Die Geschichte Kanadas umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des heutigen Staates Kanada von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Sie reicht mehr als zwölf Jahrtausende zurück.Als Geschichte Kanadas auch die Ur- und Frühgeschichte zu begreifen hat sich sowohl im wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Bereich als auch im didaktischen durchgesetzt. Vgl. zuletzt: David J. Meltzer: First Peoples in a New World: Colonizing Ice Age America. University of California Press 2009. Oder: R. Douglas Francis, Richard Jones, Donald B. Smith: Journeys: A History of Canada. Nelson Education Limited 2006, 2010. Um diese Zeit boten sich den frühen menschlichen Bewohnern des heutigen Kanadas durch das Ende der letzten Eiszeit günstigere Lebensmöglichkeiten.In Nordamerika wird die letzte Eiszeit, die vor rund 80 bis 100.000 Jahren begann, als Wisconsin glaciation bezeichnet. Diese ist wiederum von drei Phasen größter Ausbreitung der Vereisung gekennzeichnet (Tahoe, Tenaya und Tioga), von denen die letzte um 28.000 bis 8.000 v. Chr. andauerte. Vgl. Dabei entwickelten sich in einem langen Prozess unter Einwanderung weiterer Gruppen aus Asien sehr stark voneinander abweichende Kulturareale, die von den Inuit, die sich den arktischen Bedingungen angepasst hatten, über Wildbeuter- und halbnomadische bis zu bäuerlichen Kulturen der First Nations reichten, wie die Indianer des Landes genannt werden. mini|hochkant=2|Eine der ersten Karten, in denen der Name „Canada“ auftaucht,Die älteste Karte, in der „Canada“ erscheint, fertigte Nicolas Vallard 1547 an. Paulus de Furlanis Veronensis opus hoc exmi. Cosmographi D[omi]ni Iacobi Gastaldi Pedemontani Instaurauit …, Venedig 1560, 39 × 51 cm, nach: Rodney W. Shirley: The mapping of the world, London: Holland Press 1983, S. 106.Die Karte findet sich hier online.

Starke kulturelle Veränderungen, weitläufige Verdrängungsprozesse und Nomadisierung wurden durch das von Spaniern mitgebrachte Pferd, durch die Kriege der Irokesen und durch Europäer bereits zwischen 1500 und 1700 ausgelöst. Dabei brach eine Vielzahl indigener Völker, wie in ganz Amerika, durch eingeschleppte Krankheiten zusammen, vor allem durch Pocken.

Im 18. und 19. Jahrhundert wurden die Indianer (First Nations) durch Zwangsmittel und Verträge in Reservate abgedrängt, um europäischen Einwanderern Platz zu machen. Dabei kam es zu Konflikten zwischen Briten und Franzosen im Osten, zu denen im Westen Konflikte zwischen Spaniern, Briten und Russen kamen. 1763 verloren die Franzosen ihre Kolonie Neufrankreich an die Briten. Zwei Jahrzehnte später wurden die britischen Kolonien weiter im Süden unabhängig, womit die USA entstanden. Den frankophonen Bewohnern des britisch gebliebenen Teils Nordamerikas, die vor allem in der Provinz Québec lebten, machte London eine Reihe von Konzessionen. Die Frankokanadier unterstützten daraufhin die britische Kolonialmacht in zwei Kriegen erfolgreich gegen die USA. Den Westen und Norden verwaltete die private Handelsgesellschaft der Hudson’s Bay Company (HBC) von 1821 bis 1869/71 als Monopolist.

Der Expansionsdrang der USA veranlasste London, dem verbliebenen Gebiet 1867 weitgehende Selbstständigkeit einzuräumen. Bis 1873 schlossen sich die britischen Kolonien zwischen Atlantik und Pazifik dieser Kanadischen Konföderation an, die zudem 1869 begann, das riesige Gebiet der HBC aufzukaufen und Verträge mit den Indianern zu schließen.

Britisches Kapital und eine enge Bindung an das Britische Empire sorgten für einen massiven Ausbau der Infrastruktur Kanadas in Form von Kanälen, Straßen und vor allem Eisenbahnen. Damit sollte das dünn besiedelte, riesige Land stärker integriert und gegen immer wieder aufkeimenden Separatismus sowie Strömungen, die den Anschluss an die USA forderten, abgesichert werden. Zudem förderte dies den Warenaustausch innerhalb des Landes und mit dem Empire, und es erleichterte die Besiedlung.

Seit der Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg verlor Großbritannien den Status als Weltmacht an die USA. Kanada lehnte sich immer stärker an seinen südlichen Nachbarn an und trat 1994 einer Freihandelszone mit den USA und Mexiko bei (NAFTA). Dennoch sind sowohl britische Traditionen als auch die der Ureinwohner weiterhin allgegenwärtig. Dies drückt sich sowohl in den politischen Strukturen als auch in der Kultur aus, oder etwa darin, dass Nunavut 1999 eine ausgeprägte Autonomie für die dort überwiegend lebenden Inuit erlangte. Auch haben viele First Nations, wie in Kanada die Indianerstämme genannt werden, eigene Territorien. Doch halten die Auseinandersetzungen um die Nutzungsrechte an. Insgesamt bewirkte das französische Vorbild, dass auch anderen Regionalkulturen das „Recht auf Andersartigkeit“ zusteht.

Besiedlung und Kulturareale (vor 10.000 v. Chr. bis zum 16. Jahrhundert)

Früheste Spuren bis zur archaischen Phase Genetische und klimageschichtliche Untersuchungen legen nahe, dass sich die frühen indianischen Einwanderer entlang der Küste relativ schnell ausbreiteten und von dort ins Binnenland wanderten.Vgl. Mitochondrial Population Genomics Supports a Single Pre-Clovis Origin with a Coastal Route for the Peopling of the Americas. In: The American Journal of Human Genetics 82/3 (3. März 2008) 583–592 bzw. Renée Hetherington, Andrew J. Weaver, Álvaro Montenegro: Climate and the migration of early peoples into the Americas, Geological Society of America Special Papers 2007, 113–132. Möglicherweise folgte eine Gruppe der Westküste, die andere dem eisfreien Korridor zwischen Rocky Mountains und Hudson Bay. (PDF; 692 kB)

mini|Schematische Darstellung der Ausbreitung des Menschen über die Erde mini|Satellitenbild der Beringstraße (NASA) An der Little John Site im westlichen Yukon fand man die ältesten menschlichen Spuren in Kanada; sie reichen bis 12000 v. Chr. zurück. Im nördlichen Yukon sind die Funde in den Bluefish-Höhlen die ältesten. Diese frühe arktische Kultur breitete sich an der Küste entlang südwärts aus, möglicherweise auch entlang des Yukon. In der Charlie-Lake-Höhle nahe Fort St. John fanden sich Werkzeuge aus der Zeit ab etwa 10.500 v. Chr. Dort fanden sich zudem zwei Raben – einer mit Grabbeigaben –, die vor 9.000 bzw. 10.000 Jahren beigesetzt wurden. Ebenfalls aus der Zeit ab etwa 9.000 v. Chr. stammen Funde bei Banff und in Saskatchewan, aber auch bereits in Québec.Claude Chapdelaine: Présences autochtone de l’âge glaciaire à aujoud’hui Des chasseurs de la fin de l'âge glaciaire dans la région du lac Mégantic: découverte des premières pointes à cannelure au Québec. In: Recherches amérindiennes au Québec 30 (2004). Die ältesten menschlichen Überreste wurden auf ca. 7800 v. Chr. datiert (On Your Knees Cave auf der Prince-of-Wales-Insel).Vgl. , archive.org, 22. Juni 2009. An der Westküste fanden sich Artefakte aus der Zeit um 8000 bis 9000 v. Chr. (Far West Point).

Dieser frühen Phase folgte die archaische Phase, genauer die frühe (ca. 8000 bis 6000 v. Chr.) und die mittlere archaische Phase (ca. 6000 bis 4000 v. Chr.). Vermutlich folgten die Plano-Gruppen,Der Ausdruck plano peoples, der bereits die Existenz festgefügter Völker suggeriert, wird hier durch Leute wiedergegeben. Vgl. , archive.org, 20. Oktober 2012. die als Nachfolger der Clovis- und Folsom-Kulturen gelten, im Osten Karibu-Herden der Vereisungsgrenze entlang, Gruppen aus dem Westen erreichten um 7500 v. Chr. das südliche Ontario. Dort fanden sich Speerschleudern (Atlatl), eine technologische Neuerung, die um 8000 v. Chr. entstanden war.D. Bruce Dickson: The atlatl assessed: A review of recent anthropological approaches to prehistoric North American weaponry. In: Bulletin of the Texas Archaeological Society. 56 (1985), S. 1–36.

Projektilspitzen, Bohrer und vor allem Hausspuren tauchen bereits um 6000 v. Chr. in Vermont auf (John’s Bridge Site in Swanton).William A. Haviland, Marjory W. Power: The original Vermonters. Native Inhabitants, Past and Present. Trustees of the University of Vermont 1994, S. 40. Schwerpunkte dieser Kulturen waren der untere Sankt-Lorenz-Strom und die Großen Seen. Die ersten größeren Monumente stellen Grabhügel dar, die Burial Mounds.Die älteste Fundstätte ist die L’Anse Amour Site, ein Grab aus der Zeit um 5500 v. Chr. Erstmals ist eine gesellschaftliche Hierarchie entlang des Eriesees, am südlichen Huronsee, am Ontariosee sowie am Sankt-Lorenz-Strom oberhalb der heutigen Stadt Québec greifbar (etwa 5500 v. Chr. bis 1000 v. Chr.).

Die Plano-Kulturen auf den Great Plains umfassen den riesigen Raum zwischen den küstenfernen Gebieten British Columbias und den Nordwest-Territorien sowie dem Golf von Mexiko.Brian Kooyman, Jane Kelley: Archaeology on the Edge. New Perspectives from the Northern Plains. University of Calgary Press 2004. Neue Waffentechnologien und weitläufiger Handel sind kennzeichnend. Das Rohmaterial einiger Steinwerkzeuge und -waffen stammte aus weit im Süden gelegenen Gebieten, wie Chalzedon aus Oregon und Obsidian aus Wyoming.Grundlegend: Timothy G. Baugh, Jonathon E. Ericson: Prehistoric Exchange Systems in North America. New York: Plenum Press 1994.

Manitoba lag immer noch unter einem Eispanzer, doch entwickelten sich erste Siedlungskammern (Refugia) und bewohnbare Erhebungen,Zur Frühgeschichte Manitobas: Brian Schwimmer, Virginia Petch, Linda Larcombe: Palaeo Period. 10.000 to 6.000 BC. The Arrival of the Big Game Hunters, 1998 die über die Eisgrenze hinausragten (Nunatuks bzw. Nunataker), wie etwa in Süd-Alberta (Agate Basin culture). Hier wurden noch um 8000 v. Chr. Pferde gejagt; sie verschwanden ebenso wie die Megafauna.

Erst später teilte sich der riesige Kulturraum erkennbar in zwei Großräume auf, die Frühe Shield- und die Frühe Plains-Kultur. Am South Fowl Lake an der Grenze zwischen Ontario und Minnesota wurden Funde gemacht, die auf eine Bearbeitung elementaren Kupfers bereits um 4800 v. Chr. hindeuten.Susan R. Martin: Wonderful power: the story of ancient copper working in the Lake Superior Basin. Detroit: Wayne State University Press 1999, S. 143. Ähnlich sieht es in Wisconsin aus: , oder in Ohio: Hopewell Copper Artifacts, Hrsg. Ohio Historical Society. Da in der größten Lagerstätte der Welt für elementares Kupfer das Metall nicht aus Erz gewonnen werden musste, entwickelte sich keine entsprechende Technologie.

Im Westen wurde die wohl mindestens bis 9000 v. Chr. zurückreichende Besiedlung durch die Frühe Plateaukultur überlagert.A History of the Native People of Canada, Early Plateau Culture (Précis, Chapter 10) Die zunehmenden Lachswanderungen an der Küste waren aber wahrscheinlich, entgegen früheren Annahmen, nicht die Ursache. Die dortigen Kulturen reichen mindestens bis 8000 v. Chr. zurück. Der älteste Fund auf Vancouver Island (Bear Cove) belegt die Jagd auf Meeressäuger.Zur Bear Cove vgl. Catherine Carlson: The early component at Bear Cove. In: Canadian Journal of Archaeology/Journal Canadien d’Archéologie 3 (1979) 177–194; Richard J. Hebda: Late glacial and postglacial vegetation history at Bear Cove Bog, northeast Vancouver Island, British Columbia, in: Canadian Journal of Botany 61 (1983) 3172–3192 und Catherine Carlson: The Bear Cove Fauna and the Subsistence History of Northwest Coast Maritime Culture, in: Archaeology of British Columbia. Essays in Honor of Professor Philip M. Hobler, Hrsg. R. L. Carlson, Archaeology Press, Simon Fraser University 2003, S. 65–86 (online). Abgesehen von Haida Gwaii, das um 7500 v. Chr. besiedelt wurde und mit den Haida eine der ältesten ortskonstanten Bevölkerungen der Welt tragen, wurden viele küstennahe Artefakte durch den stark steigenden Meeresspiegel zerstört. Dieser wurde wiederum von den schmelzenden Eismassen am Ende der letzten Eiszeit ausgelöst.