Eine Sekunde (Originaltitel , internationaler Titel ) ist ein chinesischer Spielfilm von Zhang Yimou aus dem Jahr 2020. Die Tragikomödie, zu der der Regisseur gemeinsam mit Zou Jingzhi auch das Drehbuch verfasste, spielt zur Zeit der chinesischen Kulturrevolution in den 1970er-Jahren. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Häftling (dargestellt von Zhang Yi), der aus einem Arbeitslager geflohen ist, um unter allen Umständen eine bestimmte Filmsequenz in einer Wochenschau zu sehen.
Die Uraufführung des Films, der als „Liebesbrief“ des Regisseurs an das Kino beworben wurde, sollte ursprünglich im Februar 2019 im Wettbewerb der 69. Berlinale stattfinden. Offiziell aufgrund von „technischen Problemen“ in der Nachproduktion wurde Eine Sekunde im letzten Moment zurückgezogen. Es war das erste Mal in der Geschichte des Festivals, dass dies mit einem Wettbewerbsfilm geschah. Daraufhin überschlugen sich die Spekulationen um eine mögliche Zensur der chinesischen Behörden und der Ruf nach Kunstfreiheit wurde laut. Im selben Jahr wurden weitere chinesische Filme aus demselben Grund zurückgezogen, wobei Zhang der prominenteste Regisseur blieb, dem dieser Zwischenfall passierte.
Zhangs Regiearbeit wurde nach einem Nachdreh erst über 21 Monate später, am 27. November 2020, in einer bemessen nach der Laufzeit leicht gekürzten Fassung in den chinesischen Kinos veröffentlicht. Wenige Tage zuvor hatte es erneut einen Zwischenfall gegeben. Eine Sekunde sollte als Eröffnungsfilm des prestigeträchtigen Golden Rooster and Hundred Flower Film Festivals uraufgeführt werden. Einen Tag vor dem geplanten Termin wurde der Film erneut aus „technischen Gründen“ zurückgezogen.
Handlung Der Nordwesten Chinas, Mitte der 1970er-Jahre:. In: movie.mtime.com (abgerufen am 28. November 2020). Der Häftling Zhang Jiusheng ist aus einem Arbeitslager geflohen. Obwohl er damit das Risiko eingeht, eine noch längere Strafe zu erhalten, ist er von dem Wunsch beseelt, eine ganz bestimmte propagandistische Wochenschau der chinesischen Regierung zu sehen. In dieser könnte er noch einmal einen Blick auf seine verstorbene Tochter erhaschen. Dabei nimmt er bei hohen Temperaturen den strapaziösen Weg durch eine einsame Wüstenlandschaft in Kauf,Yi miao zhong (One Second). In: Berlinale Journal 2019, S. 32. ehe er halb verdurstet von einem Lastwagenfahrer aufgegabelt wird.
Ebenfalls die Wüste durchquert die junge Liu. Das Waisenmädchen verfolgt eigene verzweifelte Motive, die sich aus persönlichem Verlust und der Hoffnung auf Erlösung ergeben. Dafür ist Liu auf der Suche nach einer bestimmten Menge an Filmabfallmaterial, das sie zur Dekoration eines Lampenschirms nutzt.One Second [TRAILER 02 – ENG SUB] China 2020 – Zhang Yimou 一秒钟 bei youtube.com (abgerufen am 29. November 2020). Als es Zhang Jiusheng gelingt, in einem Dorf durch den selbstbewussten Filmvorführer „Movie Fan“One Second [TRAILER 01 – ENG SUB] China 2020 – Zhang Yimou 一秒钟. In: youtube.com (abgerufen am 29. November 2020). an einer Filmvorstellung teilzunehmen, wird die ihm wichtige Filmrolle durch Liu gestohlen. Die silberne Filmdose, die genau die Filmsekunde enthält, die der Geflüchtete entgegenfiebert, wandert daraufhin von Hand zu Hand. Später wird das Filmmaterial beinahe zerstört. Gemeinsam mit anderen Dorfbewohnern gelingt Zhang Jiusheng und „Movie Fan“ die Rettung des Materials. Am Ende darf Zhang Jiusheng durch die Filmvorführung für eine Sekunde einen Blick auf seine verstorbene Tochter werfen.
Entstehungsgeschichte Projektentwicklung mini|hochkant|Zhang Yimou (2015)
Eigenen Angaben zufolge hatte Zhang Yimou schon lange mit dem Gedanken gespielt, Technik und Umgang von photochemischen Filmen in einem seiner Werke aufzugreifen. Der chinesische Regisseur und Drehbuchautor hatte seine Karriere als Kameramann begonnen und bedauerte, dass das physische Filmformat durch digitale Produktionsmethoden verdrängt worden war.Reel treat for audience. In: China Daily, 3. Dezember 2020, S. 16.
Drehbuch und Vorproduktion Aus Nostalgie wollte Zhang die alte Technik in einer „bodenständigen und einfachen Geschichte“ wiederaufleben lassen und engagierte 2018 Zou Jingzhi für das Verfassen des Drehbuchs. Der preisgekrönte Autor hatte zuvor an Skripten zu epischen Blockbustern wie Wong Kar-Wais The Grandmaster (2013) mitgearbeitet. Das Drehbuch war in kurzer Zeit fertiggestellt und mit Zhang Yi und Fan Wei wurden erfahrene Schauspieler für die männlichen Hauptrollen des entflohenen Häftlings und Filmvorführers verpflichtet. Schwieriger gestaltete sich der Casting-Prozess für die weibliche Hauptrolle des Mädchens Liu. Ungefähr 3000 Kandidatinnen sprachen für den Part vor, unter denen Zhang Liu Haocun entdeckte. Obwohl die Schülerin über keinerlei Schauspielerfahrung verfügte, verpflichtete er sie. Zhang zeigte sich vor allem von ihren großen Augen und ihrer inneren Stärke beeindruckt, die seiner Meinung nach der Rolle eines wilden, aber reinherzigen Mädchens vom Lande entsprach.
Dreharbeiten Die Dreharbeiten für Eine Sekunde fanden innerhalb von 46 Tagen in der Wüste Gobi statt. Als Drehorte fungierte die alte Oasenstadt Dunhuang an der Seidenstraße im Nordwesten der westchinesischen Provinz Gansu. Diese ist bekannt für ihre eindrucksvolle Wüstenlandschaft. Zhang habe fast zehn Jahre an der Umsetzung des Films gearbeitet.Patrick Brzeski: Cannes: What Will Become of Zhang Yimou's Censored Masterpiece 'One Second'?. In: thehollywoodreporter.com, 10. Mai 2019 (abgerufen am 29. November 2020). Das Projekt wurde auch wiederholt als „Liebesbrief“ des Regisseurs an das Kino beworben.Patrick Brzeski: Berlin Film Festival: Zhang Yimou's 'One Second' Withdrawn From Competition. In: hollywoodreporter.com, 11. Februar 2019 (abgerufen am 29. November 2020). Bei der späteren Uraufführung des Films in Peking bezeichnete Zhang seinen Film als Herzensprojekt, Jugenderinnerung und Erfüllung eines persönlichen Wunsches. Er hatte die Befürchtung gehabt, den Dreharbeiten in der Wüste mit steigendem Alter nicht mehr gewachsen zu sein. Dabei kritisierte er auch den gegenwärtigen Trend von Investoren auf kommerzielle Blockbuster zu setzen, was ihm die Finanzierung seines Films erschwert habe.Zhang Rui: Zhang Yimou’s love letter to film. In: china.org.cn, 29. November 2020 (abgerufen am 3. Januar 2021).
Einladung zur Berlinale Eine Sekunde wurde 2019 in den Wettbewerb der 69. Berlinale eingeladen.Wettbewerb und Berlinale Special komplett. In: berlinale.de, 17. Januar 2020 (abgerufen am 28. November 2020). Dort war Zhangs Regiearbeit als Weltpremiere programmiert und sollte als letzter der 17 Beiträge im Wettbewerb um den Goldenen Bären gezeigt werden. Für Zhang war es die fünfte Wettbewerbseinladung nach Berlin, nachdem er bereits dort 1988 für seine erste Einladung Rotes Kornfeld den Hauptpreis gewonnen hatte. Damit war die Berlinale auch das erste große internationale Filmfestival, das die Leistung des chinesischen Kinos honoriert hatte.Scott Roxborough: 5 Key Takeaways From the 2019 Berlin Film Festival. In: hollywoodreporter.com, 17. Februar 2020 (abgerufen am 29. November 2020).
Zhang selbst wurde mit Beginn der Kulturrevolution 1966 wie Millionen anderer junger Chinesen auch zur Umerziehung aufs Land geschickt. Sein Vater hatte während des Chinesischen Bürgerkriegs als Offizier in der nationalistischen Kuomintang-Armee gedient und war nach der Machteroberung der Kommunisten 1949 geächtet.Zhang Yimou. In: Internationales Biographisches Archiv 30/2020 vom 21. Juli 2020 (abgerufen via Munzinger Online). Diese Erfahrung reflektierte der spätere Filmregisseur Zhang in vielen seiner Werke. Daher wurde Eine Sekunde von der Berlinale auch entsprechend angekündigt und als sein persönlichster Film seit langer Zeit antizipiert:Berlinale-Absage. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Februar 2019, Nr. 36, S. 9.
Einem Bericht des Hollywood Reporter zufolge sei der Film vor der Berlinale in nicht-öffentlichen Vorführungen unter ausgewählten Branchenvertretern in Peking gezeigt worden. Zwei eingeladene CEOs großer Pekinger Filmstudios bezeichneten Eine Sekunde als Zhangs besten Film seit Jahren und zeigten sich optimistisch, dass er ein zweites Mal mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet werden könnte. Das Jahr 2019, in dem die Volksrepublik China offizielle Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag ihres Bestehens organisierte und in dem sich auch zum 30. Mal das Tian’anmen-Massaker jährte, machten es zu einem besonders politisch sensiblen Jahr.Patrick Frater: Pingyao Festival Switches Opening Film Three Days Before Premiere. In: variety.com, 7. Oktober 2019 (abgerufen am 29. November 2020).
Rückzug aus dem Berlinale-Wettbewerb mini|hochkant|Nadav Lapid mit dem gewonnenen Goldenen Bären für Synonymes nach der Berlinale-Preisverleihung 2019
Am 11. Februar 2019, vier Tage vor der geplanten Uraufführung auf der Berlinale, gab die Festivalleitung bekannt, dass Eine Sekunde aufgrund von „technischen Problemen bei der Post-Production“ nicht am 15. Februar im Wettbewerb gezeigt werden könne. Der Eintrag zu Zhangs Regiearbeit wurde auf der Berlinale-Website gelöscht. Daraufhin konkurrierten nur 16 Filme um den Goldenen Bären, den das Drama Synonymes des israelischen Regisseurs Nadav Lapid gewinnen sollte. Statt Eine Sekunde wurden die frei werdenden Programmplätze mit Zhangs bereits 2002 veröffentlichtem Wuxia-Film Hero besetzt.Programmänderung Wettbewerb 2019. In: berlinale.de, 11. Februar 2019 (abgerufen am 28. November 2020). Es war das erste Mal in der Geschichte des Festivals, dass ein Wettbewerbsfilm während der Berlinale zurückgezogen wurde.Premiere von Zhang Yimous Wettbewerbsfilm abgesagt. In: Der Tagesspiegel, 12. Februar 2019, Nr. 23737, S. 19.
Eine Sekunde war der zweite chinesische Beitrag, der aus dem Berlinale-Programm 2019 zurückgezogen wurde. Wenige Tage vor Beginn des Festivals war bereits die Aufführung von Shao nian de ni (Better Days) von Derek Kwok-cheung Tsang in der Sektion Generation 14plus von der Festivalleitung abgesagt worden.Generation 2019: Programmergänzungen und Programmänderungen. In: berlinale.de, 4. Februar 2019 (abgerufen am 28. November 2020). Die Geschichte um eine gemobbte Schülerin (dargestellt von Zhou Dongyu) die sich mit Hilfe eines Kleinkriminellen zur Wehr setzt, war zuvor im Berlinale Journal als „schonungslose Gesellschaftskritik mit einer märchenhaften Liebesgeschichte“ angekündigt worden.Shao nian de ni (Better Days). In: Berlinale Journal 2019, S. 78. In der Nebensektion Panorama wurde der chinesische Film The Shadow Play von Lou Ye gezeigt. Der sich für Kunstfreiheit aussprechende Regisseur berichtete, dass er mit diesem Projekt den bis dahin schwierigsten Zensurprozess seiner Karriere überstanden habe. The Shadow Play ist ein Film noir über „Korruption und Bauskandale […] und […] Menschen, die sich rücksichtslos bereichern wollen“ und habe zwei Jahre für die Freigabe gebraucht.The Shadow Play. In: Berlinale Journal 2019, S. 55.
Aufführungsgeschichte und Rezeption Reaktionen auf der Berlinale mini|hochkant|Juliette Binoche während der Berlinale 2019
Nach dem Rückzug von Eine Sekunde aus dem Berlinale-Wettbewerb 2019 überschlugen sich die Spekulationen um eine mögliche Zensur der chinesischen Behörden und der Ruf nach Kunstfreiheit wurde laut.69. Internationale Filmfestspiele Berlin. In: berlinale.de (abgerufen am 28. November 2020). Die französische Jurypräsidentin Juliette Binoche bedauerte bei der abschließenden Preisverleihung im Namen der übrigen Jurymitglieder, dass der Film nicht gezeigt werden konnte. Direkte Kritik an der chinesischen Regierung wurde aber nicht geübt. Auch die an dem Film beteiligten Produktions- und Vertriebsfirmen Huanxi Media und Edko Films gaben keine Kommentare ab.