mini|Kastell- und Wachturmkette der Gask Ridge, sowie Verlauf der Militärstraße (85 n. Chr.) mini|Münzportrait des Domitian mini|Luftaufnahme des Inchtuthil Plateau von SO mini|Blick auf das Lagerareal Das Legionslager Inchtuthil (ausgesprochen Inch-Tewth-Ill) war ein römischer Militärstützpunkt der frühen Kaiserzeit. Es befand sich auf dem Gebiet des Parish Caputh bei Blairgowrie and Rattray, einem administrativen Zusammenschluss zweier Kleinstädte der Council Area Perth and Kinross, in Schottland.

Das Lager, das als am weitesten im Norden gelegene Legionslager des Römischen Reiches gilt, diente mit ziemlicher Sicherheit im späten 1. Jahrhundert n. Chr. dem britischen Statthalter Gnaeus Iulius Agricola als Basis für seine Feldzüge gegen die keltoschottischen Stämme. Die Region war in römischer Zeit das Bindeglied zwischen zwei Territorialzonen (Hoch- und Tiefland), die Kontrolle über diese Schlüsselstellung war daher für die Aufrechterhaltung der römischen Herrschaft von entscheidender Bedeutung. Inchtuthil war das Hauptquartier des schlagkräftigsten römischen Großverbands, der zu dieser Zeit in Schottland stationiert war. Es war in weiterer Folge Teil eines Überwachungsnetzes von Kastellen und Wachtürmen, das die Aktivitäten der Hochlandstämme einhegen und sie vor allem von den fruchtbaren Tiefländern und der Nordseeküste fernhalten sollte. Aufgrund der prekären Kriegslage am osteuropäischen Limes musste das Legionslager nach nur wenigen Jahren wieder aufgegeben werden. Sein relativ guter Erhaltungszustand machte dieses Bodendenkmal zu einem der Schwerpunkte der römischen Provinzialarchäologie im Vereinigten Königreich. Es zählt zu den wenigen Lagern, die in ihren Innenbereichen gänzlich ohne Umbauten blieben, nur die Umwehrung mit ihrem quadratischen Grundriss und ihren abgerundeten Ecken wurde nachträglich durch eine Steinmauer verstärkt, weshalb die Archäologen anhand der Befunde die Gründungsphase eines römischen Militärlagers exakt rekonstruieren konnten. Überregional bekannt wurde die archäologische Stätte aber vor allem durch die Entdeckung von mehreren Tonnen Nägeln, die beim Abzug der Besatzung dort vergraben worden waren.Fischer 2012, S. 277.

Das in diesem Artikel beschriebene Bodendenkmal umfasst die Überreste der Legionsfestung und die zeitgleich entstandenen temporären Lager auf dem Inchtuthil-Plateau. Der Befund ist stark erodiert, jedoch sind einzelne Abschnitte der Umwehrung und des Grabens noch oberirdisch sichtbar.

Lage Blairgowrie befindet sich etwa 15 km nordnordöstlich von Perth und etwa 25 km nordwestlich von Dundee. Die Flur Inchtuthil liegt etwa 6 km westlich von Blairgowrie.

Dieser Platz wurde wohl vom römischen Vermessungstrupp (Agrimensores) aus drei Gründen ins Auge gefasst: wegen der Nähe des Plateaus zu einem schiffbaren Fluss, der auch zur Wasserversorgung herangezogen werden konnte, seiner topografisch strategisch guten Lage für den Zugang zum Hochland im Nordwesten und der raschen Erreichbarkeit der Grenzzone.

Das Legionslager hat mit den früheren britischen Stützpunkten weniger gemein als mit den Festungen an den nördlichen Ripae des Reiches. Auch sie liegen an großen natürlichen Barrieren mit weitem Blick auf feindliches Gebiet. In Bezug auf die Wahl des Standortes ist Inchtuthil am ehesten mit dem Lager von Nimwegen, das am Rande einer Flussterrasse mit weitem Blick über den Waal thront, oder mit Mainz, das sich in einer ähnlichen Position befindet, vergleichbar. Die neue Festung lag an einer Verteidigungslinie gegenüber dem Hochlandmassiv, einer markanten natürlichen Barriere, ähnlich wie die Flüsse Rhein und Donau auf dem Kontinent.

Das Legionslager befindet sich auf einem annähernd dreieckigen, mit der Spitze nach Norden ausgerichteten, 55 m hohen Plateau, bestehend aus fluvio-glazialem Sand- und Schotterablagerungen, die von Gletschern aus den Tälern des Tay, des Lunan Burn und des Ericht stammen. Es kann grob in zwei Abschnitte unterteilt werden. Der Ostteil misst 1080 m × 890 m, der Westteil 540 m × 320 m (jeweils von Osten nach Westen). Das Legionslager und zwei Nebenlager nehmen den Ostteil des Plateaus ein, während der Westteil von zwei temporären Lagern besetzt war, die im Zuge der Errichtung der Legionsfestung angelegt wurden. Sein Areal ist heute teilweise bewaldet, besonders zum Flussufer hin. Die Hänge sind relativ steil abfallend, außer an der Südseite. Vom Kastellplateau aus hatte man einen hervorragenden Blick auf den Fluss Tay (Tina), nahe dem Punkt, an dem dieser beim heutigen Dunkeld und bei der Highland Boundary Fault aus dem Hochlandmassiv austritt und dann durch die Ebene des Strathmore weiter in Richtung Nordseeküste (Firth of Tay) fließt. Zwischen Caputh und Kinclaven hat er mit seinen Sedimenten eine breite Schwemmlandebene mit vielen, heute verlandeten Nebenarmen angehäuft. Der Fluss transportiert aufgrund seines geringen Gefälles nur wenig Erosionsmaterial in Richtung Küste, sondern lagert stattdessen das Meiste davon an seinen Ufern ab. Deshalb änderte er über die Jahrhunderte oft seinen Lauf, sodass der Uferbereich unterhalb des Plateaus früher stark versumpft gewesen sein muss, was den Zugang zum Legionslager für Angreifer erheblich erschwerte. Somit sind in der Schwemmlandebene auch keine Spuren von antiken Straßen oder Ähnlichem erhalten. Ohne künstliche Entwässerung wäre ein Großteil der Flussniederungen, wie zur Zeit der Römer, noch immer unbenutzbar. Im Norden und Westen ist das Terrain zudem stark durch Hochwasser gefährdet, welches das Plateau von Inchtuthil bei Höchststand kurzzeitig in eine Insel verwandeln kann. Solche Hochwasserereignisse führten wohl auch dazu, dass der Kastellwall im Norden zum größten Teil abgeschwemmt wurde.

Das Lager Inchtuthil befand sich relativ zentral an der Mündung des Strath Tay und überwachte eine wichtige Straßenverbindung in den Norden. Von dort hatte man auch einen guten Blick auf das Nordufer und konnte u. a. die Zugangswege nach Braemar und seinem Hinterland blockieren. Über diesen Fluss und sein Umland verlief damals eine der Hauptrouten zwischen Hoch- und Tiefland. Die Festung wurde in der Nähe des Punktes platziert, an dem der Tay das Hochland verlässt, ein Standort von doppeltem Wert. Das Flusstal war die wahrscheinlichste Route für einen Einfall der Caledonii, da sie in diesem Fall die römischen Kommunikations- und Versorgungslinien hinter der Front rasch durchtrennen mussten. Gleichzeitig war das Flusstal der beste und schnellste Weg für einen römischen Vormarsch durch das zentrale Hochland in Richtung des heutigen Inverness. Durch seine Position an einer Flussschleife des Tay war auch eine Versorgung durch die britische Flotte, der Classis Britannica, gewährleistet. Römische Prahme hatten einen flachen Tiefgang (40 cm), konnten bis zu 53 Tonnen Ladung aufnehmen und so bis nahe zum Kastell Bertha, 5,6 km stromaufwärts getreidelt werden. Es ist auch möglich, dass der Meeresspiegel im Firth of Tay damals etwas höher lag als heute. Eine Weiterfahrt ab Bertha war aufgrund von Stromschnellen unterhalb von Stanley und insbesondere der Wasserfälle bei Campsie Linn nicht möglich. Ab Bertha hätte das Ladegut über Land bis zu einem geeigneten Verladepunkt oberhalb der Wasserfälle gebracht werden müssen, von dort wären es etwa noch 8–13 km nach Inchtuthil oder 17,7 km vom Kastell bei Cargill aus gewesen.Abercromby 1902, S. 182, Fields/Spedaliere 2005, S. 31, Pitts/St. Joseph 1985, S. 41–47.

Pinnata Castra, mit dem das Lager gleichgesetzt wurde, war eine der vier Städte in Britannien, für die der römische Geograph Claudius Ptolemäus auch astronomische Daten überlieferte. Der längste Tag wurde von ihm mit 18,5 Stunden angegeben (vgl. Londinium 17 Stunden), was bedeutet, dass sie sehr weit im Norden gelegen haben muss. Diese Angaben könnten aber auch den nördlichsten Punkt markieren, den Agricolas Heer in Schottland erreicht hat.Maxwell 2008, S. 78, Grant 2007, S. 35.

Name Der antike Name des Lagers könnte

Pinatra Castra, Alata Castra (griech. Πτερωτον Στρατοπεδον, Pteroton Stratopedon) oder auch Victoriae (Οὐικτωρία (Ouiktōria))

gelautet haben. Schriftquellen (Altäre, Bauinschriften etc.), die dies zweifelsfrei beweisen könnten, sind bis dato aber vor Ort noch nicht gefunden worden. Pinata Castra wird im Werk des Geographen Claudius Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. als einer der vier Orte erwähnt, die zum Siedlungsgebiet der Vacomagi gehörten, desgleichen in der Kosmologie des Geographen von Ravenna, dort als Pinnatis. Pinnata Castra wird von Ptolemaios auch als polis (, Stadt) bezeichnet. Es ist jedoch ungewiss, ob es der Ort eines eisenzeitlichen Hillforts o. ä. war oder erst später von den Römern gegründet wurde, die es für gewöhnlich vorzogen, ihre Militärstützpunkte in der Nähe etablierter einheimischer Siedlungen zu platzieren und ihnen deren Namen zu geben. Die meisten römischen Waffenplätze im hohen Norden Britanniens waren nicht lange mit Soldaten belegt, es handelte sich dabei in der Mehrzahl um temporäre Marschlager, denen normalerweise keine Namen gegeben wurden. Es ist jedoch denkbar, dass ein solches Lager als Standort eines zukünftigen Kastells vorgesehen war. Seine geographische Lage war lange Gegenstand kontroverser Debatten. Der Archäologe Ian Richmond setzte es 1922 mit Inchtuthil gleich. Später wurde dieser Vorschlag in Forscherkreisen jedoch wieder verworfen und darauf hingewiesen, dass Ptolemäus’ Koordinatenangaben es eindeutig an der Küste von Moray platzieren, eine Schlussfolgerung, die weiters durch die Tatsache gestützt wird, dass es die Geographia des Ptolemaios und die Ravenna Kosmographie Pinnata Castra nahe dem Fluss Tuesis, der allgemein mit dem Spey gleichgesetzt wird, verorten. Heute glaubt man, dass es sich in Wahrheit östlich von Burghead, Council area Moray, befand. In der Nähe der Küste des Moray-Firth, in der sie nach Ptolemaios gestanden haben soll, wurde allerdings bislang keine Legionärsfestung nachgewiesen. Ptolemaios nennt auch eine Festung namens „Victoriae“. Einige Historiker glauben, dass ein Militärstützpunkt nach der Schlacht von Mons Graupius so benannt wurde – der Name Victoria wurde oft nach einem römischen Sieg über feindliche Stämme verliehen. Es konnte jedoch nie ein größeres Kastell in der Nähe des Standorts identifiziert werden, den Ptolemaios beschrieb. Der Standort von Victoria und Pinnata Castra konnte bis heute nicht sicher lokalisiert werden, es ist daher – mangels anderer Quellen – unmöglich, Inchtuthil einen römischen Namen zuzuweisen.