mini|299x299px|The Tempest Act I (Gemälde von George Romney)Meeresdichtung, auch marine Literatur oder See(-fahrts)literatur, bezeichnet Texte mit literarischem Anspruch, die „vom Motiv des Meeres, der Seefahrt usw. bestimmt“ sind. Das Phänomen ist international verbreitet und kann analog zum französischen Begriff „littérature maritime“ auch als „maritime Literatur“ bezeichnet werden. In der Gemeinsamen Normdatei hat sich jedoch (vergleichbar mit dem englischen „sea fiction“) der Begriff „Meeresdichtung“ durchgesetzt. Vereinzelt wird das Genre auch als „Seeliteratur“, „Meeresliteratur“ oder „Seedichtung“ bezeichnet.

Als Ursprung der Meeresdichtung wird meist die Odyssee von Homer angenommen. Vereinzelt werden auch die biblischen Erzählungen von Noach und Jona oder die mittelalterliche „wazzermaere“ als Vorläufer angegeben. Bis ins 16. Jahrhundert handelte es sich bei der Meeresdichtung hauptsächlich um Reiseberichte, die teils auch zu Propaganda-Zwecken publiziert wurden. Eine Ausnahme stellt die deutsche Moralsatire Das Narrenschiff (1494) dar, die das literarische Motiv der „Welt als Schiff“ begründete. Mit dem 17. Jahrhundert begann sich der Piratenroman als Subgenre der Meeresdichtung zu etablieren, im 18. Jahrhundert kam durch Robinson Crusoe (1719) auch die Robinsonade als weitere Untergattung hinzu. Da die Meeresdichtung nicht nur epische, sondern auch lyrische und dramatische Texte umfasst, hat sich in der Literaturwissenschaft eine Gliederung der Subgenres nach ihrer Handlung („sea romance“, „naval novel“ etc.) oder den vorherrschenden Motiven (Inseln, Seeungeheuer etc.) etabliert.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird die Meeresdichtung als literarische Gattung wahrgenommen, auch wenn sie aufgrund ihrer Ähnlichkeit zum Abenteuerroman in frühen Definitionen zur Trivialliteratur gezählt und für wissenschaftlich uninteressant befunden wird. Diese abweisende Haltung gegenüber der Meeresdichtung änderte sich im 20. Jahrhundert mit der Abenteuertheorie von Michail Michailowitsch Bachtin. Darin misst Bachtin dem Abenteuer eine individuelle und gesellschaftliche Bedeutung bei, die dessen literaturwissenschaftliche Untersuchung rechtfertigt. Laut Margaret Cohen besteht das Problem jedoch in der Gleichsetzung von Meeresdichtung und Abenteuerliteratur, da die erstere nicht an die Handlungsvorgaben der letzteren gebunden ist. Dazu kommt, dass sich die Literaturwissenschaft im 21. Jahrhundert zunehmend vom traditionellen Gattungsbegriff entfernt, wie an den offenen Konzepten von Meeresdichtung als Erzähltradition sichtbar wird.

Typologie und Definition

Allgemeine Definitionsansätze Bei Meeresdichtung stellt sich häufig die Frage, ob und inwiefern von einer Gattung die Rede sein kann. Robert C. Foulke spricht beispielsweise von „sea literature“ als einer übergeordneten Kategorie, die sich in verschiedene Bereiche unterteilen lässt. Diese Auffassung kommt einem traditionellen Gattungs- bzw. Genre-Begriff am nächsten, führt aber zu Schwierigkeiten in der Zuordnung. Foulke warnt insbesondere vor dem inflationären Gebrauch des Begriffs „sea literature“, der zur subjektiven Kategorisierung von Texten einlädt. Weniger Spielraum bietet Margaret Cohens Definition, der zufolge „sea fiction“ an die explizite (und fachlich nachvollziehbare) Bezugnahme auf nautische Tätigkeit geknüpft ist. Cohen wendet sich außerdem gegen die Behandlung von „sea fiction“ als Trivialliteratur, da die auf See erlebten Abenteuer (in Analogie zu Bachtins Theorie) zumeist als Prüfung der eigenen Identität und Bestätigung gesellschaftlicher Werte fungieren.

Der Anglist R. D. Madison bezeichnet „sea literature“ als Erzähltradition, die in unterschiedlichen Regionen auf unterschiedliche Weise in Erscheinung tritt. Den Grund dafür sieht Madison in der Empfänglichkeit der „sea literature“ für historische, politische und gesellschaftliche Einflüsse. Auch Bernhard Klein betont das Potential einer offenen Definition, die Meeresdichtung als interdisziplinäres Phänomen anerkennt und Raum für neue Erkenntnisse bietet. Schnittmengen ergeben sich beispielsweise mit der Naturlyrik und dem Reisebericht, aber auch mit verschiedenen Formen des Romans, etwa dem historischen Roman.

Im Gegensatz zu Madison nimmt Klein aber auch die allegorische Bedeutung des Wassers in seine Definition von „sea fiction“ auf. Das Meer kann beispielsweise als Projektion ideologischer Konstrukte oder als Mantel für Gesellschaftskritik auftreten, was laut Klein ebenfalls in den Bereich der „sea fiction“ fällt. Dieser Auffassung schließt sich der britische Literaturwissenschaftler John Peck an, der sich allerdings auf die sozialgeschichtliche Bedeutung der Seefahrt konzentriert. Auch diese Vertreter der Meeresdichtung legen den Fokus auf das Verhältnis zwischen den praktischen Fähigkeiten des Menschen im Kontrast zur elementaren Gewalt des Meeres. Diese Grundkonstellation bietet nicht nur den Ausgangspunkt für sachliche Darstellungen, sondern auch für unterschiedliche semantische Verschiebungen, die laut Bernhard Klein sowohl historische als auch kulturelle Ursachen haben können.

Der Seeroman mini|259x259px|Les travailleurs de la mer (Édouard Manet, 1873) Bei der wissenschaftlichen Untersuchung von Meeresdichtung wird meist nur der sogenannte „Seeroman“ (englisch: „sea novel“, französisch: „roman maritime“) berücksichtigt. Dieser soll aus dem Epos, namentlich der Odyssee entstanden sein und sich über England als Seefahrernation in Europa verbreitet haben. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts etablierte sich der Seeroman auch in Frankreich und im deutschsprachigen Raum, wo er bis ins 20. Jahrhundert als Randphänomen der Trivialliteratur wahrgenommen wurde.

Eine frühe Definition des Seeromans stammt von dem deutschen Philologen Robert Koenig, der den Seeroman als eine Art Abenteuerroman und „eine weitere Abart des kultarhistorischen [sic!] Romans“ wahrnahm, da er „den Blick [...] aus der Heimat in fremde Länder“ lenke. Im Jahr 1975 definiert Rolf Guggenbühl den Seeroman als eine „Erzählung von einigem Umfang“, die in „direktem, starkem Zusammenhang mit dem Leben an Bord von Schiffen“ und der Seefahrt steht. Die Seefahrt als zentrales Motiv impliziert auch die von Koenig genannten „fremde[n] Länder“ als Komponenten der Handlung.

Als charakteristisches Merkmal gilt laut Margaret Cohen auch die Darstellung der Nautik als Kunst, die sich explizit auf das Leben der handelnden Personen auswirkt. In diesem Sinne können auch Mansfield Park (1814) von Jane Austen und Les travailleurs de la mer (1866) von Victor Hugo als „maritime fiction“ verstanden werden, da sie eine Gesellschaft beschreiben, die existentiell von der Seefahrt abhängig ist.

Das See-Drama mini|258x258px|Miranda, The Tempest (John William Waterhouse, 1916) Die erste umfangreiche Typologie des britischen „sea drama“ publizierte Harold Francis Watson im Jahr 1931. Darin unterscheidet er zwei Schulen: die „tempest school“ und die „humours school“. Erstere zeichnet sich durch ihre Realitätsnähe und Ähnlichkeit zu William Shakespeares The Tempest aus, wo der Seemann trotz typischer Laster wie Trunkenheit und mangelndem Respekt als positive und im Notfall verlässliche Figur gezeichnet wird. Dem Kapitän kommt in der „tempest school“ meist die Rolle eines „noblen Piraten“ zu, dessen edles Verhalten in Notsituationen für Bewunderung im Publikum sorgt. Als Vertreter der „tempest school“ gelten Thomas Heywood (Fortune by Land and Sea, ca. 1607), Robert Daborne (A Christian Turn’d Turk, 1612) und Thomas Killigrew (The Prisoners, 1640).

Die „humours school“ hingegen basiert auf der Comedy of humours und stellt eine moralisch zweifelhafte Kapitänsfigur in den Mittelpunkt der Handlung. Typisch ist die satirische Verzerrung der Charaktere, die dem Publikum die Verwerflichkeit der Bühnengeschehnisse suggeriert und zugleich eine politische Lesart ermöglicht, indem sie gesellschaftliche Missstände anprangert. Zu den Vertretern dieser Schule zählen beispielsweise Thomas Middleton (The Phoenix, 1603/04), George Chapman (Eastward Ho, 1605) und Ben Jonson (Epicœne, or The Silent Woman, 1609).

Watson verzeichnet aber auch Randerscheinungen, die sich keiner der beiden Schulen zuordnen lassen, etwa Mysterienspiele über die Arche Noah und ähnliches. Für die Zeit nach dem 17. Jahrhundert lässt sich Watsons Unterscheidung jedoch nicht mehr anwenden, da das nautische Drama in eine Vielzahl von Subgenres (Leuchtturm-Dramen, Seeungeheuer-Dramen etc.) zerfiel. Besonders beliebt war im 19. Jahrhundert das „nautische Melodram“, das George Melville Baker auch für Amateurschauspieler adaptierte.

Geschichte

Antike mini|Odysseus und die Sirenen|199x199px Sicher ist jedoch, dass bereits in der Antike mehrere Epen über mythologische Seefahrergestalten entstanden, meist aus dem Umfeld des Trojanischen Krieges oder der Argonautensage. Bekannte Beispiele sind Homers Odyssee, Vergils Aeneis und die Argonautika des Apollonios von Rhodos, doch auch weniger einflussreiche Vertreter wie die Argonautica des Gaius Valerius Flaccus können als nautisches Epos gelten. Von den erhaltenen antiken Dramentexten wird die See(-fahrt) nur in Aischylos’ Die Perser thematisiert, wo der Bau einer Brücke über den Hellespont mit einer Hybris gleichgesetzt wird. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass bereits in der Antike nautische Dramen existiert haben, die mittlerweile nicht mehr erhalten sind.

Im 2. und 3. Jahrhundert entstanden zahlreiche griechische Erzählungen über Liebespaare, die durch Piraten voneinander getrennt werden und wieder zueinander finden müssen (etwa Daphnis und Chloe, Leukippe und Kleitophon oder die Aithiopiká). Diese Texte, die später als antike Romane bezeichnet wurden, gelten als Vorläufer des Piratenromans. Ebenfalls aus der Spätantike stammt die Erzählung von Sindbad dem Seefahrer (um 500), die in der Sammlung Tausendundeine Nacht enthalten ist und als frühestes Beispiel für die asiatische Meeresdichtung gilt.

13. und 14. Jahrhundert Im Mittelalter entstanden in der altnordischen Literatur die sogenannten Sagas, von denen einige die nordische Seefahrerkultur thematisieren. Insbesondere in der politisch angespannten Situation zwischen Island und Norwegen dienten die Sagas als einflussreiches Propaganda-Instrument. In Deutschland hingegen bestand die Meeresdichtung des Mittelalters hauptsächlich aus den Berichten heimkehrender Seefahrer. Zu diesen zählt auch der Dichter Tannhäuser, der in einem Gedicht von seinen Erlebnissen auf einer Kreuzfahrt erzählt. Neben Schiffbruch und Seesturm beklagt Tannhäuser auch die verschimmelten Nahrungsmittel und den Gestank an Bord. Auch das im 13. Jahrhundert entstandene Kudrun-Lied kann als Meeresdichtung interpretiert werden. mini|249x249px|Illustration aus Brants Das Narrenschiff Im 14. Jahrhundert entstanden in England die Canterbury Tales von Geoffrey Chaucer, in denen ein Text namens The Shipman’s Tale and Epilogue enthalten ist. Der darin beschriebene „Shipman“ gilt lange Zeit als realistischste Seemannsfigur seiner Zeit. Ein weiterer nautischer Bezug kann in The Merchant’s Prologue and Tale vermutet werden, wo von Wates Boot namens Guingelot die Rede ist. Wate ist in der germanischen Mythologie der Vater von Wieland dem Schmied und Großvater von Wittich, ein Boot scheint er jedoch nicht zu besitzen. Aufgrund des Mangels an Belegen sind die Geschichte und Bedeutung von Guingelot bisher ungeklärt.