Die WZB-Studie zu religiösem Fundamentalismus ist eine Studie, die 2014 von Ruud Koopmans am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung unter dem Titel Religious Fundamentalism and Out-Group Hostility among Muslims and Christians in Western Europe veröffentlicht wurde. Sie hatte das Ziel herauszufinden, ob und wie stark fundamentalistische Einstellungen unter Muslimen und Christen in Westeuropa verbreitet sind. Dafür wurden bereits im Jahr 2008 Muslime und Christen in sechs westeuropäischen Ländern mit Aussagen zu Fundamentalismus und Abneigung gegenüber Fremdgruppen („outgroup-hostility“) konfrontiert. Koopmans strebte mit seiner Auswertung von 2014 einen internationalen Vergleich zwischen den fundamentalistischen Einstellungen von eingewanderten Muslimen und als einheimisch betrachteten Christen in sechs Ländern an. Er schlussfolgerte aus seinen Ergebnissen, dass Fundamentalismus unter westeuropäischen Muslimen kein Randphänomen sei. Der Wissenschaftler betonte am Ende seiner Darlegungen aber auch ausdrücklich, dass der Zusammenhang von Fundamentalismus und Gewalt/politischem Extremismus nicht in dieser Studie untersucht würde.

Die Studie ist hoch umstritten. Sowohl deutsche als auch internationale Medien setzten sich mit ihr und ihrer Wirkung auseinander. Einigen Gruppierungen, wie der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag, diente sie als Bestätigung und Begründung für ihre Ablehnung des Islam als Gesamtphänomen. Kritiker warfen Koopmans vor, Öl ins Feuer zu gießen und die islamfeindliche Debatte in Deutschland und Europa anzuheizen. Koopmans gab beispielsweise nicht an, welchem Prozentsatz der Gesamtbevölkerung die von ihm befragten Muslime entsprachen, zumal er nur Muslime der ersten und zweiten Migrantengeneration mit türkischen oder marokkanischen Wurzeln berücksichtigte. Auch wurden bei allen Variablen etwa doppelt so viele Muslime wie Christen befragt. Koopmans selbst wertete seine Studie nicht. Wissenschaft bringe objektive Ergebnisse hervor, für die er keine persönliche Verantwortung übernehmen könne.

Ausgangslage Als Anlass für die WZB-Studie wurde angegeben, dass der Debatte über islamischen Fundamentalismus und muslimische Einwanderung die wissenschaftliche und statistische Basis fehle. Vor allem interessierte den Autor dabei der Vergleich mit der Einstellung westeuropäischer Christen zu Fundamentalismus. Zu Christen gebe es bereits Studien, die auch zeigten, dass eine fundamentalistische Einstellung oft einhergeht mit einer Ablehnung gruppenfremder Personen.Koopmans 2014, Religious Fundamentalism, S. 1.

Zunächst gab Koopmans den bis dahin aktuellen Forschungsstand wieder. Er wies darauf hin, dass die Mehrheit der Studien zu religiösem Fundamentalismus sich auf christliche Gruppen, und im Besonderen auf amerikanische Protestanten, beziehe. Dabei sei in den letzten Jahren das wissenschaftliche Interesse an Fundamentalismus in mehrheitlich muslimischen Ländern gestiegen.Koopmans 2014, Religious Fundamentalism. S. 3. Das Wort Fundamentalismus werde fast nur in Zusammenhang mit dem Islam gebraucht und habe deshalb eine direkte Assoziation der beiden zur Folge. Außerdem würde Fundamentalismus oft als Reaktion auf Säkularisierung und Modernisierung verstanden.Koopmans 2014, Religious Fundamentalism. S. 2, 4. Jedoch gebe es fast keine Studien bei muslimischen Immigranten im Westen dazu.

In Studien zu christlichem Fundamentalismus sei festgestellt worden, dass eine fundamentalistische Einstellung oft mit niedrigem Einkommen, niedrigem Bildungsgrad und wenig Prestige zusammenhängt. Träfe dies auch für Muslime zu, würde das vermehrt fundamentalistische Ansichten erwarten lassen, da Muslime im Westen oft generell einen niedrigeren sozialen Status haben. Bei Vergleichen sei es daher wichtig, auf Unterschiede der sozialen Stellung zu achten. Untersucht wurde in der vorliegenden Studie aber auch, inwiefern sich Muslime in Westeuropa durch gefühlte Diskriminierung mit ihrer Religion identifizieren. Koopmans bezeichnet das als reaktionäre Religiosität. Um zu sehen, wie Migranten von verschiedenen Staaten in die Gesellschaft integriert werden, griff er auf Daten des Migrant Integration Policy Index (MIPEX)2 zurück.Koopmans 2014, Religious Fundamentalism. S. 4–6.

Ziele Die Studie verfolgte vier Zielfragen: Wie hoch ist das Ausmaß des religiösen Fundamentalismus unter muslimischen Immigranten in Westeuropa und wie groß ist das Ausmaß an religiösem Fundamentalismus unter Christen in Westeuropa? Welche sozio-ökonomischen Marker für religiösen Fundamentalismus gibt es unter Muslimen und welche sozio-ökonomischen Marker gibt es bei Christen im Vergleich dazu? Kann man Fundamentalismus von anderen Formen der Religiosität unterscheiden, oder gehört er unweigerlich zur Strenggläubigkeit? Welche Beziehung existiert zwischen religiösem Fundamentalismus und der Feindlichkeit der Gruppe gegenüber anderen Gruppen und besteht diese Beziehung in gleicher Weise bei Muslimen und Christen?

Fundamentalismusbegriff Um den Forschungsgegenstand zu spezifizieren, gab Koopmans an, was in der Studie unter Fundamentalismus verstanden wird. Dabei hielt er sich an die (allgemein akzeptierte) Definition nach Bob Altemeyer und Bruce Hunsberger,Bob Altemeyer und Bruce Hunsberger: “Authoritarianism, Religious Fundamentalism, Quest, and Prejudice” in The International Journal for the Psychology of Religion 2/2 (1992) 113–133. Hier S. 118. die folgendermaßen lautet: „Der Glaube, dass es eine Reihe von religiösen Lehren gibt, die die wesentliche, grundlegende, intrinsische, essentielle und unfehlbare Wahrheit über das Göttliche und die Menschheit beinhalten. Diese grundlegende Wahrheit steht bösen Mächten gegenüber, die bekämpft werden müssen. Diese Wahrheit muss befolgt werden, nach den grundlegenden, unveränderlichen Praktiken der Vergangenheit und diejenigen, die an diese grundlegenden Lehren glauben und ihnen folgen, haben eine besondere Beziehung zum Göttlichen“.Koopmans 2014, Religious Fundamentalism. S. 2.

Im Sinne dieser Definition wollte Koopmans den Fundamentalismus von anderen Formen strenger Religiosität abgegrenzt sehen. Beispielsweise von Traditionalismus, denn oft würden bestimmte Aspekte bei Fundamentalisten betont und mit bestimmten Aspekten der Moderne kombiniert. Ebenso grenzte er den Begriff von dem der Orthodoxie ab, denn Orthodoxie spiegele die Art und Weise wider, wie Überzeugungen vertreten werden und nicht den Inhalt dessen, was geglaubt wird. Des Weiteren wies Koopmans darauf hin, dass bei all diesen Begriffen zwischen verschiedenen Religionen und auch verschiedenen Strömungen einer Religion unterschieden werden müsse. Bei jeder müssten eigene Maßstäbe angesetzt werden, um Fundamentalismus zu messen.Koopmans 2014, Religious Fundamentalism. S. 2–3.

Auf der anderen Seite wurde in der vorliegenden Studie zwischen dem Fundamentalismusbegriff und Islamismus bzw. Gewaltbewegungen unterschieden. Nicht alle Fundamentalisten seien gewalttätig und nicht alle gewalttätigen Gruppierungen seien fundamentalistisch motiviert; auch dann nicht, wenn es um nach außen gerichtete Feindlichkeit gehe. Dem Zusammenhang zwischen Fundamentalismus und Gewalt wurde in dieser Studie jedoch nicht nachgegangen.

Durchführung Datenerhebung Alle Daten stammen aus einer Umfrage von 2008, bei der Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Österreich und Schweden befragt wurden. Koopmans publizierte 2013 zusammen mit Evelyn Ersanilli eine erste Darlegung dieser Umfrage und der verwendeten Methodik. Sie ist ebenfalls vom WZB unter dem Titel The Six Country Immigrant Integration Comparative Survey (SCIICS) – Technical report veröffentlicht worden. Diese Publikation diente auch als Basis der Rezeption in den Medien, da die Mehrheit der unten erwähnten Artikel vor 2014 erschienen ist.

Der Prozess der Datenerhebung wird in der Veröffentlichung von 2013 umfassend offen gelegt. Die Ergebnisse und Schlussfolgerungen der Umfrage wurden allerdings erst 2014 mitveröffentlicht. Die Publikation von 2014 hat daher eher den Charakter einer Metaanalyse.

Insgesamt wird eine Gesamtzahl von knapp 9.000 Befragungen angegeben (davon 3.373 mit Angehörigen der "Mehrheitsbevölkerung", also europäischen Christen; 3.344 mit Personen türkischer Herkunft, 2.204 mit Personen marokkanischer Herkunft).Ersanilli-Koopmans 2013, The Six Country Immigrant Integration Comparative Survey, S. 1, 2 Diese Aufschlüsselung ist in der Veröffentlichung von 2014 nicht gegeben.

In allen sechs Ländern wurden Immigranten der ersten und zweiten Generation mit türkischen Wurzeln befragt. In Frankreich, Deutschland, Belgien und den Niederlanden wurden zusätzlich auch Menschen mit marokkanischen Wurzeln befragt. Grund dafür sei die zu geringe Zahl an Migranten aus Marokko in Schweden und Österreich. Die beiden Herkunftsländer seien insgesamt die wichtigsten in Bezug auf die Einwanderung in Europa. Durch die unterschiedliche Zusammensetzung der muslimischen Immigranten in den untersuchten Ländern seien die Daten in dieser Studie nicht repräsentativ für die gesamte muslimische Population in diesen Ländern. Auch deckt die Umfrage nicht alle Länder Westeuropas ab, aber mit Deutschland und Frankreich seien die beiden wichtigsten Einwanderungsländer für Muslime erfasst.Koopmans 2014, Religious Fundamentalism. S. 7.

Die Auswahl der Probanden erfolgte durch eine Stichprobe aus Telefonbüchern. Um eine gemischte Methodik zu vermeiden, wurde nach Namen (Vor- und Nachname) ausgesucht, wobei eine große Anzahl typisch türkischer, marokkanischer und einheimischer Namen als Suchbegriffe verwendet wurden. Als Grund dafür nennt Koopmans, dass Bevölkerungsstatistiken nicht immer Informationen über den Migrationshintergrund enthalten. Es wurden sowohl Mobil- als auch Festnetznummern angerufen. Die Interviews wurden mithilfe von Computer-Unterstützung (CATI) in der jeweiligen Landessprache oder Türkisch/Arabisch durchgeführt. Demografische und soziale Kontrollvariablen, also solche, die sich während des Experiments nicht ändern, waren im Falle der Umfrage: Land des Wohnsitzes, Alter, erste oder zweite Immigrantengeneration (dabei handelt es sich um Gastarbeiter, die vor 1975 eingewandert sind, und deren Kinder, die entweder im Befragungsland geboren wurden oder dort hingezogen sind, bevor sie 18 Jahre alt waren; auch galten regionale Quoten für die Herkunftsregion der befragten Muslime), Geschlecht, Familienstand, Arbeitsstatus, Jobstatus, Wohnsituation (Miete oder Eigenheim) und der Bildungsgrad (primär bis tertiär). Quoten für Alter, Geschlecht, Anrufzeit (Tageszeit) und Generation der Einwanderung seien eingehalten worden, um innerhalb der Gruppen repräsentative Ergebnisse zu erzielen.Koopmans 2014, Religious Fundamentalism. S. 7–8.Ersanilli-Koopmans 2013, The Six Country Immigrant Integration Comparative Survey, S. 6–22

Als Immigranten wurden alle Personen definiert, die selbst im Ausland geboren wurden oder bei denen dies mindestens bei einem Elternteil zutrifft. Zu den Christen wurden alle gezählt, die sich selbst als solche bezeichnen und bei denen beide Eltern und sie selbst im Inland geboren wurden. Bei beiden Gruppen unterschied Koopmans Untergruppen. Bei den Christen waren das Katholiken, Mainline-Protestanten und non-mainstream Protestanten. Die Muslime setzten sich aus Sunniten, Schiiten und Aleviten zusammen.Koopmans 2014, Religious Fundamentalism. S. 10.