Lernziele beschreiben den angestrebten Lerngewinn eines Lernenden, bezogen auf einen bestimmten Lernstoff. Lehrziele geben an, welche Ziele ein Lehrender mit Hilfe der Unterrichtsthemen erreichen will. Die Kombination von Lehr- und Lernziel bezeichnet man als Unterrichtsziel. Lernziele sind eng verwandt aber nicht synonym mit Lernergebnissen.
Schulisches Lernen Für die Schulen werden durch die Bildungsministerien über Lehrpläne oder Rahmenpläne grundlegende Lern- bzw. Lehrziele festgelegt. Die Umsetzung der Pläne erfolgt durch beauftragte Lehrkräfte. Für die Planung einzelner Unterrichtseinheiten müssen sie die „Zwischenlernziele“ festlegen, um die Vorgaben für ihre Schüler mit den vorgefundenen Vorkenntnissen umzusetzen, gegebenenfalls durch Individualisiertes Lernen. Das Finden und Festlegen sinnvoller Zwischenlernziele und angemessener Lehrmethoden für jede Unterrichtseinheit ist eine der Hauptaufgaben der Lehrkraft. Sie dienen als Orientierung für die Unterrichtsdurchführung und Überprüfung in Lernzielkontrollen.
Hochschulisches Lernen Auch im universitären Kontext spielen Lehr-Lernziele eine wichtige Rolle für die Gestaltung von Curricula. Anders als beim schulischen Lernen haben Hochschulen bei der Definition von Curricula und Lehr-Lernzielen jedoch ein hohes Maß an Autonomie und damit viel Gestaltungshoheit.
Im Zuge des Bologna-Prozesses wurden Richtlinien für eine europaweite Vereinheitlichung von Studiengängen und Studienabschlüssen erarbeitet. Diese beinhalten die Definition von kompetenzorientierten Lernzielen als zentrales Element der Curriculumsgestaltung.
Selbstbestimmtes Lernen Beim Selbstbestimmten Lernen werden Lernziele durch individuelle Lernpläne gesetzt. Dies erfolgt durch den Lernenden allein (Autodidakt) oder in Zusammenarbeit mit einem Lernhelfer (z. B. Fachkundiger, Pädagoge). Das selbstbestimmte Lernen wird am ehesten in reformpädagogisch ausgerichteten Schulen und in der Erwachsenenbildung angewandt. Der Lernplan wird häufig in einzelne Lerneinheiten mit Zwischenlernzielen untergliedert.
Geschichte Im Zuge der Professionalisierung des Lehrberufs haben im 20. Jahrhundert viele Theoretiker Entscheidungs- und Bedingungsvariablen des Lehr-/Lernprozesses identifiziert und weiter differenziert. Hierzu gehören unter anderem soziokulturelle Bedingungen, Lernmethoden, Medien, Lerninhalte und im Zentrum die Lernziele.
Eine der bekanntesten Theorien über Lernziele ist die Taxonomie von Benjamin Bloom (1913–1999, USA). Sein Beitrag lag vor allem darin, dass er Lernziele in verschiedene Niveaus oder Stufen aufgliederte und so die Handhabung einfacher machte. Lorin W. Anderson (1945–) und David Krathwohl (1921–2016) haben 2001 die Bloomsche Taxonomie mit Hilfe von empirischen Untersuchungen und Praxiserfahrungen weiter fundiert.
Zu den Problemen der Lernzielfestlegung gehört die Frage, ob es exakte Kriterien gibt, um von den obersten Lernzielen, den sogenannten „Richtzielen“ der Lehrpläne, die konkreten Lernziele für jede Unterrichtsstunde zu finden. Eine solche zwingende Deduktion von oben nach unten ist kaum möglich. Der Lehrer muss die Ausgangsbedingungen der Schüler, die Erwartungen der Gesellschaft an ihr Wissen, den Stand der Wissenschaft und viele weitere Faktoren in einer didaktischen Reflexion (=Didaktische Analyse) abwägen und letztlich in eigener Verantwortung die Entscheidungen treffen. Diese Kompetenz gehört zu den didaktischen Kernkompetenzen des Lehrerberufes, die in der Lehrerausbildung trainiert werden sollen. Die gegenwärtige Diskussion um Bildungsstandards hebt die didaktische Verantwortung nicht auf, sondern stellt sie nur vor präziser gefasste Anforderungen, um mehr Einheitlichkeit und Effektivität des Unterrichts zu gewährleisten.
Der US-Amerikaner Robert F. Mager hat die Bedingungen für ein gutes Lernziel definiert als „eine zweckmäßige Zielbeschreibung […], mit der es gelingt, die Unterrichtsabsichten dem Leser mitzuteilen“. Weiter: „Ein eindeutig beschriebenes Lernziel ist also eines, mit dem Sie Ihre Absichten erfolgreich mitteilen. Eine gute Zielbeschreibung schließt darüber hinaus eine möglichst große Anzahl möglicher Missdeutungen aus.“Robert F. Mager: Lernziele und Unterricht. Beltz, Weinheim 1994, S. 19. Auch nennt er in der Lernzielangabe zu vermeidende Verben wie z. B. „verstehen“, da diese keine Überprüfung anhand erkennbarer Handlungen der Lernenden (Operationalisierung) erlauben.
Die Entwicklung einer Lernzielfestlegung fand vor allem in den 1960er und 1970er Jahren statt. In den 1980er Jahren folgte im deutschsprachigen Raum eine Diskussion zur „lernzielorientierten Didaktik“, in der die Rolle der Lernziele in der Unterrichtsplanung näher betrachtet wurde. Hauptvertreter waren Bernhard und Christine Möller aus Oldenburg (siehe Curriculare Didaktik).
Klassifizierung von Bildungszielen Lernzielklassen Die Bildungsziele werden hierarchisch nach ihrem Konkretisierungsgrad geordnet: Leitziele bilden die oberste Ebene der Hierarchie. Sie sind die Obersten Bildungsziele (wie sie z. B. in der Verfassung des Freistaates Bayern, Art. 131 (2) festgelegt sind, z. B. Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl, Hilfsbereitschaft) und die Allgemeinen Bildungsziele (z. B. Solidarfähigkeit, Selbstbestimmung, Fähigkeit zu urteilen, zum eigenen Standpunkt, Kritikfähigkeit). Weiteres siehe Erziehungsziele. Richtziele bezeichnen die fach-, schulart- und jahrgangsspezifische Ebene. Sie sind meist im Lehrplan zu finden und dienen auf einer höheren Ebene der Kompetenzentwicklung. Lernziele bilden die Stufe der operationalisierbaren Bildungsziele, die sich weiter differenzieren lassen.Jürgen L. Rößler: Die operationale Definition. Frankfurt am Main 1998. Grobziele geben das Ziel einer ganzen Unterrichtsstunde oder -einheit an. Feinziele geben das Ziel einer Unterrichtsphase oder ein Teilziel an. Es ist die detaillierteste Lehrzielebene, die noch eine abgeschlossene Einheit beschreibt.Lexikon der ABayCD
Lernziele lassen sich auch hinsichtlich des psychischen Anforderungsprofils beim Lernenden unterscheiden:Siegbert A. Warwitz: Lernziele und Lernkontrollen in der Verkehrserziehung. In: Ders.: Verkehrserziehung vom Kinde aus. Wahrnehmen-Spielen-Denken-Handeln. 6. Auflage. Schneider-Verlag, Baltmannsweiler 2009, Seiten 26–28. Kognitive Lernziele beziehen sich auf das Wissen und die intellektuellen Fertigkeiten. Affektive Lernziele beziehen sich auf Änderungen der Interessen, Einstellungen und Werthaltungen. Psychomotorische Lernziele beziehen sich auf physische, manuelle, motorische, sensorische oder technische Fertigkeiten.
Taxonomien Lernziele lassen sich nach dem Grad der Komplexität der angestrebten Leistung klassifizieren, d. h. nach Expertisestufe bzw. Kompetenzebene. Derartige Klassifikationsschemata für Lernziele werden als Lernzieltaxonomie bezeichnet. In der Praxis sehr gebräuchlich ist die Bloomsche Taxonomie, die für den kognitiven Bereich die folgenden Klassifikationsebenen für Lernziele definiert: +Lernzielebenen nach Bloom et al.Lernzielebenen nach Anderson et al.1 Wissen (Knowledge)1 Erinnern (Remember)2 Verständnis (Comprehension)2 Verstehen (Understand)3 Anwendung (Application)3 Anwenden (Apply)4 Analyse (Analysis)4 Analysieren (Analyze)5 Synthese (Synthesis)5 Bewerten (Evaluate)6 Evaluation (Evaluation)6 Kreieren bzw. Erschaffen (Create) So liegt der Unterschied zwischen Wissen (eine Jahreszahl „kennen“: z. B. Ende des Zweiten Weltkriegs 1945) und Verständnis („erkennen“, dass 1945 eine Stunde Null war) im Grad der erforderlichen geistigen Tätigkeiten, die einmal auf bloßes Behalten, zum anderen auf die Zuweisung einer Bedeutung und hier zusätzlich auf die Auflösung eines sprachlichen Bildes zielt. Diese Lernzieltaxonomie wird in der Schweiz vielfach benutzt.http://sts-ghrf-giessen.bildung.hessen.de/intern/Schriftliche_Vorbereitung/Grundschule/Verben_zur_Formulierung_von_Lernzielen.pdf
Die Bloomsche Taxonomie wird heute überwiegend in der überarbeiteten Version von Anderson et al. verwendet, bei der Stufe 5 geändert wurde zu Bewerten und Stufe 6 zu Kreieren.
Ähnlich, aber nicht unmittelbar entsprechend hat der deutsche Psychologe Heinrich Roth im Strukturplan des Deutschen Bildungsrates 1970 vier Lernzielstufen unterschieden:
Reproduktion Reorganisation Transfer Problemlösung/Reflexion
Diese Stufen hat die deutsche Kultusministerkonferenz in die Einheitlichen Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung übernommen, aber zu nur noch drei Anforderungsbereichen zusammengefasst:
(I) Reproduktion (II) Reorganisation und Transfer (III) Reflexion/Problemlösung/Bewertung
Lernzielformulierung Kompetenzorientierte Lernziele beinhalten immer eine Inhalts- und eine Handlungskomponente. Die Inhaltskomponente benennt den Lernstoff bzw. Lerngegenstand, um den es in einer Lehr-Lerneinheit geht. Die Handlungskomponente beschreibt die Kompetenz, die die Lernenden am Ende der Lehr-Lerneinheit auf diesem Lernstoff bzw. Lerngegenstand ausführen können sollen. Damit Lernziele überprüfbar werden, ist die Handlungskomponente so zu formulieren, dass sie ein von außen beobachtbares Verhalten beschreibt.
Negativ-Beispiel Die Lernenden verstehen die Bedeutung, die das Ende des Zweiten Weltkriegs auf die politische Entwicklung von Europa hatte.
Positiv-Beispiel Die Lernenden erklären in eigenen Worten die Bedeutung, die das Ende des Zweiten Weltkriegs auf die politische Entwicklung von Europa hatte.
Die definierten Lernziele geben Lehrenden und Lernenden gleichermaßen Orientierung für den Lehr- bzw. Lernprozess. Um Missverständnisse zu vermeiden, sollten Lernziele verständlich und eindeutig formuliert sein – sowohl für Lehrende als auch für die Lernenden.
Zur Formulierung kompetenzorientierter Lernziele als beobachtbares Verhalten haben sich aktive, im Lernergebnis überprüfbare Verben bewährt, abgestimmt auf die verschiedenen Kompetenzstufen. Diese Stufen sind nicht als didaktische Abfolge misszuverstehen (s. Kompetenzorientierung). Die nachfolgende Liste orientiert sich an verschiedenen Empfehlungen, ist nicht erschöpfend und kann bei Bedarf erweitert werden. +Nr.Ebene nach Anderson et al.Kognitive ProzesseWeitere Verben1Erinnern (Remember) Erkennen Erinnernauflisten, aufsagen, aufzählen, benennen, definieren, reproduzieren, wiedergeben, wiederholen2Verstehen (Understand) Interpretieren Veranschaulichen Klassifizieren Zusammenfassen Folgern Vergleichen Erklärenbeschreiben, differenzieren, diskutieren, erläutern, erörtern, interpretieren, übersetzen, umschreiben, verallgemeinern, zusammenfassen3Anwenden (Apply) Ausführen Implementierenberechnen, durchführen, erstellen, lösen, vorführen4Analysieren (Analyze) Differenzieren Organisieren Zuordneneinordnen, einstufen, hinterfragen, kategorisieren, unterscheiden, untersuchen, testen, verbinden5Bewerten (Evaluate) Überprüfen Bewertenauswählen, begründen, beurteilen, einschätzen, entscheiden, gegenüberstellen, korrigieren, prüfen6Kreieren bzw. Erschaffen (Create) Generieren Planen Entwickelnbauen, entwerfen, entwickeln, konstruieren, konzipieren Es gibt Empfehlungen, bei der Definition von Lernzielen bestimmte Formulierungen zu meiden, die zu viele Deutungen zulassen und keine beobachtbaren Vorgänge beschreiben.
begreifen, bewusst sein, Bedeutung erkennen, Bedeutung von etwas erfassen, eingearbeitet sein, einprägen, einsehen, entnehmen, erlernen, Gefallen finden, glauben, informiert sein, interessiert sein an, kennen, kennenlernen, Kenntnis haben von, können, lernen, mit etwas vertraut sein, nachempfinden, nachvollziehen, sich einer Sache bewusst sein, sich erinnern, spüren, über etwas Bescheid wissen, verinnerlichen, versprachlichen, verstehen, vertraut sein mit, wahrnehmen, wirklich verstehen, wissen, zu würdigen wissen