Die Geschichte Boliviens umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des Plurinationalen Staates Bolivien von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Sie lässt sich wie die anderer Regionen Südamerikas in mehrere Abschnitte einteilen: die präkolumbianische Zeit oder Frühgeschichte (bis ins 16. Jahrhundert), die Kolonialzeit (etwa 1516 bis 1810), die Unabhängigkeitskriege und die postkoloniale Frühzeit der Nation (1810 bis 1880) sowie die Geschichte des modernen Bolivien.
Frühgeschichte Während der letzten Eiszeit ließ die Vergletscherung der Hochgebirgsregionen keine menschliche Besiedlung zu. In der vor-agrarischen Phase (ca. 6000 bis 3000 v. Chr.) lässt sich in einer vielleicht 9 bis 12 ha großen Ausgrabungsfläche bei Sica Sica bei La Paz, in 3.831 m Höhe, eine jungsteinzeitliche Kultur nachweisen, die Viscachani-Kultur.Peter Neal Peregrine, Melvin Ember (Hrsg.): Encyclopedia of Prehistory: South America. Bd. 7, Kluwer [u. a.], New York [u. a.] 2002, ISBN 0-306-46261-3, S. 215.
Die Entstehung agrarischer Gesellschaften wird meist mit der Entwicklung von Sesshaftigkeit und Dörfern in Verbindung gebracht. Beim Wankarani-Komplex (2500 v. – 500 n. Chr.) auf dem zentralen Altiplano, vor allem um La Joya, ließ sich jedoch zeigen, dass eine Hirtenkultur auf der Basis von Lamas und Alpakas diese Entwicklung besser erklären kann.José Capriles: Mobile Communities and Pastoralist Landscapes During the Formative Period in the Central Altiplano of Bolivia, in: Latin American Antiquity 1 (2014) 3-26. Die Dörfer lagen unter Hügeln (mounds), die Dörfer von 15 bis 500 Häusern Größe bargen. Die Häuser, deren Durchmesser zwischen drei und fünf Metern variierte, waren rund und bestanden aus Stein oder Adobe-Ziegeln.Marc Bermann: Lukurmata. Household Archaeology in Prehispanic Bolivia, Princeton University Press, 2014, S. 50.
Zwischen 2500 und 1500 v. Chr. entwickelten die Bewohner Techniken der Textilherstellung und der Keramik. Gegen 1500 v. Chr. lässt sich erstmals Kupfer nachweisen.
Zwischen 1200 v. und 200 n. Chr. bestand die Kultur von Wankarani am Poopó-See, die offenbar nomadisch war und auf Lamas basierte. Daneben existierte von etwa 1500 v. bis 200 n. Chr. die Kultur von ChiripaPeter Neal Peregrine, Melvin Ember (Hrsg.): Encyclopedia of Prehistory, Bd. 7 (South America), Human Relations Area Files Inc. 2002, S. 127. auf der Taraco-Halbinsel am Titicaca-See. Sie weist ebenfalls Keramik und religiöse Architektur auf. Kleine, konkave Pfeilspitzen sind typisch für ihre Waffen. Hinzu kommen die Urus oder Chipayas, die keinen oder nur in geringfügigem Maß Landbau betrieben, hingegen stark vom Fischfang abhingen.Harold Osborne: Indians of the Andes: Aymaras and Quechuas, 1. Aufl. 1952, Nachdruck Routledge 2004, S. 67 ff.
mini|hochkant|Tongefäß der Tiwanaku-Kultur mini|Pforte von Kalasasaya mini|hochkant|Mönch-Monolith in Tiwanaku Eine der wichtigsten archäologischen Stätten ist Tiwanaku am Ostufer des Titicacasees, wo etwa zwischen 400 und 1200 n. Chr. eine Hochkultur (Tiwanaku-Kultur) bestand.Peter Neal Peregrine, Melvin Ember (Hrsg.): Encyclopedia of Prehistory, Bd. 7 (South America), Human Relations Area Files Inc. 2002, S. 319–326. Sie reicht möglicherweise bis ins 2. Jahrhundert v. Chr. zurück. Dabei errichteten die Träger dieser Kultur Tempelanlagen und Monumentalkomplexe, wie die große Steineinzäunung Kalasasaya und Akapana. Anhand von Textilien und Keramiken mit den für die Tiwanaku-Kultur typischen Kennzeichen, lässt sich nach 700 eine deutliche Expansion nachweisen. Die Hauptstätte umfasste eine Fläche von 650 HektarUnexpected finds increase mystery surrounding Tiahuanaco citadel., EFE, abgerufen am 9. Dezember 2020. und eine geschätzte Einwohnerzahl von 40.000 Menschen; daneben existierten weitere Orte mit rund 10.000 Einwohnern. Diese Orte waren möglicherweise in einer vierstufigen Hierarchie einer strengen Verwaltung und Zuweisung religiöser Funktionen unterworfen, doch sind diese Mutmaßungen stark umstritten. Fernhandel mit sperrigen Gütern war wohl nur auf dem Titicacasee möglich, doch wurden Chili, Mais und Coca in der Residenz stark nachgefragt. Muscheln von der Küste Ecuadors (Stachelaustern), Obsidian aus dem Colca-Tal nach Arequipa, Lapislazuli und Kupfer aus Nordchile wurden wohl über ein System von Zwischenhändlern herbeigebracht, Schnupftabakdosen und Stoffe wurden nach Chile, vielleicht sogar bis nach Nordargentinien gehandelt.
Etwa zur selben Zeit entwickelten sich die Kulturen der Moxos in den östlichen Niederungen und der Mollos im Raum des heutigen La Paz. Alle drei auf Bodenbau beruhenden Kulturen verschwanden im 13. Jahrhundert, vermutlich aufgrund langer Dürren.
Im Tiwanaku-Gebiet folgten sieben Herrschaftsgebiete der Aymara mit einem Kerngebiet um den Titicaca-See.Peter Neal Peregrine, Melvin Ember (Hrsg.): Encyclopedia of Prehistory, Bd. 7 (South America), Human Relations Area Files Inc. 2002, S. 34–37. Die Aymara lebten in Dörfern und Städten auf Bergen, entwickelten ein Bewässerungssystem, und waren in der Lage Lebensmittel über lange Zeit zu konservieren. Sie waren in Clans organisiert, die Land und Arbeit zuwiesen. Dabei dominierten sie benachbarte ethnische Gruppen, wie die Uru, die überwiegend vom Fischfang lebten. Kennzeichnend sind hier Totenstädte.
Von Cuzco dehnten die Quechua ihr Reich aus, und Mitte des 15. Jahrhunderts unterwarfen sie auch die Aymara, wie etwa das Königreich um die Hauptstadt Hatun-Colla. Tiwanaku war zu dieser Zeit schon lange verlassen.
Das bolivianische Hochland wurde als Kollasuyo damit eine der vier Provinzen des Inkareichs. Dem Stellvertreter des Inka unterstand eine Art Gouverneur, der wiederum Befehlsgewalt gegenüber lokalen Gouverneuren besaß. Diese konnten auf den lokalen Adel zugreifen. Dabei bestanden die regionalen Strukturen fort, und auch in kultureller Hinsicht ist kein Bruch zu erkennen. Der tiefste Einschnitt fand in der Organisation öffentlicher Aufgaben statt. So entwickelten die Inka bereits die so genannte Mita, um Großprojekte und Bergbau organisieren zu können. Dabei hatten die verschiedenen Herrschaftsgebiete jeweils eine bestimmte Zahl von Arbeitskräften zu stellen.
1470 rebellierten mehrere Aymara-Königreiche, doch unterlagen sie der Inka-Streitmacht. Zur Sicherung ihrer Herrschaft kolonisierten sie Teile des Aymara-Gebiets, vor allem in den südlichen und zentralen Tälern. Daher sind bis heute Aymara und Quechua die vorherrschenden Sprachen. Die östlichen, nomadisch lebenden Stämme wurden von den Inka nicht unterworfen, dort sicherten sie durch Festungen ihr Gebiet.
Spanische Kolonialzeit Frühe Neuzeit Siehe auch: Spanische Eroberung Perus und Bevölkerung der iberischen Kolonien in Südamerika am Ende der Kolonialzeit
Als erste koloniale Siedlung der Spanier wurde 1535 Paria in der Nähe der schon vorher bestehenden, später „Paria la vieja“ genannten, inkaischen Regionalhauptstadt gegründet. Bei der Eroberung von Tawantinsuyu wurden die Konquistadoren anfangs von den Aymara unterstützt. Nach dem Beginn der Rebellion des Inka-Herrschers Manco Cápac II. gegen die siegreichen Spanier schlossen sie sich ihm bis auf die Kolla an.Herbert S. Klein: A Concise History of Bolivia. Cambridge University Press, Cambridge 2006, ISBN 978-0-521-80782-1, S. 30. Nach ihrer Niederlage besetzte Francisco Pizarro im Jahr 1538 das Gebiet des heutigen Bolivien für Spanien. Bolivien wurde ein Teil des Vizekönigreichs Perú. Im Jahr 1776 wurde das damals noch Alto Perú genannte Land vom Vizekönigreich Perú losgelöst und dem Vizekönigreich Río de la Plata angegliedert.
Unabhängigkeit Unabhängigkeitskampf und Konflikte mit den Nachbarländern mini|hochkant|Simón-Bolívar-Statue in Berlin 1809 kam es zu ersten Aufständen gegen die spanische Kolonialmacht, die trotz der drei Expeditionen zur Befreiung Oberperus der La Plata Junta in Argentinien in den Jahren 1810 bis 1816 erfolglos blieben. Auch die Expedition von San Martín nach Peru erbrachte nur kurzzeitige Erfolge. Erst mit dem Eingreifen von Großkolumbien, das in der Schlacht bei Ayacucho Ende 1824 gipfelte, waren die Spanier in Oberperu isoliert. Nach Kämpfen in den eigenen Reihen wurde die Kapitulation von Ayacucho anerkannt und ebnete damit den Weg in die von Antonio José de Sucre am 6. August 1825 auf den Weg gebrachte Unabhängigkeit vom kolonialen Mutterland Spanien. Simón Bolívar, der als Namenspatron für die Republik Bolivien fungierte, lehnte die Präsidentschaft ab und überließ Sucre das Amt, schrieb allerdings die erste Verfassung des Landes. Sucre, der mit der Schlacht am Pichincha Ecuador befreit hatte, versuchte ein ambitioniertes, liberales Reformprogramm umzusetzen. Innere Unruhen und eine peruanische Invasion beendeten seine Präsidentschaft im Jahre 1828. Der Deutsche Otto Philipp Braun war – vor allem in der Endphase der Regierung – eine wichtige Stütze von Sucre. Daraufhin wurde José Miguel de Velasco Präsident. Aus der Revolution von 1829 ging Andrés Santa Cruz y Calahumana, der an der Befreiung Perus und Ecuadors beteiligt gewesen war, als Sieger hervor. Während seiner Präsidentschaft wurde die von Bolívar geschaffene Verfassung wieder aufgehoben. Am 15. August 1836 marschierte Santa Cruz in Lima ein und vereinigte Perú und Bolivien in der Confederación Perú-Boliviana. Es kam zum Peruanisch-Bolivianischen Konföderationskrieg mit Chile von 1836 bis 1839. Braun besiegte im argentinisch-bolivianischen Grenzgebiet eine argentinische Invasionsarmee. Trotz dieses Teilerfolges zerbrach die Konföderation am 20. Januar 1839 nach dem Sieg einer chilenischen Expeditionsarmee in Peru. Nach dem Sturz von Santa Cruz wurde das Land von häufig wechselnden und zumeist kurzlebigen Militärdiktaturen (caudillos bárbaros) beherrscht. Anomie, Misswirtschaft, Klientelwesen und Korruption bestimmten die Politik. Auf Präsident Velasco folgten 1841 José Ballivián, 1847 wiederum Velasco, 1848 Manuel Isidoro Belzu, 1855 Jorge Córdova, 1857 José María Linares, 1861 José Maria de Achá, 1864 José Mariano Melgarejo, 1871 Agustín Morales, 1872 Adolfo Ballivián, 1874 Tomás Frías Ametller, 1876 Hilarión Daza und nach dessen Sturz im Dezember 1879 ab dem 19. Januar 1880 Narciso Campero im Amt.
mini|Zwischen 1867 und 1938 an Nachbarstaaten verlorene Gebiete (heutiges Staatsgebiet ist weiß) Am 1. März 1879 führte ein Grenzkonflikt mit Chile zum Salpeterkrieg. In diesem Krieg (1879–1884) kämpften Bolivien und Peru gemeinsam gegen Chile und verloren. Im Abkommen von Valparaíso zur Beilegung des Salpeterkriegs verlor Bolivien 1884 seine Küstenprovinz Antofagasta an Chile (endgültige vertragliche Regelung am 20. Oktober 1904) und wurde dadurch zu einem Binnenstaat ohne Anschluss ans Meer, was zu einem nationalen Trauma wurde. Chile verpflichtete sich im Gegenzug zum Bau einer Eisenbahnstrecke von Arica nach La Paz, um Bolivien den Zugang zum Pazifik zu ermöglichen. Im selben Jahr wurde Gregorio Pacheco Präsident, der 1888 von Aniceto Arce abgelöst wurde. Auf diesen folgte 1892 Mariano Baptista und 1896 Severo Fernandez Alonso. Eine neuerliche Revolution führte 1899 zu Präsidentschaftswahlen, die José Manuel Pando gewann.
Am 18. November 1903 verlor Bolivien in einem Grenzstreit mit Brasilien das Gebiet von Acre. Ein Jahr später wurde Ismael Montes zum Präsidenten gewählt, 1909 Heliodoro Villazon, 1913 wiederum Montes und 1917 José Gutiérrez Guerra. Ein Militärputsch brachte 1920 Bautista Saavedra Mallea an die Macht, der 1925 in einer Wahl José Cabino Villanueva unterlag. Dieser musste aber bereits ein Jahr später zurücktreten, so dass Hernando Siles neuer Präsident wurde. 1930 wurde Carlos Blanco Galindo zum Präsidenten gewählt, der aber ebenfalls ein Jahr später zugunsten von Daniel Salamanca zurücktrat.