Das Konzentrationslager Dautmergen, kurz KZ Dautmergen, war ein Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof (als verwaltungsmäßigem Stammlager). Es befand sich zwischen Dautmergen und Schömberg im heutigen Zollernalbkreis und war das größte der sieben Konzentrationslager des Unternehmen „Wüste“, einem Projekt des NS-Regimes zur Treibstoffgewinnung aus Ölschiefer.
Um das Konzentrationslager vom bereits bestehenden KZ Schömberg in der Nähe des Schömberger Bahnhofs, auch Bahnhofs-KZ genannt, unterscheiden zu können, wurde das Lager nach der naheliegenden Gemeinde Dautmergen benannt, obwohl sich das Lager auf Gemarkung Schömberg befand.
Dem KZ Dautmergen werden besonders katastrophale Lager- und Arbeitsbedingungen mit sehr hoher Sterblichkeit sowie grausame Ermordungen und Hinrichtungen zugeschrieben.
Geschichte
Vorgeschichte Unter dem Tarnnamen Unternehmen „Wüste“ plante das Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion die Gewinnung von kriegswichtigem Treibstoff aus Posidonienschiefer, da durch den Vormarsch der Roten Armee wichtige Erdölgebiete in Estland und Rumänien verloren gingen.Informationstafel an der KZ-Gedenkstätte Dautmergen-Schömberg. In den „Wüste“-Werken 2 bis 10 entlang der Bahnstrecke Tübingen–Sigmaringen und der Nebenbahn Balingen–Rottweil sollten vor allem KZ-Häftlinge zum Einsatz kommen, da immer weniger ausländische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene in Deutschland zur Verfügung standen.Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 87.
Einrichtung und Betrieb des Lagers mini|Lageplan des KZ Dautmergen Als im August und September 1944 die ersten Häftlinge aus Auschwitz und Dachau nach Dautmergen gebracht wurden, waren lediglich Zelte aufgestellt Zitiert nach Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 149. und es bestand keine Wasserversorgung Zitiert nach Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 151.. Bei Regen verwandelte sich die Wiese, auf der das Lager errichtet wurde, in eine einzige Schlammfläche.
Nach und nach wurden vier fensterlose Pferdebaracken ohne Fußboden errichtet, in denen 300–600 Häftlinge hausen mussten. Ebenfalls um den Appellplatz herum waren bis zur Auflösung des Lagers ein Krankenrevier, ein Schonungsblock, eine Küche, ein Waschraum, eine Werkstatt sowie eine Schreibstube angeordnet. Am südlichen Rand des KZ lagen Baracken der SS. Mehrere Wachtürme waren an der Umzäunung des Lagers platziert.
Neben dem Lager, auf der anderen Straßenseite, befand sich die Baracke der SS-Verwaltung „Wüste“ und somit der übergeordneten Lagerleitung der „Wüste“-Lager Dautmergen, Dormettingen, Bisingen, Schömberg und Schörzingen sowie des KZ Spaichingen. Übergeordnete Lagerleiter waren Josef Seuß, Franz Johann Hofmann sowie Eugen Wurth.Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 99–101. Nördlich der übergeordneten Lagerleitung, ebenfalls außerhalb des Lagers an der Straße, wurde eine Entlausungsbaracke errichtet.
Bereits im Oktober 1944 wurde die Einäscherung der Toten eingestellt. Stattdessen legte man rund 300 Meter östlich des Lagers, im Schönhager Loch, Massengräber an.
Auflösung des Lagers Bereits im Februar 1945 begann aufgrund des Näherrückens der Alliierten und dem geplanten Einsatz von Zivilarbeitskräften statt Häftlingen in den „Wüste“-Werken der Abtransport der Häftlinge in offenen Güterwaggons nach Dachau-Allach. Kälte, Hunger und Terror forderten auf dem Transport zahlreiche Tote.Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 257–259. Die rund 500 zurückgebliebenen Häftlinge wurden am 17. und 18. April 1945 auf Todesmärsche mit Ziel Dachau oder Tirol geschickt und größtenteils am 23. April 1945 in Altshausen befreit. Einige kranke, schwache sowie sich versteckt haltende Häftlinge blieben zurück und wurden durch die Franzosen befreit. Zitiert nach Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 271.
Zur Exhumierung der Massengräber im Schönhager Loch wurden 80 Kriegsverbrecher aus dem Lager Reutlingen sowie 75 ehemalige NSDAP-Mitglieder verpflichtet. Insgesamt wurden 75 Gruben mit 1774 Toten aufgefunden, wovon 85–90 Prozent aus dem KZ Dautmergen stammten.
Neben dem ersten Lagerführer des KZ Dautmergen Josef Seuß, der vor dem Dachauer Militärgerichtshof zum Tode verurteilt wurde, wurden bei den Rastatter Kriegsverbrecherprozessen sechs SS-Angehörige sowie zwei Funktionshäftlinge wegen im KZ Dautmergen begangener Verbrechen zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Heute wird das Gelände des ehemaligen KZs landwirtschaftlich genutzt und ist teilweise bebaut. Von den KZ-Bauten sind keinerlei Überreste erhalten.
Belegung
Häftlinge Durchschnittlich waren im KZ Dautmergen rund 3000 Häftlinge im Alter von 13–71 Jahren Zitiert nach Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 160. untergebracht, die maximal dokumentierte Belegung lag bei 3181 Häftlingen Zitiert nach Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 88.. Es handelte sich um Häftlinge mit verschiedensten Nationalitäten und Internierungsgründen. Etwa 1000 Häftlinge waren baltische Juden.
Die Lagerältesten, welche als Funktionshäftlinge mit unbeschränkten Kompetenzen bezüglich der Mithäftlinge betraut und für die Ordnung im Lager mitverantwortlich waren, zeichneten sich teilweise durch extreme Gewalttätigkeit und Blutgier aus. Zwei Lagerälteste wurden bei den Rastatter Kriegsverbrecherprozessen 1947 gar für mehrere nachgewiesene Tötungen zum Tode verurteilt.
Im KZ Dautmergen waren unter anderem der polnische Dichter Tadeusz Borowski, welcher seine Erlebnisse literarisch verarbeitete, sowie der Franzose Ludovic de La Chapelle, der Szenen des Lageralltags zeichnete, inhaftiert. Eine von La Chapelle gezeichnete Erschießung von Häftlingen, die in der Endphase des Lagers stattfand, wurde von seinem Mithäftling Alex Sofer so beschrieben:
Der Exekution fielen 22 Menschen zum Opfer.
Alex Sofer (* 5. Mai 1922 im Krynki; † 19. August 2002 in Montevideo) überlebte das KZ Dautmergen und schrieb im DP-Lager Degerloch auf Jiddisch seine Erinnerungen auf. Nach einer früheren Veröffentlichung in Uruguay und einer späteren englischen Übersetzung sind diese Erinnerungen 2023 auch auf Deutsch erschienen.Volker Mall (Hrsg.): Krynki-Auschwitz-Hailfingen. Die Memoiren von Alex Sofer/Abraham Soyfer, Books on Demand (BoD), Norderstedt 2023, ISBN 978-3-7568-1256-1
Lagerpersonal Das Personal der Lager-SS, welches für die Verwaltung und Ordnung des Lagers unter Einsatz teils grausamster Mittel zuständig war, belief sich zum Zeitpunkt der Einrichtung des Lagers auf 60 Mann. Zitiert nach Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 131 f. Zusätzlich wurden 50–60, möglicherweise bis zu 120 Wachmänner zur Bewachung der Häftlinge auf dem Weg zur Arbeit und bei der Arbeit selbst eingesetzt. Zudem waren die Wachtruppen für die Bewachung des Lagers von außen (auf den Wachtürmen) zuständig.
Lagerführer des KZ Dautmergen waren unter anderem Josef Seuß, Hubert Lisken und Erwin Dold. Durch äußerst grausames und sadistisches Verhalten stach SS-Unterscharführer Stefan Kruth hervor, der möglicherweise ebenfalls Lagerführer war, zumindest von vielen Häftlingen jedoch als solcher angesehen wurde.Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 116–122.
Erwin Dold, der letzte Lagerführer des KZ Dautmergen, sorgte für eine Besserung der Lagerverhältnisse, verbot die Prügelei, beschaffte durch illegale Lastwagenfahrten weitere Lebensmittel für die Häftlinge und wurde bei den Rastatter Kriegsverbrecherprozessen 1947 als einziger KZ-Lagerführer wegen erwiesener Unschuld freigesprochen.Rastatter Prozess Nr. 9/47: Nichtamtliche deutsche Übersetzung. S. 196, 276 ff. Zitiert nach Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 124 f.
Lager- und Arbeitsalltag Nach dem morgendlichen Appell, bei dem die anwesenden sowie die über Nacht verstorbenen Häftlinge gezählt wurden, trieben die Wachtruppen die Häftlinge in Gruppen zu den Arbeitseinsätzen, welche 12–14 Stunden dauerten. Die Häftlinge wurden vor allem für den Aufbau der Ölgewinnungsanlagen sowie zum händischen Schieferabbau und -brechen Zitiert nach Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 39. für die „Wüste“-Werke 6–9 (Dormettingen-Süd, -Ost, -West sowie Schömberg) Zitiert nach Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 91. eingesetzt. Im Lager mussten die Verstorbenen „zu den Haufen Toten der Nacht zuvor“ getragen werden,Zitat von Serge Lampin. Zitiert nach einer Informationstafel an der KZ-Gedenkstätte Dautmergen-Schömberg. welche regelmäßig durch sogenannte Leichenkommandos, ebenfalls aus Häftlingen bestehend, zu den Massengräbern im Schönhager Loch gebracht wurden.
Neben der körperlichen Schwerstarbeit litten die Häftlinge unter Mangelernährung, unzulänglicher Kleidung und fehlender Hygiene sowie dem schlechten Zustand des Lagers.Rastatter Prozess Nr. 9/47: Journal Officiel. Nr. 64, 15. April 1947, S. 653–663. Zitiert nach Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 188, 325 ff. Neben der Kälte und Feuchtigkeit erwiesen sich auch die Löcher, welche als Latrine dienten, als Gefahr. Mehrere Häftlinge stürzten nachts in die unbeleuchteten Löcher oder wurden hineingestoßen und ertranken. Zitiert nach Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 152, 212. Es grassierten Seuchen wie Fleckfieber, Typhus und Ruhr. Darüber hinaus waren Misshandlungen und Schikanen bis hin zu Ermordungen an der Tagesordnung. So wurde von wöchentlichem Umgraben des Appellplatzes zum Erhalt des schlammigen Bodens, Prügelstrafen, tagelangem Stehen mit gefesselten Händen, Pfahlhängen, Hinrichtungen am Galgen und Massenerschießungen berichtet.