Marguerite «Meggy»Frick-Cramer (* 28. Dezember 1887 in Genf als Renée-Marguerite Cramer; † 22. Oktober 1963 ebenda; heimatberechtigt ebenda, später auch in Sennwald, Kanton St. Gallen) war eine Schweizer Juristin, Historikerin und humanitäre Aktivistin.
Im Jahr 1910 erwarb sie als erst dritte Frau die Lizenz zur Ausübung des Rechtsanwaltsberufes. 1917 wurde sie nach drei Jahren in hohen Positionen beim Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) als erste Frau eine Delegierte der Organisation und 1918 das erste weibliche Mitglied in deren Leitungsgremium. Zur gleich Zeit war sie die erste Historikerin der Schweiz, die eine Vertretungsprofessur erhielt. Darüber hinaus war Frick-Cramer eine Pionierin für die Gleichstellung der Geschlechter in der Fortentwicklung des humanitären Völkerrechts, vor allem da sie 1929 als erste Frau Co-Autorin einer Genfer Konvention wurde.
Während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in Deutschland und insbesondere während des Zweiten Weltkrieges wurde Frick-Cramer als Expertin für internierte Zivilisten zu einer der wichtigsten Stimmen, die sich innerhalb der IKRK-Führung für eine entschiedene Haltung gegenüber dem NS-Regime und schliesslich für einen öffentlichen Protest gegen dessen System der Konzentrations- und Vernichtungslager einsetzten, allerdings vergeblich.
Leben
Familiärer Hintergrund, Ausbildung und frühe Karriere mini|Louis Micheli (Bild aus den audiovisuellen Sammlungen des IKRK-Archivs) Frick-Cramers Familie stammte väterlicherseits «wahrscheinlich» aus dem heutigen Deutschland und erwarb das Bürgerrecht der Republik Genf im Jahr 1668. Ihr Vater war Louis Cramer, ein Regisseur, der auch Mitglied bzw. Präsident des calvinistischen Konsistoriums (Kirchengerichts) der Protestantischen Kirche Genfs war. Ihre Mutter Eugénie Léonie, geborene Micheli, stammte aus einer anderen Patrizierfamilie, die sich kurz vor den Cramers in Genf niederliess. Frick-Cramers Grossvater Louis Micheli (1836–1888), der ein reicher Agronom und «Gentleman Farmer» war, wurde schon 1869 Mitglied des IKRK, gerade einmal sechs Jahre nach dessen Gründung. Von 1876 bis zu seinem Tod amtierte er als dessen Vizepräsident. Er verkörperte damit die Entwicklung seiner Klasse, die sich zum Ende des 19. Jahrhunderts dem Bankenwesen und der Philanthropie zuwandte, nachdem sie die absolute Kontrolle über die wichtigsten öffentlichen Ämter von Stadt und Kanton verloren hatte.
Cramer studierte Jurisprudenz in Genf und Paris. Im Juli 1910 erwarb sie das Lizenziat an der Universität Genf in dem Fach. Damit war sie erst die dritte Frau in der Schweiz, die das Anwaltspatent erhielt. Sie praktizierte diesen Beruf aber in der Folge nicht, sondern wandte sich den Geisteswissenschaften zu. Ihr Interesse galt dabei zum einen dem Verfassungsrecht und zum anderen der Schweizer Geschichte, über die sie promovierte. Cramer veröffentlichte eine Reihe von Arbeiten über das Prinzip der Staatsbürgerschaft, das Jugendstrafrecht und zu verschiedenen Aspekten der Genfer Geschichte, für die sie 1911 und 1913 mit dem prestigereichen Prix Ador ausgezeichnet wurde. Am bekanntesten wurde ihr Buch Genève et les Suisses («Genf und die Schweizer»), das sie 1914 zum hundertjährigen Jubiläum der Genfer Wiedervereinigung mit der Schweiz herausbrachte. Das Werk wurde von Professor Charles Borgeaud betreut, mit dem sie auch verwandt war.
Erster Weltkrieg mini|Gruppenbild mit Dame: Cramer (links) mit den IPWA-Direktoren Frédéric Ferrière, Georges Werner, K. de Watteville, Alfred Gautier, Frédéric Barbey, Edmond Boissier, Etienne Clouzot und Jacques Chenevière
Kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Juli 1914 gründete das IKRK unter seinem Präsidenten Gustave Ador die Internationale Zentralstelle für Kriegsgefangene (IPWA), um das Schicksal und den Aufenthalt von Kriegsgefangenen nachzuverfolgen und den Kontakt mit ihren Familien wiederherzustellen. Der österreichische Schriftsteller und Pazifist Stefan Zweig schilderte die Lage am Genfer Hauptsitz des IKRK wie folgt: «Kaum daß die ersten Schlachten geschlagen sind, gellen schon die Schreie der Angst aus allen Ländern in die Schweiz hinüber. Die Tausende, denen Botschaft von ihren Gatten, Vätern und Söhnen auf den Schlachtfeldern fehlt, breiten verzweifelt die Arme ins Leere: Hunderte, Tausende, Zehntausende von Briefen und Telegrammen prasseln nieder in das kleine Haus des Roten Kreuzes in Genf, die einzige internationale Bindungsstätte der Nationen. Wie Sturmvögel kamen die ersten Anfragen nach Vermißten, dann wurde es selbst ein Sturm, ein Meer: in dicken Säcken schleppten die Boten die Tausende und Abertausende geschriebener Angstrufe herein. Und nichts war solchem Dammbruch des irdischen Elends bereitet: das Rote Kreuz hatte keine Räume, keine Organisation, kein System und vor allem keine Helfer.» Bereits am Ende des Jahres arbeiteten rund 1.200 Freiwillige in den Räumlichkeiten des Genfer Kunstmuseums Musée Rath, darunter als einer der ersten der französische Schriftsteller und Pazifist Romain Rolland. Als er den Nobelpreis für Literatur für 1915 erhielt, spendete er die Hälfte des Preisgeldes an die Zentralstelle. Die meisten der Freiwilligen waren indessen junge Frauen. Einige von ihnen – etwa Marguerite van Berchem und Suzanne Ferrière – stammten aus prominenten Genfer Patrizierfamilien und kamen zur IPWA durch männliche Verwandte, die hohe Positionen im bis dahin noch ausschliesslich von Männern geführten IKRK innehatten.
Zu dieser Gruppe gehörte auch Cramer, die von Anfang an dabei war. Damit führte sie eine Familientradition fort, die ihr Grossvater mütterlicherseits, Louis Micheli, als eines der ersten IKRK-Mitglieder begründet hatte. Ihr Onkel Horace Micheli und drei ihrer Cousins – Lucien Cramer, Maurice-Alexandre «Alec» Cramer und Jacques-Barthélémy Micheli – arbeiteten gleichfalls in der IWPA, ebenso Guillaume Pictet, ein weiterer Verwandter, der aus der ältesten Genfer Familie stammte. Cramer stieg bald zur Direktorin der für die Entente verantwortlichen Abteilung auf, deren Leitung sie sich mit dem Schriftsteller Jacques Chenevière teilte. Er schrieb in seinen Memoiren, dass Cramers «organisatorische Fähigkeiten Wunder bewirkten.»
Nach Angaben des IKRK-Archivars Daniel Palmieri war es Cramers Idee, die Datenflut von Millionen Schicksalen mit einem System an Karteikarten und damit verbundenen Katalogen zu verarbeiten.
Cramer engagierte sich auch bei Spendenaktionen für die chronisch unterfinanzierte Zentralstelle: so führte sie selber im Frühjahr 1916 mit Kolleginnen und Kollegen ein Theaterstück mit dem Titel Le Château historique («Das historische Schloss»), eine Komödie in drei Akten von Alexandre Bisson und Julien Berr de Turique. Cramer spielte darin die Hauptrolle der Marguerite Baudoin. Die Aufführungen spielten rund 3.000 Schweizer Franken ein, damals eine hohe Summe.
Im December 1916 reiste Cramer mit ihrer IKRK-Kollegin Marguerite van Berchem nach Frankfurt, um das dortige Deutsche Rote Kreuz davon abzubringen, Aufgaben an sich zu ziehen, die bereits zentral in Genf bearbeitet wurden.
Im März und April 1917 wurde Cramer – über ein halbes Jahrhundert nach Gründung der Organisation – offiziell die erste weibliche Delegierte des IKRK, als sie auf eine Mission nach Berlin, Kopenhagen und Stockholm entsandt wurde. Im Oktober des gleichen Jahres verantwortete sie eine weitere Mission nach Paris, bevor sie im Dezember an den französisch-deutschen Konferenzen in Bern teilnahm, die das IKRK für die Schweizer Regierung organisierte, um die Repatriierung von Kriegsgefangenen zu verhandeln. Im gleichen Jahr erhielt das IKRK den einzigen Friedensnobelpreis, der während des Ersten Weltkriegs vergeben wurde. Man kann argumentieren, dass auch Marguerite Cramer dazu ihren Beitrag leistete. mini|Mit Chenevière (links) und Clouzot (zweiter von rechts) Cramer zeigte sich allerdings zur gleichen Zeit unzufrieden mit den internen IKRK-Strukturen. Im März 1918 kündigte sie ihren Rücktritt aus der Zentralstelle an. Zwar revidierte sie diesen Schluss wieder, bestand aber darauf, dass das IKRK ständige Delegationen in den kriegführenden Ländern aufbauen sollte. Zudem verlangte sie für die Abteilungsleiterinnen und -leiter der Zentralstelle das Recht, den Sitzungen des Komitees beizuwohnen.
Vermutlich war es nicht zuletzt auf diesen Druck hin, dass der Ägyptologe Édouard Naville – der als IKRK-Präsident ad interim amtierte, seitdem Gustave Ador 1917 in den Schweizer Bundesrat gewählt worden war – im Juni 1918 die Ernennung Cramers zum Mitglied des Komitees vorschlug, dem bis dahin ausschliesslich Männer angehört hatten. Naville, der der zweitältesten Genfer Familie entstammte, verwies dazu auf Cramers Qualifikationen und Leistungen, hob aber zugleich auch hervor, dass die Anwesenheit einer Frau das Komitee «nur ehren und stärken» würde.
Ihre Wahl verzögerte sich indes, da sie Spannungen zwischen dem IKRK und einigen nationalen Rotkreuzgesellschaften zutage förderte: zum einen ging es dabei um die IKRK-Politik, allein Schweizer Staatsangehörige als Mitglieder zuzulassen, die dann faktisch hauptsächlich aus Genfer Patrizierfamilien kamen. Zum anderen ging es um Konflikte zwischen Cramer und Repräsentanten aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Diese waren 1917 entbrannt und drehten sich um die Tatsache, dass das Amerikanische Rote Kreuz eine eigene Agentur für US-Kriegsgefangene in Bern eingerichtet hatte. Cramer hatte sich daraufhin besorgt gezeigt, dass wichtige Informationen dezentral verloren gehen könnten.
Zwischen den Weltkriegen mini|Maschinengeschriebenes Manuskript mit einer Liste von Konventionen über Kriegsgefangene, kommentiert und signiert von Cramer, aus den Sammlungen der IKRK-Bibliothek Noch 1918 bot die Universität Genf Cramer eine Vertretungsprofessur an, um als Ersatz für ihren früheren Betreuer Charles Borgeaud Lehrveranstaltungen über die Genfer Geschichte durchzuführen. Borgeaud war damit beschäftigt, ein Memorandum zur Schweizer Neutralität anzufertigen, das der Schweizer Bundesrat im darauf folgenden Jahr der Pariser Friedenskonferenz übermittelte. Damit schrieb Cramer einmal mehr Geschichte, weil sie als erste Historikerin in der Schweiz eine Professur erlangte. Allerdings war ihre Karriere als Dozentin nur von kurzer Dauer, da sie noch in ihrem ersten Semester neue Aufgaben für das IKRK wahrnahm: mini|Undatiertes Bild von Frick-Cramer, von Frédéric Boissonnas (1858–1946) porträtiert Am 27. November 1918, zweieinhalb Wochen nach dem Kriegsende und ein halbes Jahr nach der von Naville vorgeschlagenen Kandidatur, wurde Cramer schliesslich als ordentliches Mitglied in das IKRK gewählt, als erste Frau über ein halbes Jahrhundert nach Gründung der Organisation. Damit war Cramer zugleich die erste Frau im Führungsgremium einer internationalen Organisation überhaupt, und dies zudem noch über ein halbes Jahrhundert vor der Einführung des allgemeinen Frauenstimmrechts in der Schweiz.
Eine der ersten Aufgaben im Rahmen ihrer neuen Funktion war eine Mission nach Cannes und Paris, wo sich Vertreter der nationalen Rotkreuzgesellschaften trafen, um die Liga der Rotkreuz-Gesellschaften zu gründen.
Im Jahr 1920 heiratete Cramer den in Sankt Petersburg geborenen Schweizer Edouard Auguste Frick, der als Generaldelegierter in Osteuropa eine wichtige Rolle für das IKRK gespielt hatte, insbesondere während der Russischen Revolution. Er wirkte später als Stellvertreter von Fridtjof Nansen, nachdem dieser vom Völkerbund zum Hochkommissar für Flüchtlinge ernannt worden war. Cramer und Frick hatten vor ihrer Hochzeit beruflich miteinander zu tun gehabt.
In der Folge zog Frick-Cramer nach Deutschland und trat im Dezember 1922 als IKRK-Mitglied zurück, als sie realisierte, dass sie ihre Aufgaben nicht aus solch grosser Entfernung wahrnehmen konnte. Ihre Nachfolgerin im Komitee wurde die Frauenrechtlerin Pauline Chaponnière-Chaix (1850–1934).