mini|hochkant=0.8|Stolperstein in Gerolzhofen Die Liste der Stolpersteine in Gerolzhofen enthält die Stolpersteine, die vom Kölner Künstler Gunter Demnig in Gerolzhofen verlegt wurden. Stolpersteine erinnern an das Schicksal der Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Sie liegen im Regelfall vor dem letzten selbstgewählten Wohnsitz des Opfers.
Die erste Verlegungen in Gerolzhofen erfolgte am 1. Dezember 2014.
Juden in Gerolzhofen
Die jüdische Geschichte von Gerolzhofen begann mit einem Pogrom, dem sogenannten Rintfleisch-Pogrom des Jahres 1298, während dessen auch Juden der Stadt ermordet wurden. Um 1409 wird von einer Gefangensetzung von Juden berichtet.
Die Anzahl der Juden in Gerolzhofen war stets begrenzt. Mitte des 14. Jahrhunderts sollen sich einige wenige von ihnen in der Stadt angesiedelt haben. Johann II. von Brunn, ab 1411 Fürstbischof von Würzburg, genehmigte im Jahr 1425 Juden, sich im Orte niederzulassen. Es waren aber nur wenige jüdische Familien, die dieses Recht in Anspruch nahmen. Als mögliches Gründungsdatum des jüdischen Friedhofs am Kapellenberg kursieren zwei Jahreszahlen – 1640 und 1730. Im 18. Jahrhundert wurde er zur zentralen Begräbnisstätte für die umliegenden Gemeinden – Altenschönbach, Gochsheim, Frankenwinheim, Lülsfeld, Prichsenstadt, Rimbach, Traustadt. 1715 wurde eine Chewra Kadischa ins Leben gerufen, eine Beerdigungsbruderschaft. 1888 entstand auch unter Mitwirkung umliegender Gemeinden eine Chewra Anoschim, eine Beerdigungsschwesternschaft.
1817 wurden auf den Matrikellisten insgesamt sieben jüdische Familienvorsteher genannt (jeweils mit dem Erwerbszweig): Raphael Bamberger (Handel mit kleinen Ellenwaren), Hirsch Hirschberger (Schnitt- und Weinhandel), Lazarus Hirschberger (Tuch- und Spezereihandel), Jacob Hitzinger (Handel mit alten Kleidern), Raphael Jacobi (Schmusen), die Witwe Rifka Schloß (sie lebte von Kapitalien und etwas Wein- und Schnitthandel) sowie Joel Uhlfelder (Schnitthandel). Erst 1873 wurde in der Steingrabenstraße eine Synagoge eingerichtet, in einem von der Cultusgemeinde Gerolzhofen erworbenen und umgebauten Haus. Es wurde ein Lehrer angestellt, der zugleich Vorbeter und Schächter war. 1907 wollte man die bisherige Religionsschule in eine öffentliche jüdische Volksschule umwandeln.
1900 betrug der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung 6,8 Prozent, das waren 148 Personen, überwiegend in Handel und Gewerbe tätig. Die jüdische Gemeinde gehörte damals zum Rabbinatsbezirk Schweinfurt. Im Ersten Weltkrieg fielen Siegmund Hahn und Abraham Marx. In der Folge verminderte sich die Zahl der Juden in der Stadt leicht, auf 115 Personen zur Jahreswende 1932/33. In den Anfangsjahren des NS-Regimes wurde es mit dem Judenboykott in Gerolzhofen nicht ganz ernst genommen, auch der Bürgermeister kaufte noch 1936 in einem jüdischen Geschäft ein. Die Novemberpogrome 1938 änderten die Lage der verbliebenen 70 jüdischen Mitbürger dramatisch. Ihre Wohnungen wurden durchsucht, Möbel auf die Straße geworfen. Die Synagoge wurde nicht in Brand gesetzt, weil man ein Übergreifen der Flammen auf Nachbargebäude fürchtete. Jüdische Einwohner wurden misshandelt. Einige flüchteten aus der Stadt, anderen gelang noch rechtzeitig die Auswanderung. Ende April 1942 wurden die wenigen verbliebenen Juden, bis auf drei in „Mischehe“ lebende, deportiert, Mitte September 1942 wurden auch diese drei deportiert. Am 19. September 1942 war Gerolzhofen offiziell „judenrein“. Von den 30 im Jahr 1942 deportierten Juden hat keiner überlebt.Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum: Gerolzhofen (Unterfranken/Bayern), abgerufen am 20. November 2020
Liste der Stolpersteine In Gerolzhofen wurden elf Stolpersteine an fünf Adressen verlegt.
Die Tabelle ist teilweise sortierbar; die Grundsortierung erfolgt alphabetisch nach dem Familiennamen des Opfers.
Stolperstein Inschrift Standort Name, Leben 120pxHIER WOHNTEMAX HENLEJG. 1882DEPORTIERT 1942KRASNYSTAWERMORDET Marktstraße 7 wurde am 16. August 1882 in Laupheim im Landkreis Biberach geboren. Seine Eltern waren Simon Henle (1849–1925) und Jette, geborene Loewenthal (geboren 1854). Er hatte einen Bruder und drei Schwestern. Nach seinem Schulbesuch in Ulm studierte Henle an der Königlichen Industrieschule in Nürnberg. Er leistete seinen Militärdienst ab und war während des Ersten Weltkrieges als Offiziers-Stellvertreter eingesetzt. Max Henle wurde dreimal schwer verwundet und erhielt das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse. 1923 heiratete er Meta Lichtenauer. Das Paar hatte einen Sohn, Paul Simon Henle (geboren 1925). Nach der Hochzeit unterstützte er seine Frau in der Führung ihres Schuhgeschäftes in Gerolzhofen. Er stand der SPD nahe. Während der Novemberpogrome 1938 wurde er verhaftet. Das couragierte Auftreten seiner Frau sorgte für seine Freilassung. Noch im selben Jahr musste das Geschäft aufgegeben werden. Max Henle verdingte sich als Hilfsarbeiter. 1939 richtete die Familie an die USA einen Einreiseantrag. Das Begehren wurde von den Behörden in Minnesota abgelehnt. 1941 wurde er mit seiner Familie in der Salzstraße 12 zwangseinquartiert.Main-Post: Spuren einer jüdischen Familie, abgerufen am 17. November 2020 Im April 1942 wurden er zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn nach Krasnystaw deportiert. Max Henle, seine Frau und sein Sohn haben die Shoah nicht überlebt.
Alle Geschwister, Berta (geboren 1879), Cilli (geboren 1883), Karl Josef (geboren 1890) und Elise Mathilde (geboren 1894), konnten in die Vereinigten Staaten flüchten. Berta starb dort im November 1963, Cilli 1974, Franz Josef 1984 und Elise 1994.Main-Post: Die Henles, 1. Dezember 2014Alemannia Judaica: Auf Spurensuche, Stolperstein-Flyer, abgerufen am 17. November 2020Epidat Ella Löwenthal geb. Weil 5.2.1911, abgerufen am 17. November 2020 120px HIER WOHNTEMETA HENLEGEB. LICHTENAUERJG. 1883DEPORTIERT 1942KRASNYSTAWERMORDET Marktstraße 7 , geborene Lichtenauer, wurde am 13. April 1883 in Brünnau als siebentes Kind von Bernhard und Ernestine Lichtenauer geboren. Lichtenauer war ein bekannter Name in Gerolzhofen. Die Familien dieses Namens besaßen Viehhandlungen und landwirtschaftliche Betriebe sowie eine Reihe von Einzelhandelsgeschäften in der Innenstadt. 1911 starb ihr Vater und ihre Mutter gründete das Salamander Schuhgeschäft in der Marktstraße 7. Später übernahm Meta Lichtenauer das Geschäft. Ernestine Lichtenauer starb 1937.Todesfallanzeige Ernestine Lichtenauer, abgerufen am 17. November 2020 Henle wird als „tüchtige Geschäftsfrau“ bezeichnet. 1923 heiratete sie Max Henle, am 15. August 1925 wurde der gemeinsame Sohn Paul geboren. Das Schuhgeschäft führte das Paar gemeinsam weiter. Couragiert gelang es Meta Henle, ihren Ehemann nach der Reichspogromnacht im November 1938 aus der sogenannten „Schutzhaft“ zu befreien, doch war es beiden klar, dass sie als Juden keine Zukunft in Deutschland haben. Noch im selben Jahr mussten sie das Geschäft aufgeben. Bemühungen, in die USA auszuwandern, scheiterten. Meta Henle wurde gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn am 25. April 1942 nach Krasnystaw deportiert. Meta Henle und ihre Familie haben die Shoah nicht überlebt.The Central Database of Shoah Victims’ Names: META HENLE, abgerufen am 17. November 2020
Ihrem ältesten Bruder Moritz, der in Frankfurt am Main lebte, gelang die Flucht nach Argentinien. Einige seiner Nachfahren kamen zur Verlegung der Stolpersteine aus Argentinien angereist. 120px HIER WOHNTEPAUL HENLEJG. 1925DEPORTIERT 1942KRASNYSTAWERMORDET Marktstraße 7 wurde am 15. August 1925 in Würzburg als einziges Kind von Max Henle und Meta, geborene Lichtenauer, geboren. Er galt als „fröhliches Kind mit ordentlichen Manieren“. Nach den Novemberpogromen von 1938 brachten ihn seine Eltern nach Fürth, weil sie ihn dort eher in Sicherheit wähnten. Im Jahr 1939 ging er nach Kitzingen und begann eine Lehre als Koch. 1941 kehrte er zu den Eltern nach Gerolzhofen zurück. Im April 1942 wurde er gemeinsam mit seiner Mutter und seinem Vater nach Krasnystaw deportiert. Paul Simon Henle und seine Eltern wurden Opfer der Shoah. Ort und Zeitpunkt sind unbekannt. 120px HIER WOHNTEAMALIE KOHNGEB. SCHWABJG. 1873FLUCHT 1939 HOLLANDINTERNIERT WESTERBORKDEPORTIERT 1943SOBIBORERMORDET 28.5.1943 Marktstraße 20 , geborene Schwab, wurde am 21. Januar 1873 in Rimpar geboren. Ihre Eltern waren die Viehhändler Salomon und Babette Schwab. Sie hatte vier Geschwister und heiratete Hermann Kohn, dem eine Eisenwarenhandlung gehörte. Das Paar bekam zwei Kinder, Rose (geboren 1901) und Karl (geboren 1907). Ihr Ehemann wurde nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zweimal in sogenannte „Schutzhaft“ genommen, 1933 in Schweinfurt, 1934 in Gerolzhofen. Der Familie gelang es zumindest für Sohn Karl ein Visum für die USA zu bekommen, er flüchtete rechtzeitig. Nachdem die Kohns wirtschaftlich geschädigt wurden durch Boykottaufrufe, mussten sie 1937 die Eisenwarenhandlung zu einem Schleuderpreis verkaufen. Das Paar zog im Februar 1939 zur Tochter Rose nach Amsterdam. Von hier wollten sie versuchen, ebenfalls in die USA zu gelangen. Sie wurden 1943 im Durchgangslager Westerbork interniert, sie waren wahrscheinlich durch einen Spitzel an die Gestapo verraten worden. Von dort wurden Amalie Kohn und ihr Mann am 25. Mai 1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. Amalie Kohn und ihr Ehemann wurden dort am 28. Mai 1943, kurz nach der Ankunft im Lager, ermordet.
Ihre Tochter Rose war seit 1927 mit dem Bankier Ludwig Loewenthal verheiratet. Sie wurde 1943 zusammen mit ihrer Familie nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebte das Lager und wurde am 8. Mai 1945 befreit. Ihr Ehemann und ihr Sohn Willi wurden beide in Lagern ermordet. Rose Löwenthal emigrierte nach dem Krieg in die USA und heiratete erneut, und nahm im Zuge dessen den Namen Lowell an. Sie starb im Jahr 2000. Für ihren Ehemann und ihren Sohn wurden in Bad Kissingen Stolpersteine verlegt. Amalie Kohns Sohn Karl wurde in den USA ebenfalls Eisenhändler und starb 1983 im Alter von 76 Jahren. Der Kohn Charitable Trust finanziert eine Hermann and Amalie Kohn Professorship of Social Justice and Social Policy an der University of Michigan.University of Michigan: Biography of Hermann and Amalie Kohn, abgerufen am 18. November 2020Main-Post: Stolpersteine erinnern an drei weitere ermordete Mitbürger , abgerufen am 18. November 2020Löwenthal Rose, abgerufen am 18. November 2020 120px HIER WOHNTEHERMANN KOHNJG. 1871'SCHUTZHAFT' 1934GEFÄNGNIS GEROLZHOFENFLUCHT 1939 HOLLANDINTERNIERT WESTERBORKDEPORTIERT 1943SOBIBORERMORDET 28.5.1943 Marktstraße 20 wurde am 2. April 1871 in Lülsfeld geboren. Er hatte acht Geschwister, seine Eltern hatten einen Gemischtwarenladen. Im Jahr 1899 erwarb er in Gerolzhofen ein Haus und eröffnete in diesem eine Eisenwarenhandlung. Kohn heiratete Amalie Schwab, das Paar hatte zwei Kinder, Rose (geboren 1901) und Karl (geboren 1907). Hermann Kohn wurde 1933 in Schweinfurt und 1934 in Gerolzhofen in sogenannte „Schutzhaft“ genommen. Vorsorglich besorgte die Familie für Sohn Karl ein Visum, der 1936 in die USA flüchten konnte. Ein Banner mit der Aufschrift „Wer bei Juden kauft, ist ein Volksverräter“ wurde aufgestellt, um der Familie wirtschaftlich zu schaden. 1937 verkauften sie das Geschäft zum Schleuderpreis, zwei Jahre später folgten sie der Tochter Rose nach Amsterdam, sie hofften von hier noch in die USA ausreisen zu können. Dies war ihnen nicht mehr möglich, 1943 erfolgte ihre Internierung im Lager Westerbork. Von dort wurden Hermann Kohn und seine Frau am 25. Mai 1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. Hermann Kohn und seine Frau wurden dort am 28. Mai 1943, kurz nach der Ankunft im Lager, ermordet.