mini|Herbert Schnädelbach, 2007 mini|Podiumsdiskussion in Berlin, 2013
Herbert Schnädelbach (* 6. August 1936 in Altenburg, Thüringen; † 9. November 2024 in Hamburg, auch über msn veröffentlicht: Nachruf auf Herbert Schnädelbach – Man braucht viel Vernunft, um sie zu kritisieren (msn)) war ein deutscher Philosoph. Er war Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie. Seine „methodisch-rationale Gesprächsphilosophie“Scobel bei 3sat, Sendung vom 26. November 2009 umfasst Beiträge zur Entwicklung der Diskurs- und Sozialphilosophie, zur Konstruktion philosophischer Rationalitätstheorien, zur Ausdifferenzierung des Historismus und zur Etablierung einer sprachpragmatischen Erkenntnistheorie. Er beteiligte sich an gesellschaftlichen Debatten zum Atheismus, zur Willensfreiheit, zu den Werten und zum kommunikativen Handlungsbegriff.
Leben Herbert Schnädelbach wurde am 6. August 1936 in Altenburg als zweiter Sohn des pietistischen Pfarrers Herbert Schnädelbach und dessen Ehefrau Helene (geb. Wunderlich) geboren. Der Geodät Klaus Schnädelbach war sein älterer Bruder. 1938 zog die Familie von Altenburg nach Breslau. Die Schulzeit verbrachte er in Breslau, Leipzig, Bad Bergzabern und Landau in der Pfalz, wo seine im Krieg verwitwete Mutter 1949 die Leitung eines Kinderheims übernahm.Thomas A. Wunderlich, Zum 80. Geburtstag von em. Prof. Dr.-Ing. habil. Klaus Schnädelbach, Mitteilungen des DVW Bayern 66:4 (2014), S. 431, https://dvw.de/sites/default/files/landesverband/bayern/anhang/beitragskontext/2014/Vereinsleben_4_2014.pdf Dort bestand Schnädelbach 1955 das Abitur.
Er studierte an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main Philosophie, Soziologie, Germanistik, Geschichte und Musikwissenschaften. Als wissenschaftliche Hilfskraft war er von 1962 bis 1966 am Philosophischen Seminar tätig. 1965 wurde er mit einer Dissertation zu Hegels Theorie der subjektiven Freiheit in Philosophie promoviert. Schnädelbach erhielt ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Im Jahr 1970 habilitierte er sich mit der Schrift Erfahrung, Begründung und Reflexion. Versuch über den Positivismus. Die Arbeit ist noch von Theodor W. Adorno begutachtet worden. Nach dessen Tod betreute Jürgen Habermas das Habilitationsverfahren.
Als Professor für Philosophie lehrte Herbert Schnädelbach von 1971 bis 1978 in Frankfurt am Main mit Schwerpunkten in Geschichtsphilosophie, Wissenschaftsphilosophie und Diskursanalyse. Zeitweise war er auch Dekan. Anschließend wechselte er an die Universität Hamburg und übernahm dort eine Professur mit dem Schwerpunkt Sozialphilosophie.
Zwischen 1988 und 1990 war Schnädelbach Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland. Er organisierte 1990 deren XV. Kongress „Philosophie der Gegenwart – Gegenwart der Philosophie“.Vgl. Herbert Schnädelbach, G. Keil (Hrsg.), Philosophie der Gegenwart. Gegenwart der Philosophie. Junius, Hamburg 1993, Vorwort 1993 wurde er an die Humboldt-Universität zu Berlin berufen. Dort übernahm er den Lehrstuhl für Theoretische Philosophie. Schnädelbach war maßgeblich am Neuaufbau des Instituts für Philosophie beteiligt. Er beschäftigte sich mit analytischer Sprachphilosophie, Diskurs- und Rationalitätstheorien und setzte sich mit Hegel auseinander. Zu seinem sechzigsten Geburtstag erschien die Festschrift Sich im Denken orientieren.Simone Dietz, Heiner Hastedt, Geert Keil und Anke Thyen, Sich im Denken orientieren. Festschrift für Herbert Schnädelbach. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1996, ISBN 3-518-28853-9. 2000 veröffentlichte er sein dreibändiges Werk Hegels Philosophie. Kommentare zu den Hauptwerken. Zu Schnädelbachs Schülern zählen Micha Brumlik, Simone Dietz, Kathrin Glüer, Heiner Hastedt, Geert Keil, Christian Thies, Udo Tietz, Anke Thyen und Mark Young. 2002 erfolgte die Emeritierung.
Schnädelbach bezeichnete sich als Atheisten. Sein Zeitungsartikel Der Fluch des Christentums. Die sieben Geburtsfehler einer alt gewordenen Weltreligion in der Wochenzeitung Die Zeit löste im Jahr 2000 eine überregionale Kontroverse aus.Herbert Schnädelbach, „Der Fluch des Christentums“, in: Die Zeit vom 11. Mai 2000 Durch Vorlesungen, Zeitungsartikel, Interviews und zahlreiche Veröffentlichungen ist Schnädelbach über die Fachwelt hinaus einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. 2012 erhielt er den Tractatus-Preis.
Er war verheiratet und lebte in Hamburg.
Lehre
Philosophie Ausgebildet hauptsächlich in der Kritischen Theorie, zählt sich Schnädelbach keiner bestimmten Schule zu. Er veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zu G.W.F. Hegel und entwickelte eine „Distinktionstheorie der Diskursvermengung“ (Reflexion und Diskurs, 1977): Durch die analytische Unterscheidung ineinander verflochtener Diskursmomente können demnach Geltungsansprüche kritisch begutachtet werden.
Verständnis von Philosophie Als ihre Stärke hebt Schnädelbach die Pluralität der Philosophie hervor und begreift sie als fortlaufend kritisches Gespräch im Spannungsfeld von Aufklärung und Wissenschaft. Er vertritt einen starken Wahrheitsanspruch der Philosophie, unterscheidet zwischen Philosophie und Pseudophilosophie und sucht die Konfrontation mit Fachkollegen, die seiner Ansicht nach den Rahmen der Pluralität verlassen und die Philosophie ohne Verantwortungsbewusstsein ruinieren.
Auch Kinder philosophieren,A. Brauer, Ist Gott offenbar – und warum nicht?. Interview mit Herbert Schnädelbach, in: Tagesspiegel vom 16. Dezember 2007 aber in der Institution Wissenschaft haben Philosophen die Aufgabe, das Fach Philosophie „verantwortlich“ zu entwickeln und es nicht zu „ruinieren“.Herbert Schnädelbach: Philosophie der Gegenwart – Gegenwart der Philosophie. 1993, S. 18f. Wenn „vermeintliches Philosophieren“ der Experten seinen Aufklärungs- und Wissenschaftsansprüchen nicht standhält und demzufolge die Grenzen des von ihm definierten Plurals erreicht oder überschreitet, dann provoziert Schnädelbach Konflikte und trägt sie aus. Im Rahmen seiner Abschiedsvorlesung im Jahre 2002 bezeichnete Schnädelbach diejenigen, die zum Gespräch der Philosophie mit dazugehören, aber an ihrem Rande stehend „enttäuschen“, als „die »Mono-logen«, Phänomenologen und Krypto-Theologen“ der (Pseudo-)Philosophie. Er wendet sich damit nicht gegen alle Phänomenologen und Theologen, sondern will mit diesen Tätigkeitscharakterisierungen Grenzen des Philosophierens aufzeigen.Vgl. unten „Phänomenologie und Sprachanalyse“ als einen „gangbaren philosophischen (Aus-)Weg für Phänomenologen des 21. Jhts.“ Quelle: Herbert Schnädelbach, „Das Gespräch der Philosophie. Berliner Abschiedsvorlesung“ (PDF; 164 kB), in: Analytische und postanalytische Philosophie. Vorträge und Abhandlungen 4, 2004. Siehe auch Berliner Zeitung vom 18. Juli 2002: „Geht Konfrontationen nicht aus dem Weg: Herbert Schnädelbach.“ Der in diesem Zusammenhang stehende Vorwurf der „Pseudophilosophie“ geht zurück auf Schnädelbachs Einschätzung, dass es in der professionellen Philosophie eine Tendenz zunehmender „Ver(geistes)wissenschaftlichung“ gebe (die auch in anderen Fächern beklagt wird).So etwa von Friedrich von Graf, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. Februar 2008: „Die Theologien leiden unter einem grotesken Übergewicht der exegetischen Disziplinen, die sich, angesichts der knappen Bestände an heiligen Texten, in ein für Außenstehende absurdes philologisches Spezialistentum verrannt haben.“ Daher betont er mit dem „Doppelcharakter“ der Philosophie die seiner Auffassung nach eher vernachlässigte Aufklärung. „Das angemessene Verhältnis von Wissenschaft und Aufklärung ist vielleicht das, was wir unter dem Wort Weisheit suchen.“Herbert Schnädelbach, Zur Rehabilitierung des animal rationale. Vorträge und Abhandlungen 2, Band 2, 1992, S. 386
Zwar hat die Philosophie nach Schnädelbach keinen originären Gegenstandsbereich, aber hinsichtlich ihres spezifischen Weltbezugs folgt er der aristotelischen Trias, welche sich mit Kant und Wittgenstein verändert habe (Physik>Erkenntnis, Ethik/Handlungen, Logik>Kommunikation).Vgl. Herbert Schnädelbach, Analytische und postanalytische Philosophie. Vorträge und Abhandlungen 4, 2004, S. 350. Wenn wir die Kantischen Fragen um Was können wir verstehen? ergänzen, so „[…] rücken wir neben den theoretischen und praktischen den dritten Weltbezug ins Feld der Aufmerksamkeit: den der Kommunikation“. Diesen dritten Weltbezug ordnet Herbert Schnädelbach der Bedeutungstheorie (Semantik) und Logik zu (letzteres nunmehr als ein formales Teilgebiet). Siehe Herbert Schnädelbach, „Das Gespräch der Philosophie. Berliner Abschiedsvorlesung“ (PDF; 164 kB), in: Analytische und postanalytische Philosophie. Vorträge und Abhandlungen 4, 2004. Siehe auch Berliner Zeitung vom 18. Juli 2002: „Geht Konfrontationen nicht aus dem Weg: Herbert Schnädelbach.“ In seinen Ausführungen „Zur philosophischen Ortsbestimmung“Herbert Schnädelbach: Zur Rehabilitierung des animal rationale. Vorträge und Abhandlungen 2, Band 2, 1992, S. 183ff. kritisiert er die disparaten Teile dessen, was sich in Bezug auf die jeweiligen Orientierungsgrundsätze in Orient und Okzident unter dem Begriff der Philosophie entwickelt, als „eine Kultur der Nachdenklichkeit“. Durch die philosophische Aufklärung erfülle sich der Sinn der Philosophie (Nutzen, Resultate etc.), während die Rückbindung der Aufklärung an die Wissenschaft die Geltung ihrer Aussagen absichere. „Pseudophilosophie“ versteht er nicht nur im Sinne von Weltanschauungen, Esoterik, „Grundlagenignoranz“ (es-ist-so-wie- es ist)/–essentialismus oder „Binsenwahrheiten“. Angesichts der vielen „Philosophien“ vertritt er vehement einen normativen Begriff von Philosophie, indem er „aufklärende Sachfragen“ und „intersubjektive Geltungsansprüche“ einfordert. Unter letzterem fasst er eine intersubjektive Anschlussfähigkeit in der Wissenschaft, die er allen Thesen von „deklamatorischen und philosophischen Genies“, die er etwa durch Heidegger, Adorno oder Sloterdijk verkörpert sieht, abspricht. Die Institution Philosophie versäume häufig, ihre (exegetischen) Arbeitsthemen von einem primären Bezug zur gegenwärtigen Praxis mit Hilfe von aufklärenden Sachfragen abzuleiten.
Methode Schnädelbach vertritt eine methodisch-rationale Gesprächsphilosophie, die theoretisch auf Reflexions-, Diskurs- und Rationalitätsanalysen beruht. Er formuliert als zentrale These, dass „die“ Philosophie ein Gespräch sei, sie analysiere Diskurse (bzw. Gespräche) nach typologischen Differenzen, (Reflexions-)Methoden, in Bezug auf Sachprobleme und mit einer formalen (nicht bloß hermeneutischen bzw. sprachlichen) Auszeichnung diskursiv-normativer Geltungsansprüche. Dadurch sei sie ausgewiesen als „eine“ Philosophie, nämlich als eine, die „mit“ Geltungs- und Rationalitätsansprüchen „das“ Gespräch mit seinen jeweiligen Sachbezügen zum Gegenstand habe. Seine Philosophie ist sowohl Metaphilosophie (‚Philosophie der Philosophie‘, die Frage nach Vernunftgrundlagen und die ‚Philosophie-als-Gespräch‘-These) als auch Reflexion einzelner Philosophien. Schnädelbach meint dennoch, dass die Philosophie als Ganzes keinen originären Gesprächsgegenstand hat (daher wendete er sich eine Zeit lang gegen die Auszeichnung von philosophischen Lehrstühlen). Er will sich in seinen Gesprächsthemen selbst nicht festlegen, sich nicht spezialisieren und wendet sich gegen nicht selbst festgelegte Spezialisierungsrückwirkungen auf den Philosophierenden. Dennoch ist seine Philosophie hinsichtlich ihrer Vorgehensweisen und Orientierungen, ihrer Ergebnisse und Wirkungen im Folgenden typologisch erfassbar.