Serjeant Musgrave’s Dance: An Unhistorical Parable ist ein sozialkritisches Drama des britischen Dramatikers John Arden, das am 22. Oktober 1959 am Royal Court Theatre in London uraufgeführt und im selben Jahr auch erstmals in gedruckter Form herausgegeben wurde. Eine deutsche Fassung in der Übersetzung von Erich Fried und Karl Fruchtmann wurde 1967 unter dem Titel Der Tanz des Sergeanten Musgrave: Eine unhistorische Parabel im Rowohlt Verlag veröffentlicht.Vgl. die Angaben im WorldCat . Die deutsche Erstausgabe erschien wahrscheinlich schon früher, entweder bereits 1960 nach den Angaben des WorldCat oder um 1965 nach der Auflistung im Verzeichnis der Deutschen Nationalbibliothek . Abgerufen am 16. November 2020.
Unter dem Einfluss des Epischen Theaters von Bertolt Brecht thematisiert das um 1880 während des Zypernkonflikts spielende Stück die Problematik des persönlichen Eingreifens gegen soziale Ungerechtigkeit, Gewalt und Kolonialismus in einer eigenständigen Mischung aus politischen und poetischen Momenten, in der Songeinlagen und epische Verfremdungseffekte mit Elementen der englisch-schottischen Volksballade verknüpft werden. Der im Untertitel explizit ausgewiesene Gleichnischarakter des Dramas verweist auf die Intention des Autors, die Werkaussage ungeachtet ihrer historischen Einkleidung auf die zeitgenössische Wirklichkeit zu übertragen. Arden selber bezeichnet das Stück in seinem Vorwort zum Dramentext als „ein realistisches, aber nicht ein naturalistisches“ („a realistic, but not a naturalistic“) Drama; die historischen Bezüge dienen dabei vor allem der Stilisierung und beispielhaften Veranschaulichung.
Die Titelfigur, Sergeant der Königin Viktoria, will nach ihrer Heimkehr ein Exempel statuieren und die willkürliche Ermordung von fünf unschuldigen Zivilisten im Zypernkrieg, die als Vergeltung für den Tod eines einzelnen britischen Soldaten getötet wurden, nun durch die Hinrichtung von 25 (d. h. fünf mal fünf) Verantwortlichen in einer nordenglischen Kleinstadt sühnen.
Trotz einer anfangs gemischten Reaktion wird das Drama mittlerweile von der Kritik und Literaturwissenschaft unbestritten zu den gattungs- und literaturgeschichtlich bedeutsamsten Schlüsselwerken des modernen englischen Dramas gezählt.
Inhaltsangabe Akt I Schauplatz des dramatischen Geschehens ist eine kleine nordenglische Bergarbeiterstadt im Winter 1879/1880. Drei Deserteure eines britischen Regiments in Zypern, die Gefreiten Sparky, Hurst und Attercliffe, warten angespannt am Kai auf die Ankunft ihres Sergeanten Musgrave. Nach dessen Eintreffen bringt ein Kahnführer mit dem sprechenden Namen Bludgeon (dt. Knüppel) sie samt ihrer Ausrüstung, unter anderem einem Gatling-Maschinengewehr, über den Fluss in die Stadt, die durch starken Schneefall von der Außenwelt abgeschnitten ist.
Unter dem Vorwand, Rekruten für die Armee der Königin Viktoria anwerben zu wollen, kommt die Gruppe der vier Deserteure im Gasthaus der Mrs. Hitchcock unter, einer ungefähr fünfzigjährigen Witwe. Das junge Schankmädchen Annie, das in Ardens Anmerkungen zum Text als „grobknochig“ („big-boned“, S. 7) und nicht sonderlich attraktiv beschrieben wird, zeigt sich besorgt über die Ankunft der Soldaten. Sie provoziert den Sergeanten und seine Gefreiten mit teils anzüglichen, teils abweisenden Bemerkungen.
Da die Bergarbeiter in der Stadt sich wegen einer Lohnkürzung im Streik befinden, ist die Lage angespannt. Der Bürgermeister, der Pfarrer und der Konstabler als weltliche und geistliche Autoritäten der Stadt hoffen auf eine Entspannung der Situation durch die Rekrutierungsversuche der Soldaten. Für jeden als Rekruten angeworbenen Bergarbeiter lobt der Bürgermeister, der zugleich Eigentümer der Kohlenmine ist, eine aufzuteilende Belohnung von zwei Pfund aus, davon ein Pfund für den Sergeanten und seine Gruppe. Die Bergleute wiederum sehen die Soldaten zunächst als Streikbrecher an; ihr Misstrauen wird erst durch das großzügig „auf Rechnung der Königin“ von der Gruppe ausgeschenkte Freibier zerstreut.
In der dritten Szene des ersten Akts treffen sich die vier Soldaten auf dem Friedhof der Stadt. Dem Publikum werden in dieser Szene die tatsächlichen Beweggründe der Deserteure offenbart. Nach dem Tode ihres Kameraden Hicks in einem nicht genau identifizierbaren Kolonialkrieg erlebten die vier brutale Repressalien und Vergeltungsmaßnahmen gegenüber der Zivilbevölkerung, die den Tod von fünf unschuldigen Menschen zur Folge hatten. Nun wollen die Deserteure die Menschen in England davon überzeugen, dass Krieg und Gewalt verwerflich und falsch sind.
Sie sind dabei genau in diese Stadt im Norden Englands gekommen, da ihr getöteter Kamerad Hicks aus ihr stammt. Die Soldaten erfahren von der Wirtin Mrs. Hitchcock, dass Hicks mit dem Schankmädchen Annie liiert war. Als er zum Militär ging und im Ausland in den Krieg zog, war Anne von ihm schwanger und brachte ein Kind zur Welt. Ihr gemeinsames Baby verstarb aber nach Hicks Tod im Alter von nur wenigen Wochen. Dies erklärt zugleich Annes Sarkasmus den Soldaten gegenüber.
Als Sergeant Musgrave beginnt, seine Führungsrolle und seine Absichten mit der „Macht Gottes“ zu begründen, zeigen sich erste Spannungen unter den vier Deserteuren. Musgrave gerät vor allem mit dem Atheisten Hurst in Streit, der sich im Gegensatz zu Musgrave auf die Menschenrechte beruft.
Das Erscheinen dreier als Typen beschriebener Bergleute (Slow Collier, Pugnacious Collier, Earnest Collier; dt.: Langsamer Bergmann, Kämpferischer Bergmann, Ernsthafter Bergmann) führt zu einer Unterbrechung des Streites zwischen den Deserteuren. Nach einem kurzen Gespräch mit den Bergleuten betrachtet Musgrave nach deren Abgang ihren Streik und den Krieg anschließend als zwei Seiten ein und derselben Sache, nämlich der Korruption in der Stadt: „their riots and our war are the same one corruption“ (I.3, S. 36).
Attercliffe bekräftigt in dem nachfolgenden Dialog mit Musgrave nochmals seine pazifistische Haltung; für ihn darf es kein weiteres Töten mehr geben.
Der erste Akt endet mit einem Gebet des Sergeanten, in dem er sich auf seine „Pflichten“ (S. 37) beruft, die sich nun jedoch von denen eines regulären Soldaten unterscheiden würden: „Now I have my duties different. I’m in this town to change all soldiers’ duties“ (S. 37). Die von ihm konkret geplante Aktion, die er in diesem Zusammenhang gleichsam als missionarisches Vorhaben ankündigt und für die er Gottes Hilfe erbittet, bleibt an dieser Stelle allerdings noch unklar.
Akt II
Zu Beginn des zweiten Aktes spielen die Soldaten in Mrs. Hitchcocks Wirtshaus ihre Rolle als Truppenwerber. Sparky versucht, das Interesse des Schankmädchens Annie auf sich zu lenken; diese zeigt sich jedoch nicht von ihm, sondern von dem gut aussehenden Gefreiten Hurst beeindruckt und verabredet sich mit Hurst zu einem nächtlichen Treffen in der Scheune des Wirtshauses. Dem „Ernsthaften Bergarbeiter“ Walsh gelingt es nicht, seine Freunde, die im Begriff sind, sich zu betrinken, an ihren Arbeitskampf zu erinnern. Musgrave wiederum bemüht sich vergeblich, die Sympathie von Walsh zu gewinnen. Bludgeon, der Kahnführer, schlägt den Arbeitern vor, das Maschinengewehr der Soldaten zu stehlen. Es kommt zu einem Streit unter den zunehmend alkoholisierten Bergarbeitern, der durch das Eingreifen des Konstablers und den Rauswurf der Bergleute und des Kahnführers aus dem Wirtshaus beendet wird. Als schließlich auch Musgrave zusammen mit dem Konstabler das Wirtshaus verlässt, warnt er Annie davor, sich mit einem seiner Soldaten einzulassen.
In einer kurzen Szene draußen auf der Straße trifft Musgrave auf die Bergleute, die unter dem Kommando des Kahnführers eine militärische Parade parodieren. Musgrave versucht nochmals den „Ernsthaften Bergmann“ Walsh auf seine Seite zu ziehen, was ihm jedoch erneut nicht gelingt. Nach dem Abgang Musgraves versucht der Kahnführer ein weiteres Mal, Walsh zu dem Diebstahl des Maschinengewehrs anzustiften.
Die dritte Szene spielt in der Scheune, die an das Wirtshaus angrenzt. Annie, die nachts mit Hurst ins Bett gehen will, wird von diesem jedoch zurückgewiesen, da er nun zu sehr mit Musgraves Plänen beschäftigt ist. Anne reagiert wütend auf diese Abweisung. Als Attercliffe, der mit fünfzig Jahren der älteste der vier Deserteure ist, dazu stößt, wendet sie sich ihm zu. Obwohl Attercliffe Annie zunächst leidenschaftlich küsst, weist er sodann ihre weiteren Annäherungsversuche ebenso abrupt ab wie Hurst. Er begründet sein Verhalten damit, dass er zu verbittert sei für eine Liebesbeziehung, da seine Frau ihn mit einem gutaussehenden Gemüsehändler betrogen und danach verlassen habe. Anne weint, vertraut sich aber kurz darauf in ihrer Verzweiflung dem jungen Gefreiten Sparky an, der sie überredet, gemeinsam mit ihm Musgraves Gruppe zu entfliehen, da es genug an Töten und Sterben gegeben habe.
Auch Musgrave, der separat in dem Wirtshaus untergebracht ist, offenbart in einem Albtraum seine Selbstzweifel, die nach seinem Erwachen jedoch sofort wieder verschwinden.
Als Hurst, der Sparky und Annie in der Scheune heimlich belauscht hat, von Sparkys Fluchtplänen Kenntnis erhält, versucht er, diesen aufzuhalten. Attercliffe mischt sich ein und ersticht in dem anschließenden Handgemenge unabsichtlich Sparky mit seinem Bajonett. Er ist entsetzt über sein Handeln. Musgrave und Mrs. Hitchcock erscheinen in der Scheune. Musgrave befiehlt Attercliffe, Sparkys Leiche im Hinterhof zu begraben, und fordert Mrs. Hitchcock dazu auf, das Schankmädchen Anne ins Wirtshaus zu bringen und dort in einem Schrank einzusperren.
Währenddessen erscheint der Kahnführer und verrät nun seinerseits die Bergarbeiter, die gerade versuchen, das Maschinengewehr zu stehlen. Ihr Anführer Walsh soll von dem Konstabler verhaftet werden, aber Musgrave schützt ihn vor der Festnahme.
Der Bürgermeister erscheint und verkündet, dass die Stadt aufgrund des Tauwetters nicht länger von der Außenwelt abgeschnitten sei. Der Telegraf funktioniere wieder und er habe bereits die Dragoner zur Aufrechterhaltung der Ordnung angefordert. Musgrave kündigt daraufhin für den nächsten Morgen eine große Truppenwerbungsaktion auf dem Marktplatz der Stadt an, vermeintlich um die Bergleute von ihrem Streik abzubringen, tatsächlich jedoch, weil ihm bewusst geworden ist, dass dies seine letzte Chance ist, seinen eigentlichen Plan umzusetzen.
Akt III Die Marktplatzszene zu Beginn des dritten Aktes bildet den Höhepunkt des Dramas. Nach den Ansprachen der Stadtoberen hält Musgrave auf einem Podium vor den versammelten Bürgern eine Rede über die Gefahren und Pflichten des Soldatenlebens. Sodann demonstriert er seinem Publikum die tödliche Macht des Gatling-Maschinengewehrs, das er von Attercliffe laden und auf die Menschenmenge richten lässt. Danach öffnet er eine zweite Kiste mit dem Skelett eines Soldaten in roter Uniform. Untermalt durch Hursts fanatisches Trommelschlagen hängt Attercliffe das Skelett des getöteten Soldaten an der Fahnenstange am Marktkreuz auf. Musgrave berichtet gleichzeitig von der Vergeltungsaktion, die auf den Tod dieses Soldaten hin erfolgte. Dabei wurden fünf unschuldige Zivilisten getötet. Außerdem enthüllt er, dass es sich bei dem getöteten Soldaten um Billy Hicks handelt. Anschließend führt Musgrave unter dem aufgehängten Skelett von Billy Hicks einen wilden Tanz auf und rezitiert dabei einen Reim:
... Up he goes, and no-one knows, who it was that raised him. ... He sits on your back and you’ll never, never lose him....
(dt.: ... Auf geht er, und niemand weiß, wer ihn hoch gerichtet hat. ... Er sitzt auf deinem Rücken und du wirst ihn niemals verlieren ...; im Original: III.1, S. 85).