Gottesquartett. Erzählungen eines Ausgewanderten ist ein essayistisch geprägter Erzählzyklus von Patrick Roth aus dem Jahr 2020.

Überblick mini|281x281px|Schauplatz der Handlung ist eine Terrasse mit Blick auf den Hafen von Marina del Rey Gottesquartett ist als Zyklus mit neun in sich abgeschlossenen Erzählungen angelegt, die das Göttliche und seine Erscheinungsformen in der Gegenwart thematisieren. Die Texte sind in eine übergreifende, im zeitgenössischen Los Angeles angesiedelte Rahmengeschichte eingebettet; Handlungsträger und Erzähler ist ein deutscher Schriftsteller, der annähernd vierzig Jahre in der kalifornischen Metropole lebte, bevor er 2012 nach Deutschland zurückkehrte. Im Spätherbst 2019 entschließt er sich, für vier Tage zurück nach Los Angeles zu reisen, um an der Gedenkfeier für seine verstorbene Freundin, der Psychotherapeutin Dianne, teilzunehmen. Mit dabei hat er das Dianne gewidmete neue Manuskript Gottesquartett, das ins Englische übertragen werden soll. Die Flächenbrände, die die Stadt zunehmend bedrohen, erzwingen jedoch eine Änderung der Pläne und den Rückzug an einen sicheren Ort. Der Erzähler und seine drei Freunde beschließen, sich die Gottesquartett-Texte auf einer Terrasse am Yachthafen von Marina del Rey während vier Tagen gegenseitig vorzulesen und zu diskutieren. Die Konstellation des Schutzorts am Rand einer Katastrophe, wo man sich in Gesellschaft Geschichten erzählt, greift traditionelle Muster novellistischen Erzählens auf.Berühmte Vorbilder sind u. a. die Novellensammlungen von Boccaccio Decamerone und Goethe Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten.

Struktur mini|Der Hölderlinturm in Tübingen wird zum Ort einer existentiellen Erfahrung. Der Titel Gottesquartett hat eine doppelte Referenz, insofern er sich auf den gesamten Erzählzyklus bezieht und zugleich vier eingelagerte Kerntexte bezeichnet: Beherbergung des Göttlichen, Abrahams Erbarmen, Simsons Quell, und Die Verwaisten. Sie stammen aus der jüngsten Produktion des Schriftsteller-Erzählers und handeln von biblischen Helden, mythischen Bildern und Geschichten: der Berufung Samuels, Abrahams Fürbitte für Sodom, dem Fall Babylons aus der Offenbarung des Johannes und von Paulus als er noch der Pharisäer Saulus war. Thematisch führt Gottesquartett Roths bisheriges Schreibprojekt der Umerzählung und Transformation biblischer Stoffe fortVgl. die bisherigen Hauptwerke mit biblischem Bezug Die Christus Trilogie (1998/2017), Magdalena am Grab (2002) und Sunrise – Das Buch Joseph (2012). und ergänzt es um eine dezidiert poetologische und autobiographische Komponente. Die den Zyklus einleitende Erzählung Long Voyage Home handelt von den literarischen Vorbildern des Erzählers, Friedrich Hölderlin und Paul Celan, und blendet zurück in die ersten Jahre des 22-jährigen Filmstudenten in Los Angeles, seiner Suche nach einer eigenen poetischen Sprache im fremden Land. Wie zu lesen sei knüpft an die Reflexionen über die Sprache als poetisches Ausdrucksmittel an und gibt Einblick in die eigene Schreibwerkstatt. Die ins Erzählen eingewebten Erläuterungen zum eigenen Schreibprozess werden in der Regel in die literarische Praxis, in Erzählung, zurückgeführt:Auf diese Eigenart des Rothschen Schreibens hat u. a. Gerhard Kaiser verschiedentlich hingewiesen: „[...] die Poetikvorlesungen gehen darauf aus, eine Produktionsästhetik zu entwickeln, indem sie poetische Produktion nicht abstrakt reflektieren, sondern vormachen. Dabei wird der Hörer bzw. Leser in die produktive Bewegung des Autors hineingezogen.“ Gerhard Kaiser: Das Erzählen ist die Handlung. Zu Patrick Roths Erzählung „Der Mann an Noahs Fenster“ in „Starlite Terrace“. In: Michaela Kopp-Marx (Hrsg.): Der lebendige Mythos. Das Schreiben von Patrick Roth. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2010, S. 403–424, S. 403, Anm. 1. Eine von Emerson adaptierte Lektüremethode wird zunächst zitiert und theoretisch erläutert, bevor sie am Beispiel des legendären Zweikampfs von David und Goliath () poetisch umgesetzt wird. Der Leser vollzieht mit, wie aus einer Bibelstelle eine dramatische literarische Szene erwächst.Patrick Roth: Gottesquartett. Erzählungen eines Ausgewanderten. Freiburg, Basel, Wien 2020, S. 74–77.

Die letzte Geschichte Das Opfer schließt den Erzählkreis zurück zum Anfang, indem sie ein frühes Begebnis dramatisiert: die Begegnung des zweiundzwanzigjährigen deutschen Filmstudenten mit dem jüdischen Kriegsveteranen Saul, der in den letzten Kriegsmonaten Einsätze als Tiefflieger über Deutschland flog und an einem Kriegstrauma leidet. In diesen Kreis mit autobiographischen Geschichten aus den ersten US-amerikanischen Jahren sind die Gottesquartett-Erzählungen als eigentliches Herzstück des Zyklus eingebettet. Sie präsentieren neue Perspektiven auf biblische Figuren und entwerfen Szenarien der Annäherung an die Dimension des Göttlichen, u. a. indem der Erzähler aus seiner persönlichen inneren Erfahrung berichtet. Ein weiteres zentrales Thema, das die Rahmengeschichte durchzieht, ist die These vom Gottesbild im Wandel. Gott mag dem Menschen fremd und fern sein, und doch ist er, so die Überzeugung, anwesend und wirkt, auch ungesehen. In den Versen Hölderlins Gott an hat ein Gewand. / Und Erkenntnissen verberget sich sein Angesicht erkennt der Erzähler den fernen Gott der Moderne, dessen Bild sich transformiert. Als Zyklus versammelt das Werk Verschiedenes, unterschiedliche Geschichten, Perspektiven und Textsorten. Narrative Kohärenz verleiht u. a. die Rahmenerzählung, die mit einem eigenen Plot ausgestattet ist und im Schlussteil den Status einer autonomen Erzählung gewinnt. Die Gesprächssituation, in die das Erzählte nach jeder Geschichte zurückmündet, um von den Freunden kommentiert, vertieft oder weitergesponnen zu werden, erzeugt Zusammenhang und Kontinuität ohne die heterogenen Stimmen, die Bruchstellen und Differenzen zwischen den Einzeltexten einzuebnen oder Lücken zu schließen. Zusätzliche Komplexität entsteht durch das mehrschichtige Erzählen, das insbesondere in den Binnengeschichten auftritt, wenn ein zweiter Erzähler neben dem Haupterzähler erscheint, das aber auch im Rahmen praktiziert wird.Zum Beispiel übernimmt in Wie zu lesen sei der betagte Prager Augenarzt Dr. Schäfer das Erzählszepter, indem er die Geschichte von der unbrennbaren Thora-Rolle des Rabbi Nussbaum erzählt oder die jüdische Legende vom 23. Buchstaben zum Besten gibt, den es eigentlich nicht gibt. Der Rahmen selbst wird zum Erzählort der Erinnerungsrede an die verstorbene Dianne, die der Erzähler vorträgt, während der Freund und Übersetzer Wyatt die Hollywood-Anekdote Michelle Pfeiffer In Love als Kommentar zur Beherbergung des Göttlichen beisteuert. Patrick Roth: Gottesquartett. Erzählungen eines Ausgewanderten, S. 81–92, 63–70, 115–119. Die Perspektivierung des Erzählgegenstandes, der wiederum eingebettet ist in weitere Erzählakte, schafft Distanz und lenkt den Blick auf den „existentiellen Charakter“ Vgl. Georg Langenhorst (Hg.): Patrick Roth - Erzähler zwischen Bibel und Hollywood, Münster 2005. der Texte und ihre Überschreitung auf eine höhere Wirklichkeit hin. Gottesquartett ist im Kern existentiell motiviert, als Suche nach einer Antwort auf das Mysterium des Todes. Das auslösende Moment, die Reise nach Los Angeles anzutreten, ist ein Pakt mit Dianne, der vor Jahren geschlossen wurde: Wer von beiden zuerst stürbe, solle dem anderen ein „untrügliches Zeichen seiner Existenz“Patrick Roth: Gottesquartett, S. 14. nach dem Tode geben. Am letzten Abend seines Aufenthalts bricht der Erzähler zu einer nächtlichen Autofahrt in die Hollywood Hills auf, durchbricht eine Polizei-Absperrung und findet sich jenseits eines Tores in der Brandzone wieder. In einem mysteriösen Garten in der Nähe von Diannes ehemaligem Haus erfüllt sich das Versprechen, und der Erzähler tritt innerlich verändert die Heimreise an.

Themen mini|301x301px|Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“ mit dem Gang der Drei fungiert als Parallele eines Traumbilds Gottesquartett arbeitet mit der Differenz verschiedener Medien und kombiniert Filmerinnerungen (u. a. Sam Peckinpahs The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz, Federico Fellinis Das süße Leben), Traumberichte, Legenden und literarische Werke (u. a. Gedichte Hölderlins und Celans) als Arsenale menschlicher Erfahrung mit dem Erzählen von Geschichten. Die Bildlichkeit des Textes ist gleichermaßen durchzogen von Traum-, Kino- und biblischen Bildern; die motivische und symbolische Struktur entwickelt eine Komplexität, die von der erzählerischen Finalität nicht mehr aufgehoben wird. Erzählung webt sich in Erzählung. Dabei kommt es zu einer typischen „Relationierung der Sphären“: Äußere Lebensrealität, innere psychische Realität und filmische, biblische oder literarische Realität können sich in herausgehobenen Lebensmomenten übereinanderschieben, sich kommentieren oder gegenseitig in Frage stellen. Der Film (landläufig das Illusionsmedium schlechthin) kann – genau wie der Traum – als wirklichere Wirklichkeit erscheinen, von „höherer Erlebnisqualität“ als das banal Reale. Zit.nach: Gerhard Kaiser: Das Erzählen ist die Handlung, in: Michaela Kopp-Marx (Hg.): Der lebendige Mythos. Das Schreiben von Patrick Roth, Würzburg 2010, S. 403–424, S. 405 f. Kaiser hat dieses bedeutungsgenerierende Verfahren Roths erstmals beschrieben: "Diese Welten, die äußere und die innere, sind letztlich austauschbar, die Grenze, die für unser Bewusstsein so wesentlich ist, die Grenze zwischen ‚konkret‘ und ‚vorgestellt‘ oder ‚geträumt‘ wird ignoriert." Die unterschiedlichen Sphären sind gleichwertig, weil ihre Inhalte auf einer symbolischen Ebene gelesen und verstanden werden – als Formen kollektiver Natur, die sowohl in individuellen Träumen wie als Konstituenten der Mythen vorkommen.In dieser Auffassung folgt Roth den Konzepten C. G. Jungs, der diese in Variationen auftretenden kollektiven Formen in der Tradition platonischer Philosophie als Archetypen bezeichnete. Die vier Gottesquartett-Erzählungen demonstrieren originäre Lesarten biblischer Stoffe, die – so das Selbstverständnis des Erzählers – neu übersetzt werden müssen, mit dem Ziel, sie auf zugrundeliegende archetypische Bilder zurückzuführen und mittels der Kunst des Erzählens zu ‚verlebendigen‘, neu erfahrbar zu machen. Das ausdeutende, sinnorientierte Erzählen Roths steht in der jüdischen Tradition der Midraschim. Vgl. Georg Langenhorst: Einführung. Patrick Roth – Erzähler zwischen Bibel und Hollywood. In: ders. (Hg.): Patrick Roth – Erzähler zwischen Bibel und Hollywood. Münster 2005, S. 7–14, S. 9; Günter Beck: Between New Testament and New World: Representation of Jews in Patrick Roth’s Fiction. In: Der lebendige Mythos. Das Schreiben von Patrick Roth. Hrsg. von Michaela Kopp-Marx. Würzburg 2010, S. 129–146, S. 136; Daniel Weidner: Die Gewalt der Schrift. Biblisches Erzählverfahren in Patrick Roths ‚Sunrise. Das Buch Joseph‘. In: Die Wiederentdeckung der Bibel bei Patrick Roth. Von der „Christus-Trilogie“ bis zu „Sunrise. Das Buch Joseph“. Hrsg. von Michaela Kopp-Marx und Georg Langenhorst. Göttingen 2014, S. 172–188, S. 182. Als poetologisches Gleichnis für das „sinnerzeugende“ Um- und Weitererzählen biblischer Stoffe fungiert die Neuerzählung der von Martin Buber edierten Legende Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim. Zürich 101987, S. 193 f. von Rabbi Bär und dem Baalschem.Vgl. Patrick Roth: Gottesquartett, S. 131–144. Rabbi Bär fungiert als Synonym für den Intellektuellen, der zwar Wissen, aber kein Gefühl hat, dessen Werke und Deutungen darum seelenlos sind, während in der auslegenden Rede des Baalschem die Funken sprühen.