Ostschweizer Dialekt, auch Nordostschweizer Dialekt,Zur Nordostschweiz wird oft auch der Kanton Zürich miteingerechnet. Dort wird jedoch Zürichdeutsch gesprochen, mit Ausnahme einiger Grenzgemeinden zu den Ostschweizer Kantonen Schaffhausen und Thurgau. bezeichnet den hochalemannischen, besonders im Vokalsystem teilweise aber auch mittelalemannisch beeinflusstenPeter Wiesinger: Die Einteilung der deutschen Dialekte. In: Werner Besch u. a.: Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektogie (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft. Band 1). Berlin / New York 1983, S. 807–900, besonders S. 836 sowie Karten 47.4 und 47.5. Dialekt, der in grossen Teilen der Ostschweiz gesprochen wird.
Verbreitung Zum Ostschweizer Dialekt gehören dialektologisch diejenigen Mundarten, welche die Ostschweizerische Vokalspaltung kennen. Sie gilt: mini|Verbreitungsgebiet der Ostschweizerischen Vokalspaltung im Kanton Schaffhausen im nördlichsten Teil des Kantons Zürich, im Rafzerfeld, im Weinland nördlich der Thur und in der Gegend um Elgg im Thurgau in beiden Appenzell in grossen Teilen des Kantons St. Gallen, allerdings ohne See-Gaster und ohne das Sarganserland, vom letzteren jedoch die schon im Rheintal gelegenen Gemeinden wieder ausgenommen im Bündner Rheintal von der Herrschaft bis Chur.Rudolf Hotzenköcherle: Die Sprachlandschaften der deutschen Schweiz. (= Sprachlandschaften der Schweiz. 1). Sauerländer, Aarau / Frankfurt am Main / Salzburg 1984, ISBN 3-7941-2623-8; hier: Der Nordosten. S. 91–124.
Der (traditionelle) Ostschweizer Dialekt geht an der Schweizer Grenze nahtlos in die (traditionellen) Mundarten der baden-württembergischen, bayerischen, vorarlbergischen und liechtensteinischen Nachbarschaft über.Vgl. den Südwestdeutschen Sprachatlas, den Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben und den Vorarlberger Sprachatlas mit Einschluss des Fürstentums Liechtenstein, Westtirols und des Allgäus. Da die Schweiz, Deutschland und Österreich aber je verschiedene sprachliche Ausgleichstendenzen kennen, entwickelt sich die Staatsgrenze zunehmend auch zur Dialektgrenze.Zum Thema vgl. Hans-Peter Schifferle: Dialektstrukturen in Grenzlandschaften. Untersuchungen zum Mundartwandel im nordöstlichen Aargau und im benachbarten südbadischen Raum Waldshut (= Europäische Hochschulschriften. Reihe 1, 1538). Bern 1995.
Ostschweizerische Vokalspaltung Ahd./Mhd. vorne Mitte hinten oben /i/ /y/ /u/ Mitte /e/ /ø/ /o/ untere Mitte /ɛ/ – unten /æ/ /a/ Als eine Folge der althochdeutschen Umlautung, die zu zwei neuen e-Lauten führte, bekam das Althochdeutsche und das Mittelhochdeutsche im Bereich der Kurzvokale ein asymmetrisches System (Tabelle links). Die beiden Sprachen hatten zwar symmetrisch ein geschlossenes /i/ und /u/ und ein geschlossenes /e/ und /o/, aber nur ein offenes /ɛ/ (das sogenannte germanische ë), das jedoch kein offenes /ɔ/ als Pendant hatte.
Bei vielen Sprachen beobachtete man das Bestreben, das Lautsystem im Gleichgewicht zu halten: Kommt es im Lautsystem in einem Bereich zu einer Bewegung, führt das auch in anderen Bereichen zu Veränderungen. Die Deutschschweizer Dialekte haben ihr Lautsystem auf verschiedenen Wegen wieder ins Gleichgewicht gebracht. Dabei gingen die Ostschweizer Dialekte einen eigenen Weg.
Mehrheit der schweizerdeutschen Dialekte vorne hinten oben /i/ /u/ Mitte /e/ Vetter /o/ HolderMoscht unten /æ/ WätterWäschpi /a/ In der grossen Mehrheit der schweizerdeutschen Dialek- te wurde die Symmetrie hergestellt, indem das mittel- hochdeutsche /ɛ/ zu /æ/ gesenkt wurde, womit ein gleich- mässiges dreistufiges System entstand.
Teil der Glarner Dialekte vorne hinten oben /i/ /u/ Mitte /e/ VetterWetter /o/ HolderMoscht unten /æ/ Wäschpi /a/ Ein Teil der Glarner Dialekte hoben das mittelhoch- deutsche /ɛ/ an, so dass es mit dem geschlossenen /e/ zusammenfiel. Auch dieser Weg führte zum gleichen Ziel: ein symmetrisches System mit drei vorderen und drei hinteren Lauten.
William G. Moulton erklärte 1960/61 die Ostschweizerische Vokalspaltung als Korrektur des asymmetrischen Vokalsystems des Mittelhochdeutschen. Anders als bei anderen Deutschschweizer Dialekten blieb in der Ostschweiz /ɛ/ erhalten und die Symmetrie wurde auf dem Weg der Spaltung von /o/ in /o/ (parallel zu /e/) und /ɔ/ (parallel zu /ɛ/) beziehungsweise von /ø/ (parallel zu /e/) zu /ø/ und /œ/ (parallel zu /ɛ/) hergestellt:Erstmals in William G. Moulton: The short vowel system in Northern Switzerland. In: Word. Band 16, 1960, S. 155–182, hier S. 165–174, und ausführlich in William G. Moulton: Lautwandel durch innere Kausalität: die ostschweizerische Vokalspaltung. In: Zeitschrift für Mundartforschung. Band 28, 1961, S. 227–251. mini|300px|Die rote Linie zeigt das Gebiet der Ostschweizerischen Vokalspaltung mit der Vertretung des Sekundärumlauts ë/ä. Die grüne Linie markiert die Grenze zwischen dem nördlichen k- (Bodenseealemannisch) und dem südlichen ch-Laut (Hochalemannisch). Ostschweizer DialektSekundärumlaut ä vorne hinten oben /i/ /u/ Mitte /e/ Vetter /o/ Holder untere Mitte /ɛ/ Wètter /ɔ/ Mòscht unten /æ/ Wäschpi /a/ Im Oberthurgau, im westlichen Fürstenland, im Toggen- burg, im Appenzellerland und im Werdenberg blieb da- neben auch /æ/ erhalten.
Ostschweizer DialektSekundärumlaut ë vorne hinten oben /i/ /u/ Mitte /e/ Vetter /o/ Holder untere Mitte /ɛ/ WètterWèschpi /ɔ/ Mòscht unten /æ/ /a/ In Schaffhausen, im Norden des Kantons Zürich, mehr- heitlich im Thurgau, im östlichen Fürstenland, in der Stadt St. Gallen sowie im St. Galler und Churer Rhein- tal wurde /æ/ zu /ɛ/ gehoben.
Binnengliederung Es existieren in der Ostschweiz zahlreiche Dialektvarianten. Während im nördlichen Dialektgebiet keine scharfen Dialektgrenzen zu finden sind, zeigen sich in den Voralpen und Alpen hingegen zum Teil recht ausgeprägte Trennungslinien.
Die nachfolgende Tabelle zeigt Wortbeispiele in den verschiedenen regionalen Dialektvarianten:Daten gemäss Sprachatlas der deutschen Schweiz. Hochdeutschdas Kindder AckerZiegezwanzigWespeKäsewäheetwasnichts BemerkungAlthochdeutschdaz chindder acchar, achargeizzweinzugwafsachâsi, fladoëtewas (ëtteswas)niowiht Schaffhausens Chinddǝ AkchǝrGèiss, GaasszwanzgWèschpǝlǝChèèstünnǝöppis (öpmis)nüüt, nünt Schaffhausen und der Thurgau nördlich der Thur sind ein relativ homogenes Dialektgebiet.Ostschweizer-Dialekt ist schön! In der Sendung Schnabelweid von Radio SRF 1 vom 8. März 2018.Weinlands Chinddǝ AkchǝrGaiss, GaasszwanzgWèschpǝlǝChèèstünnǝöppisnüütWestlicher Thurgaus Chind, Chìnddǝ AkchǝrGaass, GaisszwanzgWèschpǝliChäästünnǝ,-tǜlǝöpisnüüt, nüntÖstlicher Thurgaus Chenddǝ AggǝrGaasszwanzgWäschpǝli; Chèès-tünnlǝ, -tüllǝöppis (naamis)nünt Fürstenland(St. Galler Deutsch)s Chenddǝ AggǝrGaiss (älter:Gaass), zwanzgWäschpìChääsfladǝöppis (nabis)nüntIn den Städten St. Gallen, Rorschach und Wil werden die Vokale weniger grell ausgesprochen als auf dem Land.Unteres Toggenburgs Chìnddǝ AggǝrGèiss, GäässzwänzgWäschpiChääsfladǝnäbis, öppisnüt, nüntOberes Toggenburgs Chìnddǝ AkchǝrGäisszwänzgWäschpiChääsfladǝöpis, nämisnütAppenzellerlands Chend, Chènddǝ AkchǝrGäässzwènzgWäschpi, WäschpliChääsfladǝnäbisnünt, nütsDer Dialekt fällt durch einen starken musikalischen Akzent auf.St. Galler Rheintal(Unteres Rheintal)s Khìand, Kchìanddǝ AkchǝrGòasszwoanzgWèschpǝlKhèèstǜnnǝlǝepǝsnüntDer Dialekt wird auch schon zum Mittelalemannischen gerechnet und bildet teilweise den Übergangsdialekt zum Vorarlbergerischen.Werdenberg(Oberes Rheintal)s Chinddr AggǝrGaisszwänzgWäschpi; Chääs-flaadǝ, -chuǝchǝötschis (naisis)nüütDer Dialekt hat ein starkes rätoromanisches Substrat.Churerdeutschds Khinddr AggǝrGaisszwenzgWèschpiKhèèswèèaepǝs (ǝswas)nüütDer Dialekt hat ein starkes rätoromanisches Substrat.
Lautung (Phonologie) Der Wortakzent ist in der Regel auf der ersten Silbe. Im Gegensatz zum Hochdeutsch wird die betonte Silbe nicht stärker bzw. lauter gesprochen, sondern in einem höheren Ton. Als Beispiele einige Ortsnamen (Wortakzent fett): Schafuusǝ, Tuurgòu, Sanggalǝ, Flòòwil Tòggǝburg, Appezö̀ll, Rintl, Khuur.
Verbreitet ist, wie im Schweizerdeutschen generell, die Assimilation. So passt sich z. B. der Artikel d an: d Frau /pfrau/; d Chue /kxuə/; d Manə (Plural) /b̥ⁿmanə/; d Nuss /d̥ⁿnuss/. In den letzten beiden Fällen löst sich der Verschluss durch die Nase.
Vokale mini|x200px|«Lappi tue d'Augen uf» («Narr, öffne die Augen!»). Spruch am Schwabentor in Schaffhausen
Der Ostschweizer Dialekt hebt sich von den anderen Schweizer Mundarten vor allem durch den Vokalismus ab, der auf die bereits erwähnte Ostschweizerische Vokalspaltung zurückzuführen ist. Im Gegensatz zu den Kurzvokalen gab es bei den Langvokalen kaum Veränderungen – ausser beim langen /a/, das in allen Ostschweizer Dialekten zu einem langen offenen /òò/ geworden ist (Òòbig). Die Dialekte, die kein kurzes /ä/ kennen, haben das lange /æ/ zu einem langen offenen /èè/ gemacht (Chääs, Chèès). Der Diphthong /ei/ wurde in den nördlichen Dialekten zu einem langen /aa/ (Gaass), in den südlichen zu einem langen /ä/ (Gääss) und im St. Galler Rheintal zu /òa/ (Gòass). Das lange /aa/ war eine typische Eigenart der Thurgauer Mundart. Beispielhaft dafür waren die Saapfə oder Laaterə.Sabrina Bächi: Thurgauer Dialekt: «Ase schöö». In: St. Galler Tagblatt (online), 25. März 2017. Heute sind diese Aussprachen zu einem grossen Teil verschwunden und es wird Gaiss oder Gèiss verwendet. Charakteristisch ist sodann die Aussprache von Bòmm für Baum: In einigen Ostschweizer Dialekten wurde in manchen Wörtern aus dem früheren /ou/ ein meist kurzes /o/, wenn anschliessend ein /m/, /b/, /p/ oder /f/ folgte: Tròmm, tròmǝ, Ròòm, globǝ, hopt-, choffǝ, o (Traum, träumen, Rahm, glauben, haupt-, kaufen, auch).
Als geschlossene Vokale werden /i ü u e ö o/ (IPA: / /), als offene Vokale /ì ǜ ù è ö̀ ò/ (IPA: / /) verwendet. Die offenen Vokale werden in der Ostschweiz tendenziell offener ausgesprochen als im Standarddeutsch. Die Vokale /a/ und /ä/ sind sehr hell und offen (IPA: //). Typisch für praktisch das gesamte Ostschweizerische ist die Brechung von /ɪ/ vor /r/, beispielsweise Gschier (Geschirr).Sprachatlas der deutschen Schweiz, Band II, Karte 69. Das Schwa /ə/ liegt näher bei /è/ und /ö̀/ (IPA: []), im Bündnerdialekt und im St. Galler Rheintal neigt es zu einem überkurzen /a/ (IPA: []).
Konsonanten Die Konsonanten /ch, kch, gg/ (IPA: / /) sind velar, aber nicht allzu rau. Affrikaten sind /pf z tsch kch/ (IPA: / t͡s t͡ʃ k͡x/). Sie werden nach Osten hin abnehmend hart ausgesprochen und kommen an der österreichischen Grenze fast nicht mehr vor. Die Fortes /p t gg/ sind nicht behaucht und die Lenis /b d g/ stimmlos (IPA: / /). Frikative sind /f s sch x h/ (IPA: / /). /l/ ist hell und /r/ wird entweder mit der Zungenspitze (IPA: []) artikuliert oder am (hinteren) Gaumen (IPA: [ ]). Nasal sind /m n ng/ (IPA: / /). Die Halbvokale /w j/ werden ohne Reibung gesprochen (IPA: / /).
Im grössten Teil der Ostschweizer Dialektlandschaft wurde wie in den anderen hochalemannischen Mundarten das anlautende althochdeutsche /k/ zu /ch/ verschoben (Chind); im äussersten Nordosten (St. Galler Rheintal und Kurzenberg) ging die Verschiebung nur bis zu /kx/ (Kchind). Keine Verschiebung kennen etliche Ortsmundarten im Churer Rheintal (Khind). Auffällig ist ein geminiertes /kk/, das in den östlichen Dialekten der Ostschweiz, in der sogenannten «Beggeli-Zone» (nach Beggeli für sonstiges schweizerdeutsche Beckeli), nicht zu /kx/ verschoben wurde: tringgǝ, druggǝ, Aggǝr (trinken, drücken, Acker).