mini|Paulina Stulin am Zeichentisch (2020)

Paulina Stulin (* 1985 in Breslau) ist eine deutsche Comic-Künstlerin aus Darmstadt. Ihre Comics sind zum größten Teil autobiografisch geprägt. Insbesondere für ihr drittes Werk Bei mir zuhause aus dem Jahr 2020, das wie alle ihre Veröffentlichungen beim Jaja Verlag erschien, erhielt sie größere Aufmerksamkeit. Sie zeichnet darin kleinere und größere Episoden aus etwa einem Jahr ihres Lebens nach. 2022 illustrierte sie erstmals einen Comic, den sie nicht selbst verfasst hatte; die Adaption Freibad entstand parallel zum gleichnamigen Film von Doris Dörrie. Stulin zeichnet hauptsächlich digital. Zu wiederkehrenden Themen in ihrem Schaffen gehören unter anderem Drogen(-konsum), Sexualität oder gesellschaftliche Rollenerwartungen an Frauen. Neben ihrer Tätigkeit als Comic-Künstlerin arbeitet sie noch als pädagogische Betreuung. Dazu produzierte sie mehrere Jahre (autobiografische) Podcasts.

Leben und Werk Paulina Stulin wurde 1985 im polnischen Breslau geboren und kam ein Jahr nach ihrer Geburt mit ihren Eltern nach Deutschland. Nach ihrem Realschulabschluss absolvierte sie eine Ausbildung als Sozialassistentin und erlangte anschließend ihre Fachhochschulreife mit Schwerpunkt Sozialwesen. Da bereits mehrere ihrer Bewerbungen von Kunsthochschulen abgelehnt wurden, versuchte es Stulin zunächst mit Sozialer Arbeit, brach dieses Studium 2007 allerdings ab. Stattdessen studierte sie von 2007 bis 2012 Kommunikationsdesign in Darmstadt und absolvierte ein Semester an der Akademie der Bildenden Künste Krakau. Ihr erster Comic entstand als Entwurf für ihr Studium; sie adaptierte die Kurzgeschichte Theobald und Theodor von Jostein Gaarder. Sie schloss ihr Studium an der Hochschule Darmstadt als Diplom-Designerin ab. Stulin zeichnet bereits seit ihrer Kindheit. Laut eigener Aussage haben die Comics von Scott McCloud sie zu diesem Medium gebracht und ihrer lebenslangen Leidenschaft endlich einen Zweck gegeben. Mit Comics habe sie gefunden, wofür sie „zeichne, […] um eigene Geschichten zu erfinden, erfüllen zu können. Um Welten zu schaffen, in denen ich alles komplett autonom bestimmen kann“.

Im Januar 2014 erschien ihre erste Veröffentlichung Mindestens eine Sekunde und höchstens dein ganzes Leben beim Jaja Verlag; es handelt sich um ihre Diplomarbeit. In der autobiografisch geprägten Geschichte erzählt sie von Agnieszka, die ihr Studium an der Kunsthochschule in Krakau beginnt. Ihre Mutter ist wenig begeistert über die Rückkehr der Tochter in die alte Heimat, aus der sie geflohen ist. Agnieszka genießt ihre Freiheit als Studentin, sucht nach künstlerischer Inspiration und macht erste Erfahrungen mit harten Drogen, sieht sich in der Fremde aber auch das erste Mal mit sich selbst konfrontiert. Stulins zweiter Comic The Right Here Right Now Thing kam im gleichen Verlag wie schon ihr Debüt im Mai desselben Jahres heraus. Sie erzählt darin von einem Besuch einer jungen Frau bei Studienfreunden in Krakau. Dort hat diese einen One-Night-Stand mit einem Fremden. Dessen Gesicht wird nur als schwarze Fläche dargestellt; laut Stulin soll er dadurch nicht nur rätselhaft wirken, die gesichtslose Darstellung diene auch der besseren Identifikation des Lesers. Das erste Skript des Comics entstand innerhalb von etwa zehn Stunden unter Alkoholeinfluss im Oktober 2013, für die vollständige Umsetzung brauchte die Künstlerin sechs Monate.

An ihrem dritten und bisher umfangreichsten Werk Bei mir zuhause mit mehr als 600 Seiten arbeitete Stulin über fünf Jahre lang, bevor es im September 2020 vom Jaja Verlag publiziert wurde. Sie schildert darin kleinere und größere Episoden aus etwa einem Jahr ihres Lebens. Sie geht dabei auf zahlreiche Themen und Erlebnisse aus ihrem Alltag ein, darunter befinden sich Drogenkonsum, Ernährung, Feminismus, Körperbild, Liebeskummer, Politik und Sex. Ihre Dachgeschosswohnung, in der sich ihr Atelier befindet und in der sie seit ihrem 18. Lebensjahr lebt, stellt einen zentralen Handlungsort des Comics dar. Der Comic sei auch eine Mutprobe gewesen, der Kampf mit der Scham gehöre als wichtiger Bestandteil zur Geschichte. Insgesamt sei Stulin durch die Arbeit und Auseinandersetzung mit sich selbst menschlich gereift, auch durch die negativen Erfahrungen.

Anfang 2021 kam es zu einer Zusammenarbeit mit Doris Dörrie. Diese war als Comic-Fan auf Stulin aufmerksam geworden und schrieb sie mit der Frage an, ob sie den Film Freibad als Comic adaptieren wolle. Stulin arbeitete parallel zur Entstehung des Films gut zehn Monate an ihrer Umsetzung, allerdings ohne den fertigen Film zu kennen. Sie besuchte aber die Dreharbeiten vor Ort, um Eindrücke zu sammeln und Skizzen anzufertigen. Der Comic erschien im Juli 2022 beim Jaja Verlag, der Film kam im September 2022 in die deutschen Kinos. Im Mittelpunkt des titelgebenden Freibads für Frauen stehen die Gäste, Mitarbeiter und insbesondere deren zahlreiche Auseinandersetzungen. Stammkundinnen fühlen sich etwa von neuen Besucherinnen in Burkinis gestört, oder durch den neuen Bademeister, der aus Mangel an Bewerberinnen ein Mann ist.

Da Stulin nicht ausschließlich von ihrer Tätigkeit als Comic-Künstlerin leben kann, arbeitet sie zusätzlich als pädagogische Betreuerin für Kinder. Nach ihrem Studienabschluss hatte Stulin zunächst versucht, sich eine weitere Einkommensquelle als freie Illustratorin und Grafikdesignerin aufzubauen. Sie gab diese Tätigkeit allerdings schnell wieder auf, da laut ihr für „schöne Aufträge null Geld da ist und man […] sich für eklige Werbung hergeben muss“. Darüber hinaus gründete und organisiert sie den „Zeichenzirkel Darmstadt“, ein nichtkommerzielles Angebot, bei dem die Teilnehmer unter ihrer Anleitung Bilder von (Akt-)Modellen anfertigen. Stulin sieht den Zeichenkurs in der Tradition von Arbeiterbildungsvereinen, und er ist ebenfalls Teil ihres Engagements für die „Kampagne für eine sozialistische Partei“.

Außerdem unterhielt sie zwischen April 2015 und Mai 2020 den Podcast Pingpong mit Pauli, in dem sie Menschen aus ihrem Umfeld interviewte, und von dem sie 27 Folgen veröffentlichte. Ab Februar 2021 produzierte sie den Podcast In Echtzeit, in dem sie aus ihren Tagebüchern vorliest. Die Reihe startete mit Einträgen von Anfang bis Mitte 2015. Bis zum vorläufigen Ende am 24. Mai 2024 entstanden 80 Episoden. Zu dem Projekt wurde Stulin angeregt, als sie während ihrer fünfjährigen Arbeit an Bei mir zuhause Autobiografien als Hörbuch konsumierte, beispielsweise von David Sedaris, Augusten Burroughs oder Doris Dörrie, und selbst regelmäßig Tagebuch schrieb.

Stil und Themen Stulin arbeitet, bis auf Skizzen und Vorzeichnungen, bevorzugt mit einem Zeichentablett. So sind etwa Bei mir zuhause und Freibad vollständig digital gemalt. Als Vorlage für ihre Illustrationen verwendet sie unter anderem Fotos oder Skizzen, aber auch den Blick in einen Spiegel. Ihr naturalistischer Stil ist geprägt von einer weichen Linienführung und flächigen Illustrationen. Bei Deutschlandfunk Kultur wird der Stil von Bei mir zuhause als eine „Mischung aus fotorealistisch und […] Impressionismus“ beschrieben, comicgate vergleicht die Zeichnungen von Freibad mit Kreidebildern. Alle ihre Comics sind farbig koloriert, nur Mindestens eine Sekunde und höchstens dein ganzes Leben ist in schwarz-weiß gehalten. Insgesamt verwendet sie eher helle und leuchtende Farben, malt aber ebenfalls mit dunkleren Tönen. Mit Blick auf Freibad sind im Vergleich zum Film die starken Farben etwas dunkler getönt. Während ihr Erstlingswerk noch relativ klar und einfach gezeichnet ist, kann man bereits bei ihrem zweiten Comic eine zeichnerische Entwicklung erkennen. Der Comic The Right Here Right Now Thing ähnelt in der grafischen Umsetzung mehr dem nachfolgenden Werk Bei mir zuhause.

Ein wiederkehrendes Stilmittel der Seitengestaltung ist der regelmäßige Wechsel zwischen Seiten mit Dialogen und Text sowie wortlosen Sequenzen. In Bei mir zuhause zeichnet sie beispielsweise über sechs Seiten die einzelnen Handgriffe zur Zubereitung eines Knoblauchbaguettes. An anderer Stelle veranschaulicht sie ihre Fortschritte beim Sport, indem sie über mehrere Seiten von Frühling bis Winter durch die Jahreszeiten joggt. In The Right Here Right Now Thing und Freibad verzichtet sie ebenfalls mehrfach auf Texte und erzählt die Geschichten nur mit Hilfe der Illustrationen. Bei Ersterem zeigt sie auf den ersten Seiten einzelne Schritte, wie sie Drogen in ein Kondom einpackt, um diese für ihre Reise nach Polen über die Grenze zu schmuggeln. Bei Zweiterem sind mehrere Sequenzen zu sehen, die unterschiedliche Figuren beim Schwimmen zeigen. Regelmäßig ragen Teile der Bildelemente über die Panelränder hinaus. In Mindestens eine Sekunde und höchstens dein ganzes Leben und The Right Here Right Now Thing sind es beispielsweise Sprechblasen. Ein Panel in Bei mir zuhause zeigt die Hauptfigur auf dem Rücken liegend, ein Arm ist ausgestreckt. Dabei überschreiten Hand und Ellenbogen den Rahmen des Bildes. Wiederholt stellt sie in ihren Werken Figuren, Körper und Gesichter in facettenreichen Nahaufnahmen dar, um etwa die Mimik hervorzuheben oder den Blick auf bestimmte Details zu lenken.

Stulins Werk ist, bis auf Freibad, autobiografisch geprägt, aber zum Teil fiktionalisiert. Als Grundlage für ihre Comics dienen Geschichten aus ihren Tagebüchern, womit sie laut Eigenaussage ihre „schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit“ wasche. Die Tagebucheinträge strukturiert sie mit Hilfe des Zeichenprozesses. Dabei arbeitet sie meist vom Großen ins Kleine, indem sie etwa mit der Aufteilung einer Doppelseite beginnt und diese zum Schluss koloriert. Die autobiografischen Bezüge sind mal mehr, mal weniger deutlich zu erkennen. Wie schon ihr Debüt Mindestens eine Sekunde und höchstens dein ganzes Leben, spielt auch ihr zweites Werk vor der Kulisse Krakaus, wo Stulin ein Auslandssemester verbrachte. Die Hauptfigur von Mindestens eine Sekunde und höchstens dein ganzes Leben heißt Agnieszka, die junge Frau in The Right Here Right Now Thing bleibt namenlos und in Bei mir zuhause trägt die Protagonistin den Namen Paulina. Am deutlichsten werden die autobiografischen Bezüge in Bei mir zuhause, dessen Handlung zu einem großen Teil in Stulins Wohnung, die gleichzeitig ihr Atelier ist, spielt. Laut Stulin lässt sie dabei bewusst offen, was genau autobiografisch korrekt wiedergegeben ist, auch um ihre Erzählung in Teilen radikaler und drastischer darstellen zu können.

mini|Auszug aus Bei mir zuhause (2020)