mini|599x599px|Die Karte zeigt die enge Verknüpfung des Kestel Polje-Systems im West-Taurus mit dem Komplex der Travertin-Terrassen in der Antalya-Ebene Der Antalya-Kestel-Karstkomplex ist ein vielschichtiges Landschaftsgefüge in der Südwest-Türkei im Küsten- und Gebirgshinterland des Golfs von Antalya. Die zahlreichen Relikte prähistorischer und historischer Stätten, wie die von Karain, Termessos, Perge, Kremna, İncir Han oder Kırkgöz Han, weisen die Region zudem als alt-besiedelten Raum aus.
Lagesituation Der Karstkomplex von Antalya und Kestel (Bucak und Städtchen im İlçe Bucak der Provinz Burdur) erstreckt sich mit zwei auffällig unterschiedlichen Landschaftsmerkmalen provinzübergreifend (Provinzen Antalya, Burdur) über weitläufige Partien in der Küstenebene von Antalya und des westlichen Taurus: Mit dem Kestel Polje-System und dem Antalya Travertin-Komplex. Was beide Teile verbindet, ist ihre enge karsthydrologische Verknüpfung. Das Gebiet liegt teils innerhalb der Gebirge der westlichen Kurve von Isparta, teils in der breiten Küstenebene von Antalya. Es wird im Westen und Nordwesten begrenzt vom Katrancık Dağı und den nordwestlichen Beckenlandschaften der Seenregion der Isaurisch-Pisidischen Seenplatte, im Norden von der Çanaklı-Ova bei Sagalassos (Ağlasun), im Osten vom Aksu Çayı-Tal und im Süden bzw. Südwesten vom Mittelmeer und den Bey Dağları.
Kurze Entwicklungsgeschichte Die Evolutionsgeschichte des Gebiets beginnt im Tertiär mit einem weitgehend West-Ost verlaufenden miozänen Entwässerungssystem im östlichen West-Taurus. Seine Hauptgewässer hatten während der Messinischen Salinitätskrise (Austrocknung des Mittelmeers/Thetis) mit Ablagerung mächtiger Evaporite (Verdunstungsgesteine) im Übergang vom Miozän zum Pliozän über 200 m tiefe Täler in das damals bestehendes Relief der "Ur-Taurus"-Region eingeschnitten. Seit Beginn des Quartärs erfuhr der Raum erhebliche tektonische Spannungen im Zusammenhang mit der Bildung der Kurve von Isparta. Untersuchungen von Nuri Güldalı haben gezeigt, dass bei der Entstehung des Poljesystems tektonische Bewegungen und fluviatile Abtragungs- und Ausräumungsprozesse die wichtigsten Rollen gespielt haben. Das heutige Gebiet des Poljesystems von Kestel büßte dadurch vermutlich bereits gegen Ende des Pliozäns seinen damals noch oberirdischen Abfluss ein – durch Abriegelung von Talbereichen infolge unterschiedlicher Vertikaltektonik der Talböden und ihrer Umrahmung. Es bildeten sich Horst- und Grabenstrukturen weitgehend in Nord-Süd-Erstreckung. Während der Pluvialzeiten des Pleistozäns allerdings bewirkte diese Abriegelung in abflusslose Senken (des späteren Poljesystems) eine starke Wiederaufschüttung der durch das ältere Fluss-System weitgehend ausgeräumten Becken mit alluvialen Sedimenten und zugleich – wegen der Plombierung durch die mächtigen lehmig-sandigen Alluvionen – eine Überflutung der Poljeböden, so dass die Becken innerhalb der Kalksteinformationen nur randlich durch Korrosion erweitert wurden.
Damals gegen Ende des Pliozäns und hauptsächlich während des Pleistozäns begann die Verkarstung zum Poljesystem von Kestel und führte zum Verlust der oberirdischen Entwässerung und zur Entwicklung eines unterirdischen Karstwassersystems. Wie in zahlreichen anderen Karstbecken des West-Taurus wurde nur noch über große Ponore unterirdisch entwässert. Die an Bikarbonat reichen unterirdischen Gewässer traten als starke Karstquellen etwa in Höhe des Meeresniveaus aus, wie z. B. an den Kırkgöz-Quellen im Nordwesten von Antalya. So entstanden während des Pleistozäns durch die Ausfällung des CaCO3 aus den Lösungswässern der Karstquellen vom Westrand der Ebene von Antalya ausgehend die dortigen breiten und mächtigen Travertinterrassen. links|mini|Diese Aufnahme auf dem Flug von Antalya über den West-Taurus zeigt die bereits abgeernteten Getreidefelder im September im Polje von Kestel, im Vordergrund liegt die Kreisstadt Bucak, im Mittelgrund erkennt man den Hum des Aladağı und die Ausläufer des Karağan Dağı und im Hintergrund den Anstieg zum Katrancık Dağı. mini|Im späten Frühjahr bilden die frischen Getreidefelder auf den Flächen des Kestel-Poljes eine grüne Oase gegenüber den eher vegetationsarmen randlichen Bergländern.
Das Polje-System von Kestel Das Poljesystem von Kestel ist kein einheitliches Becken, sondern besteht aus einer Folge von mehreren intramontanen ebenen Senken. So setzt sich das Poljesystem aus sechs Teilsenken zusammen, die untereinander durch Verengungen oder Pässe verbunden sind, die Poljen von Çeltikçi, Kestel, Zivint/Bozova, Bayat, Bademağaçı und Kızılkaya.
Das Çeltikçi-Polje bildet den nördlichen Teil des Kestel-Polje-Systems – angelegt allerdings noch in West-Ost-Richtung dem alten Entwässerungssystem folgend – und ist hydrologisch mit dem kurzlebigen Kestel-See im Kestel-Polje durch das Tal des Çeltikçi Çayı verbunden. Das südlich anschließende Kestel-Polje ist bereits in Nord-Süd-Richtung ausgerichtet. Der zentrale Ort dort ist nicht Kestel, sondern die Kreisstadt Bucak. Das Polje liegt innerhalb des Polje-Systems relativ niedrig und enthält den episodischen Kestelsee (Kestel Gölü, 777 m ü. M.), der aufgrund der tiefen auf Ponore ausgerichteten künstlichen Drainagekanäle weitgehend verschwunden ist. Das Bademağacı Polje weiter südöstlich ist durch eine enge Schlucht vom Kestel-Polje getrennt und hat bei 700 m Höhe die niedrigste Position innerhalb des Kestel-Polje-Systems. Es liegt, umgeben im Osten vom Karlıkdağı (1710 m), im Südosten vom Mercimek Dağı (1156 m), im Süden vom Darımdağı (1552 m) und im Westen vom Tahtalı Dağı (1592 m), in einer langgestreckten Senke. Das Bayat-Polje im Süden (ca. 805 m Höhe) ist mit den Poljen von Kestel und Bozova verbunden, getrennt allerdings durch den Korkuteli Dağı (1262 m ü. M.) von der Korkuteli-Ova sowie vom Bademağacı-Polje durch den Tahtalı Dağı. Seine Gewässer erreichen die Ponore im Bademağacı-Polje über das Kızılkaya-Polje und verschwinden dort in Bachschwinden. Das 11,5 km lange und 4,5 km breite Polje von Bozova (Zivint) mit dem trocken gefallenen Anbahan-See im Norden befindet sich innerhalb der Korkuteli-Ova. Es ist durch Asar Tepesi und Tahtalı Dağı vom Bademağacı-Polje getrennt. Es ist im nördlichen Teil am Asartepe über eine enge Schlucht mit dem Kestel-Polje verbunden. Das Kızılkaya-Polje stellt die Verbindungen der Poljen von Bozova, Kestel und Bayat zu den Ponoren im Bademağacı Polje her.
Darüber hinaus bildeten sich die Poljen Akkoç und Söğütçük innerhalb kleiner Gräben in den Bergen östlich zwischen dem Kestel-Polje-System und dem Antalya-Travertin-Komplex.
Das Gewässer-Einzugsgebiet des Poljesystems ist mit rund 2300 km² die größte zusammenhängende Karstformation der Türkei. Umrahmt von Gebirgsketten, wie dem Katrancık Dağı (2328 m) im Westen und dem Yanartaş Dağı (1513 m) sowie dem Çubuk Dağı (1625 m) im Osten, breitet es sich mit einer Breite von 27 km und einer Nordnordost-Südsüdwest-Erstreckung von 63 km über eine Fläche von etwa 520 km² aus. links|mini|Blick vom Kırağan Dağı südwestwärts über das mit Hums durchsetzte Polje von Kızılkaya auf den Eingang ins Bademağaç-Polje und die dahinter aufragenden Bey Dağları. mini|Kleinere und ausgedehntere Karstwannen (Poljen) innerhalb der Kalk-Gebirgsländer des westlichen Taurus, wie hier die Kuyubaşı-Ova südöstlich von Bucak, sind für das Umfeld des Kestel Polje-Systems überaus typisch.
Geologie und Tektonik Das Polje-System nimmt aufgrund seiner karstmorphologischen Vielseitigkeit eine besondere Stellung innerhalb der Poljebecken des West-Taurus ein. Am Aufbau dieser West-Taurus-Region sind hauptsächlich drei Gesteinsformationen beteiligt: Carbonatgesteine des Mesozoikums (zumeist Calciumcarbonat, CaCO3) sowie basische Intrusiva und Mergel- wie Sandstein-Deckschichten des Jungtertiärs. Obwohl alle insgesamt gesehen in etwa gleich große Areale einnehmen, ist der West-Taurus aufgrund großer Verteilungs-Unregelmäßigkeiten der Gesteine durch eine Vielzahl von intramontanen Karstbecken gekennzeichnet, vor allem durch Poljen.
Entlang des ganzen Westrandes des Kestel-Poljesystems liegen infolge einer tektonischen Decken-Überschiebung (Ostfront der Überschiebungsdecke des Lykischen Taurus) die mesozoischen Kalkmassive des Katrancık Dağı und des Domuz Dağı auf deutlich jüngeren Tertiärformationen, wobei mehrere Verwerfungen die Ränder der ebenen Poljeböden von Zivint, Kestel und Çeltikçi markieren. Parallel zu dieser Störungslinie im Westen des Polje-Systems verläuft eine zweite Bruchzone am Ostrand der langgestreckten Bozova-Ebene und des Kestel-Poljes, an den westlichen und südlichen Rändern des Bademağacı-Poljes sowie an der Südgrenze des Çeltikçi-Poljes. Auch das Bergmassiv des Kırağan Dağı (1380 m) ebenso wie der Aladağ (1168 m) im nördlichen Teil des Kestel-Poljes, die sich inselartig mit steilen Hängen mitten aus den Polje-Ebenen erheben, sind nichts anderes als tektonisch bedingte Horste. Derartige Störungen signalisieren die tektonische Morphologie der Poljen von Çeltikçi, Kestel, Bademağacı, Bayat und Bozova insgesamt als quartärzeitliche Gräben und das Poljesystem von Kestel zum größten Teil als ein tektonisches Grabensystem.
Die östlichen und südöstlichen Begrenzungen des Poljesystems bestehen aus vor Ort entstandenen Massenkalken des Mesozoikums und gut geschichteten, äußerst verkarstungsfähigen Kalken der Kreide. Dort sind die Poljenränder überall steil und gliedern sich in zahlreiche Ausbuchtungen, halbinselartige Bergsporne und vorgelagerte Karstinselberge (Hum), was darauf hinweist, dass sich die Poljen durch Verkarstung der Kalkhänge um Beträge zwischen 150 m und 1 km randlich erweitert haben. Dabei wurden entlang der Hänge des Polje-Systems erosionsanfällige miozäne Molasse-Ablagerungen in Form von Sand-, Mergel- und Schotterschichten sowie verkarstungsfähige Gesteine freigelegt. An manchen Stellen in den Poljebecken erreicht die Bedeckung der dabei entstandenen alluvialen Sedimente einige 100 m Mächtigkeit (281 m z. B. in den zentralen Teilen der Kestel-Poljes). An anderen Stellen wiederum, längs des buchtenreichen Südrandes des Kestel-Poljes und im Ponorenbereich südlich der Ortschaft Kestel z. B., ist diese alluviale Auflage mit nur einigen Metern sehr dünn. Darunter stehen stark verkarstete Kalkschichten an. Dort liegen die meisten Ponore unterschiedlicher Größe direkt am Fuß der Kalkhänge oder wenige Meter davor. Sie ermöglichen die Entwässerung des oberirdisch abflusslosen Poljesystems. Die wichtigsten Ponore mit der größten Wasseraufnahme-Kapazität, die die südlichen Teilebenen des Poljesystems entwässern, liegen in der Bucht nördlich des Dorfes Boğazköy. Die nördlichen Teilebenen werden durch die Ponore am Nordfuß des Kırağan Dağı südlich des Dorfes Kestel entwässert.
Eine rezente Ausweitung des Poljesystems durch randliche Korrosion erfolgt offenbar nur dort, wo die Kalkränder mindestens 4–5 Monate im Jahr mit Wasser (z. B. des periodischen Karstsees von Kestel) in Berührung stehen, und im Umfeld aktiver Ponore. Ältere nachweisliche korrosive Erweiterungen des Polje-Systems erfolgten demnach wohl hauptsächlich während der niederschlagsreichen Pluvialzeiten im Pleistozän oder anderer vorangegangener Feuchtzeiten mit erheblichem Wasseraufkommen.
Entwässerung Das Kestel-Polje-System wird von periodischen Bächen aus den umgebenden Bergen gespeist. Dabei ist der Korkuteli Çayı mit seiner Quelle südwestlich des Bozdağ das größte Gewässer innerhalb des Systems. Nach bisherigen Erkenntnissen fließt sein Wasser über Ponore an aktiven Störungen in den verschiedenen Poljen Bozova, Kestel und Bademağacı in ein unterirdisches Entwässerungssystem, das in Richtung der Kırkgöz-Quellen am westlichen Rand des Antalya-Travertin-Komplexes strömt.