mini|Karte Islands von Abraham Ortelius aus dem Jahr 1585 Aud Ketilsdottir, genannt Aud die Tiefsinnige (altnordisch: Auðr djúpúðga Ketilsdóttir; isländisch: Auður djúpúðga Ketilsdóttir, norwegisch: Aud den djuptenkte), Aud Ketilsdatter, auch bezeichnet als Unn oder Unnur Ketilsdottir (* um 835), war Siedlerin bei der Landnahme Islands durch norwegische Einwanderer. Viele Isländer leiten ihre Herkunft auf Aud zurück.
Auds Vater Ketil Björnsson, genannt Ketil Flachnase, war König der Hebriden. Aud war seit etwa 850 mit dem Wikingerfürsten Olaf dem Weißen verheiratet, der nach Angriffen auf Britannien und Irland Dublin erobert und sich um 853 zum König von Dublin gemacht hatte. Differenzen führten später dazu, dass Olaf Aud und den gemeinsamen Sohn Thorstein Olafsson, genannt „der Rote“, nach Norwegen zurückschickte. Eine Wende im Leben Auds und ihrer Familie ergab sich aus den fortschreitenden Bemühungen von König Harald Schönhaar, ganz Norwegen seiner direkten Kontrolle zu unterwerfen. Um diesem Schicksal zu entgehen, entschloss sich ihre Familie um 885, Norwegen zu verlassen. Während Aud ihrem Vater und ihrem Sohn Thorstein dem Roten nach Schottland folgte, gingen ihre Brüder Björn und Helgi Ketilsson in das wenig besiedelte Island. Sie zählen zu den ältesten Siedlern Islands, da sich Ingolf Arnarson erst um 874 bei Reykjavik als erster Siedler dauerhaft in Island niedergelassen hatte.Landnamabok Punkt 8, 9; S. 20/21 Nach dem Tod ihres Sohnes Thorstein verließ Aud Schottland und reiste um 915 über die Hebriden und die Orkneys mit Enkeln und Gefolge nach Island, wo sie im Breidafjord ein Territorium in Besitz nahm. Ihre Enkel heirateten in die dortigen Häuptlingsfamilien ein.
Hinweise auf ihr Leben finden sich in verschiedenen Isländersagas, insbesondere in der Laxdæla Saga,Laxdaela Saga, Übersetzt u. kommentiert von Magnus Magnusson und Hermann Pálsson, Kapitel 4 bis 7; Penguin Classics 1969 aber auch in der Eyrbyggja saga, der Njals saga, der Eiríks saga rauða und der Grettis saga sowie im Landnámabók und im Islendingabok. Islendingabok, Kapitel 11
Diese mehrfach übereinstimmenden Darstellungen, die oft auch durch Chroniken in anderen Sprachen verifizierbar sind, zeigen die Tragfähigkeit der mündlichen Überlieferungen, die als Erzählung über die Herkunft der ersten Einwanderer für die lokalen Sippschaften wesentlich, da identitätsstiftend waren. Sie erlauben einen Einblick in das Selbstverständnis, die Lebensweise und in die Gedankenwelt von Menschen, die vor mehr als 1000 Jahren Island besiedelten.
Aud gilt durch ihre Nachkommen als Stammmutter nicht nur bedeutender isländischer Persönlichkeiten wie Skalden, Bischöfen und Kriegern, sondern auch eines Großteils der isländischen Bevölkerung, wobei sich ihre Nachkommenschaft – etwa über die Jarle von Orkney – über das englische Königshaus der Plantagenet auch auf andere Dynastien in Europa ausbreitete.
Herkunft mini|Die Region Romsdal Aud stammt aus einer norwegischen Häuptlingsfamilie aus Romsdal, ursprünglich ein Kleinkönigreich im Bezirk Møre og Romsdal zwischen Nordmøre im Norden und Sunnmøre im Süden. Die ältesten Vorfahren von Aud finden sich im Landnámabók:Landnamabok Nr. 10, S. 22 Eylaug, Häuptling in Sögne, westlich der Stadt Kristiansand an der Schärenküste Südnorwegens. Vater von Thorgerd Thorgerd Eylaugsdotter, (Hervor Helgasdatter); Mutter von Hervor Hervor, Mutter von Wether-Grim Wether-Grim, Häuptling von Sögne; (Grim Hjallsson), Vater von Björn Buna Björn Buna Grimsson, Auds Großvater, war ein Häuptling in Norwegen. Er war mit Velaug Vikingsdatter, einer Tochter von Viking Skaanoyskjelmer, verheiratet; von ihm stammen fast alle prominenten Isländer ab. Landnamabok Nr. 10, S. 22 Björn Buna hatte drei Söhne: Ketil Björnsson, genannt Ketil Flatnefr (Ketil Flachnase), der Vater von Aud der Tiefsinnigen Hrapp Björnsson, der Vater von Orlyg Hrappson, genannt Orlyg der Alte, der von Bischof Patrick erzogen wurde. Orlyg ließ sich in Island nieder und erbaute dort eine der ersten christlichen Kirchen. Zu seinen Nachkommen zählen u. a. Bischof Eirik von Grönland Landnamabok Nr. 17, S. 24 sowie Snorri Sturluson, einer der bedeutendsten isländischen Politiker, Dichter und Historiker, und der Dichter Gunnlaug Schlangenzunge Illugason. Helgi Björnsson, über den nichts Näheres bekannt ist.
Auds Eltern Auds Vater, Ketil Björnsson, auch „Ketil Flachnase“ genannt, war ein norwegischer Häuptling. Nachdem König Harald Schönhaar die Hebriden erobert hatte und nach Norwegen heimgekehrt war, fielen dort Wikinger, Schotten und Iren ein. Daraufhin beauftragte König Harald Ketil Flachnase mit der Rückeroberung der Inseln. Ketil vertrieb die Plünderer, eroberte die Hebriden zurück und machte sich dort selbst zum König. Da er jedoch keinen der vereinbarten Tribute an Harald zahlte, wurden seine Besitzungen in Norwegen eingezogen und sein Sohn Björn Ketilsson verbannt.Landnamabok Punkt 14 S. 23
Auds Mutter war Yngvid Ketilsdottir, eine Tochter des Häuptlings Ketil Wetter aus Ringerike.
Auds Geschwister Aud wuchs gemeinsam mit vier Geschwistern, zwei Brüdern und zwei Schwestern, auf, mit denen sie auch später noch eng verbunden blieb. mini|Die großen Buchten Islands, Eyafjord im Norden
Björn Ketilsson, genannt Björn der Östler (der aus dem Osten) wurde der damaligen Praxis entsprechend von verwandten oder eng befreundeten Zieheltern in Schweden aufgezogen, machte daher die Übersiedlungen seiner Familie auf die Hebriden, d. h. nach Westen, nicht mit, sondern blieb in Schweden. Auch lehnte er das Christentum ab, was ihn als rückständig erscheinen ließ und ihm den Spitznamen „der aus dem Osten“ oder „der Östler“ eintrug. Er war von Erzählungen über das vor kurzem entdeckte Island beeindruckt, wo es keine Obrigkeit gab und jeder sich beliebig herrenloses Land aneignen konnte und es Fische im Überfluss gab. Er brach daher um das Jahr 884 von Norwegen nach Island auf, fuhr dabei in den Westen der Insel, wo er im Breidafjord herrenloses Land zwischen dem Fluss Staff und dem Hraunfjord in Besitz nahm und sich in dem nach ihm benannten Bjarnarhaven niederließ. Aus seiner Ehe mit Gjaflaug einer Schwester von Kjallak dem Alten Laxdæla saga S. 50 Anmerkung 2 , der ein Sohn von Björn dem Starken war.Landnamabok Punkt 111 Seite 55 hatte er zwei Söhne, Ottar Björnsson und Kjallak Björnsson. Ein Sohn des Ersteren, Helgi Ottarsson, ein isländischer Vikinger, entführte laut einer irischen Quelle „Banshenchas“ (die Frauenüberlieferung) Banshenchus: The Lore of Women, Nidbjorg, eine Tochter von Beollán mac Ciarmaic, später König von Süd-Brega (Lagore) und Cadlinar (Kaðlín; Kathleen), die eine Tochter von Ganger-Rolf, dem späteren Herzog Rollo von der Normandie war. Er machte sie zu seiner Frau und verband damit Island mit der Geschichte der Normandie. Er war der Vater des isländischen Skalden Einarr Helgasson, genannt Einarr skálaglamm, der Hofpoet des norwegischen Reichsverwesers, des Ladejarl Hakon Sigurdsson († 995) war, dem er sein Hauptwerk „Vellekla“ (Mangel an Gold) widmete. Seine Gedichte finden sich in der Prosa-Edda, der Egils saga etc. Helgi Ottarsson war auch der Vater von Ósvif Helgason und der Großvater von Gudrun Osvifsdottir (* 974; † im 11. Jahrhundert), der Protagonistin der Laxdæla saga; die als die schönste und intelligenteste Frau in Island ihrer Zeit und als eine „Femme fatale“ galt, da sie viermal – darunter zweimal mit Cousins und Nachkommen von Aud (mit Bolli Thorleiksson und Thorkel Eyolfsson) – verheiratet war, aber schließlich zu Islands erster Nonne wurde und eine Klosterkapelle bei ihrem Gutshof in Helgafell errichten ließ. Laxdæla saga Kapitel 32, Seite 117, Anmerkung 1 Bolli Bollasson (* 1007), einer von Gudruns Söhnen, besuchte Olaf II. den Heiligen König von Norwegen von 1015 bis 1028, fuhr nach Dänemark und von dort nach Konstantinopel und trat dort als einer der ersten Isländer in die Warägergarde ein. Er kehrte nach mehreren Jahren um 1030, reich beschenkt, nach Island zurück, wo er – da er stets in Purpurgewändern und mit vergoldeten Waffen auftrat – Bolli der Stolze genannt wurde. Laxdæla saga Kap. 77, S. 236 Er war mit einer Cousine, Thordis Snorrasdottir, einer Tochter des Häuptlings Snorri Godi, verheiratet, der ihn 1031 zu seinem Erben machte. Einer von Gudruns Enkel war ThordThorgilsson, genannt Ari der Gelehrte (* 1067/1068; † 9. November 1148), der als Islands erster Historiker und als der erste gilt, der seine Texte nicht, wie im Mittelalter üblich, in Latein, sondern in der Landessprache verfasste. Ari ist Autor des Íslendingabók und war vermutlich auch an der Erstellung der Grundlagen des Landnamaboks beteiligt. mini|Jón Ögmundsson, Bischof von Hólar
Helgi Ketilsson, genannt Helgi Bjolan, wandte sich von den Hebriden nach Island und verbrachte den ersten Winter bei Ingolf Arnarson, dem ersten dauerhaften Siedler in Island, der um 874 Reykjavik gegründet hatte, und nahm mit dessen Zustimmung die Halbinsel Kjalarnes (heute Teil der Stadt Reykjavik) zwischen den Flüssen Mogils und Myrdale in Besitz. Landnamabok Nr. 14, Seite 29 mini|Kjalarnes bei Reykjavík Er lebte bis ins hohe Alter in Esjuberg. Seiner Schwester Aud gegenüber, die mit ihrem Gefolge bei ihm den ersten Winter in Island verbringen wollte, erwies er sich als wenig gastfreundlich, sodass diese sich zu ihrem anderen Bruder Björn dem Östler in den Breidafjord begab.Laxdæla saga S. 50 53 u. 253 Durch seinen Sohn Eyvind Hjalti war er ein Vorfahre von Bischof Jón Ögmundsson (* 1052; † 23. April 1121), der 1106 das Bistum Hólar im Norden Islands gründete, die heidnischen Bezeichnungen der Wochentage nach Odin, Tyr und Thor abschaffte und als Heiliger der Katholischen Kirche verehrt wird.
Thorunn Ketilsdottir, genannt Thorunn Hyrna, heiratete Helgi Eyvindarson, genannt Helgi der Magere: Dieser war ein Sohn von Eyvind Bjarnarson, genannt Eyvind „aus dem Osten“ und der Raferta, einer Tochter des Königs Kjarval von Irland. Dieser „Kjarval“ wurde anhand irischer Annalen mit König Cerball mac Dúnlainge von Ossory identifiziert, der um 888 starb. Laxdæla saga Kapitel I S. 47 Anmerkung 1 Helgi begab sich wie die Brüder seiner Frau nach Island, segelte entlang der Nordküste und nahm den ganzen Eyafjord (ein etwa 60 Kilometer langer und bis zu 24 km breiter Fjord im Nordosten Islands) zwischen Sigulness und Reynisness in Besitz. Er nannte seinen Wohnsitz Kristnes, was einer der ältesten christlichen Ortsnamen in Island ist. Er war jedoch wohl nur ein halber Christ, denn er glaubte zwar an Christus, auf Seereisen und in Gefahr rief er jedoch sicherheitshalber lieber Thor um Hilfe an. Auf ihn geht in Island die Sippschaft der Eyrfirding kin zurück (Laxdæla saga S. 50 Anm. 3)
Jorunn Ketilsdottir, genannt Jorunn „Wisdom-Slope“ (Weisheitshügel), war die Mutter von Ketil dem Fischer, der sich als erster Siedler in Kirkby niederließ. Zu dessen Nachkommen zählt Sighvat Surtsson, der von 1076 bis 1083 Rechtssprecher des Althing, des seit 930 bestehenden isländischen Parlaments, war. Laxdæla saga, übersetzt und kommentiert von Magnus Magnusson und Hermann Palsson Kap. !; S. 47, Penguin Books, Reprinted 1988
Leben Königin von Dublin