mini|hochkant|Sergej Syrzow (vor 1929) Sergei Iwanowitsch Syrzow (* in Slawgorod, Gouvernement Jekaterinoslaw; † 10. September 1937 in Moskau; ) war ein russischer Revolutionär, sowjetischer Politiker und Parteifunktionär der KPR(B), WKP(B). Als stellvertretender Vorsitzender des Zentralrates der sowjetischen Donrepublik war er in den Jahren 1918 und 1919 maßgeblich für die Entstehung und Umsetzung der Politik der Entkosakisierung in der KPR(B) während des Russischen Bürgerkriegs verantwortlich. Später ein Unterstützer Josef Stalins, erlangte er größere Bekanntheit, als er im Mai 1929 zum Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare der RSFSR ernannt wurde. In diesem Amt betrieb er eine antistalinistische Politik gegen die "Große Wende", die zu seiner Abberufung am 3. November 1930 führte. Von da an als „Abweichler“ geächtet, wurde Syrzow schließlich im Jahr 1937 im Zuge des Großen Terrors vom NKWD verhaftet und hingerichtet.
Biografie Syrzow war der Sohn eines Kaufmanns aus Slawgorod (heute Slawhorod), der mit dem Verkauf von Schafwolle zu beträchtlichem Wohlstand gelangt war. Mit seinem Einkommen konnte der Vater ein angenehmes Leben führen und auch die Bildung seiner insgesamt vier Kinder leicht finanzieren.Kislizyn: Artikel “Sergei Iwanowitsch Syrzow” im Rostower Lexikon, , (russisch, abgerufen am 30. Oktober 2020) Syrzow besuchte ab 1903 die Handelsschule in Rostow am Don, wohin seine Familie gezogen war.Dulimow, Kislizyn: [Der] Staat und die Don-Kosaken., S. 94 Nach dem erfolgreichen Abschluss seiner SchulausbildungSenkowitsch: Die am meisten abgeschotteten Menschen., S. 402 studierte er ab 1912 Wirtschaftswissenschaften am Sankt Petersburger Polytechnischen Institut „Kaiser Peter der Große“.Große Sowjetische Enzyklopädie, 3. Auflage, Moskau 1969-1978, Band 25, S. 141 In dieser Zeit begann er sich politisch zu engagieren und trat im Jahr 1913 den Bolschewiki bei.Siokawa: Die Politische Situation in der UdSSR im Herbst 1930, S. 36 Am wurde er wegen seiner politischen Betätigung von der Geheimpolizei Ochrana verhaftet, vom Polytechnischen Institut verwiesen und in das Gouvernement Irkutsk verbannt.
Russische Revolution Unmittelbar nach der Befreiung der politischen Gefangenen im Zuge der Februarrevolution 1917 reiste Syrzow nach Rostow am Don und beteiligte sich dort sofort an Propagandaarbeit für die Bolschewiki. Durch seine Sprachfertigkeit gewann er viele Sympathisanten in der Rostower Bevölkerung und wurde als der “Freund der Bergleute” (des Donezbeckens) bezeichnet. Syrzow hatte einen großen Anteil an der Bolschewisierung des Donezbeckens, das später für die Machtergreifung der Bolschewiki von besonderer Bedeutung war. Zusammen mit Semjon Wassiltschenko wurde er einer der Anführer der Bolschewiki in der Don-Region. Am wurde noch vor der Oktoberrevolution in Rostow am Don und Nachitschewan am Don die Neuwahl des Stadtrates durchgeführt, bei der dank Syrzows Engagement die Bolschewiki die Mehrheit erringen konnten. Auf der ersten Sitzung des neuen Stadtrates wurde Syrzow zu seinem Vorsitzenden gewählt.
Nach der Oktoberrevolution wurde der Stadtrat von Syrzow am in ein Gremium mit dem in deutsch etwa als “militärisch-revolutionäres Komitee der vereinigten Demokratie” (, WRKOD) zu übersetzenden Namen umgewandelt,Kislizyn: Der Revolutionär und Schriftsteller Semjon Wassiltschenko, Rostow am Don 2013, (russisch, abgerufen am 30. Mai 2021) wobei die Mitglieder aus den Reihen der Menschewiki und Linken Sozialrevolutionäre weiterhin ihre Mandate behielten. Da Syrzow versuchte, mittels Kompromissen die Interessen aller in diesem Gremium vereinten Gruppen wahrzunehmen, wurde er von Seiten der rechten Gruppierungen als “bolschewistischer Usurpator” und seitens der Bolschewiki als “kommunistischer Kadett” diffamiert. Auf Seite der Bolschewiki war Syrzows ärgster Widersacher Wassiltschenko, der keine Kompromisse, sondern nur einen Entscheidungskampf zwischen den Fraktionen für die richtige Lösung hielt.
Russischer Bürgerkrieg, Konflikt mit den Donkosaken mini|Das Gebäude des ehemaligen Palace Hotel in Rostow-am-Don, das im März und April 1918 als Sitz des Rates der Volkskommissare der selbsternannten Don Sowjetrepublik genutzt wurde. mini|Vom Präsidium der Don Sowjetrepublik organisierter Aufruf zur Bildung einer Miliz zur Abwehr der deutschen und weißen Truppen (Rostow am Don, 1. Mai 1918) Einen ernsthaften Rückschlag erhielten die Bemühungen Syrzows, als der Ataman der Donkosaken Kaledin die Machtübernahme der Bolschewiki am für unzulässig und das Don-Territorium zur Kontrollzone der Kosaken erklärte. Das Territorium entwickelte sich durch den Zuzug einer großen Zahl von Offizieren der Armee des Russischen Kaiserreiches in kürzester Zeit zu einem Zentrum des Widerstands gegen die Bolschewiki. Die Einschätzung Wassiltschenkos und Syrzows, dass eine als Verstärkung eingetroffene Abteilung von Matrosen der Schwarzmeerflotte ausreichen würde, um ein militärisches Übergewicht gegenüber den sich formierenden Weißen herzustellen, erwies sich als falsch. Zeitgleich kündigten die Menschewiki und linken Sozialrevolutionäre ihre Koalition im WRKOD und riefen zum Widerstand gegen die Bolschewiki auf. Syrzow war am gezwungen, aus Rostow mit der Roten Garde zu fliehen.
Drei Monate später konnten die Bolschewiki erneut in der Nacht vom 9. Februar 1918 auf den 10. Februar 1918 in Rostow einziehen. Dieser Erfolg war vor allem Syrzow zu verdanken, dem es gelungen war, die aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrten Kosakenanführer Fjodor Podtjolkow und Michail Kriwoschylow für die Seite der Bolschewiki zu gewinnen. Hierbei profitierte Syrzow von der Kriegsmüdigkeit der aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrenden Kosaken.Figes: „Die Tragödie eines Volkes: Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924“, Berlin Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-8270-0243-5, S. 594 Mit Hilfe der kampferfahrenen Kosaken und zeitgleich aus Taganrog nach Osten vordringenden Roten Garden unter dem Kommando von Rudolf Sivers wurden die weißen Kosakenverbände und die neu gebildete Freiwilligenarmee aus Rostow in Richtung des Kaukasus verdrängt. (→Eismarsch)
Am 23. März 1918 wurde in Rostow die Sowjetrepublik Don ausgerufen, die das Gebiet des Donkosaken umfasste und die zum Zweck der Integration der Kosaken in das politische System der Bolschewiki geschaffen wurde. Präsident des Rates der Volkskommissare der Sowjetrepublik Don wurde der Kosake Podtjolkow, während Syrzow zum Stellvertreter ernannt wurde. Zeitgleich unterdrückten die Bolschewiki alle Personen, die tatsächlich oder vermeintlich auf der Seite der Weißen Bewegung standen. Die Roten Garden unter Sivers, der laut dem Historiker Kenez faktisch unabhängig agierte,Kenez: Civil War in South Russia - The First Year 1918, S. 118 terrorisierten die Angehörigen derjenigen Kosaken, die in der weißen Donarmee unter dem Ataman Krasnow kämpften.W. A. Gontscharow, A. I. Kokurin (Hrsg.): dt. etwa: „Oktober-Gardisten. Die Rolle der Balten bei der Errichtung und Stärkung des bolschewistischen Regimes“. (), Indrik, Moskau 2009, ISBN 978-5-91674-014-1, S. 41 Die Roten Garden schreckten dabei auch vor der Ermordung Minderjähriger nicht zurück.Figes: „Die Tragödie eines Volkes: Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924“, Berlin Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-8270-0243-5, S. 597–598 Durch Sivers Brutalität verloren die Bolschewiki alle Sympathien in der Donregion. Die Position Syrzows zu diesen Vorgängen wird nicht explizit in der Literatur dargelegt, laut Kenez distanzierte sich der Rat der Volkskommissare der Don Sowjetrepublik von Sivers, der seinerseits keine Anweisungen des Rates befolgte.Kenez: Civil War in South Russia - The First Year 1918, S. 120
In der Zwischenzeit fanden mit den Verhandlungen und dem Abschluss des Friedensvertrags von Brest-Litowsk und der vom Heer des deutschen Kaiserreiches unter dem Namen Operation Faustschlag durchgeführten Besetzung der Ukraine überregionale Vorgänge statt, die zusammen mit spontanen Aufständen der Donkosaken im April und Mai 1918 in einem erneuten Machtverlust der Bolschewiki in der Donregion resultierten. Die Roten Garden waren nicht in der Lage, den vorrückenden deutschen Truppen sinnvoll militärischen Widerstand zu leisten.Kenez: Civil War in South Russia - The First Year 1918, S. 121–131 Vom 7. bis zum 8. Mai 1918 wurde Rostow am Don von der deutschen 20. Landwehr-Division gewaltsam besetzt. Die deutschen Truppen nahmen Verbindung zu den weißen Kosaken auf, die am 18. Mai mit deutscher Unterstützung eine unabhängige Republik der Donkosaken ausriefen. Der Präsident der Don Sowjetrepublik Podtjolkow versuchte ab dem 1. Mai 1918 erfolglos mit einer kleinen Abteilung erneut Freiwillige für den Kampf gegen die weißen Kosaken und die deutschen Truppen zu werben. Podtjolkow wurde jedoch von weißen Kosaken gefangen genommen und am 10. Mai 1918 hingerichtet. Die weitere Führung der Don Sowjetrepublik wurde aus Rostow nach Zarizyn evakuiert und setzte ihre Arbeit dann bis Juni 1918 in der Staniza Welikoknjascheskaja (heute Proletarsk) fort. Bis Mitte August 1918 eroberte die weiße Donarmee das gesamte Territorium des Don-Kosakenheers und die in die Oblast Woronesch geflohene Regierung der Don Sowjetrepublik löste sich auf. Obwohl die Don Sowjetrepublik bereits ab Mai 1918 de facto nicht mehr existierte, nahm Syrzow bis zum August 1918 weiterhin formal die Position des stellvertretenden Vorsitzenden dieser Republik ein.
“Entkosakisierung” mini|Protokoll der Besprechung des Orgbüros der KPR(B) vom 22. April 1919. (РГАСПИ. Ф. 17, оп 112, д. 3, л. 39) Als Reaktion auf den Verlust des für die Bolschewiki strategisch wichtigen Gebietes der Don-Kosaken wurde das Donbüro des Zentralkomitees der KPR(B) (kurz Donbüro) als territoriales Organ der Bolschewiki zur Führung des Untergrundkampfes gegen die Weiße Bewegung in der Donregion im September 1918 in Kursk ins Leben gerufenViktor Stepakow: [Die] Speznas Russlands (), OLMA Media Group 2002, ISBN 5765424252, S. 28 und Syrzow wurde zum Vorsitzenden ernannt. Am 30. September wurde die Don Sowjetrepublik von den Bolschewiki auch de jure aufgelöst. Ab dem 12. Oktober 1918 wurde Syrzow zeitgleich Politkommissar der neugebildeten 12. Roten Armee.