mini|Illustration von Carl Offterdinger Das tapfere Schneiderlein ist ein Märchen (ATU 1640, 1051, 1052, 1060, 1062, 1115). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 20 (KHM 20). In der 1. Auflage lautete der Titel Von einem tapfern Schneider. Das Schwankmärchen basiert auf Von einem könig, schneyder, rysen, einhorn und wilden schwein in Martin Montanus’ Wegkürzer (1557–1566). Clemens Brentano bearbeitete es ebenfalls nach Montanus als Mährchen vom Schneider Siebentodt auf einen Schlag in Die Mährchen vom Rhein (1810–1812). Auch Ludwig Bechstein übernahm es nach Montanus in sein Deutsches Märchenbuch als Vom tapfern Schneiderlein (1845 Nr. 2, 1853 Nr. 1). Es gelangte auch in Ernst Heinrich Meiers Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, 1852 als Das tapfere Schneiderlein (Nr. 37). Zudem ist das Märchen in ähnlicher Form auch im norwegischenReimund Kvideland, Hallfreður Örn Eiríksson (Hrsg.): Norwegische und Isländische Volksmärchen. Akademie-Verlag, Berlin, 1988, S. 242–245; Übersetzung von Karin Machnitzky. und isländischenAdeline Rittershaus: Sieben auf einen Streich!. In: Die neuisländischen Volksmärchen. Ein Beitrag zur vergleichenden Märchenforschung. Max Niemeyer, Halle 1902, S. 383–386; . Sprachraum bekannt.
Inhalt (Kurzfassung) mini|Darstellung von Alexander Zick Ein Schneider arbeitet in seiner Werkstatt, als eine Bäuerin auf der Straße Mus anbietet. Er streicht sich Brot damit und legt es hin, um erst fertig zu arbeiten. Als Fliegen kommen, haut er mit einem Tuch darauf. Er ist ganz beeindruckt, dass sieben tot sind, bestickt sich daher einen Gürtel, „sieben auf einen Streich“, und geht hinaus.
Auf einem Berg sitzt ein Riese. Der macht eine Kraftprobe, indem er einen Stein ausquetscht. Aber der listige Schneider macht es nach mit einem Käse, den er mitgenommen hat. Der Riese wirft einen Stein weit hoch, doch der Schneider wirft einen Vogel in die Luft, der gar nicht wieder herunter kommt. Der Riese will einen Baum mit ihm schleppen, der Schneider setzt sich einfach auf einen Ast und lässt sich tragen. Der Riese biegt die Krone eines Kirschbaums herab und isst davon. Der Schneider kann den Baum nicht halten, schnellt hoch und redet sich heraus, Jäger würden ins Gebüsch schießen. Der Riese kann den Sprung nicht nachmachen. Er lädt ihn in die Riesenhöhle ein und haut ihm nachts eine Eisenstange aufs Bett, doch der vorsichtige Schneider ist in eine Ecke gekrochen.
Mit seinem Gürtel kommt er in des Königs Kriegsdienst. Die anderen Soldaten fürchten ihn und wollen gehen. So schickt ihn der König aus, im Wald zwei Riesen zu töten, er bekäme auch seine Tochter dafür. Der Schneider bewirft die Riesen von einem Baum abwechselnd mit Steinen, bis sie sich gegenseitig erschlagen, und erzählt dann, er sei es gewesen. Dann soll er ein Einhorn fangen. Das Einhorn rennt auf ihn zu, er springt hinter einen Baum, und es steckt fest. Er soll noch ein Wildschwein fangen und sperrt es in einer Kapelle ein.
Er bekommt also die Königstochter. Sie aber hört ihn im Schlaf reden und merkt, dass er nur ein Schneider ist. Der König will ihn daher nachts wegtragen lassen. Der Schneider stellt sich schlafend und jagt die Diener mit lauter Rede fort.
Inhalt (ausführlich) mini|Bildpostkarte, 19. Jh. Nach Version I in der ersten Auflage von 1812,Vgl. die verschiedenen Ausgaben im Volltext in Wikisource unten unter Weblinks. der im Wesentlichen auch Bechstein folgt, ist die Hauptfigur ein armer Schneider, der am Anfang der Geschichte von Fliegen gestört wird, die von einem neben ihm liegenden Apfel angelockt wurden (in Variante II und seit der 2. Auflage von 1819, die einen vereinheitlichten Text bietet, ersetzt durch Mus, das er einer Bauersfrau abgekauft hat). Wütend schlägt er mit einem Tuchlappen auf die Tiere ein und tötet alle sieben. Begeistert von seiner Tat, lässt er sich einen Harnisch anfertigen, auf den er in Goldbuchstaben die Worte „Sieben auf einen Streich geschlagen“ schreiben lässt (in Variante II und seit der zweiten Auflage ersetzt durch einen Gürtel, den er selbst anfertigt und mit der Inschrift bestickt: „29 auf einen Streich!“ bzw. „Siebene auf einen Streich!“). Daraufhin geht er in die Welt hinaus, auf dass es jeder erfahre. Die zweideutige Inschrift wird jedoch missverstanden, und man hält den Schneider für einen Kriegshelden, der sieben Männer auf einen Schlag getötet habe.
Davon hört auch der König und nimmt den Schneider als Kommandeur der Reitertruppen in seinen Dienst. Die anderen Reiter fürchten ihn aber und bitten alle um Beurlaubung. Der König bereut daher seine Entscheidung, wagt jedoch aus Angst vor dem Helden der Geschichte nicht, diesen zu entlassen. Er sucht daher einen Weg, sich des Schneiders zu entledigen. Er lässt ihn zu sich kommen und verspricht ihm die Hand seiner Tochter und das halbe Königreich als „Ehsteuer“, wenn er ihn von zwei grausamen Riesen befreie, die sein Land verwüsteten. Insgeheim aber verfolgt der König damit die Absicht, den gefährlichen Schneider loszuwerden, da er fest damit rechnet, dass dieser im Kampf mit den Ungeheuern umkommt.
Der Schneider findet bald die beiden Plünderer schlafend unter einem Baum liegen. Sogleich hat er auch schon eine Idee. Er sammelt Steine, klettert in den Baum, unter dem die Riesen liegen, und wirft einen Stein auf den ersten. Dieser wacht auf und hält seinen Freund für den Schuldigen. Er weckt ihn auf, aber der Schläfer bestreitet die Tat. Als beide wieder eingeschlummert sind, trifft der Schneider den zweiten. Auch jetzt setzten die Riesen nach kurzem Streit ihren Schlaf fort. Nun wirft der Schneider wieder heftig auf den ersten, der, erneut geweckt, wütend wird und beginnt, auf seinen Freund einzuschlagen. Dieser wehrt sich, sie reißen Bäume aus und schlagen damit so lange aufeinander ein, bis beide tot sind. Als er den Reitern, die er vor dem Walde hat halten lassen, seinen Erfolg meldet, glauben sie ihm nicht, und erst als sie die toten Riesen liegen sehen, sind sie vom Heldentum des Schneiders überzeugt.
Der König stellt aber eine weitere Bedingung und schickt den Helden erneut los, um ein Einhorn zu fangen, das das Land durchstreift. Auch hier zeigt sich der Einfallsreichtum des Schneiders, denn als er das wilde Tier zum Kampf herausfordert und jenes mit dem Horn voran angreift, springt er zur Seite, so dass das Einhorn sein Horn in einen Baum rammt. Er legt ihm einen Strick um den Hals und kann es, nachdem er (ab der 3. Auflage von 1837) mit einer Axt das Horn aus dem Baum herausgehauen hat, dem König zuführen. Dieser jedoch fordert eine weitere Probe seines Könnens, nämlich dass ein schreckliches Wildschwein lebend gefangen wird. Auch hier bleibt der Nadelschwinger souverän: Er lässt das Ungeheuer in eine verlassene Kapelle rennen, springt selbst zum Fenster hinaus, rennt um die Kapelle herum und sperrt es anschließend dort ein. mini|Illustration von Carl Offterdinger Nun kann der König nicht anders und muss dem armen Schneider seine Tochter und das Königreich geben. Als die Königstochter im Hinblick auf die wahre Identität des Schneiders aufgrund von Sätzen, die er im Traum gesprochen hat, Verdacht schöpft und ihren Vater informiert, versucht dieser, durch seine Diener den Sachverhalt aufzuklären. Der Schneider jedoch, gewarnt durch einen Getreuen, schlägt die Diener durch in vorgetäuschtem Schlaf ausgestoßene Drohungen in die Flucht und kann so sein Königtum auf Dauer behaupten.
Nach Variante II demonstriert das Schneiderlein seine Gewitztheit noch durch drei Proben gegenüber einem Riesen, dem er noch vor der Ankunft am Königshof begegnet, indem es statt des angeblichen Steines, der nicht zur Erde zurückkehrt, einen Vogel in die Luft wirft und anstelle eines weiteren angeblichen Steines einen alten Käse mit der Hand zerdrückt. Eine dritte Probe besteht im Niederhalten der Äste eines Kirschbaumes, von denen er emporgeschleudert wird, was er zu einem absichtlichen Sprung über den Baum umdeutet, woran der Riese beim Versuch, es ihm nachzutun, scheitert.
Ab der 2. Auflage von 1819 geht der dritten Probe noch das Baumtragen voraus, das der Schneider durch das Vortäuschen, er trage die Baumkrone, für sich entscheidet, und es folgt ein Abenteuer im Hause des Riesen, der seinen Übernachtungsgast vergeblich umzubringen versucht, wodurch allerdings das vorherrschende Dreierschema (drei Proben vor dem Riesen, drei Phasen des Streits zwischen den Riesen, drei Proben vor dem König) durchbrochen wird. Die beiden ersten Proben finden sich auch in Ernst Meiers Deutsche Volksmärchen aus Schwaben Ernst Meier: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben. Scheidlin, Stuttgart 1852, S. 129–134 (Wikisource als, als Nr. 37). in einer in vielen Einzelheiten abweichenden Fassung (30 Fliegen, Milch als Lockmittel, Papier, das an den Hut gesteckt wird, als Schreibgrund der Inschrift; Beauftragung des Schneiders durch einen reisenden Grafen, dann Tapferkeitsprobe vor drei Riesen; drei Mordversuche; Fehlen der Szene mit den schlafenden Riesen im Wald; Fehlen der Abenteuer mit Einhorn und Wildschwein) sowie in Adalbert Kuhns ebenfalls in vielen Einzelheiten abweichender Fassung (12 Fliegen; Bier als Lockmittel; Inschrift „rechts zwölfe“ und „links elfe“ auf den Seiten der Klinge eines Hirschfängers; Abenteuer mit einem Bären; Kriegszug auf einem Schimmel; Tötung des Riesen nach dessen Mordversuch; Untergang des Schneiders im Sumpf beim Versuch, der Sonne nachzureiten) in Märkische Sagen und Märchen .Adalbert Kuhn: Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben gesammelt und herausgegeben. Reimer, Berlin 1843, S. 289–293 (Google Books). Das Abenteuer im Hause des Riesen findet sich ebenfalls bei Ernst Meier [s. oben], der aber drei Mordversuche der Riesen hat, nach denen sie vom Schneider getötet werden.
Textgeschichte mini|Illustration von Henry Chapman Ford, 1889 mini|Illustration von Arthur Rackham, 1909 Wilhelm Grimm exzerpierte 1809 das Schwankmärchen Von einem König, Schneider, Riesen, Einhorn aus Clemens Brentanos Exemplar von Montanus‘ Wegkürzer. Darin setzen die Fliegen sich auf einen Apfel, die Musfrau fehlt, wie auch die Proben mit dem Riesen. Der Held kriegt einen Harnisch mit Goldbuchstaben („Syben auff ein streich zu todt geschlagen“). Die Diener sollen ihn zuletzt einfach umbringen, was Grimm abmildert.Heinz Rölleke (Hrsg.): Grimms Märchen und ihre Quellen. Die literarischen Vorlagen der Grimmschen Märchen synoptisch vorgestellt und kommentiert (= Schriftenreihe Literaturwissenschaft. Band 35). 2. Auflage. Wissenschaftlicher Verlag Trier, Trier 2004, ISBN 3-88476-717-8, S. 38–55, 553–554. Die Abschrift modernisierte den Text in Einzelheiten, er stand im Erstdruck von 1812 unter dem Titel Von einem tapfern Schneider in modernerem Deutsch. Dass das Einhorn dem König an „Fisch und Leut“ schadet, ist ein Druckfehler der zugrunde liegenden Montanus-Ausgabe, gemeint ist „Vieh und Leut“. Brentano kritisierte die Beibehaltung alter Sprachformen als für Kinder unverständlich, was wohl die weitere Bearbeitung motivierte.Heinz Rölleke (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Herausgegeben und erläutert von Heinz Rölleke. Cologny-Geneve 1975 (Fondation Martin Bodmer, Printed in Switzerland), S. 22–31, 349. Darunter stand separat ein Text (wohl von Familie Hassenpflug) nur mit dem Mus, den Fliegen („29 auf einen Streich!“) und den Proben des Riesen ohne das Baumtragen. Ab der 2. Auflage dient dieser mit einem weiteren (laut Anmerkung „hessischen“) als Eingang, womit die Handlung der heute bekannten Endfassung entspricht.Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 47–49.