mini|Ein osttimoresischer Grenzpolizist und ein indonesischer Soldat mini|Die heutigen Grenzen auf Timor

Um die Festlegung des Verlaufs der Grenze zwischen Indonesien und Osttimor wurde zwischen verschiedenen Parteien seit 350 Jahren gekämpft. Erste Versuche sie genau zu definieren wurden von den Kolonialmächten Niederlande und Portugal mit dem Vertrag von Lissabon 1859 gemacht, doch erst im Schiedsspruch des Ständigen Schiedshofs vom 25. Juni 1914 wurde die endgültige Landgrenze zwischen ihnen auf der Insel Timor festgelegt. Sie stimmt weitgehend mit der heutigen Grenze zwischen dem Staat Osttimor (Timor-Leste), der erst 2002 seine endgültige Unabhängigkeit erstritt, und dem zu Indonesien gehörenden Westtimor überein, war aber bis 2019 noch in einigen Punkten umstritten.

Kolonialisierung

Die Portugiesen landeten erstmals 1512 auf Timor und gründeten ihre erste Niederlassung 1556 in Lifau im Westen Timors. Die Niederländer folgten kurz darauf, setzten sich aber erst 1640 im Westen der Insel fest. 1642 eroberten die Portugiesen das spirituelle Zentrum der Insel in Wehale, wonach die meisten timoresischen Herrscher (Liurai) die Dominanz Portugals anerkannten. 1656 eroberten die Niederländer den portugiesischen Stützpunkt Kupang. 1749 scheiterte in der Schlacht von Penfui ein Rückeroberungsversuch der Portugiesen, worauf die meisten Herrscher im Westen Verträge mit der Niederländischen Ostindienkompanie schlossen. Darunter auch ein gewisser Jacinto Correa, König von Wewiku-Wehale und Großfürst von Belu, der auch im Namen vieler Gebiete im Zentrum Timors den dubiosen Vertrag von Paravicini unterschrieb. Zum Glück der Portugiesen war Wehale nicht mehr mächtig genug, die lokalen Herrscher auf die Seite der Niederländer zu ziehen. So blieben die östlichen ehemaligen Vasallen Wehales unter der Flagge Portugals, während Wehale selbst unter niederländische Herrschaft fiel. Folge war ein Dauerstreit über die Grenzen der Einflusssphären der Kolonialmächte.Geoffrey C. Gunn: , verfügbar vom Centro de Estudos sobre África, Ásia e América Latina, CEsA der TU-Lissabon (PDF-Datei; 805 kB).

Verhandlungen zwischen den Kolonialmächten im 19. Jahrhundert

mini|Karte von Oe-Cusse Ambeno (1859)

1851 einigte sich der portugiesische Gouverneur José Joaquim Lopes de Lima mit den Niederländern über die Aufteilung der Kolonien auf den Kleinen Sundainseln. Allerdings ohne Autorisation durch Lissabon, weswegen die Vereinbarungen erst nach neuen Verhandlungen ab 1854 im Vertrag von Lissabon 1859 bestätigt wurden. Doch war der genaue Grenzverlauf immer noch unklar und es gab auch mit dem portugiesischen Noimuti und dem niederländischen Maucatar je eine Enklave der Kolonialmacht ohne Meereszugang auf der Seite des Konkurrenten.

Am 10. Juni 1893 wurde die Lissabon-Konvention zwischen den Regierungen unterzeichnet, mit dem sie günstige Bedingungen schaffen wollten, „zur Entwicklung von Zivilisation und Handel“ und zur Auflösung der noch existierenden Enklaven. Zur neuen Grenzziehung sollte eine Expertenkommission einberufen werden. Falls es dabei zu Schwierigkeiten käme, sollte ein Vermittler eingeschaltet werden. Die Kommission besuchte Timor und kam zwischen 1898 und 1899 zu einer Einigung über den Großteil des Grenzverlaufs. Ungelöst blieb vor allem das Problem mit den Enklaven Noimuti und Maucatar. Ursprünglicher Grund der Niederländer für diese Verhandlungsrunde war der Wunsch nach einem Vorkaufsrecht für Osttimor. Es gab Gerüchte, dass Russland und Deutschland eine Kohlestation in Portugiesisch-Timor einrichten wollten, beziehungsweise, dass die Kolonie gegen die Anerkennung portugiesischer Ansprüche in Afrika mit Deutschland, Frankreich oder England getauscht werden würde., (englisch) Tatsächlich vereinbarten am 30. August 1898 Deutschland und Großbritannien im Angola-Vertrag eine gemeinsame Anleihe für das hochverschuldete Portugal, für welche die portugiesischen Kolonien als Pfand vorgesehen waren. Im Falle einer Zahlungsunfähigkeit, wäre Portugiesisch-Timor an Deutschland gefallen. Bereits 1899 wurde der Vertrag aber durch die Verlängerung der britischen Schutzgarantie für Portugal und all seine Besitzungen unterlaufen.The New York Times, 7. Oktober 1910, Portugal's rich colonies: Germany and Great Britain Not Long Ago Had a Plan to Divide Them.

mini|Portugiesische Karte der Ostgrenze von Oe-Cusse Ambeno (1909)

1897 kam es zu Kämpfen um Lamaknen zwischen Lamaquitos, das unter portugiesischer Oberhoheit stand, und dem niederländisch dominierten Lakmaras.Schapper: Finding Bunaq. S. 171. In Lakmaras selbst kam es zu Scharmützeln zwischen den beiden Kolonialtruppen, bei denen es Tote gab.Antoinette Schapper: Crossing the border: Historical and linguistic divides among the Bunaq in central Timor. S. 7–8. Zwischen dem 23. Juni und dem 3. Juli 1902 konferierte man in Den Haag erneut. Es wurde gestritten, ob Oe-Cusse Ambeno Teil der Lissabon-Konvention über den Austausch der Enklaven sei oder nicht. Portugal widersprach, da das Gebiet einen Küstenverlauf hat und daher nicht unter die Definition einer Enklave falle.Gunn, S. 77. Der Anspruch der Niederländer auf Maucatar wurde bisher mit der Oberhoheit über Lakmaras begründet, das eine Verbindung zu Maucatar schuf. Zwischenzeitlich war Lakmaras aber Untertan des Reiches von Lamaquitos im portugiesischen Machtbereich geworden und Maucatar müsste nach den bisherigen Vereinbarungen als Enklave an Portugal fallen.Schapper: Finding Bunaq. S. 174. Andererseits war das Reich von Tahakay (Tahakai, Tafakay, Takay) zwischenzeitlich an das Reich von Lamaknen gefallen. Tahakay gehörte aber zur portugiesischen Einflusssphäre, Lamaknen zur niederländischen. Portugal wehrte sich in den Verhandlungen gegen diesen Verlust und forderte daher nun die gesamten niederländischen Gebiete im Zentrum Timors. Mit der Den Haag-Konvention vom 1. Oktober 1904 wurde ein Kompromiss geschlossen. Portugal sollte die niederländische Enklave Maucatar erhalten, im Austausch für die portugiesische Enklave Noimuti und die Grenzgebiete Tahakay, Tamira Ailala (Tamiru Ailala) und Lamaknen. Die umstrittenen Gebiete im Osten von Oe-Cusse Ambeno wurden den Niederländern zugesprochen. Die Grenze wurde definiert vom Zusammenfluss von Noèl Bilomi und Oè Sunan aus, dem Talweg des Oè Sunan folgend, weiter durch Nipani und Kelali (Keli) bis zur Quelle des Noèl Meto und folgt diesem bis zu dessen Mündung dessen Talweg. Zudem sicherten sich die Niederländer nun das Vorkaufsrecht für Osttimor. Portugal ratifizierte den Vertrag bis 1909, doch dann kam es zum Streit um die Grenzziehung an der Ostgrenze von Oe-Cusse Ambeno. 1910 nutzten die Niederlande die unübersichtliche Situation nach dem Sturz der portugiesischen Monarchie, um sich Lakmaras erneut mit europäischen und javanischen Truppen anzueignen.Gunn, S. 92.

Probleme bei der Vermessung mini|Annex III

Zwischen dem 1. und 10. Juni 1909 führte eine Kommission eine Vermessung der Ostgrenze von Oe-Cusse Ambeno durch, konnte sich aber nicht über den korrekten Verlauf einigen und entschied sich die offenen Fragen an deren Regierungen wieder zu übertragen.

Bei den Vermessungen hatte die Kommission im Norden an der Küste begonnen und war Richtung Süden dem Lauf des Noèl Meto gefolgt. Seine Quelle diente als Messpunkt. Der Weg zur Quelle war aber durch steile Klippen versperrt, die nicht zu überwinden waren, weswegen die Landvermesser sich entschlossen nur die Gebiete nördlich und südlich zu vermessen. So fehlte ein Gebiet zwischen der Quelle des Noèl Meto im Norden und dem Lauf des Noèl Bilomi im Süden.

Unstimmigkeiten kamen zuerst im Norden auf. Auf der Karte von 1904 (Annex III) fand sich der Name Kelali und dazu in Klammern Keli. Die Niederländer ordneten diese Markierung dem Gipfel des Berges Kelali zu. Dieser liegt westlich des Noèl Meto zwischen zwei spitzen Felsen und wurde von den Einwohnern vom niederländischen Tumbaba als Grenze zum portugiesischen Ambeno angegeben. Stattdessen forderten die Portugiesen den Talwegen östlich davon zu folgen.

Im südlichen Teil untersuchte die Kommission am 17. Juni 1909 die Grenzziehung entlang des Laufs des Nono Nisi (Nise), dann weiter am Lauf des Noèl Bilomi und kamen schließlich an dem Punkt, an dem die Expedition von 1899 ihre Arbeit beendet hatte. Der Punkt wurde auf der Karte von 1904 als Zusammenfluss von Noèl Bilomi und Oè Sunan markiert. Die jetzige Kommission fand hier zwar zwei nördliche Zuflüsse, keiner von ihnen hatte aber den Namen Oè Sunan. Die Niederländer erklärten dies damit, dass das Gebiet zwischen den Zuflüssen Sunan genannt werde und dass es eigentlich keinen Zufluss namens Oè Sunan gäbe, obwohl der Zusammenfluss als Startpunkt der Grenzziehung auf den Karten von 1899 und 1904 war. Die Portugiesen merkten an, dass es weiter östlich einen Fluss namens Oè Sunan oder Oil Sunan gibt, der zwar kein Zufluss des Noèl Bilomi ist, dessen Quelle aber in der „sehr nah dem Noèl Bilomi“ läge. Schließlich kam die Kommission überein, dass es keinen Zufluss namens Oè Sunan am Noèl Bilomi gibt, sondern dass der Fluss seinen Namen wechselt. Die Portugiesen betonten, dass damit der Noèl Bilomi noch immer existiere.

Die niederländische Delegation erklärte, dass der Bilomi in dieser Region den Namen geändert hat. „Ja, der Fluss existiert,“ antworteten die Portugiesen, „er trägt aber, entsprechend der Tradition der Eingeborenen, den Namen des Gebietes, das er gerade durchquert“. Zuletzt fügt die portugiesische Delegation noch hinzu, steht, nicht sehr weit vom Nordufer des Bilomis, der Berg Kinapua. An dessen entgegenliegendem Hang fließt der Oè Sunan Richtung Nord. Man musste nur diesen Flusslauf folgen, dann den Fluss Noi Fulan hinauf, bis zur Quelle und zuletzt diese mit der Quelle des Noèl Meto verbinden, der von der gemeinsamen Kommission bereits anerkannt wurde.

Die Niederländer meinten jedoch, dass es keinen Sinn mache, die Vermessung dieses Flusses weiterzuverfolgen, da sowohl der Berg Kinapua als das Grenzgebiet, das nach dem portugiesischen Vorschlag entstehen würde, sich außerhalb des im Jahre 1899 angefochtenen Territoriums befinden würden. Der Berg Tasonal erscheint auf der Landkarte von 1899 auf der weitesten östlichen Grenze der damaligen portugiesischen Forderungen, welche durch das Abkommen von 1904 abgelehnt wurden. Insofern kommt ein noch östlicher gehendes Grenzgebiet nicht in Frage. Die gemeinsame Kommission unterbrach hier ihre Arbeiten und die Frage, inzwischen von den diplomatischen Diensten übernommen, verursachte eine endlose Korrespondenz zwischen den Kabinetten in Den Hag und Lissabon. Aus diesem Briefwechsel entstand die Konvention von 1913, die einem Schlichter das Recht zu entscheiden übertrug, nach den „von den beiden Parteien gelieferten Fakten“ und „auf der Basis der allgemeinen Grundrechten, wie die Grenze ab dem Noèl Bilomi bis zur Quelle des Noèl Metos, in Übereinstimmung mit Artikel 3, Nummer 10 des Den Hagener Abkommens von 1. Oktober 1904... verlaufen sollte.“

Da sich die Regierungen nicht einigen konnten, wurde entschieden, nun den Ständigen Schiedshof anzurufen.

Schiedsgericht in Den Haag Der portugiesische Standpunkt mini|Annex II

Die portugiesische Regierung machte folgende Punkte geltend:

1. Der Zufluss zum Noèl Bilomi namens Oè Sunan, der an dem Punkt, wo die Arbeit 1899 eingestellt wurde, beziehungsweise der in Vertrag und Karte von 1904 angegeben ist, existiert nicht.

2. Stattdessen existiert weiter östlich ein Fluss namens Oè Sunan, der kein Zufluss des Noèl Bilomi ist, dessen Quelle aber in der Nähe von dessen Nordschleife am Berg Kinapua hat. Der Berg und der Oè Sunan wird von vielen einheimischen Herrschern als Grenzpunkt zwischen dem portugiesischen Ambeno und den niederländischen Gebieten Tumbaba und Amakono angesehen. Vom Kinapua fließt ein Bach Richtung Noèl Bilomi, so dass der Gipfel als Verbindung der beiden Wasserläufe dienen kann.