Als Entkosakisierung oder Dekosakisierung () wird die von 1918 bis 1933 unter den Regierungschefs Lenin und Stalin verfolgte Politik der Bolschewiki bezeichnet, die Volksgruppe der Kosaken als soziale und kulturelle Gemeinschaft weitgehend zu eliminieren. Ihre wichtige Position als Stütze des ehemaligen Russischen Kaiserreiches, die unmittelbare Opposition der Kosaken gegen die Machtübernahme der Bolschewiki sowie ihre bisherige Rolle im Russischen Bürgerkrieg führten im Januar 1919 zu dem erstmaligen Entschluss der sowjetischen Führung, die Elite sowie die den Bolschewiki feindlich gesinnten Personen aus dieser Bevölkerungsgruppe auszulöschen.Kappeler: Die Kosaken – Geschichte und Legenden. S. 78 ff. Ihre Siedlungsgebiete wurden in Lenins Worten als die „sowjetische Vendée“ bezeichnet. Nach der geheimen von Jakow Swerdlow unterzeichneten Richtlinie An alle verantwortlichen Genossen, die in den Kosakenregionen arbeiten des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) vom 24. Januar 1919 sollte „schonungsloser Massenterror die reichen Kosaken ebenso wie diejenigen, die sich gegen die Sowjetmacht gestellt haben, bis zum letzten Mann ausrotten.“ Der russische Historiker Gennadi Matischow bezeichnet die Aktion als „Genozid“. Die Toten kippten die Bolschewiki massenhaft in Schluchten oder in den Fluss Don, was zu einer Protestnote der Türkei an die Sowjetregierung wegen der Verschmutzung des Schwarzen Meeres durch Leichen führte.
Nach dem Bürgerkrieg erhielten die Kosaken im Gegensatz zu den Nationalitäten in Sowjetrussland bzw. ab 1922 in der Sowjetunion keinen besonderen Status und Territorien. Die bis dahin bestehenden Kosakenheere wurden aufgelöst. Kosaken wurden als erste Bevölkerungsgruppe in den Jahren 1920 und 1921 in Sowjetrussland Opfer von Zwangsdeportationen. Die Zeit der Neuen Ökonomischen Politik brachte in den Gebieten der ehemaligen Kosakenheere eine Atempause und die Landwirtschaft erholte sich dort langsam wieder. Während der 1929 eingeleiteten Zwangskollektivierung in der Sowjetunion waren die Kosaken auch von der „Entkulakisierung“ betroffen und wurden zu hunderttausenden nach Nordrussland und Sibirien deportiert. Die durch die Zwangskollektivierung in der Sowjetunion hervorgerufene Hungersnot forderte auch unter den Kosaken viele Opfer. Mit der Verkündung eines sowjetischen Kosakentums durch Stalin in der Mitte der 1930er Jahre endeten die Kosakenverfolgungen.
Bis zur Auflösung der Sowjetunion wurde zu den Unterlagen, die die Entscheidung zur gezielten Auslöschung der Kosakenelite während des Russischen Bürgerkrieges dokumentieren, nur beschränkter Zugang gewährt. Erst danach wurde durch die Öffnung von Archiven die Aufarbeitung der Ereignisse durch Historiker ermöglicht. Bisher besteht in der wissenschaftlichen Diskussion nur der Konsens, dass es sich im Falle der „Entkosakisierung“ um ein tragisches Ereignis in der Geschichte der Kosaken handelt. Alle weiteren Punkte sind zurzeit strittig (Stand November 2019).Jurtschenko: Das Problem der Entkosakisierung in der modernen Historiografie. S. 230
Angaben des Datums werden in diesem Artikel bis zum im julianischen und im gregorianischen Kalenderformat gemacht, dem Zeitpunkt der Umstellung auf den gregorianischen Kalender in Russland.
Historische Ursachen Die Kosaken waren bis in das 18. Jahrhundert hinein die Hauptträger des sozialen Protestes gegen die Leibeigenschaft im russischen Zarenreich und in Polen-Litauen.Kappeler: Die Kosaken. S. 27–51 Im Gegensatz dazu verlief das 19. Jahrhundert weitgehend ohne Konflikte mit dem Zaren und die Kosaken verwandelten sich in eine der tragenden Säulen des russischen Kaiserreiches. Das gelang vor allem deshalb, weil die Kosaken ab dem Jahr 1835 als ein erblicher Kriegerstand galten, der sich von anderen Gesellschaftsgruppen deutlich abgrenzte und für die lebenslange Leistung von Militärdienst Steuer- und Abgabenfreiheit zugestanden erhielt.Kappeler: Die Kosaken. S. 53ff Diese Steuerfreiheit führte dazu, dass die als Staniza bezeichneten Kosakendörfer neben Gutshöfen in geografisch günstig gelegenen Gebieten wie dem Baltikum, in Bessarabien oder entlang der Transsibirischen Eisenbahn wohlhabender wurden. Dies zog den Neid des größeren Teils der Bauernschaft des Russischen Reiches auf sich, der in Zentralrussland aufgrund wirtschaftlicher und geografischer Umstände kein weiteres Vermögen gewinnen konnte und teilweise sogar verarmte.Figes: Die Tragödie eines Volkes. S. 117–118
Ihr Status als Polizeitruppe des Zaren hatte für die Kosaken die Auswirkung, dass sie sich zunehmend bei großen Teilen der russischen Bevölkerung unbeliebt machten und Angst und Schrecken unter der Landbevölkerung verbreiteten. Während der Russischen Revolution von 1905 wurden 120.000 Kosaken aus allen Kosakenheeren des russischen Kaiserreiches aufgeboten, um diese Erhebung niederzuschlagen.Kappeler: Die Kosaken. S. 63 Beispielsweise gehörten berittene Kosaken zu den russischen Soldaten, die am Petersburger Blutsonntag, dem , einem Schlüsselereignis der Russischen Revolution von 1905, auf Demonstranten schossen oder sie niedersäbelten und je nach Quelle zwischen 130O’Connor: The History of the Baltic States.S. 69. und über 4000 von ihnen töteten.Dmitri Okunew: „Keine Kraft mehr, Souverän“. Was zum [Petersburger] Blutsonntag führte. gazeta.ru, 22. Januar 2020 (russisch) abgerufen am 6. November 2020Figes: „Die Tragödie eines Volkes: Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924“, S. 191 Allgemein führten berittene Kosaken in der Zeit von 1905 bis 1907 Strafexpeditionen gegen rebellische Bauern durch.
Russische Politiker schlugen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mehrfach vor, den besonderen Status der Kosaken aufzuheben.Kappeler: Die Kosaken. S. 62 In seiner im Jahr 1908 erschienenen Arbeit „Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie in der ersten russischen Revolution von 1905–1907“ forderte Lenin die Enteignung der Kosaken als privilegierte Bauern und die vollständige Streichung ihrer Privilegien.Jurtschenko: The Agrarian Program of Social Democracy in the First Russian Revolution Of 1905–1907 of V. I. Lenin as a methodological base of Policy of Dispossession of the Cossacks and its Interpretations in the Soviet Historiography. In the World of Scientific Discoveries. Series A, 2013, Vol. 1, No. 2, S. 131–144 Im Kontext dieser vorrevolutionären Diskussionen wurde das Wort „Entkosakisierung“ ab den 1870er-Jahren zum ersten Mal verwendet. Es muss auch betont werden, dass zu diesem Zeitpunkt von einer Gewaltanwendung gegen die Kosaken keine Rede war.
Während der Expansion des Russischen Kaiserreiches ab dem 16. Jahrhundert spielten die Kosaken eine wichtige Rolle, die ihnen andererseits den Hass der Altbevölkerung der Gebiete einbrachte, die von Russland annektiert wurden. Als Beispiel sollen hier die Kosaken des Terek-Gebietes genannt werden. Sie wurden während des langen Kaukasuskriegs von 1817 bis 1864 im Vorland des Kaukasus angesiedelt und schnitten die Inguschen, Tschetschenen, Osseten und andere Bergvölker von ihren Winterweiden ab. Diese Ereignisse wurden von Lew Tolstoi in der Novelle Die Kosaken oder der Erzählung Der Gefangene im Kaukasus einem breiteren Publikum bekanntgemacht. Die Kaukasier akzeptierten jedoch die russische Vorherrschaft nie und warteten auf eine Gelegenheit, sich ihre angestammten Ländereien zurückzuholen.Andreas Kappeler: Russland als Vielvölkerreich. C.H.Beck, München 1992, ISBN 3-406-36472-1 Diese Gelegenheit schien sich mit den revolutionären Umwälzungen des Jahres 1917 anzubieten.
Kurz vor den revolutionären Ereignissen des Jahres 1917, die zur Machtübernahme der Bolschewiki führten, gab es insgesamt etwa 4,2 Millionen Menschen in Russland, die sich selbst zu den Kosaken zählten.D. D. Penkowski: Die Ursachen für die Auswanderung der Kosaken aus Russland (1920–1925). (russisch) mosgu.ru; abgerufen am 7. November 2020Es handelt sich um das Ergebnis der Volkszählung von 1916. Davon waren knapp 450.000 militärisch ausgebildet. Mehr als 300.000 dieser Kosaken wurden an den Fronten des Ersten Weltkriegs eingesetzt.
Die „Entkosakisierung“ im Russischen Bürgerkrieg mini|500px|links|Übersicht der Siedlungs- und Einsatzgebiete der Kosakenheere innerhalb des Russischen Kaiserreichs in den Grenzen von 1900. In den in grüner Farbe gehaltenen Kosakengebieten lebten andere Einwohner des Russischen Kaiserreichs zusammen mit den Kosaken.
Allgemein kann gesagt werden, dass sich die Gebiete der Kosakenheere in einem ungefähr 7000 Kilometer langen Gürtel im Süden des Russischen Kaiserreichs vom Asowschen Meer und Don bis zum Fluss Ussuri im Fernen Osten erstreckten.Kappeler: Die Kosaken. S. 55 Da diese Gebiete zu verschiedenen Zeitpunkten des Russischen Bürgerkriegs unter die Kontrolle der Bolschewiki kamen, fand auch die „Entkosakisierung“ zeitlich gestaffelt und in örtlich verschiedenem Umfang statt.
Im Gegensatz zu späteren, im Voraus geplanten Unterdrückungsmaßnahmen gegen bestimmte Bevölkerungsteile in der Sowjetunion (beispielsweise die Entkulakisierung, die Kulakenoperation des NKWD, die Polnische Operation des NKWD) war die als „Entkosakisierung“ bezeichnete Politik ein sich aus den Umständen des Russischen Bürgerkriegs entwickelndes Ergebnis der Gewaltbereitschaft der Bolschewiki als auch des Widerstandes der Kosaken gegen deren Machtübernahme. Insbesondere Lenins Dekret über Grund und Boden vom , das eine Enteignung der bis dahin privilegierten und steuerbefreiten Militärbauern zur Folge gehabt hätte, führte zum sofortigen Widerstand der Kosaken gegen das Regime der Bolschewiki, sofern sie nicht durch Propaganda vorläufig wieder beruhigt wurden.
Die Zeit von der Oktoberrevolution bis zur Bekanntmachung der Kosaken-Richtlinie ist von lokalen, manchmal durch einzelne Funktionäre der KPR(b) hervorgerufenen Übergriffen auf die Kosaken geprägt. Aufgrund der anarchischen Zustände im Russland des Jahres 1918 handelt es sich häufig um die auf privaten Interessen basierende Plünderung wohlhabenderer Russen („Bourgeoisie“), von denen die Kosaken nur eine Gruppe darstellten. Nach Bekanntgabe der Kosaken-Richtlinie wurde die „Entkosakisierung“ als allgemeine Handlungsvorschrift von der Roten Armee bis in den Sommer 1919 konsequent durchgeführt, bis sich die negativen Konsequenzen (erbitterter Widerstand der Kosaken, Vernichtung von Ressourcen) bemerkbar machten. Danach wurde bis zum Ende des Bürgerkriegs lokal über das Ausmaß einer „Entkosakisierung“ entschieden.
Der Übergang zu den in „friedlichen Zeiten“ nach dem Bürgerkrieg stattfindenden Repressionen ist fließend.
Im Folgenden soll der Verlauf der „Entkosakisierung“ im Russischen Bürgerkrieg anhand ihrer prägenden Entwicklung im Gebiet der Don-Kosaken dargestellt werden. Lokale Vorgänge bei den anderen Kosakenheeren im Kontext der „Entkosakisierung“ während des Bürgerkriegs werden nachfolgend beschrieben.
Gewaltsame Eskalation 155px 370px 170px Funktionäre der KPR(b): Links: Sergei Syrzow, Kommissar für Volkswirtschaft und stellvertretender Vorsitzender des Rates der Volkskommissare der sowjetischen Donrepublik (vor 1929) Mitte: Rudolf Sivers (zweiter von links) mit einer berittenen Abteilung der Roten Garden (1918) Rechts: Wladimir Lenin (Mitte) und Jakow Swerdlow (rechts neben Lenin) betrachten zum 1. Jahrestag der Oktoberrevolution ein neu enthülltes Marx und Engels Monument auf dem heutigen Revolutionsplatz in Moskau (7. November 1918)