Die Familie Petschek war im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert eine einflussreiche deutschböhmische Unternehmerdynastie. Sie zählte zu den reichsten Familien Europas und dient oft als Inbegriff für den anhaltenden Wohlstand der jüdischen Wirtschaftselite in Böhmen ab Beginn der Österreichisch-Ungarischen Monarchie bis in die Zwischenkriegszeit der ersten Tschechoslowakischen Republik. Alle Angehörigen der Familie Petschek verließen zwischen 1934 und 1938 Mitteleuropa. Ihre Nachfahren leben heute in den USA, Kanada und Argentinien.

Familienoberhäupter Der erste dokumentierte Pater familias war Samuel ben Josef Halevi Petschek (1746–1822). Er lebte in dem Ort Petschek, wovon sich der Nachname ableitet. Die Petscheks waren ursprünglich orthodoxe Juden, die sich ab Beginn des 20. Jahrhunderts dem liberalen Judentum zuwandten. Als patrilineares Familienoberhaupt folgte nach Samuel Petscheks Tod der jeweils erstgeborene Sohn:

Israel ben Samuel Halevi Petschek (1789–1852) Moses ben Israel Halevi Petschek (1822–1888) Isidor Petschek (1854–1919) Otto Petschek (1882–1934) Viktor Petschek (1914–2008)

Der Geschlechtsname Halevi weist auf Nachkommen vom Stamme der Leviten hin und ist in männlicher Linie erblich.Klaus Grünwaldt: Levi. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 4. Bautz, Herzberg 1992, Sp. 1565–1572. Gemäß der mosaischen Primogenitur hatte der erstgeborene Sohn (Pidjon ha-Ben) Anspruch auf den Doppelanteil am Erbe des Vaters sowie besondere Vorrechte gegenüber seinen Brüdern, aber auch Pflichten gegenüber der gesamten Familie. Dazu zählte vor allem die Einheit der Familie zu erhalten sowie die Sorge für die verwitwete Mutter und für die unmündigen Kinder.Erstgeburtsrecht (mischpat habechora) Wörterbuch des Jüdischen Rechts, abgerufen am 17. November 2020.

Koliner Petscheks Nach dem Tod von Samuel Petschek wurde sein am 21. September 1789 in Petschek geborener Sohn Israel das Familienoberhaupt. Er war verheiratet mit Alina Raudnitz (1795–1865). Aus der Ehe gingen zehn Kinder hervor:

Jakob (1817–1822) Salomon (1819, Kindstod nach 6 Wochen) Joseph (1820–1835) Moses (1822–1888) Samuel (1825–1890) Amalia (1828–1835) Lucia, genannt Leny (1831–1905) Abraham, genannt Adolf (1834–1905) Anna (1836–1917) Emanuel (1839, Kindstod nach 5 Monaten)

Im September oder Oktober 1822 zog die Familie von Petschek nach Kolin. Alle Abkömmlinge der in Kolin geborenen Petscheks werden auch Koliner Petscheks genannt.Jaroslav Češpiva (Chefredakteur): Petschkové. in: Velimské noviny No. 162, Opec Velim, 2008, S. 8.Der Umzugszeitraum ergibt sich auch aus dem Sterbetag von Samuel Petschek, der am 21. Oktober 1822 in Kolin verstarb, dem Geburtstag von Moses Petschek, der am 15. September 1822 noch in Petschek geboren wurde, und allen nach ihm in Kolin geborenen Geschwistern. Israel Petschek verdiente den Lebensunterhalt der Familie wie sein Vater als Hausierer. Bei seinen Haustürgeschäften verkaufte er überwiegend Textilien. Er verstarb am 23. August 1852 in Kolin. Seine Söhne legten den wirtschaftlichen Grundstein der Familiendynastie.Karel Kratochvíl: Bankéři. Praha Nakladatelelství politické literatury, 1962, S. 140, 220–221, 294–295, 324.Petschek & Co. Books Discovered Once Again, abgerufen am 18. November 2020.

Moses Petschek

Nach dem frühen Tod seiner drei vor ihm geborenen Brüder gingen die Erstgeburtsrechte (hebr. „Bechor“) auf Moses Petschek über. Als Geldverleiher und Bodenspekulant erwarb er das erste größere Vermögen der Familie und gilt als eigentlicher Begründer der Unternehmerdynastie. Moses Petschek erkannte das wachsende Potenzial der Braunkohle als Heizrohstoff der Zukunft und kaufte erste Anteile an Bergbauunternehmen sowie neu gegründeten Banken.Evropské bankéřské rody – Rotschildové a Petschkové Bankovnictvi vom 8. Dezember 2015, abgerufen am 17. November 2020. Im Jahr 1876 wurde er wegen Wucher aus Kolin verstoßen und ließ sich mit seiner Familie in Prag nieder. Seine Söhne und Enkel erwarben später zahlreiche Unternehmensanteile an Banken sowie in der Kohle-, Papier-, Glas- und Chemieindustrie. Allerdings waren Moses Petscheks Brüder Abraham und Samuel nicht minder geschäftstüchtig, ihnen gelang spätestens ab Mitte der 1860er Jahre ebenfalls der Aufstieg ins gehobene Bürgertum.

Abraham Adolf Petschek

Abraham Petschek, genannt Adolf, gilt als Begründer der Wiener Familienstammlinie.Petschek, Julius Deutsche Biographie, abgerufen am 17. November 2020. Er erlangte als Börsenmakler und Bankier ein beachtliches Vermögen, musste jedoch im Jahr 1873 Insolvenz anmelden, was den Wiener Börsenkrach auslöste. Dabei war er offenbar nicht mittellos, sondern behielt sein 1872 erworbenes Stadthaus und kaufte 1875 ein 6200 m² großes Anwesen in Matzleinsdorf. Zwei seiner Söhne waren die ersten Petscheks, die nach Nordamerika auswanderten und in New York erfolgreich die ersten Unternehmungen der Familie in den USA begründeten.Erwin Christian Lessner: The Danube. The Dramatic History of the Great River and the People Touched by Its Flow. Doubleday, 1961, S. 466.

Samuel ben Israel Petschek Samuel ben Israel Petschek (geboren am 20. Juni 1825 in Kolin; gestorben am 23. Februar 1890 ebenda) setzte den Textilhandel des Vaters fort und eröffnete in seiner Heimatstadt eine große Galanterie- und Schnittwarenhandlung.Ferdinand Fiala: Allgemeines Oesterreichisches Handels- und Fabriks-Adressbuch. Leopold Sommer, 1868, S. 300. Verheiratet war er mit Josefine Führt (1835–1891), die zwei ebenfalls wirtschaftlich erfolgreichen Koliner Unternehmerfamilien entstammte. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor:

Richard Petschek (1863–1933) Regina Petschek (1865–1901) Georg Petschek (1872–1947).

Nach Samuel ben Israel Petscheks Tod verließen auch seine Nachkommen Kolin. Sein Sohn Richard war Mitbegründer und ab 1912 Präsident der Geheimloge B’nai B’rith in Wien.Edmund Kohn (Hrsg.): Festschrift anlässlich des fünfundzwanzigjährigen Bestandes des Israelitischen Humanitätsvereins Eintracht (B'nai B'rith) Wien, 1903–1928. Wien, 1928, S. 31–37.Allgemeine Jüdische Kolonisationsorganisation (Hrsg.): Denkschrift über die Tätigkeit der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation im Jahre 1911/12. Berlin, 1912, S. 3 f. Darüber hinaus gründete Richard Petschek um 1893 in Wien gemeinsam mit seinem Schwager Bernhard Wolf (1862–1912) das Handelshaus Wolf & Petschek mit Niederlassungen im Küstenland und in Übersee, unter anderem in Surabaya und Samarang. Das Unternehmen handelte überwiegend mit Kolonialwaren, Tabak, Häuten, Panama-Hüten und erlangte außerhalb Europas eine Art Handelsmonopol auf „Austrian Safety Matches“.Geographische Gesellschaft in Wien (Hrsg.): Abhandlungen der k. k. Geographischen Gesellschaft in Wien. Band 6. Verlag R. Lechner (W. Müller), 1907, S. 258.Arnold Wright, Oliver T. Breakspear: Twentieth Century Impressions of Netherlands India. Its History, People, Commerce, Industries and Resources. Lloyd’s Greater Britain Publishing Company, 1909, S. 521.Weitere Angaben und Recherchen von Mark Petschek über Bernhard Wolf und Richard Petschek auch unter geni.com. Ein letzter Hinweis über die Existenz und geschäftliche Aktivität des Handelshauses findet sich im Industrie-Compass von 1927.Rudolf Hanel (Hrsg.): Industrie-Compass. Österreich, Čechoslowakei, Jugoslavien, Ungarn. Compassverlag, 1927, S. 181.

Prager Petscheks Nach dem Tod von Moses Petschek wurde sein erstgeborener Sohn Isidor der „Hausherr“, der formal und auch tatsächlich die größte Entscheidungsmacht über die Familienmitglieder und das Handeln der Familie hatte. Unter seinem Patriarchat wandte sich die Familie dem liberalen Judentum zu und teilte sich in zwei Linien auf. Gemeinsam mit seinem Bruder Julius Petschek begründete Isidor Petschek die Prager Linie der Familie, auch Prager Petscheks genannt, während ihr Bruder Ignaz Petschek eigene Wege ging und die Aussiger Linie etablierte, auch Aussiger Petscheks genannt.Petschek Encyclopaedia Judaica, abgerufen am 5. Oktober 2020. Beide Familienzweige standen zueinander in Konkurrenz, brachten jedoch in der Gesamtheit betrachtet die Unternehmungen und den Reichtum der Dynastie auf den absoluten Höhepunkt.

Ab dem Jahr 1913 trugen die Petscheks in den Medien den Beinamen „österreichische Rockefeller“.Alfred Lansburgh (Hrsg.): Die Bank. Monatshefte für Finanz- und Bankwesen. Sammelband 1913. Bank Verlag, 1913, S. 849. Später wurden sie aufgrund ihres großen Einflusses und ihres Reichtums in der Tschechoslowakei als „tschechisches Äquivalent der Rockefellers“ und/oder „tschechische Version der Rothschilds“ bezeichnet.Kommentarauswertung Uwe Johnsons zu Familie Petschek Universität Rostock, abgerufen am 18. November 2020.A palace remembers "The Jerusalem Post" vom 26. September 2018, abgerufen am 18. November 2020. Während des Ersten Weltkriegs konnten beide Familienzweige ihr Firmenimperium immens erweitern und zählten bis zum Jahr 1918 zu den bedeutendsten Finanz- und Industriedynastien der Donaumonarchie.Fritz Weber: Vor dem großen Krach – Österreichs Banken in der Zwischenkriegszeit am Beispiel der Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe. Böhlau Verlag Wien, 2016, S. 471.

Nach der Washingtoner Erklärung erlangten die Prager und Aussiger Petscheks im Jahr 1918 die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft, blieben jedoch familiär sowie geschäftlich eng mit Österreich und Deutschland verbunden. Die Petscheks sprachen Prager Deutsch und hielten auch im Zuge der Tschechoslowakisierung von Orts- und Personennamen an der deutschen Schreibweise ihres Familiennamens fest.Norman Eisen: The Last Palace. Europe‘s Extraordinary Century Through Five Lives and One House in Prague. Hachette UK, 2018. Darüber hinaus deklarierten sich bei Volkszählungen in der Tschechoslowakei alle Mitglieder der Familie als Deutsche.

Geschäftspartner in Österreich sowie in der späteren Tschechoslowakei bezeichneten Isidor Petschek oft als „großen Petschek“ und Ignaz Petschek als „kleinen Petschek“.Zentralverein der Bergwerksbesitzer Österreichs (Hrsg.): Montanistische Rundschau. Band 15. Verlag für Fachliteratur, 1923, S. 357.Petschek Encyclopaedia Judaica, abgerufen am 5. Oktober 2020. Hingegen standen in Deutschland fast ausschließlich Julius und Ignaz Petschek im Fokus der Öffentlichkeit. Umgangssprachlich resultierte daraus in Deutschland für die Prager Petscheks die Bezeichnung Julius-Petschek-Gruppe oder Julius-Petschek-Konzern und für die Aussiger Petscheks die Bezeichnung Ignaz-Petschek-Gruppe oder Ignaz-Petschek-Konzern.Ludwig Mellinger (Hrsg.): Die Bank. Wochenhefte für Finanz- und Bankwesen und Chronik der Wirtschaft. Band 31. Ausgabe 2. Bank Verlag Berlin, 1938, S. 1710.

Die Bezeichnung Julius-Petschek-Gruppe entsprach jedoch nicht der offiziellen Firmierung und niemals den tatsächlichen Verhältnissen der Unternehmensführung. Zwar leitete Julius Petschek von 1913 bis 1928 die Geschäfte des Prager Familienteils in Deutschland, „Kopf“ dieser „Gruppe“ war er allerdings nicht. Sämtliche Fäden über die Investitionen und die Koordination des mitteleuropäischen Besitzes der Prager Petscheks liefen immer in Prag zusammen – und zwar bis zum Jahr 1919 in der Anwaltskanzlei von Isidor Petschek und danach im Bankhaus Petschek & Co., das bis zum Jahr 1934 von Otto Petschek geleitet wurde.Helena Krejčová, Mario Vlček: Výkupné za život. V Šenově u Ostravy, nakl. Tilia, 2009. S. 334–415.