miniatur|Torre della Grisenda und Torre degli Asinelli Die Torre degli Asinelli (Tårr di Aṡnîla, Tårr Lónga oder l’Aṡnèla im Bologneser Dialekt) ist einer der sogenannten due torri (dt.: zwei Türme) von Bologna und ein Wahrzeichen der Stadt. Er steht an der Piazza di Porta Ravegnana, an der Kreuzung der alten Straßen San Donato (heute Via Zamboni), Via San Vitale, Strada Maggiore und Via Castiglione. Der der Sage nach zwischen 1109 und 1119 für den Adligen Gherardo Asinelli errichtete Geschlechterturm ist 97,2 Meter hoch und um 2,23 Meter nach Westen geneigt. Die Treppe in seinem Inneren hat 498 Stufen.

Geschichte Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wann und von wem der Turm für die Familie Asinelli gebaut wurde. Man nimmt an, dass er seinen Namen Gherardo Asinelli verdankt, einem Ritter der ghibellinischen Fraktion, dem der Bau zugeschrieben wird. Der Sage soll der Bau am 11. Oktober 1109 begonnen und zehn Jahre später, 1119, beendet worden sein. Eine Thermolumineszenzdatierung, die an den Mauerziegeln am Fuß des Gebäudes vorgenommen wurde, deutet hingegen auf die letzten Jahrzehnte des 11. Jahrhunderts hin. In diesem Fall wäre der Turm in der Zeit des Streites zwischen Papsttum und Kaisertum entstanden, als Vertreter beider Fraktionen in den Türmen saßen. Es erschiene dann plausibel, dass der Turm damals der Familie Asinelli anvertraut wurde und nach dem Nachlassen der Feindseligkeiten zwischen Welfen und Ghibellinen in ihr Eigentum überging.

miniatur|links|Jakob Alt: Die Türme Asinelli und Garisenda in Bologna (um 1836); Aquarell, 51,6 cm × 41,1 cm, in der Albertina, Wien. Die Torre degli Asinelli ist links; rechts sieht man die Torre della Garisenda. Unter den Asinellis soll der Turm um etwa 30 Meter aufgestockt worden sein, um einen besseren Überblick über die Stadt und das Umland zu gewähren. Mit dem Niedergang der Familie Asinelli ging der Turm schrittweise in das Eigentum der Stadt über, die ihn gegen Ende des 14. Jahrhunderts komplett übernahm, um ihn als Gefängnis und Festung zu nutzen. In diesen Jahren wurde in etwa 30 Meter Höhe eine hölzerne Plattform um den Turm errichtet und durch einen Laufsteg mit der benachbarten Torre della Garisenda verbunden. Es heißt, dass Giovanni Maria Visconti, der Herzog von Mailand, diese Konstruktion bauen ließ, um den turbulenten Mercato di Mezzo (heute Via Rizzoli und angrenzende Straßen) besser im Auge zu behalten und eventuelle Unruhen Revolten rechtzeitig unterdrücken zu können. Im Jahre 1398 wurde die Plattform durch einen Brand zerstört.

Die Geschichte der Torre degli Asinelli ist reich an kuriosen Ereignissen, die minuziös von den zeitgenössischen Chronisten Bolognas berichtet wurden. 1513 wurde der Turm von einer acht Pfund schweren Kanonenkugel getroffen, die während eines Festes von der Porta Maggiore aus abgeschossen worden war, aber die Stabilität des Turms nicht beeinträchtigen konnte; der Turm war auch zahlreichen Bränden ausgesetzt, die aber größtenteils harmlos waren und nur die Zerstörung der hölzernen Treppen zur Folge hatten. Die größten Schäden am Turm wurden durch Blitzeinschläge verursacht, bis 1824 ein Blitzableiter installiert wurde: Vorher hatte man versucht, den Blitzschutz durch einen unwirksamen Holzkäfig zu erreichen, den Gianandrea Taruffi im September 1706 konzipierte, und durch ein Halbrelief des Erzengels Michael, das Giovan Battista Gnudi schuf.

An der Torre degli Asinelli wurden auch Eisenkäfige, sogenannte Gibbets angebracht, die zur Hinrichtung zum Tode verurteilter Ordensleute dienten. Ab dem 13. bis zum 16. Jahrhundert wurden Angehörige des Klerus, die wegen schwerer Verbrechen verurteilt worden waren, in diese Käfige eingesperrt, bis sie verdursteten oder verhungerten. Anfänglich wurde diese Hinrichtungsart am Rathaus durchgeführt, dann wurden die Käfige in 20 Metern Höhe an die Seite der Torre degli Asinelli zur Strada Maggiore hin aufgehängt.

miniatur|Blick auf die Piazza Maggiore von der Spitze des Turms aus Auch in der wissenschaftlichen Forschung hat die Torre degli Asinelli eine Rolle gespielt. Um die Auswirkungen der Erdrotation zu untersuchen, führte Giovanni Battista Guglielmini Anfang Juli 1790 ein Experiment durch, bei dem er Bleikugeln von der Spitze des Turms fallen ließ und ihre Abweichung von der Falllinie maß. Guglielmini veröffentlichte die Resultate des Experiments in seinem Werk De diurno Terrae motu (dt.: Über die tägliche Erdbewegung), das viel Zustimmung in der wissenschaftlichen Welt Italiens fand.

1888 schlug der Ingenieur Alessandro Ferretti vor, zur Erleichterung des Aufstiegs einen Aufzug im Turminneren zu montieren. Die Stadt prüfte das Projekt und lehnte es dann aus Besorgnis ab, das Gebäude strukturell zu beschädigen. Im Februar 1902 wurde abermals ein Projekt vorgestellt, die Treppen durch einen Aufzug zu ersetzen, aber erneut erteilte die Stadt eine Absage. Ein dritter Vorschlag zur Installation eines Aufzuges im Jahr 1932 wurde abgelehnt, da die Treppen erst einige Jahre vorher restauriert worden waren. Der letzte derartige Vorstoß erfolgte 1991, aber auch dieser wurde zurückgewiesen.

Beschreibung

miniatur|Der Torre degli Asinelli von der Via Rizzoli aus Die Torre degli Asinelli kann heute gegen Eintritt besichtigt werden. Im Inneren führt eine Holztreppe mit 498 Stufen bis auf eine Höhe von 97,2 Metern. Von der Aussichtsplattform hat man einen 360°-Ausblick über die Stadt. Der Turm ist um 2,32 Meter nach Westen geneigt, was einer Neigung von 1,3° gegenüber der Vertikalen entspricht und ihn zum höchsten schiefen Turm Italiens macht. Der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe beschrieb die Aussicht von der Terrasse an der Spitze des Turms:

„Gegen Abend rettete ich mich endlich aus dieser alten, ehrwürdigen, gelehrten Stadt, aus der Volksmenge, die in den gewölbten Lauben, welche man fast durch alle Straßen verbreitet sieht, geschützt vor Sonne und Witterung, hin und her wandeln, gaffen, kaufen und ihre Geschäfte treiben kann. Ich bestieg den Turm und ergötzte mich an der freien Luft. Die Aussicht ist herrlich! Im Norden sieht man die paduanischen Berge, sodann die Schweizer, Tiroler, Friauler Alpen, genug, die ganze nördliche Kette, diesmal im Nebel. Gegen Westen ein unbegrenzter Horizont, aus dem nur die Türme von Modena herausragen. Gegen Osten eine gleiche Ebene, bis ans adriatische Meer, welches man bei Sonnenaufgang gewahr wird. Gegen Süden die Vorhügel der Apenninen, bis an ihre Gipfel bepflanzt, bewachsen, mit Kirchen, Palästen, Gartenhäusern besetzt, wie die vicentinischen Hügel. Es war ein ganz reiner Himmel, kein Wölkchen, nur am Horizont eine Art Höherauch.“

Im Erdgeschoss sind einige Künstlerwerkstätten untergebracht. Seit dem 28. November 2015 sind die Torre degli Asinelli und die benachbarte Torre della Garisenda mit einem speziellen Lichtsystem beleuchtet, wodurch man sie auch bei Dunkelheit von jeder Ecke Bolognas aus betrachten kann.

Einzelnachweise Marco Poli: Bologna com'era. Minerva, Bologna 2020.

Johann Wolfgang von Goethe: Italienische Reise, Erster Teil, Ferrara bis Rom, Eintrag vom 19. Oktober 1786 (Digitalisat bei zeno.org).

Quellen Francisco Giordano (Hrsg.): Rocchetta della Torre degli Asinelli. Mit Texten von R. Scannavini, F. Bergonzoni, S. Martinuzzi, F. Giordano. Costa, Bologna 1998. Francisco Giordano: Un ascensore per la Torre degli Asinelli. Un secolo di proposte in “IL CARROBBIO”. XXV. Pàtron, Bologna 1999.

Weblinks

Kategorie:Erbaut im 11. Jahrhundert Asinelli, Torre degli Kategorie:Turm in Europa Bologna Asinelli