Die Rignano-Steuer ist ein steuerpolitisches Konzept für die Ausgestaltung der Erbschaftsteuer. Es sieht eine progressive Besteuerung von Vermögenstransfers vor, bei der der Steuersatz mit der Anzahl der Generationen steigt, die das Vermögen bereits durchlaufen hat. Je älter das vererbte Vermögen ist, desto höher fällt die Besteuerung aus. Das Modell wurde 1901 vom italienischen Ökonomen Eugenio Vittorio Rignano vorgestellt.Eugenio Rignano: Di un Socialismo in Accordo Colla Dottrina Economica Liberale. Torino 1901, Fratelli Bocca Editori.
Konzept Das sogenannte Rignano-Prinzip unterscheidet zwischen selbst erwirtschaftetem und ererbtem Vermögen.
Vermögen, das der Erblasser selbst aufgebaut hat, bleibt steuerfrei. Wird Vermögen ein erstes Mal vererbt, fällt eine moderate Steuer an. Bei jedem weiteren Vermögenstransfer steigt der Steuersatz weiter an.
In Rignanos ursprünglichem Vorschlag sollte der erste Übergang steuerfrei bleiben, der zweite mit 50 % und der dritte mit 100 % des übertragenen Vermögens belastet werden.
Spätere Varianten unterscheiden lediglich zwischen eigen erwirtschaftetem und geerbtem Vermögen oder arbeiten mit Freibeträgen und progressiven Steuersätzen nach Höhe des Vermögens.Michele Raitano: An Economic Justification for Rignano’s Inheritance Tax Proposal. In: The American Economist, 2024, doi:10.1007/s11293-024-09808-w.
Beispiel Zur Veranschaulichung lässt sich das Konzept mit einem einfachen Zahlenbeispiel darstellen:
Eine Person A erarbeitet ein Vermögen von 100.000 €. Dieses selbst erwirtschaftete Vermögen gilt im ursprünglichen Modell als steuerfrei. A vererbt die 100.000 € an Person B. Da dies der erste Vermögenstransfer ist, fällt nach Rignanos Vorschlag keine Steuer an. B vererbt die 100.000 € an Person C. Dies ist der zweite Transfer. Nach dem ursprünglichen Modell würde nun eine Steuer von 50 % erhoben werden. C erhielte also 50.000 €. C vererbt das verbliebene Vermögen an Person D. Beim dritten Transfer greift der Steuersatz von 100 %, sodass D nichts mehr erhält.
Das Beispiel verdeutlicht, dass im Rignano-Modell insbesondere mehrfach vererbtes Vermögen stark besteuert wird, während selbst erarbeitetes Vermögen oder einmalige Erbschaften geringer belastet werden.
Historische Rezeption Rignanos Vorschlag wurde in den 1920er Jahren in Italien und darüber hinaus diskutiert. Er stand im Kontext der Bemühungen, Elemente sozialistischer Umverteilungsforderungen mit liberalen wirtschaftstheoretischen Ansätzen zu verbinden. In der zeitgenössischen Debatte wurde über mögliche gesetzgeberische Umsetzungen und über die Vereinbarkeit mit dem Prinzip sozialer Gerechtigkeit gestritten.Recensione zu Eugenio Rignano e il socialismo liberale. In: Società Italiana per lo Studio della Storia Contemporanea (SISSCO), 2014.
Wissenschaftliche Arbeiten wie die von Guido Erreygers und Giovanni Di Bartolomeo (2005) untersuchen die damaligen Reaktionen und die politische Bedeutung von Rignanos Vorschlag.Guido Erreygers, Giovanni Di Bartolomeo: The Debates on Eugenio Rignano’s Inheritance Tax Proposal. Sapienza University of Rome, Working Paper 85, 2005.
Moderne Diskussionen Das Konzept wurde in der jüngeren wirtschafts- und sozialphilosophischen Literatur wieder aufgegriffen. Der Philosoph Daniel Halliday stellt es in seinem Werk ''Inheritance of Wealth'' (2018) in den Kontext moderner Gerechtigkeitstheorien.Daniel Halliday: Inheritance of Wealth. Justice, Equality, and the Right to Bequeath. Oxford University Press, Oxford 2018, ISBN 978-0-19-880335-5.
Ökonomische Analysen prüfen die Anreizwirkungen und wohlfahrtsökonomischen Effekte. Eine Studie von 2024 argumentiert, dass das Modell die Konzentration von Vermögen über mehrere Generationen begrenzen könnte, zugleich aber praktische Umsetzungsprobleme bestehen.Raitano 2024.
Ziele und angenommene Vorteile
Begrenzung von Vermögenskonzentration: Verhinderung der dauerhaften Weitergabe großer Vermögen über viele Generationen.Halliday 2018. Leistungsanreiz: Selbst erarbeitetes Vermögen wird vergleichsweise gering belastet, wodurch die Motivation zur Vermögensbildung erhalten bleibt.Raitano 2024. Generationengerechtigkeit: Vermögen, das mehrfach vererbt wurde, soll stärker besteuert werden, da es bereits mehreren Generationen zugutegekommen ist.Halliday 2018.
Kritik
Praktische Umsetzbarkeit: Eine genaue Erfassung der Anzahl der Vermögenstransfers erfordert umfangreiche und verlässliche Aufzeichnungen, die oft fehlen.London School of Economics: Social Policy Perspectives on the Rignano Tax, 2021. Gestaltungsmöglichkeiten: Es könnten Anreize entstehen, Vermögen so zu strukturieren, dass möglichst wenige steuerpflichtige Übergänge erfolgen.Halliday 2018. Ungleichheitseffekte: Auch unter einem Rignano-System profitieren frühe Generationen überproportional von großen Erbschaften („grandparent effect“).John A. Weymark: The Rignano Tax and Intergenerational Inequality. In: Journal of Political Economy, 2020. Politische Akzeptanz: Komplexe Erbschaftssteuern stoßen häufig auf Widerstand und sind anfällig für Umgehungsstrategien.
Varianten Neben Rignanos ursprünglicher Staffelung (steuerfreier erster Übergang, 50 % beim zweiten, 100 % beim dritten) wurden in der Literatur verschiedene Abwandlungen diskutiert:
Freibeträge für kleinere Erbschaften, Progression nach Höhe des Vermögens, pauschale Unterscheidung zwischen selbst erwirtschaftetem und geerbtem Vermögen.Raitano 2024.
Literatur
Eugenio Rignano: Di un Socialismo in Accordo Colla Dottrina Economica Liberale. Torino 1901, Fratelli Bocca Editori. Daniel Halliday: Inheritance of Wealth. Justice, Equality, and the Right to Bequeath. Oxford 2018, Oxford University Press, ISBN 978-0-19-880335-5. Guido Erreygers, Giovanni Di Bartolomeo: The Debates on Eugenio Rignano’s Inheritance Tax Proposal. Sapienza University of Rome, 2005. Michele Raitano: An Economic Justification for Rignano’s Inheritance Tax Proposal. In: The American Economist, 2024.
Einzelnachweise
Kategorie:Erbschaftssteuer