mini|Stormé DeLarverie in 1958, koloriert|alternativtext=Stormé DeLarverie steht vor einer hellbraunen Wand mit dunklen Pflanzenmustern. Sie trägt ein oben aufgeknöpftes, lila Jackett mit einem weißen Einstecktuch; ein weißes Hemd, eine schwarze Fliege, einen aufgemalten, dünnen Oberlippenbart sowie eine bis zu den Ohren reichende, braune Stoppelfrisur. Links und rechts neben ihr stehen Personen in Kleidern, die eine Hand auf DeLarveries linken Arm beziehungsweise rechte Schulter legen.
Stormé DeLarverie [], meistens Stormy [] genannt, (* circa 24. Dezember 1920 in New Orleans; † 24. Mai 2014 in Brooklyn) war eine US-amerikanische Künstlerin und LGBT-Aktivistin. Sie wurde zunächst als Dragking in einer ab den 1950er Jahren landesweit populären Revue bekannt, eine wichtige Episode in der Geschichte der amerikanischen Drag-Szene. Im selben Zeitraum verbreitete sich der von ihr im Privatleben bevorzugte androgyne Kleidungsstil in ihrer Heimatstadt New York City, was als eines der ersten frühen Beispiele für eine wachsende Beliebtheit geschlechtsneutraler Kleidung in den Vereinigten Staaten betrachtet wird.
Ihre Festnahme in der Nacht des 28. Juni 1969 und ihre Reaktion darauf gelten als einer der Hauptauslöser für den Aufstand in Stonewall, obgleich dies aufgrund sehr unterschiedlicher Angaben zu den Ereignissen umstritten ist. Gleich ihrer Rolle in Stonewall setzte sich DeLarverie seitdem verstärkt für LGBT-Personen ein, unter anderem durch regelmäßige Rundgänge im Greenwich Village zum Schutz der dort lebenden queeren Personen, vor allem lesbischer Frauen. Aus diesem Grund wurde DeLarverie schon zu Lebzeiten als „Rosa Parks der US-amerikanischen LGBT-Gemeinschaft“ bezeichnet.
Frühe Jahre mini|Ihre unkonventionelle Art führte DeLarverie bereits in jungen Jahren an Orte wie die Radio City Music Hall.|alt=An einer Verkehrsstraße steht ein graugrünes Hochhaus, im Erdgeschoss befindet sich ein braunes Schild mit hellblauer Umrandung. Auf dem Schild steht der rote Schriftzug Radio City Music Hall, darunter in weißen Buchstaben das Theaterprogramm. Über dem Schild im Erdgeschoss sind zwei hohe, längliche Schilder mit derselben Aufschrift angebracht. Am Gebäude hängen einige Landesflaggen, während auf dem Gehsteig Fußgänger und eine Straßenlaterne stehen. Auf der Straße fahren zudem einige Autos.
Stormé DeLarverie wurde 1920 in New Orleans geboren. Ihre afroamerikanische Mutter war als Hausangestellte für einen wohlhabenden weißen Mann tätig, den sie später heiratete. Weil Mischehen zur damaligen Zeit illegal waren, erhielt DeLarverie nie eine Geburtsurkunde und wusste deshalb ihren genauen Geburtstag nicht. Deswegen entschied sie sich, diesen an Heiligabend zu feiern.
In ihrer Kindheit sah sich DeLarverie massiven Anfeindungen sowohl weißer als auch afroamerikanischer Gleichaltriger ausgesetzt. So musste sie nach einer Prügelei eine Beinschiene tragen; bei einem anderen Vorfall wurde sie an einem Zaunpfahl aufgehängt. Die dadurch erlittene Verletzung hinterließ eine lebenslange Narbe am anderen Bein. Deswegen entschloss sich ihr Vater schließlich, sie zu ihrer eigenen Sicherheit für einige Jahre auf eine Privatschule außerhalb ihrer Wohngegend zu schicken.
Als Jugendliche war sie Springreiterin im Ringling Brothers Circus. Diese Tätigkeit beendete sie nach einem Sturz vom Pferd, der mehrere Knochenbrüche zur Folge gehabt hatte. Im Alter von 18 Jahren erkannte sie, dass sie lesbisch ist. Sie zog nach Chicago, weil sie befürchtete, im Süden wegen ihrer Homosexualität getötet zu werden. In ihren späten Teenagerjahren begann sie zudem eine Karriere als Alt-Jazz-Interpretin unter dem Künstlernamen Stormy Dale. Stormy etablierte sich auch als Aussprache ihres bürgerlichen Vornamens. 1989 gab sie in einem Interview an, dass in diesem das é eigentlich stumm sei. Ab 1939 war sie Sängerin in verschiedenen Jazz- und Swing-Bigbands, mit einigen tourte sie gelegentlich durch Europa. Daneben verdiente DeLarverie nach eigener Aussage ihr Geld in Chicago als Personenschützerin für Mafiosi.
Anfang der 1940er Jahre lernte sie eine Tänzerin namens Diana kennen, mit der sie fortan in einer Beziehung lebte. Sie zogen einige Jahre später zusammen nach New York City, wo DeLarverie offen als lesbische Frau lebte. In Chicago hatte sie sich aus Angst vor homophoben Angriffen in der Öffentlichkeit als heterosexueller Mann ausgegeben. Dies gelang unter anderem durch ihren Kurzhaarschnitt und das Tragen von Anzügen. Daneben benutzte DeLarverie laut Freunden im Alltag verschiedene Anreden.
1946 traf sie während einer Tournee in Miami Danny Brown und Doc Brenner, mit denen sie sich anfreundete. Die beiden aus New York stammenden Männer waren Produzenten und Mitglieder der Drag-Revue Danny’s Jewel Box, die seit 1938 im gesamten Land auftrat. Brown und Brenner wollten durch ihre Vorführungen in Großstädten wie Denver und Seattle Drag, der damals einen Nischenplatz im Varieté einnahm, zu einer großen, humorvollen Bühnenshow und respektierten Kunstform machen. Sie baten DeLarverie aufgrund ihrer Erfahrung im Showgeschäft um Hilfe bei der Organisation ihrer Aufführung.
Sie bot sich schließlich als Dragking für die beiden an, obwohl ihr im Bekanntenkreis davon abgeraten wurde, weil dies schlecht für ihren Ruf sei. Sie wollte zunächst nur sechs Monate lang in der Revue arbeiten. Weil ihr Stil bei den Zuschauern außerordentlich gut ankam, entschloss sie sich, dort zu bleiben und auch bei den Auftritten ihrer Jazz- und Swing-Bands in Männerkleidung auf der Bühne zu stehen. Dadurch steigerte sich ihre Beliebtheit beim Publikum, wodurch es ihren Gruppen auch möglich wurde, an bekannten Veranstaltungsorten wie der Radio City Music Hall oder dem Copacabana aufzutreten.
Die Jewel Box Revue DeLarveries Zeit in der Revue Von 1955 bis 1969 tourte DeLarverie als Showmasterin, musikalische Direktorin, gelegentliche Inspizientin und einziger Dragking der Jewel Box Revue durch die Vereinigten Staaten. Diese hatte sich aus der Danny’s Jewel Box entwickelt und bestand neben DeLarverie aus 25 Dragqueens. Sie war bei queeren und heterosexuellen Personen gleichermaßen beliebt, wobei Familien mit Kindern zu den häufigsten Besuchern zählten. DeLarverie nannte sich allerdings selbst nicht Dragking, sondern bevorzugte die Bezeichnung male impersonator, also männlicher Imitator.
Während der Aufführungen trat DeLarverie selbst als Sänger auf und bot Lieder wie St. Louis Blues von Bessie Smith oder A Sunday Kind of Love von Claude Thornhill dar. Die Zuschauer wurden währenddessen stets dazu aufgerufen, die einzige Künstlerin im Ensemble zu erraten. Dies gelang wegen DeLarveries maskulinem Erscheinungsbild, beispielsweise Maßanzüge mit Fliege und falschen Schnurrbärten, fast nie. Am Ende jeder Vorstellung gab sich DeLarverie schließlich unter dem Applaus des Publikums während des Lieds A Surprise with a Song als Frau zu erkennen.Esther Newton: Margaret Mead Made Me Gay. Duke University Press, Durham 2000, ISBN 0-8223-2612-4, S. 63.Diane Middlebrook: Suits Me: The Double Life Of Billy Tipton. Houghton Mifflin Harcourt, Boston 1998, ISBN 1-86049-763-2, S. 217–218.St. Sukie de la Croix: Chicago Whispers: A History of LGBT Chicago before Stonewall. University of Wisconsin Press, Madison 2012, ISBN 978-0-299-28693-4, S. 150.
mini|162x162px|DeLarverie zählte Showgrößen wie Sammy Davis, Jr. zu ihrem Freundeskreis.|alt=Schwarz-weiß-Porträt eines lächelnden Sammy Davis Junior. Er trägt eine gestreifte Strickjacke und einen Anhänger mit dem Peace-Zeichen um den Hals. Er hat einen schwarzen Schnurrbart und einen kurzen Kinnbart, zudem eine Afrofrisur.
Die Jewel Box Revue war das erste US-amerikanische Drag-Kabarett, in dem weiße und Travestiekünstler anderer Herkunft gemeinsam auftraten. Meistens fanden drei bis vier Vorstellungen der Gruppe an einem Abend statt, vorzugsweise in frequentierten Nachtclubs und anderen Örtlichkeiten in New York City, aber auch in weiteren Großstädten. Ein häufiger Veranstaltungsort war das Apollo Theater in Harlem; die Revue trat zudem öfter in der Radio City Music Hall und dem Copacabana auf, in die DeLarverie bereits mit ihren Bands eingeladen wurde. Bei allen Vorstellungen der Revue waren nicht-weiße Zuschauer zugelassen – eine absolute Seltenheit während der Rassentrennung in den Vereinigten Staaten. Ein weiterer Grund für die große Beliebtheit der Revue vor allem bei afroamerikanischen, queeren Personen war die Ähnlichkeit von DeLarveries maskuliner Bühnenfigur zu berühmten Butches, die während der Harlem Renaissance am Theater aufgetreten waren.
Eine Frau, die als Kind regelmäßig Jewel Box-Aufführungen besuchte, lieferte 2020 gegenüber National Public Radio (NPR) eine weitere Erklärung für deren damalige Popularität. Die Vorstellungen seien „erstklassig und umwerfend“ gewesen, weil es keine Budget-Obergrenze gab. DeLarverie und ihre Kollegen seien in hochwertigen Kostümen sowie vor aufwendigen Bühnenbildern aufgetreten. Sie hätten mitunter exotische Tiere wie Zebras für ihre Vorstellungen benutzt, ihre Gesangs- und Tanzkünste seien außergewöhnlich gut gewesen. Die Gruppe suche auch heutzutage ihresgleichen und lasse sich am besten mit aktuellen Drag-Künstlern wie RuPaul vergleichen. Laut Lisa Cannistraci, einer Bekannten DeLarveries, hätte diese sich durch die Drag-Auftritte zudem persönlich entfalten können. Sie war zwar schon in New Orleans als Sängerin aufgetreten, musste dabei aber Kleider, Perlenketten sowie einen Bob tragen, was ihr nicht behagte. Als prominentes Gesicht der Revue schloss DeLarverie Freundschaften mit zahlreichen bekannten Kunstschaffenden der Ära, beispielsweise Sammy Davis, Jr. sowie ihren persönlichen Vorbildern Dinah Washington und Billie Holiday.
mini|138x138px|Billie Holiday war DeLarverie nicht nur eine Freundin, sondern auch ein Vorbild.|alt=Das Schwarzweiß-Foto zeigt Billie Holiday, die vor einem Mikrofon steht, in das sie reinsingt. Sie trägt ein helles Kleid mit kleinen Blütenaufdrücken und einer großen schwarzen Schleife vorne. Am rechten Ohr trägt sie einen blütenförmigen Ohrring, ihre glatten Haare sind bis zum Oberkopf rasiert. Im Hintergrund sind gestreifte Theatervorhänge zu sehen.
Im Herbst 1969 zog sich DeLarverie nach dem Tod ihrer langjährigen Lebensgefährtin weitestgehend aus dem Unterhaltungsgeschäft zurück. Stattdessen bestritt sie ihren Lebensunterhalt als Personenschützerin für wohlhabende Familien. Im selben Jahr engagierte sie sich erstmals für die LGBT-Gemeinschaft, indem sie einer Organisation für die Rechte queerer Personen beitrat. Darüber hinaus arbeitete sie für Lesbenbars wie Cubbyhole als Türsteherin und Sicherheitsdienst. Von DeLarveries Drag-Auftritten sind keine Bewegtbildaufnahmen erhalten. Dafür waren in der NPR-Episode über ihr Leben kurze Ausschnitte ihrer Gesangsdarbietungen zu hören, ebenso eine Tonaufnahme, auf der sie während ihrer Tätigkeit als Türsteherin einen Gast der Örtlichkeit verweist. In einem Dokumentarfilm über DeLarverie präsentierte die Porträtierte einige Fotos ihrer früheren Auftritte, während ein weiteres Bild sie als Türsteherin zeigt, die vor einem ihrer Clubs Schaulustige zum Weitergehen auffordert.Janet K. Cutler: Struggles for Representation: African American Documentary Film and Video. Indiana University Press, Bloomington 1999, ISBN 0-253-21347-9.