mini|Jebel Khalid mit dem Euphrat im Hintergrund mini|Plan von Jebel Khalid Jebel Khalid () ist eine Ausgrabungsstätte auf einem Felsrücken am Westufer des Euphrat im heutigen Syrien. Da der antike Name der hier gefundenen Siedlung unsicher ist, wurde die Grabungsstätte nach dem Felsrücken benannt. Hier konnten Teile einer seleukidischen Stadt freigelegt werden, deren Reste sich auf einer Fläche von etwa 50 Hektar verteilen.

Die Siedlung war eine Gründung des frühen 3. Jahrhunderts v. Chr., wahrscheinlich durch Seleukos I Nikator, der hier anscheinend eine Garnison stationierte, um den Euphrat besser kontrollieren zu können. Sie liegt etwa 50 km südlich von Zeugma und südöstlich von Hierapolis. Die Stadt erstreckte sich entlang des Euphrat auf einer erhöhten Ebene. Das ummauerte Stadtgebiet ist etwa 1200 m lang und 200 bis 300 m breit. Im südlichen Teil befindet sich ein Hügel mit der Akropolis. Hier kamen die Reste eines Statthalterpalastes zum Vorschein. Die Ausgrabungen erfassten überdies einen Tempel, eine Palästra, Teile eines Wohnviertels, Teile der Stadtmauer (2,7 km lang) und Teile der Friedhöfe. Die Einwohnerzahl wurde auf 5000 geschätzt.Nicholas L. Wright: The Last Days of a Seleucid City: Jebel Khalid on the Euphrates and its Temple, in: Kyle Erickson and Gillian Ramsey (Hrsg.): Seleucid Dissolution The Sinking of the Anchor, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden, ISBN 978-3-447-06588-7, S. 117. Die Gründe für das Ende der Stadt sind ungeklärt, könnten aber mit dem generellen Ende der seleukidischen Herrschaft und dem Abzug der Garnison in Verbindung stehen.C. E. V. Nixon: Jebel Khalid: Catalogue of the Coins 2000–2006, Mediterranean archaeology, 2008-01-01, Vol. 21, S. 119–161, hier besonders S. 120–123. Danach lebten nur sporadisch Leute auf dem Stadtgebiet.M. Mottram and D. Menere: Wadi Abu Qalqal Regional Survey, Syria – Report for 2006. 1–40. Meditarch. 2007, S. 5. Nach Geländebegehungen im Jahr 1984 fanden von 1986 bis 2010 Ausgrabungen durch ein australisches Team statt.

Geografie Jebel Khalid liegt auf der Westseite des Euphrats. Nördlich der Ruinen befindet sich das Dorf Khirbet Khalid, auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses das Dorf Rumeilah. Die nächste größere moderne Stadt ist Manbidsch (das antike Hierapolis) 30 km im Nordwesten. Der Felsrücken Jebel Khalid, nach dem die Ausgrabungsstelle benannt wurde, ist von einer etwa 50 cm dicken Kalksteindecke bedeckt, die mit zahlreichen Kieseleinschlüssen vermengt ist. Darunter befindet sich eine Kalkschicht, in der es recht einfach ist, Höhlen oder Gräber zu graben. Der Felsrücken wurde beim Bau der Stadt und später als Steinbruch genutzt. Der Bergrücken liegt 427 m über dem Meeresspiegel und am höchsten Punkt etwa 130 m über dem Euphrat. Die Oberfläche des Bergrückens ist rau und wird von Erosionsrinnen durchzogen. Das Klima der Region ist semi-arid mit 250 mm Regenfall im Jahr. Im Frühling ist die Landschaft mit niedrigen Büschen und Blumen bedeckt.The Jebel Khalid site.

Geschichte und Bewohner Gründung und Vorgänger Nach der Schlacht bei Ipsos im Jahr 301 v. Chr. wurde das Reich von Alexander dem Großen in mehrere kleinere Diadochenreiche aufgeteilt. Der ehemalige General Seleukos I. Nikator sicherte sich den Osten des Reiches und damit ein Gebiet, das vom Mittelmeer bis nach Indien reichte. Als König versuchte Seleukos I. seinen Herrschaftsbereich zu festigen und gründete dazu verschiedene Städte an strategisch wichtigen Orten. Am Euphrat gehörten dazu Apameia gegenüber von Zeugma im Norden sowie Dura Europos im Süden. Das Gründungsdatum anderer Orte am Euphrat, wie Djazla, Nheyle oder Siffin, ist dagegen oftmals unsicher. Doch scheinen diese Neugründungen ebenso dem Zweck gedient zu haben, den Euphrat zu sichern. In diesem Kontext muss auch die Gründung von Jebel Khalid gesehen werden. Obwohl die ältesten vor Ort gefundenen Münzen unter Seleukos I. geprägt wurden, kann sein Nachfolger Antiochos I., der das neue Reich weiter konsolidierte, als Gründer nicht ausgeschlossen werden.G. Clarke: Brief Overview, in: Clarke, Jackson, Nixon, Tidmarsh, Wesselingh and Cougle-Jose: Jebel Khalid on the Euphrates, Volume 5: Report on Excavations 2000–2010, S. 440. Der Ort war stark befestigt. Von den 50 Hektar, die die Mauer einschlossen, waren etwa 30 Hektar überbaut. Es wurde vermutet, dass hier Katoikia angesiedelt wurden. Dabei handelte es sich um semi-pensionierte Soldaten, die in Krisenzeiten mobilisiert werden konnten.Nicholas L. Wright: The last days of a Seleucid city: Jebel Khalid on the Euphrates and its temple, in: K. Erickson und G. Ramsey (Hrsg.): Seleucid Dissolution, The Sinking of the Anchor, Wiesbaden, ISBN 978-3-447-06588-7, S. 117–132, hier 118.

Es ist unsicher, ob es eine Vorgängersiedlung gab. Diverse Funde deuten darauf hin, dass hier sporadisch schon vorher Menschen lebten. Einige wenige Keramikfunde datieren in die neuassyrische Zeit bis in die achämenidische Zeit.M. Motram: Emerging evidence for the pre-hellenistic occupation of jebel khalid, in: Mediterranean Archaeology 26 (2013), S. 47. Viele Keramikformen der vorhellenistischen Zeit sind aber auch weiterhin in der hellenistischen Stadt belegt. Es kann vermutet werden, dass bei der Gründung des Ortes auch zahlreiche Einwohner aus der Umgebung in die neue Stadt zogen. Das Fundgut ist sehr stark hellenistisch geprägt, doch gibt es auch zahlreiche asiatische Elemente. So haben z. B. die Grundrisse der Wohnhäuser kaum direkte Parallelen in der griechischen Welt. Der Statthalterpalast scheint hellenistischen Modellen zu folgen, weist aber auch Merkmale auf, die in mesopotamischen Palästen besser belegt sind. Die meisten Schriftzeugnisse aus der Stadt sind griechische Inschriften. Es handelt sich meist um Ritzungen und Aufschriften auf Keramikscherben und Stuck, sogenannte Dipinti. Es gibt aber auch vereinzelte aramäische Beispiele. Obwohl vermutet wird, dass hier eine Garnison stationiert war, wurden bisher keine Baracken für Soldaten gefunden.Getzel M. Cohen: The Hellenistic Settlements in Syria, the Red Sea Basin, and North Africa, University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London 2006, ISBN 978-0-520-24148-0, S. 178.

Entwicklung Zur Geschichte des Ortes ist wenig bekannt. Längere Inschriften, wie Weihesteine, sind bisher nicht gefunden worden. Die Stadt florierte vor allem im dritten und zu Beginn des zweiten Jahrhunderts v. Chr. Es gibt Belege für die lokale Produktion von Keramik und Terrakotten, und es wurden Textilien und Metall verarbeitet. Oliven und Weintrauben sind in der Umgebung angebaut worden. Die großen, zum Teil gut ausgestatteten Häuser belegen den Wohlstand zumindest einiger Bürger. Das zweite Jahrhundert v. Chr. sah das Vorrücken der Parther in Mesopotamien, womit eine längere Friedensperiode in dieser Region zu Ende ging. Im Norden wurde 163 v. Chr. die Kommagene unter Ptolemaios unabhängig vom Seleukidenreich. Jebel Khalid erhielt wieder Bedeutung als militärischer Stützpunkt, da die Landschaft zu einer Grenzregion geworden war. In dieser Zeit sind viele Umbauten an den Wohnhäusern zu beobachten und die Ausgräber fragen sich, ob weitere Bewohner in die Stadt versetzt wurden, um die Garnison zu stärken.G. Clarke: Brief Overview, in: Clarke, Jackson, Nixon, Tidmarsh, Wesselingh and Cougle-Jose: Jebel Khalid on the Euphrates, Volume 5: Report on Excavations 2000–2010, S. 442–443.

Das Ende der Stadt Anhand der Münzen, aber auch anderer datierbarer Funde kann vermutet werden, dass die Stadt um 70 v. Chr. verlassen wurde. In dieser Zeit befand sich das seleukidische Reich in einer Phase der Auflösung. Die Ausgrabungen zeigten, dass in den letzten 20 Jahren vor der Aufgabe der Stadt viele große Häuser, aber auch die Akropolis, in kleinere Einheiten unterteilt wurden. Die Ausgräber fragen sich, ob die Stadt Flüchtlinge aus Mesopotamien aufnahm, die vor den vorrückenden Parthern flüchteten. Um 74/73 v. Chr. konnte Tigranes II. von Armenien Antiochia am Orontes, die Hauptstadt des Seleukidenreiches, einnehmen. Dies ist auch in etwa der Zeitpunkt, als Jebel Khalid verlassen wurde. Es bleibt unbekannt, ob sich die Garnison in der Stadt einfach auflöste, da Zahlungen ausblieben, oder ob sie abgezogen wurde. Jebel Khalid scheint keine ökonomische Basis entwickelt zu haben, so dass mit dem Abziehen der Soldaten auch andere Bewohner wegzogen. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Stadt systematisch verlassen wurde. Die Ruinen dienten in der Folgezeit als Steinbruch, wie vereinzelte, vor allem römische Münzen zeigen. Nur der Tempel scheint noch etwa 100 Jahre im Betrieb gewesen zu sein.G. Clarke: Brief Overvies, in: Clarke, Jackson, Nixon, Tidmarsh, Wesselingh and Cougle-Jose: Jebel Khalid on the Euphrates, Volume 5: Report on Excavations 2000–2010, S. 444–445. In byzantinischer Zeit standen hier für kurze Zeit ein kleines Militärlager und ein Kloster. Es fanden sich Reste von Mönchszellen, kommunalen Räumen und einer Kirche innerhalb eines Gebietes, das in hellenistischer Zeit als Steinbruch diente.M. Mottram: Settlers, Hermits, Nomads and Monks: Evolving Landscapes at the Dawn of the Islamic Era, in: Roger Matthews and John Curtis (Hrsg.): Proceedings of the 7th International Congress on the Archaeology of the Ancient Near East 12 April – 16 April 2010, the British Museum and UCL, London, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-447-06685-3, S. 533–550.

Antiker Name Als Name des Ortes kommen zwei Lokalitäten in Frage, die in antiken Quellen genannt werden. Der byzantinische Schriftsteller Stephanos von Byzanz nennt einen Ort am Euphrat namens Amphipolis, der von den Syrern Tourmeda genannt werde und eine Gründung von Seleukos I. gewesen sei. Derselbe Autor nennt einen weiteren Ort namens Nikatoris, der auch eine Gründung von Seleukos I. war und ebenfalls hypothetisch mit den Überresten von Jebel Khalid identifiziert wird.G. Clarke: Brief Overvies, in: Clarke, Jackson, Nixon, Tidmarsh, Wesselingh and Cougle-Jose: Jebel Khalid on the Euphrates, Volume 5: Report on Excavations 2000–2010, S. 440–441. Eine weitere Möglichkeit ist, dass Jebel Khalid das antike Thapsakos ist, das an einem wichtigen Euphrat-Übergang lag.Norbert Kramer: Jebel Khalid, Gindaros & Co. Ein Diskussionsbeitrag zur Akkulturation im frühseleukidischen Kontext. In: Johannes Fouquet u. a. (Hrsg.): Argonautica. Festschrift für Reinhard Stupperich. Scriptorium, Marsberg/Padberg 2017, S. 135–149, hier S. 144. Denkbar ist aber auch, dass die Stadt einen anderen Namen trug, der nicht überliefert ist oder noch nicht richtig zugewiesen werden konnte.

Bauten Tempel mini|Grundriss des Tempels