in Scheidungs-, Sorgerechts- und Erbschaftsfragen sowie bei sexueller Belästigung und häuslicher Gewalt. Sie leistet zudem unentgeltliche Rechtsberatung und vertritt Angehörige ethnischer und religiöser Minderheiten, Geflüchtete sowie trans Personen. In den Jahren 2014 bis 2017 erhielt Haider eine Reihe internationaler Stipendien.US-Außenministerium: Biographies of the Finalists for the 2020 International Women of Courage Awards. Jalila Haider. Pakistan. (englisch; abgerufen am 1. Oktober 2026)
Engagement Seit mehr als zehn Jahren setzt sich Haider für die Rechte von Minderheiten ein, kritisiert Menschenrechtsverletzungen sowie das Verschwinden und die Tötung politisch Aktiver in Belutschistan und beteiligt sich an Protesten der Hazara. Im März 2018 sprach sie auf einer Veranstaltung der neu gegründeten paschtunischen Bürgerrechtsbewegung Pashtun Tahaffuz Movement (PTM).newslinemagazine.com: The Venom Within. (englisch, Ausgabe Juni 2018; abgerufen am 30. November 2020)
Die Hazara leben in Quetta vor allem in den beiden Stadtvierteln Marriabad und Hazara Town. Als Angehörige einer überwiegend schiitischen Minderheit wurden sie wiederholt Ziel gezielter Anschläge. Schätzungen zufolge hatten rund 40.000 Hazara Quetta verlassen oder versucht, auf irregulären Wegen in andere Länder zu gelangen. Die Abschottung der Stadtviertel durch das pakistanische Frontier Corps (FC; ) verbesserte die Sicherheitslage nicht nachhaltig. Haider kritisierte diese Politik als Ghettoisierung, weil sie die Hazara zusätzlich von der übrigen Bevölkerung isoliert habe.
Nach einer Serie gezielter Angriffe begann Haider Ende April 2018 vor dem Presseclub von Quetta einen Hungerstreik gegen die Gewalt an den Hazara. Angehörige anderer Bevölkerungsgruppen und politische Aktivisten schlossen sich dem Protest an. Der damalige Stabschef der pakistanischen Armee, Qamar Javed Bajwa, traf daraufhin Vertreter der Hazara, darunter Haider und weitere Frauen, und sagte Maßnahmen zum Schutz der Gemeinschaft zu; in den folgenden Jahren ging die Zahl der Angriffe auf Hazara deutlich zurück. Der damalige Vorsitzende Richter des Obersten Gerichtshofs Pakistans, Mian Saqib Nisar, nahm die Tötungen der Hazara außerdem von Amts wegen auf und bezeichnete die gezielten Angriffe in einer anschließenden Anhörung als „ethnische Säuberung“.
Haider war 2017 an der Gründung der Women Democratic Front (WDF) beteiligt und übernahm deren Vorsitz in Belutschistan.wdfpk.org: (englisch; abgerufen am 30. November 2020) Sie beteiligte sich maßgeblich an der Organisation des ersten Frauenmarsches in Belutschistan; die als Aurat March bekannten Demonstrationen richteten sich unter anderem gegen patriarchale Strukturen und Gewalt gegen Frauen.globalvoices.org: Aurat March breaking barriers against patriarchy in Pakistan. (englisch, vom 19. März 2019; abgerufen am 30. November 2020)
2015 gründete Haider die gemeinnützige Organisation We the Humans – Pakistan, die benachteiligte Bevölkerungsgruppen in Belutschistan unterstützt.bbc.com: BBC 100 Women 2019: Who is on the list this year? (englisch, vom 16. Oktober 2019; abgerufen am 30. November 2020) Zu ihren Projekten gehört eine Teppichweberei, die rund 400 Hazara-Witwen von Terroropfern beschäftigt und ihnen ein eigenes Einkommen ermöglichen soll.
Wegen ihres Engagements wurde Haider wiederholt bedroht und nach eigenen Angaben an Auslandsreisen gehindert; dokumentiert sind zudem Festsetzungen, Cyber-Belästigungen und Todesdrohungen. Ihre Kanzlei setzte sich zugleich gegen Reisebeschränkungen für politische Aktivisten und Menschenrechtsverteidiger ein und erreichte nach Angaben von Right Livelihood in mehr als 600 Fällen die Wiederherstellung ihrer Bewegungsfreiheit.
Auch in den 2020er Jahren blieb Haider in der Frauenrechtsarbeit aktiv. Nach einem 2025 durch ein Video international bekannt gewordenen sogenannten Ehrenmord an einem Paar in Belutschistan kritisierte sie die mangelnde Durchsetzung staatlichen Rechts in Teilen der Provinz und die fortbestehende Rolle außergerichtlicher Stammesräte.
Ehrungen Die BBC nahm Haider 2019 in ihre 100-Women-Liste auf.
2020 wurde sie für ihre Tätigkeit als Menschenrechtsanwältin und ihren Einsatz für Frauen, die Hazara und andere gefährdete Bevölkerungsgruppen mit dem International Women of Courage Award des US-Außenministeriums ausgezeichnet. In der Würdigung wurde sie als „Iron Lady of Balochistan“ bezeichnet. Der Preis wurde am 4. März 2020 von US-Außenminister Mike Pompeo und Melania Trump überreicht.2020 International Women of Courage Award (englisch; abgerufen am 1. Oktober 2026)
Am 30. September 2026 wurde Haider als Preisträgerin des Right Livelihood Award 2026 bekanntgegeben. Die Stiftung würdigte insbesondere, dass sie als erste Rechtsanwältin ihrer Hazara-Gemeinschaft gegen ethnische, staatliche und patriarchale Verfolgung vorgehe und ihre juristische Arbeit mit gesellschaftlichem Aktivismus verbinde. Der Preis wird besonders im deutschen Sprachraum auch als „Alternativer Nobelpreis“ bezeichnet.Alternativer Nobelpreis 2026 In: Die Zeit, September 2026.
Weblinks
newslinemagazine.com: The Venom Within. (englisch, Ausgabe Juni 2018) Porträt von Jalila Haider bei Right Livelihood (englisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Menschenrechtsaktivist (Pakistan) Kategorie:Trägerin des International Women of Courage Award Kategorie:Frauenrechtler (Pakistan) Kategorie:Rechtsanwalt (Pakistan) Kategorie:100 Women (BBC) Kategorie:Pakistaner Kategorie:Geboren 1984 Kategorie:Frau