Marinequadrate (kurz MQ oder Mar.-Qu.) waren die nummerierten Felder eines über Seekarten gedruckten Gitters, mit denen die deutschen Seestreitkräfte von spätestens 1914 bis 1945 die Position von Fahrzeugen auf See in verkürzter, funk- und schlüsselfähiger Form angaben. Die zugehörigen Marinequadratkarten (kurz Quadratkarten) waren ausdrücklich „Für die Navigierung nicht zu benutzen“. Nacheinander bestanden drei Systeme mit jeweils eigenem Aufbau: das der Kaiserlichen Marine, ein 1918 eingeführtes und von der Reichsmarine weitergeführtes System sowie das 1937 eingeführte, weltweit angelegte System der Kriegsmarine.
Zweck und Begriff Nach den Gebrauchsanweisungen sollten die Quadratkarten „eine kurze Bezeichnung des ungefähren Standortes auf See ermöglichen“. Gegenüber dem üblichen System mit Angabe von geographischer Breite und Länge erreichte man so eine größere Kompaktheit, eine geringere Fehleranfälligkeit bei der Übermittlung und eine gewisse Geheimhaltung. Da die Karten nicht laufend berichtigt wurden, dienten sie der Meldung, nicht der Navigation.
Obwohl die Felder keine exakten Quadrate waren – die Großquadrate ähnelten eher rechteckförmigen Polygonen, und die kleinen Quadrate in Küstennähe sahen alles andere als quadratisch aus –, war die Bezeichnung „Quadrat“ allgemein üblich, gewissermaßen als Name für Seebereiche. In allen drei Systemen haben die Zeilen des Gitters eine konstante Höhe in Breitenminuten, während die Breite der Spalten in Längenminuten zu den Polen hin stufenweise vergrößert wird, damit die Felder nicht beliebig schmal werden. Die Linien, an denen die Spaltenbreite wechselt, werden als Sprunglinien bezeichnet.
Das Verfahren hat Ähnlichkeit mit dem heute im Amateurfunk verwendeten QTH-Locator, bei dem ebenfalls die Kompaktheit der Positionsangabe und die damit verknüpfte Redundanzminderung gewünscht ist.
Herausgebende Dienststelle Die Quadratkarten entstanden in der hydrographischen Dienststelle der Marine, deren Bezeichnung und Unterstellung mehrfach wechselten: 1861 als Hydrographisches Bureau im preußischen Marineministerium gegründet, hieß sie ab 1879 Hydrographisches Amt, ab 1893 Nautische Abteilung und ab 1908 Nautisches Departement des Reichsmarineamts, ab 1919 Nautische Abteilung der Marineleitung und ab 1935 Nautische Abteilung im Oberkommando der Kriegsmarine. 1939 ging sie in der Amtsgruppe Nautik auf und wurde 1941 zur 6. Abteilung der Seekriegsleitung.Deutsches Hydrographisches Institut (Hrsg.): Das Deutsche Hydrographische Institut und seine historischen Wurzeln. 2., ergänzte Auflage. Hamburg 1979, S. 8. Das amtliche Seekartenwerk umfasste 1911 404 Seekarten, bei Kriegsausbruch 1914 508, 1936 849, 1939 898 und 1944 1050 Karten.Deutsches Hydrographisches Institut (Hrsg.): Das Deutsche Hydrographische Institut und seine historischen Wurzeln. 2., ergänzte Auflage. Hamburg 1979, S. 5–6.
Die Quadratkarten wurden nicht bei Privatfirmen, sondern in der eigenen photolithographischen Anstalt gedruckt. Deren Kapazität war begrenzt: Von den 1068 Karten militärischen Inhalts, die in den Jahren 1915 bis 1918 gedruckt wurden, entstanden dort nur 283. Nach 1918 wurde die Dienststelle stark verkleinert; die Zahl der Kartographen sank auf 14, und die verbliebenen Mittel sollten vorrangig der Handelsschifffahrt dienen. Ab 1930 entstanden statt der geplanten 50 nur noch 30 neue Seekarten im Jahr.
Kaiserliche Marine Karten Die Quadratkarten der Kaiserlichen Marine bildeten im amtlichen Kartenverzeichnis eine eigene Reihe (Titel XIV). 1914 werden sie als Teil der Kriegsausstattung erwähnt. Das Gitter wurde in der Regel auf vorhandene Admiralitätskarten überdruckt; so beruht die Nordseekarte Tit. XIV Nr. 71 auf der Segelkarte Nr. 44 „Die Nord-See“ von 1893, deren Katalogzeile samt Ladenpreis auf dem Nordblatt stehen geblieben ist. Das Impressum der Quadratkarten nennt das Jahr der Grundkarte; der Überdruck selbst lässt sich über die neu eingestochene Angabe der Missweisung datieren, bei Tit. XIV Nr. 71 auf 1911/12.
Aufbau und Notation Nach der Gebrauchsanweisung war jede Karte in bis zu neun Hauptquadrate geteilt, die mit den Zusatzzahlen 1 bis 9 bezeichnet wurden; jedes Hauptquadrat umfasste 850 kleine Quadrate. Innerhalb der Hauptquadrate bezeichneten die griechischen Kleinbuchstaben α bis ε fünf farbig unterschiedene Felder (α rot, β gelb, γ weiß, δ grün, ε blau), in denen die kleinen Quadrate dreistellige Nummern trugen. Die Zusatzzahl war nur anzugeben, wenn Verwechslungen möglich waren. So lag die Insel Helgoland in der Quadratkarte Die Nordsee im Quadrat 152 des Feldes Epsilon im Hauptquadrat 7, kurz anzugeben als „152 ε 7“ und gelesen als „Quadrat 152 Epsilon, Zusatzzahl 7“.Der Krieg zur See 1914–1918 – Der Handelskrieg mit U‑Booten – Band 1. E. S. Mittler & Sohn, Berlin 1932, herausgegeben vom Marine-Archiv, Anhang: Karte 5, S. 312, PDF; 230 MB. In den Quellen finden sich auch die Schreibweisen „152 ε Zz. 7“ und „7152 ε“.
Die kleinen Quadrate wurden mäandernd gezählt: in der ersten Spalte in der Regel von oben nach unten, in der nächsten von unten nach oben und so fort. Auf den Blättern für den Atlantik westlich von 5° W sowie in der südlichen Nordsee südlich von etwa 52° 55′ N wurde dagegen waagerecht gezählt.
Rasterweiten + Zellmaße im System der Kaiserlichen Marine Seegebiet Breite (Längenminuten) Höhe (Breitenminuten) Ostsee 10′ 5′ Nordsee und Randmeere südlich 56° N 10′ 6′ Nordsee nördlich 56° N, offener Atlantik 12′ 6′ Sprunglinien bzw. Bezirksgrenzen liegen bei 56° N, bei 52° 12′ N zwischen Wales und Irland, bei 7° W und bei 48° N; im Skagerrak stoßen die Ost- und die Nordseeeinteilung bei 10° O aneinander.
Verbreitung Quadratkarten sind für Nord- und Ostsee, den Atlantik westlich der Britischen Inseln und die Biskaya überliefert, darunter die „Quadratkarte 54a“, ein Überdruck auf der Manöverkarte Nr. 54. Für Mittelmeer und Schwarzes Meer sind keine Quadratkarten bekannt; die Kriegstagebücher der dort eingesetzten U-Boote geben Positionen in Länge und Breite an. 1917 erschienen einzelne Karten, etwa die Nordseekarte Tit. III Nr. 2, als photolithographische Neuzeichnungen unter dem Titel der Grundkarte.
Das System von 1918 Quadratkarten-Schlüssel Mitte 1918 führte das Reichsmarineamt ein neues System ein, das keine griechischen Buchstaben mehr verwendete, sondern Großbuchstaben des lateinischen Alphabets. Es ist in einem „Quadratkarten-Schlüssel“ dokumentiert, der den Raum vom Nordkap bis Nordafrika und von den Azoren bis zum Schwarzen Meer in Großquadrate mit den Buchstaben A bis Z (ohne I) teilt. Nach seiner Gebrauchsanweisung enthielten diese „im allgemeinen 3000 kleine Quadrate“; für Erweiterungen waren die Bezeichnungen AA, AB usw. vorgesehen. Der Buchstabe hieß „Zusatz-Buchstabe“ und war, wie zuvor die Zusatzzahl, nur bei Verwechslungsgefahr anzugeben. Helgoland lag nun innerhalb des Großquadrats L in den Quadraten 2432 und 2433, kurz „2432 L“ beziehungsweise „2433 L“.
Aufbau Die kleinen Quadrate wurden spaltenweise stets von unten nach oben gezählt; am oberen Rand sprang die Zählung an den unteren Rand der nächsten Spalte. Je nach Großquadrat begann die Zählung links unten (A, B, D–H, O–R, T) oder rechts unten (J–N, S, U, V). Großquadrate mit zwei unterschiedlich geteilten Teilflächen (G, H, R) wurden getrennt gezählt, der südliche Teil zuerst.
+ Zellmaße im System von 1918 Großquadrate Lage Breite × Höhe Kleinquadrate D, E, F 56°–62° N 12′ × 6′ je 3000 G, H 56°–63° N 12′ × 6′, nördlich 62° N 15′ × 6′ je 2720 J–N, O–Q 46°–56° N 10′ × 6′ je 3000 R 42°–52° N, westlich 14° bzw. 11° W 20′ × 10′, südlich 46° N 20′ × 15′ 2952 S, T 27°–42° N, westlich 11° bzw. 5° W 20′ × 15′ 2016 bzw. 2268 U, V 34°–46° N, 11° W–9° O 15′ × 10′ je 2880 Durchgehende Sprunglinien liegen bei 46°, 56° und 62° N, weitere bei 34° N, 11° W und 14° W. Die Sprunglinie bei 56° N ist aus dem älteren System übernommen. Einige Großquadrate sind treppenförmig begrenzt (B, R, W, X), andere liegen überwiegend über Land (N, weitgehend auch M und Q).
Einsatz In der Nordsee ist das System ab Mitte Juli 1918 belegt, in der westlichen Ostsee spätestens im August, in der nördlichen Ostsee im Oktober 1918. Das ältere System blieb daneben in Gebrauch; so meldete U 114 westlich von Irland am 5. Oktober 1918 „063 γ 3“ und am folgenden Tag „2662 R“. Nachgewiesen sind Ausgaben von 1918 für Ostsee, Skagerrak, Nordsee, Hoofden, den östlichen Nordatlantik und die Westküste der Iberischen Halbinsel. Karten für das im Schlüssel bereits eingeteilte Mittelmeer sind nicht nachgewiesen, obwohl der Schlüssel solche verzeichnet.
Die Reichsmarine führte das System weiter; in den 1920er Jahren erschienen weitere Ausgaben, und noch 1935 wurde eine Ostseekarte mit seinem Netz nachgedruckt.
Das System der Kriegsmarine Einführung 1937 führte die Kriegsmarine ein neues, die ganze Erde umfassendes System ein. Die ersten Karten erschienen 1937 und wurden im Winter 1937/38 in einem Kriegsspiel erprobt. Die Karten trugen die Nummer der zugrunde liegenden Seekarte mit dem Zusatz „G“, etwa „1851 G“; die Nummer gehört dabei zur schwarz gedruckten Grundkarte, das grün gedruckte „G“ zum Überdruck. Zunächst als „geheimer Gegenstand“ gekennzeichnet, der nicht in gegnerische Hände fallen durfte, wurden die Karten im Februar 1940 zu „Nur für den Dienstgebrauch“ herabgestuft.
Großquadrate Die Seegebiete der Erde wurden mit einem System von Großquadraten abgedeckt. Auch hierbei handelte es sich nicht um exakte Quadrate mit identischen Seitenlängen. Der strategisch bedeutsame Teil beispielsweise des Atlantiks wurde zeilenweise, beginnend bei Grönland, von West nach Ost und von Nord nach Süd mit Großquadraten abgedeckt. Diese wurden durch zwei Buchstaben wie AD, AE, AF, AG und so weiter gekennzeichnet. Das Seegebiet um Helgoland lag im Großquadrat AN. Insgesamt umfasst das System 536 Großquadrate.
Die Kantenlänge eines Großquadrats betrug in der Regel 486 Seemeilen (rund 900 Kilometer), das entspricht 34 × 6 sm, also 81 mal 6 Seemeilen. Die Höhe der Großquadrate war mit 8° 06′ geographischer Breite konstant, ihre Breite in Längengraden dagegen zonenweise gestuft.
Kleinquadrate Jedes Großquadrat wurde nach einem identischen Schema in kleinere Quadrate aufgeteilt. Dazu wurde es im ersten Schritt, wie beim Spiel Tic-Tac-Toe, mithilfe einer 3×3-Matrix in neun Felder geteilt, die wie auf einer Telefontastatur von 1 (Nordwesten) bis 9 (Südosten) nummeriert waren:
Statt der etwa 900 km Kantenlänge eines Großquadrats wies jedes dieser Felder eine von etwa 300 km (162 sm) auf. Diese Unterteilung wurde mit jedem der neun Felder in gleicher Weise fortgesetzt: Im zweiten Schritt erhielt man Quadrate mit etwa 100 km (54 sm) Kantenlänge, im dritten rund 30 km (18 sm) und im vierten schließlich 6 sm, also 11.112 m. Diese Kleinquadrate sind 6 sm hoch und nur annähernd ebenso breit.
Dies wurde als ausreichend präzise angesehen, deshalb nicht weiter unterteilt, und beispielsweise als AN 9566 bezeichnet. Für den Fall, dass doch einmal eine genauere Ortsangabe benötigt wurde, konnten Zusätze verwendet werden, wie Links, Rechts, Oben, Mitte, Unten, Kante oder Kombinationen wie Kante Oben Mitte. Umgekehrt war es für gröbere Positionsangaben üblich, etwa nur AN 95 zu nennen.Michael Emmerich: Kriegsmarine Marinequadratkarte (englisch), abgerufen am 25. November 2020.
Sprunglinien und Unregelmäßigkeiten