Hugo von Sitten war in der Zeit von etwa 994 bis um 1020 Bischof von Sitten. Der Name seines Vorgängers ist nicht sicher überliefert; möglicherweise war es Amizo, der jedoch nur von 983 bis 985 bezeugt ist. Die Nachfolger von Bischof Hugo waren wohl Eberhardus, der um 1020 erwähnt wird, und danach Aymo bis um die Mitte des 11. Jahrhunderts.

Von Bischof Hugos Lebensdaten, Herkunft, Leben und Amtstätigkeit ist kaum etwas bekannt.Die 1576 redigierte Bischofsliste der Kirche von Sitten führt Bischof Hugo an 15. Stelle der Bischöfe von Sitten auf und erwähnt Quellenstücke aus seiner Zeit. Siehe dazu bei: Catherine Santschi: Le catalogue des évêques de Sion de Pierre Branschen (1576). Edition critique. In: Vallesia, 1967, S. 87–134, hier S. S. 102.Jean Gremaud: Documents relatifs à l’histoire du Vallais. Bd. 5. In: Mémoires et documents publiés par la Société d’histoire de la Suisse romande, 33, Lausanne 1884, S. CX, erwähnt als Todesdatum von Bischof Hugo den 14. Oktober. Im Jahr 998 ist er unter den Teilnehmern des Konzils in Rom aufgeführt.Jean Gremaud: Documents relatifs à l’histoire du Vallais (300–1253). Bd. 1. In: Mémoires et documents publiés par la Société d’histoire de la Suisse romande, 29, Lausanne 1875. Nr. 69, S. 48. Gemäss einer Notiz im Archiv des Klosters Saint-Maurice brannte im Jahr 1010 die Kathedrale von Sitten.Jean Gremaud: Documents relatifs à l’histoire du Vallais (300–1253). Bd. 1. In: Mémoires et documents publiés par la Société d’histoire de la Suisse romande, 29, Lausanne 1875. Nr. 74, S. 54.

Bischof Hugo spielt jedoch in der Geschichte als Empfänger von zwei oft zitierten historischen Quellendokumenten eine Rolle. Es sind dies eine in der Walliser Geschichte wichtige Schenkungsurkunde des Königs von Hochburgund im Jahr 999Jean Gremaud: Documents relatifs à l’histoire du Vallais (300–1253). Bd. 1. In: Mémoires et documents publiés par la Société d’histoire de la Suisse romande, 29, Lausanne 1875. Nr. 71, S. 49–53. sowie ein Schreiben des Sankt Galler Mönchs und frühen deutschen Dichters Notker Labeo von etwa 1017/1020.

Hugo von Sitten ist nicht zu verwechseln mit dem zeitgleich amtierenden Bischof Hugo von Genf, der gelegentlich zusammen mit Hugo von Sitten in Urkunden erscheint.Catherine Santschi: Le catalogue des évêques de Sion de Pierre Branschen (1576). Edition critique. In: Vallesia, 1967, S. 87–134, hier S. 102/103.

Grafenamt im Wallis Das Rhonetal oberhalb des Genfersees mit dem Bistum Sitten lag im Gebiet des um 930 gebildeten Königreichs Burgund. Ein wichtiges kulturelles Zentrum des Burgunderreichs war das Kloster Saint-Maurice im Unterwallis, und im 10. Jahrhundert war das Amt des Abts von Saint-Maurice mehrmals in Personalunion vereint mit jenem des Bischofs von Sitten. Die beiden geistlichen Funktionen standen in engem Austausch mit den burgundischen Königen. In der Amtszeit von Bischof Hugo war zuerst König Rudolf III. von Burgund selbst von 993 bis ins Jahr 1000 zugleich das nominelle Oberhaupt des Konvents dieses Reichsklosters und auf ihn folgte Abt Burkard von 1000 bis 1030.

Wegen Auseinandersetzungen um die Herrschaft über das Land sah sich König Rudolf III. von Burgund dazu veranlasst, die Machtverhältnisse in seinem grossen Reich dadurch zu festigen, dass er die weltliche Herrschaft über bedeutende Regionen den örtlichen Kirchenleitern anvertraute. Die ältere Geschichtsforschung interpretierte dieses Vorgehen so, dass der König auf diese Weise die aufstrebenden Adelsfamilien in Schach halten wollte; eine andere Auffassung besagt, er habe die königstreuen Bischöfe belohnen wollen.Karl Ubl: Der kinderlose König. Ein Testfall für die Ausdifferenzierung des Politischen im 11. Jahrhundert. In: Historische Zeitschrift, 292, 2011, S. 323–363, hier: S. 332. Im Jahr 996 verlieh er dem Bischof von Tarentaise die Grafschaftsrechte in diesem Bergtal der savoyischen Alpen, und im Jahr 999 übergab er gleicherweise die königliche Grafschaftsgewalt im Wallis, also die mit dem Grafenamt verbundenen Rechte (und nicht etwa das Territorium selbst) an Bischof Hugo von Sitten. Dessen Diözese war seit langem dem Metropolitanbischof von Tarantaise unterstellt.

Im gleichen Jahr 999 schenkte König Rudolf III. dem Bischof von Basel im Nordosten des burgundischen Reiches Klöster im Jura und das Münstertal. 1011 empfing der Bischof von Lausanne aus der Hand des Königs die gräfliche Gewalt über die Waadt, und 1023 erhielt das alte Erzbistum Vienne die Grafschaft im mittleren Rhonetal von Lyon bis in die Alpentäler. Die begünstigten Bischofssitze bildeten nur eine kleine Gruppe innerhalb der 35 Diözesen im burgundischen Königreich.

Die Schenkungsurkunde wurde im Jahr 999 im Namen des Königs in Cudrefin am Neuenburgersee, einer Ortschaft und Gerichtsstätte im Besitz des Bistums Sitten,Jean-Daniel Morerod: L’Église du Valais et son patrimoine dans le diocèse de Lausanne. Contribution à une préhistoire des évêchés romands In: Vallesia, 1999, S. 137–160, hier S. 143. niedergeschrieben.Rudolf Schieffer: Die Urkunden der Burgundischen Rudolfinger. München 1977, S. 237, Nr. 86. Damit übertrug König Rudolf die den dortigen Bischöfen offenbar schon früher als Lehen anvertrauten königlichen Herrschaftsrechte im Gebiet des Wallis vom Furkapass bis nach Martigny und möglicherweise auch im Chablais bis zum Genfersee, wo die Kirche von Sitten damals umfangreichen Güter u. a. bei Vevey und in Montreux besass.Jean-Daniel Morerod: L’Église du Valais et son patrimoine dans le diocèse de Lausanne. Contribution à une préhistoire des évêchés romands In: Vallesia, 1999, S. 146. Dazwischen lag das Territorium des Reichskloster Saint-Maurice. Die Urkunde von 999 bezeichnet die Grenzen des Grafschaftsgebiets nicht; erst viel später, seit dem 12. Jahrhundert, galt die Dranse bei Martigny als Landesgrenze des bischöflichen Staates; als Grenzzeichen stand dort in der Nähe des Dorfes Batiaz und einer heute verschwundenen Ortschaft Ottans, an die noch der Bergnamen des Mont d’Ottan erinnert, das Grenzzeichen «Kreuz von Ottans» zwischen den Gebieten der Grafschaft Wallis und der Grafschaft Chablais.Christine Payot: Ottans. Enquête sur un hameau disparu de la région de Martigny. Lausanne 1998.Philippe Farquet, Le Mont d’Ottan près de Martigny. Etude phytogéographique. In: Bulletin de la Murithienne, 46, 1928–1929, S. 117 Der Bischof von Sitten war nun für die Sicherheit auf der Strasse zum wichtigen Alpenübergang des Grossen Sankt Bernhard verantwortlich. Im 11. Jahrhundert befand sich auch die burgundische Burg Chillon am Genfersee, ein befestigter Posten an der Grenze der Diözese Sitten zur Waadt, im Besitz des Bischofs von Sitten; noch im 13. Jahrhundert hatte der Kastlan von Chillon, ein Dienstmann der Grafen von Savoyen, dem Bischof von Sitten den Zins von der Burg zu entrichten. Der Urkundentext von 999 erwähnt frühere Rechtsbestimmungen, also wohl königliche Dokumente, die jedoch heute nicht mehr erhalten sind, in welchen die Befugnisse des Bischofs von Sitten beschrieben waren. In den Walliser Machtkämpfen des Spätmittelalters behauptete die bischöfliche Partei stets, schon Karl der Grosse habe die weltliche Herrschaft dem Walliser Bischofsstuhl verliehen, jedoch gibt es für die als Carolina bekannte Urkundenfälschung keine historischen Grundlagen.Sitten (Bistum). In: Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz, Bd. 6, 1931, S. 386. Die Schrift besagt in der später überlieferten Form, der König schenke die Vollmacht des Grafen im Wallis «der heiligen Maria und dem heiligen Theodul zu Sitten», also den Schutzpatronen der Kathedrale von Sitten. Die im 9. Jahrhundert in Sitten gebaute karolingische Bischofskirche, Vorgängerin der aktuellen Kirche Notre-Dame du Glarier, war vielleicht auch schon der Muttergottes geweiht; die Verknüpfung mit dem spätantiken Bischof von Oktodurus (Martigny) und Landespatron Theodor kann eine Ergänzung des späten Mittelalters gewesen sein.Gilbert Coutaz: La donation des droits comtaux à l’évêque de Sion, en 999. Un texte dévalué de l’histoire du Valais. In: Vallesia, 1999, S. 31–67, hier S. 56. Die Königsurkunde von 999 legt schliesslich fest, das unveräusserlich an die Kathedrale gebundene Grafschaftsamt sei Bischof Hugo und seinen Nachfolgern anvertraut.

Die Urkunde für Sitten aus dem Jahr 999 ist nicht im Original erhalten, sondern nur in einer notariell beglaubigten Abschrift von 1477 im Archiv des Domkapitels von Sitten.Jean Gremaud: Documents relatifs à l’histoire du Vallais (300–1253). Bd. 1. In: Mémoires et documents publiés par la Société d’histoire de la Suisse romande, 29, Lausanne 1875. Nr. 71, S. 49–53. Das burgundische Dokument diente Bischof Walter Supersaxo nach der Eroberung des savoyischen Unterwallis ein Jahr zuvor als Beleg für seinen Herrschaftsanspruch.Gilbert Coutaz: La donation des droits comtaux à l’évêque de Sion, en 999. Un texte dévalué de l’histoire du Valais. In: Vallesia, 1999, S. 31–67, hier s. 48. Die Königsurkunde ging möglicherweise beim Brand der Stadt Sitten und der Bischofsburgen Majoria und Tourbillon im Jahr 1788 mit dem Bistumsarchiv verloren, während das Archiv des Domkapitels auf der Kirchenburg Valeria vom Feuer verschont blieb; andererseits kann die Originalurkunde auch schon früher durch eine Abschrift ersetzt worden sein.Dazu Gilbert Coutaz: La donation des droits comtaux à l'évêque de Sion, en 999. Un texte dévalué de l’histoire du Valais. In: Vallesia, 1999, S. 31–67, hier S. 55.

König Rudolf III. versprach im Jahr 1006 die Herrschaft über das Burgunderreich vertraglich dem deutschen König Heinrich II., und so kam Burgund nach Rudolfs Tod am 6. September 1932 im folgenden Jahr als Erbe an den römisch-deutschen Kaiser Konrad II., der jetzt auch die Oberhoheit über das Reichsgrafschaft Wallis besass. Seit diesem Datum war der Bischof von Sitten ein Reichsfürst des Heiligen Römischen Reiches.

Brief von Notker III. Am Ende seiner Amtszeit empfing Bischof Hugo von Sitten einen lateinisch geschriebenen Brief, der in der Kulturgeschichte als Epistola ad Hugonem episcopum Sedunensem gut bekannt ist.Mémoires et documents publiés par la Société d’histoire de la Suisse romande, 18, Nr. 457. Das Schreiben aus der Feder des St. Galler Mönchs Notker III. (um 950–1022) wird in der Literaturgeschichte oft diskutiert.Epistola ad Hugonem episcopum Sedunensem, geschichtsquellen.de Der wohl etwa um 1017 verfasste Brief beginnt mit den Worten Domino sancto Sedunensi episcopo. Er ist als Abschrift in einem Sammelband aus dem 11./12. Jahrhundert überliefert, der im Kloster Sankt Eucharius-Matthias in Trier entstand und heute in der Königlichen Bibliothek Belgiens liegt.Brüssel, Königliche Bibliothek Belgiens, Handschrift 10615–10729, f. 58r. aratea-digital.acdh.oeaw.ac.atK. Manitius: Eine Gruppe von Handschriften des 12. Jahrhunderts aus dem Trierer Kloster St. Eucharius-Matthias. In: Forschungen und Fortschritte, 29, 1955, S. 317–19. Über die Person des Empfängers im Wallis oder die Beziehungen zwischen diesem und dem St. Galler Mönch sagt der Text kaum etwas aus, bedeutend ist er vielmehr als autobiographische und literaturgeschichtliche Quelle zu Notker.