Die Geschichte der militärischen Taktiken umfasst die Entwicklung der Führung von Streitkräften auf Verbandsebene im Gefecht von der Frühgeschichte bis zur Gegenwart. Die militärischen Taktiken wurden im Laufe der Geschichte von Erfahrungen der Vergangenheit, technologischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Vorstellungen beeinflusst.
Historische Einflussfaktoren auf militärische Taktiken Technologisch gesehen wird die Geschichte der militärischen Taktiken durch fünf große Erfindungen bestimmt: die Entdeckung und verfeinerte Verarbeitung des Eisens (siehe Metallurgie) die Erfindung von Explosivstoffen die Entwicklung des Verbrennungsmotors (Bodentruppen und Motorflugzeuge, Entwicklung von Luftstrahltriebwerken) Entwicklungen in der Elektrotechnik, Integrierte Schaltungen (Kommunikation per Funk, später Radar, letztendlich durch die ICs auch teils autonome Verarbeitung von Daten in der Waffe selbst) die Entwicklung der Atombombe.
Hinzu kommen unzählige kleine Neuerungen, die im Wesentlichen Weiterentwicklungen der fünf großen Erfindungen darstellen (zum Beispiel Pikeniere, Steigbügel, Langbogen, gepanzerte Kavallerie, Zündnadelgewehr, Maschinengewehr, Panzer, Flugzeuge, Satelliten).
Im Folgenden wird die historische Entwicklung für Europa und die angrenzenden Regionen chronologisch dargestellt. (In anderen Regionen der Erde ist die Entwicklung oft ähnlich, wenn auch zeitlich stark unterschiedlich verlaufen.)
Altertum Griechische Phalanx Vorherrschend war in der griechischen Antike die Taktik der Phalanx, einer aus schwerbewaffneten Hopliten gebildeten Schlachtreihe. Der Hoplit kämpfte mit einem schweren bronzebeschlagenen Rundschild und einem Stoßspeer als Hauptwaffe. Abhängig vom Wohlstand der Milizsoldaten kamen dazu Brustpanzer (aus Bronze oder Leinen), Vollhelm und Beinschienen. Der in der linken Hand getragene Schild deckte den Körper von Hals bis Knie, ließ aber die rechte Körperseite mehr oder weniger ungeschützt. Diese wurde durch den überlappenden Schild des rechten Nebenmanns in der Phalanx gedeckt. Daraus ergab sich die Notwendigkeit zu einer dicht geschlossenen Schlachtordnung.
Die Phalangen wurden 8–12 Mann tief aufgestellt, die bestgerüsteten Hopliten in den ersten Reihen. Die gegnerischen Schlachtreihen marschierten aufeinander los, und nachdem die letzten Meter im Trab zurückgelegt wurden, trafen die Reihen mit lautem Krachen aufeinander. Nur die ersten Reihen konnten im entstehenden Gedränge noch von ihren Speeren Gebrauch machen und versuchten, den ungeschützten Hals oder die Leiste ihrer Gegner zu treffen. Die hinteren Ränge schoben mit ihren Schilden, um Druck auf die gegnerische Phalanx auszuüben und sie in Unordnung zu bringen. War eine Phalanx erst durchbrochen, half in der Regel nur mehr die Flucht.Nic Fields: Roman Battle Tactics 390–110 BC. Osprey Publishing Ltd., Oxford 2010, S. 36–38.
Da fast alle griechischen Stadtstaaten ihre besten Kämpfer auf der Ehrenposition am rechten Flügel der Phalanx positionierten und diese somit den schwächeren Einheiten auf der gegnerischen Linken gegenüberstanden, kam es in vielen Schlachten zu einer Rotation gegen den Uhrzeigersinn und einer ‚Überflügelung‘ auf der jeweils rechten Seite. Verstärkt wurde dieser Effekt noch dadurch, dass alle Hopliten nach rechts in den Schutz der Schilde ihrer Nachbarn drängten. (Die Taktik der schiefen Schlachtordnung machte sich diese Tatsache zunutze: Im 4. Jahrhundert v. Chr. gelang es Theben in den Schlachten von Leuktra und Mantineia, die als unschlagbar geltenden Spartaner zu besiegen, indem die linke Seite massiv verstärkt wurde, und als diese die besten Kämpfer der spartanischen Rechten werfen konnte, brach die spartanische Phalanx zusammen.)Peter Connolly: Greece and Rome at War. Greenhill Books, London 1998, S. 50f.
Die Anführer kämpften im Allgemeinen in der ersten Reihe, um durch ihr Vorbild zu wirken – nach Schlachtbeginn waren taktische Änderungen im Lärm und Chaos ohnehin nicht mehr umzusetzen. Wer sich keine Hoplitenausrüstung leisten konnte, kämpfte als ‚Plänkler‘ mit leichten Waffen wie Schleudern, Wurfspeeren oder Keulen. Schlachtentscheidende Rolle kam diesen Truppenteilen aber selten zu.Nic Fields: Roman Battle Tactics 390–110 BC. Osprey Publishing Ltd., Oxford 2010, S. 38; Peter Connolly: Greece and Rome at War. Greenhill Books, London 1998, S. 47f.
Entscheidend weiterentwickelt wurden die Phalanx-Taktik von den Makedonen unter ihrem König Philipp II., vermutlich nach thebanischem Vorbild. Die Hopliten wurden mit einer Sarissa bewaffnet, einer bis über 6 Meter langen Lanze. Die auf 16 Ränge vertiefte Phalanx wurde in taktische Körper von 256 Mann aufgeteilt, wodurch die Schlachtordnung flexibler wurde. Durch die enorme Länge der Waffe konnten sogar noch die Kämpfer der fünften Reihe der Phalanx ihre Waffe gegen die Feinde richten – von vorne gesehen bildete die makedonische Phalanx einen furchterregenden Stachelwall. Da die um die 8 Kilogramm schwere Sarissa beidhändig geführt werden musste, konnten die Hopliten aber keine Schilde in Händen halten. (Ein kleinerer Schild war an der Schulter befestigt.) Das machte sie verwundbar, wenn es dem Feind erst einmal gelungen war, die Frontlinie zu durchbrechen oder von den Flanken anzugreifen. Gegen die flexibel agierenden römischen Legionen waren sie daher meist unterlegen, z. B. in den Schlachten bei Kynoskephalai, Magnesia und Pydna.Nic Fields: Roman Battle Tactics 390–110 BC. Osprey Publishing Ltd., Oxford 2010, S. 52f.; Peter Connolly: Greece and Rome at War. Greenhill Books, London 1998, S. 69f.
Römische Legion In der römischen Frühzeit (6. Jhd. v. Chr.) gab es wenige Unterschiede zwischen der Kampfweise der Römer und Griechen – das Volksaufgebot (legio) kämpfte in einer Phalanx, die Bestgerüsteten in den ersten Gliedern, weniger Wohlhabende in den hinteren Reihen, die Ärmsten als leichtgerüstete Fernkämpfer mit Schleuder oder Wurfspeer. Eine erste Neuerung bestand in der Einführung des ovalen Schildes (scutum), das fast den gesamten Körper deckte, anstatt des Rundschilds für die Kämpfer ohne teure Vollrüstung. In dieser Zeit entstanden auch die Zenturien als erste organisatorische Untereinheiten der Legion.Nic Fields: Roman Battle Tactics 390–110 BC. Osprey Publishing Ltd., Oxford 2010, S. 19f.
In den Jahren der frühen Republik, während Rom fast ununterbrochen Kriege gegen seine Nachbarn führte, entstand die Manipulartaktik: Eine Legion (zunächst wurden zwei ausgehoben, jede unter dem Kommando eines der Konsuln) teilte sich in drei ‚Treffen‘, d. h. drei aufeinanderfolgende Schlachtreihen (triplex acies) – in der ersten Reihe die jüngsten (hastati), in der zweiten Reihe erfahrene Kämpfer (principes), in der dritten als Reserve die ‚Veteranen‘ (triarii). Jede dieser Schlachtreihen war wiederum in zehn ‚Manipel‘ geteilt, jedes bestehend aus zwei Zenturien mit rund 80 Mann. Unter dem Kommando der beiden Zenturionen konnten die Manipel als voneinander unabhängige taktische Einheiten agieren und etwa auf Umfassungen der Schlachtreihe oder Durchbrüche des Gegners flexibel reagieren. In der Grundaufstellung der Legion blieben Lücken zwischen den Manipeln. Durch diese konnten sich etwa die leichten Truppen (velites) zurückziehen, nachdem sie den Feind mit ihren Wurfsperren und Schleudern traktiert hatten. Die hintere der beiden Zenturien eines jeden Manipels marschierte danach in die Lücke und schloss die Schlachtreihe. Genauso konnte sich das erste Treffen hinter das zweite zurückziehen und neu formieren, während dessen frische Truppen den Kampf weiterführten. Die von den wohlhabendsten Bevölkerungsteilen gestellte Reiterei (equites) hatte wie die leichte Infanterie in erster Linie Unterstützungsaufgaben zu erfüllen.
Ausgerüstet waren die Legionäre der ersten beiden Treffen nun mit Scutum, Wurfspeeren (pila) und dem Breitschwert (gladius) als Hauptwaffe. Beim Angriff wurden zuerst die Speere geworfen, deren lange und dünne Spitzen sich beim Aufprall verbogen und daher nicht zurückgeworfen werden konnten. Die mit Widerhaken versehenen Spitzen blieben oft in den gegnerischen Schilden stecken und machten diese unbrauchbar. Im Nahkampf duckte der Legionär sich hinter seinen Schild und stach mit dem Schwert dahinter hervor.
Ein weiterer Vorteil der Manipeltaktik war neben der taktischen Flexibilität ein psychologischer: Der Kampf Mann gegen Mann auf engstem Raum war nicht nur physisch, sondern auch psychisch erschöpfend. Während in der Phalanx jeder Kämpfer auch in den hinteren Rängen unmittelbar am Kampfgeschehen beteiligt, der Verletzungsgefahr zumindest durch Wurfgeschosse ausgesetzt und Rückzug gleichbedeutend mit einer Niederlage war, konnten sich die Legionäre der einzelnen Treffen nacheinander in die Schlacht werfen und daraus oft auch wieder heil zurückziehen. Umgekehrt muss es für die Gegner frustrierend gewesen sein, wenn sie, kaum dass sie eine Schlachtreihe zum Rückzug gezwungen hatten, einer neuen ‚Wand‘ aus Legionären gegenüberstanden. Nicht umsonst lautete eine lateinische Phrase, die auch im Alltagsgebrauch zur Umschreibung einer verzweifelten Situation verwendet wurde: „inde rem ad triarios redisse“ (etwa: „nun ist es an den Triariern, also dem dritten Treffen, zu kämpfen“).Nic Fields: Roman Battle Tactics 390–110 BC. Osprey Publishing Ltd., Oxford 2010, S. 41–46.
Im dritten Jahrhundert vor Christus wurden die Kohorte als neue und bis in die Kaiserzeit bestimmende taktische Untergliederung einer Legion eingeführt: Je ein Manipel des ersten, zweiten und dritten Treffens wurden zu einer Kohorte zusammengefasst, eine Legion bestand also aus zehn Kohorten zu knapp 500 Mann. Kohorten wurden auch unabhängig in Situationen eingesetzt, die nicht die Anwesenheit einer ganzen Legion erforderten. Allerdings gab es keinen Kohortenkommandanten – die Befehlsgewalt blieb bei den Zenturionen der einzelnen Zenturien (wohl weil das im Schlachtgetümmel die größte Anzahl an Männern darstellte, die von einem einzelnen effektiv geführt werden konnte).
In geschlossener Schlachtreihe wurde nur mehr selten gekämpft. Die Manipel bildeten jedes für sich eine starke Verteidigungsposition (z. B. bei Beschuss in der ‚Schildkrötenformation‘ testudo), Feinde, die in die Intervalle zwischen den Manipeln eindrangen, sahen sich Angriffen von drei Seiten ausgesetzt (von den beiden benachbarten Manipeln und dem hinter der Lücke aufgestelltem Manipel des zweiten Treffens). Auch die leichte Infanterie und die Kavallerie konnten immer wieder vorstoßen, und es war möglich, Verstärkungen an die Frontlinie zu bringen und erschöpfte Einheiten zurückzuziehen.Ross Cowan: Roman Battle Tactics 109 BC–AD 313. Osprey Publishing Ltd., Oxford 2007, S. 5–10.
Antike Kavallerie Die in der antiken Welt eingesetzten Kavalleriegattungen bildeten ein breites Spektrum: von der leichten, vorwiegend als Plänkler und Fernkämpfer eingesetzten Reiterei bis zur schweren ‚Sturmkavallerie‘ (engl. ‚shock cavalry‘), die versuchte, die gegnerischen Reihen im Nahkampf zu schlagen.