mini|Titelseite der Canzonette napolitane 1593 Joannino Favereo (auch Janino Favereo; * um 1555 in Lüttich; † Mitte 1624 in ArnsbergAufstellung von Schmiedearbeiten nach dem Tod des Oberkellners Favereo für dessen Witwe, beginnend mit dem 27. Juli 1624; Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Abteilung Westfalen, A/112/6/209.) war ein deutscher Komponist, Hofkapellmeister der Kurfürsten von Köln und Oberkellner des Herzogtums Westfalen.
Leben Joannino Favereo stammte aus Lüttich. Er führte das gleiche Wappen wie später der Lütticher Bürgermeister Jérôme Favereau (1704)Kemper, Tobias A.: Joannino Favereo (um 1555–1624): Kapellmeister, Komponist und Oberkellner in Arnsberg. In: SüdWestfalen Archiv 24/25 (2024/25), S. 134–233, hier S. 137.. 1582 wird er erstmals im Testament seiner Eltern, Johan Faverea und Véronne, genannt.Kemper, Tobias A.: Joannino Favereo (um 1555–1624): Kapellmeister, Komponist und Oberkellner in Arnsberg. In: SüdWestfalen Archiv 24/25 (2024/25), S. 134–233, hier S. 143. Am 29. Januar 1592 Favereos Tochter Margarethe, später Priorin des Klosters Himmelpforten, in Lüttich getauft.Kemper, Tobias A.: Joannino Favereo (um 1555–1624): Kapellmeister, Komponist und Oberkellner in Arnsberg. In: SüdWestfalen Archiv 24/25 (2024/25), S. 134–233, hier S. 138. Als Komponist ist Favereo erstmals nachweisbar am 25. November 1592 in Köln, als er seine dort ein Jahr später gedruckten Canzonette napolitane zwei Ratsherren widmete, auf deren Titelblatt er sich als „Unterkapellmeister“ (sotto-maestro) des Kurfürsten Ernst von Bayern bezeichnete.Österreichische Nationalbibliothek, Sign. SA.76.E.14/1, Titelseite u. fol. 1r (Die Foliierung wurde später handschriftlich angebracht)
Komponist und Hofkapellmeister Favereo dürfte schon vor 1590 Unterkapellmeister gewesen sein und scheint sich vor allem in Arnsberg aufgehalten zu haben. In dieser Zeit war Antonius Gosswin noch als Hofkapellmeister bei Kurfürst Ernst tätig. Wohl 1601/02 wurde Favereo Kapellmeister und wird also solcher erstmals 1603Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Abteilung Westfalen, 1.5.5 (Angelegenheiten der Stadt Arnsberg)/26307. in Arnsberg erwähnt, der Residenz des Kurfürsten von Köln in dessen Eigenschaft als Herzog von Westfalen. Dorthin hatte sich Ernst von Bayern zurückgezogen, nachdem 1595 sein Neffe Ferdinand von Bayern als Koadjutor im Erzstift Köln eingesetzt worden war. In Arnsberg erwarb Favereo nachweislich eine Kornrente (1603) und eine Immobilie (1605) und heiratete eine Schwester des wohlhabenden und sehr einflussreichen Arnsberger Bürgermeisters Henneke von Essen.Ferdinand Franz Joseph Brisken: Genealogische und sonstige Nachrichten über die Familie Brisken in Soest und Arnsberg, Arnsberg 1853. Im Anhang die "Stammtafel der Familie von Essen in Arnsberg"; (Online Exemplar der Universitäts- und Landesbibliothek Münster).
Nach dem Tod des Kurfürsten Ernst am 17. Februar 1612 behielt Favereo auch unter dessen Nachfolger Ferdinand seine Stellung als Hofkapellmeister zunächst bei und begleitete in dieser Eigenschaft den neuen Kurfürsten zum Reichstag anlässlich der Wahl Kaiser Matthias’ im Juni 1612 nach Frankfurt am Main.Arno Paduch: Festmusiken zu Frankfurter Kaiserwahlen und Krönungen des 17. und 18. Jahrhunderts. In: Die Musikforschung 59 (2006), S. 211–232; hier S. 216.
Oberkellner des Herzogtums Westfalen Nach 1612, spätestens 1619 gab Favereo seine Stellung als Hofkapellmeister auf; sein Nachfolger wurde Alphonse de Fressart aus Lüttich.Quittin: Les LE RADDE (s. o.), S. 194. Zwischen 1606 und 1609 erhielt Favereo die Stellung eines Oberkellners in Arnsberg,Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Abteilung Westfalen, Hzm. Westfalen, Forstarchiv, Nr. 680. der offiziell an der Spitze der landesherrlichen Finanzverwaltung stand; die tatsächliche Arbeit verrichtete aber ein „Unterkellner“. Favereo hatte also durch den Kurfürsten eine einträgliche Pfründe von jährlich 200 Reichstalern erhalten, was dem Gehalt eines kurfürstlichen Rates entsprach.Zusätzlich erhielt Favereo als Oberkellner 50 Malter Hafer, 2 Malter und 2 Mütt Roggen sowie 4 Fuder Holz; Walter Wahle: Beiträge zur Geschichte der Stadt Arnsberg, Geseke-Störmede 1988, S. 259.
Die Ernennung eines Landfremden als hohe Funktionsträger war im Herzogtum Westfalen sehr ungewöhnlich, da die regionale Ritterschaft interessiert war derartigen gut vergütete Ämter exklusiv zu besetzen. Verschiedentlich forderte sie dies im 17. Jahrhundert auch ein.Kemper, Tobias A.: Joannino Favereo (um 1555–1624): Kapellmeister, Komponist und Oberkellner in Arnsberg. In: SüdWestfalen Archiv 24/25 (2024/25), S. 134–233, hier S. 156 In einer neuen Beiografie zu Favereo nimmt der Autor ein besonders Vertrauensverhältnis zwischen Ernst von Bayern und Favereo an. Favero war eines von drei Vormündern von Anna Catherina de Bavaria. Diese war eine uneheliche Tochter des Kurfürsten und der Gertrud von Plettenberg. Aus verschiedenen Indizien wird geschlossen, dass Favero und seine Frau nach dem Tod der Gertrud von Plettenberg und der längeren Abwesenheit von Wilhelm von Bayern wie auch Ernst von Bayern um das Jahr 1609 Anna erzogen haben.Kemper, Tobias A.: Joannino Favereo (um 1555–1624): Kapellmeister, Komponist und Oberkellner in Arnsberg. In: SüdWestfalen Archiv 24/25 (2024/25), S. 134–233, hier S. 159–161
mini|Unterschrift Favereos 1621 Auf Wunsch des Kurfürsten wurden 1621 die landesherrlichen Einnahmen im Herzogtum Westfalen verpachtet. Hintergrund waren inzwischen aufgelaufene Gehaltsrückstände in Höe von umgerechnet 1350 Reichstalern.Schreiben des Kurfürsten an Landdrost Wrede und Oberkellner Favereo vom 2. Nov. 1621; Vereinigte Westfälische Adelsarchive, Archiv Melsched, Ak 1654. Favereo wurde Amodiator (Pächter) und schloss noch im gleichen Jahr mit dem höchsten Hofbeamten des Herzogtums, dem Hofmeister Stephan Wrede, einen Vertrag über die Aufteilung der von den Gerichten des Herzogtums verhängten Geldstrafen (z. B. Brüchte).Geheimvertrag vom 9. Dez. 1621 zwischen Oberkellner Favereo als Amodiator und Hofmeister Wrede als Bürge der Verpachtung; Vereinigte Westfälische Adelsarchive, Archiv Melsched, Ak 1650 Vertragspartner neben Wrede und Favereo war auch Wilhelm II. von Bayern. Dieser war ein unehlicher Sohn von Ernst von Bayern mit Gertrud von Plettenberg. Der Kurfürst versprach einen Teil der austehenden Schulden an Favereo zu zahlen. Diese Zahlung ist nie erfolgt. Die Erben von Favereo bemühten sich noch in den 1630er Jahren bei der Hofkammer um das Geld. Hauptteil des Vertrages war die Verpachtung der kurfürstlichen Einnahmen an Favereo und seine Partner. Ob das Geschäft für diese vorteilhaft war, ist unklar, da die Kellnereirechnungen verloren gegangen sind. Für den Kurfürsten hatte es Vorteile. Favereo verpflichtete sich eine feste Summe an die Hofkammer zu zahlen. Wenn die Einnahmen diese Pauschale überstieg, konnte das Konsortium dies als Überschuss unter sich aufteilen. Der Vorteil des Kurfürsten lag darin, dass die Hofkammer mit den festen Einnahmen, über einen festgelegten Zeitraum sicher rechnen konnte. Das Risiko bei Einnahmeausfällen etwa bei Krieg, Bränden oder sonstigen Ereignissen lag zumindest teilweise bei der Gruppe um Favereo.Kemper, Tobias A.: Joannino Favereo (um 1555–1624): Kapellmeister, Komponist und Oberkellner in Arnsberg. In: SüdWestfalen Archiv 24/25 (2024/25), S. 134–233, hier S. 162–165.
Familien und Besitz Favereo war dreimal verheiratet. Aus der um 1590 geschlossenen Ehe mit Anna von Essen († 1604/05).Brisken, Familie Brisken (s. o.), Anhang Stammtafel von Essen. gingen sechs Kinder hervor. Anna Maximiliane – diese heiratete einen Franz Schmittmann Richter und Bürgermeister in Menden, Margarethe – sie war Zisterzienserin und Priorin im Kloster Drolshagen und später in derselben Funktion im Kloster Himmelpforten, Hedwig – war Chorfrau im Kloster Rumbeck, im Chor ist das Familienwappen zu sehen, Clara – ist früh verstorben. Ferdinand – Notar in Werl, Anton – ist früh verstorben.Kemper, Tobias A.: Joannino Favereo (um 1555–1624): Kapellmeister, Komponist und Oberkellner in Arnsberg. In: SüdWestfalen Archiv 24/25 (2024/25), S. 134–233, hier S. 188.
In zweiter Ehe heiratete Favereo am 31. Oktober 1604 in Arnsberg Ursula von Mühlen, die Witwe des kurkölnischen Hofrats Dr. jur. utr. Wilhelm Schrenck.Kemper, Tobias A.: Joannino Favereo (um 1555–1624): Kapellmeister, Komponist und Oberkellner in Arnsberg. In: SüdWestfalen Archiv 24/25 (2024/25), S. 134–233, hier S. 167. In dritter Ehe heiratete Favereo im April 1623 Gertrud von Edelkirchen aus einer niederen Adelsfamilie im Herzogtum Westfalen.Aus welcher Linie der Familie von Edelkirchen Gertrud stammte, ist unbekannt; laut ihrem Testament vom 2. Aug. 1638 hatte sie neben mehreren Schwestern einen Bruder Bernd Christoph. Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Abteilung Westfalen, Archiv Kloster Wedinghausen, Nr. 209.
Favero erwarb nach seiner ersten Heirat Besitz in Arnsberg. Teilweise ging es als Erbe von der Familie seiner ersten Frau auf ihn über. Dazu zählte ein Gebäude, das, als die Cantzley bezeichnet wurde. Der Besitz bestand aus zwei Gebäuden und einer Scheune. Darüber hinaus nutze er sein Einkommen, um es in Renten anzulegen und Besitz zu erwerben. Unter anderem kaufte er einen Garten an der Klosterpforte. Er kaufte auch ein Grundstück an der Rodentelgenkapelle. Zusammen mit seiner zweiten Frau Ursula von der Mühlen stiftete er 1619 auch den Hauptaltar der Kapelle. Im selben Jahr stiftete er ein Altarbild im Kloster Wedinghausen und ließ auch den Altar prächtig gestalten. Wahrscheinlich beauftragte er für die Altarbilder Heinrich Stratmann. Ein Jahr später machte er in Wedinghausen auch eine Messstiftung. Ein begonnes Haus für seine letzte Frau ist vor seinem Tod nicht mehr fertig geworden.Kemper, Tobias A.: Joannino Favereo (um 1555–1624): Kapellmeister, Komponist und Oberkellner in Arnsberg. In: SüdWestfalen Archiv 24/25 (2024/25), S. 134–233, hier S. 170–175
Werke mini|Komposition Favereos aus dem Florilegium 1594 Von Favereos kompositorischem Schaffen ist nur wenig überliefert. Komplett erhalten sind seine Canzonette napolitane,RISM A/I F 145. eine 1593 in Köln gedruckte Sammlung von 21 Liedern in italienischer Sprache, komponiert in den drei Stimmen Canto, Alto und Basso.Österreichischen Nationalbibliothek, Sign. SA.76.E.14/1–3. Diese Exemplare befanden sich zunächst in der Bibliothek der Augsburger Familie Fugger und gelangten von dort durch Kauf nach Wien; Alfred Noe, Die Präsenz der romanischen Literaturen in der 1655 nach Wien verkauften Fuggerbibliothek, 3. Band: Die Texte der "Musicales", Amsterdam 1997, S. 173–174. Von den Liedern 1 (Non si sa dimm'un pocco) und 6 (Madonna di cucagna) erschien ein Jahr später die jeweils erste Strophe in den Stimmen Canto und Basso in dem mit Musikstücken in französischer TabulaturVgl. Adalbert Quadt: Lautenmusik aus der Renaissance. Nach Tabulaturen hrsg. von Adalbert Quadt. Band 1 ff. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1967 ff.; 4. Auflage ebenda 1968, Band 2, S. 9–10 (2 Allemanden), 14 (Allemande mit Variation), 34 (Gagliarde) und 64 (zum Florilegium von Denss in der Musikbibliothek Leipzig). versehenden Sammelwerk FlorilegiumRISM B/I 1594; 19. des um 1545 in Antwerpen geborenen Adrian Denss, jetzt versehen mit einer Lautenbegleitung.Adrian Denss: Florilegium. Köln 1594, S. 21.
In der von Bernhard Klingenstein, Domkapellmeister in Augsburg, 1604 herausgegebenen Vertonung Rosetum MarianumRISM B/I 1604; 7. Bernhard Klingenstein (Hg.): Rosetum Marianum. Unser lieben Frawen Rosengertlein Von drey und dreyßig lieblichen schönen Rosenb oder Lobgesangen, Dillngen 1604. Rosetum Marianum (1604), Collected by Bernhard Klingenstein, Part II, Hg. William E. Hattrick (Recent Researches in the Music of the Renaissance XXIV), Madison 1977.