mini|hochkant|Die erste Seite des „Report on the Public Credit“|alternativtext=Erste Seite des Report on Public Credit. Der Report Relative to a Provision for the Support of Public Credit („Bericht bezüglich einer Maßnahme zur Erhaltung des öffentlichen Kredits“), genannt Report on Public Credit, war der erste bedeutende Finanzbericht des ersten Finanzministers der Vereinigten Staaten von Amerika, Alexander Hamilton. Er wurde am 9. Januar 1790 dem Kongress vorgelegt. Hamilton wollte mit seinen Vorschlägen das Schuldenproblem der jungen Republik lösen und ihre Bundesregierung stärken, insbesondere indem er Investitionen durch Kaufleute erleichterte. Nach dem Kompromiss von 1790 wurden Hamiltons Vorschläge vom Kongress verabschiedet.

Entstehung und Einflüsse mini|hochkant|Alexander Hamilton (John Trumbull, 1792)|alternativtext=Ein jüngerer Alexander Hamilton in einem grauen Anzug und einem weißen Halstuch. Das Porträt zeigt seinen gesamten Körper; Hamilton steht. Nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges 1783 waren die Vereinigten Staaten auf Länder- und Bundesebene immens verschuldet. Der Kongress der Vereinigten Staaten beschloss daher im September 1789, dass der Finanzminister einen Bericht zu „einer passenden Maßnahme zur Erhaltung des öffentlichen Kredits“ () verfassen solle. Diese Aufgabe sei von hoher Bedeutung für „die Ehre und den Wohlstand der Nation“ ().Max M. Edling: „So Immense a Power in the Affairs of War“: Alexander Hamilton and the Restoration of Public Credit S. 287–326, hier: S. 288 Leiter des neu gegründeten Ministeriums war der Jungpolitiker Alexander Hamilton, der eine wichtige Rolle beim Entwurf der neuen Verfassung von 1787 gespielt hatte. Im Vergleich zu den vorangegangenen Konföderationsartikeln hatte diese die Befugnisse der Bundesregierung deutlich erweitert. Aufgeklärte Gentlemen wie Hamilton wollten diese nutzen, um die Probleme der jungen Republik zu bewältigen – so wie den hohen Schuldenberg. Laut dem Historiker Gordon S. Wood vermieden die Gentlemen auch die Einmischung der „middling sorts“, also der aufkommenden Mittelschicht, die in den State Legislatures (Bundesstaatenparlamente) immer mehr an Macht gewannen.Richard Sylla und David J. Cowen: Alexander Hamilton on Finance, Credit, and Debt S. 69Gordon S. Wood: Empire of Liberty: A History of the Early Republic, 1789–1815 S. 31–33.

Wie die Amerikanische Revolution insgesamt war Hamilton auch in seiner Wirtschaftsphilosophie der Schottischen Aufklärung verpflichtet. Die Historiker Stanley Elkins und Eric McKitrick betonen den Einfluss David Humes Schriften zur Nationalökonomie auf ihn. Der Philosoph skizzierte das Ideal einer urbanen, kaufmännischen Gesellschaft, die durch eine starke Wirtschaftsleistung sowohl politische Macht als auch eine kulturelle Blüte erreiche. Die Kaufleute (im 18. Jahrhundert fielen sowohl Händler, Banker als auch die ersten Industriellen unter diesen Begriff) sollten der Motor dieser Gesellschaft sein. Hamilton nahm in Bezug auf Staatsanleihen jedoch eine andere Stellung als Hume ein: Hume erkannte zwar das Potential der Staatsanleihen als Kapital für Kaufleute; ihm zufolge fehlte Staatsmännern jedoch die Kompetenz, Staatsverschuldung zu verwalten. Hamilton hingegen nahm sich das Königreich Großbritannien des vorangegangenen Jahrhunderts als Vorbild. Dieses Land hatte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts um ein Vielfaches mehr als die Vereinigten Staaten verschuldet, erlebte jedoch zur selben Zeit den Beginn der Industriellen Revolution und den damit einhergehenden Wirtschaftsboom. Zeitgenossen sahen den klugen Umgang der britischen Regierung mit ihren Schulden, beispielsweise der Gründung einer Bank of England, als einen der Gründe hierfür. Ebenso waren Hamilton die Schriften vieler weiterer Europäer bekannt, die diese Entwicklungen rezipierten, wie des Finanzministers Frankreichs Jacques Necker, der britischen Politiker William Pitt des Jüngeren und Charles Montagu sowie des Enzyklopädisten Malachy Postlethwayt. Daher lässt sich sein Programm auch als eine Übertragung europäischer Ideen auf amerikanische Verhältnisse beschreiben.Robert M. Jennings, Donald F. Swanson und Andrew P. Trout: Alexander Hamilton’s Tontine Proposal In: The William and Mary Quarterly, Band 45 (1988), S. 107–115, hier: S. 107Donald F. Swanson und Andrew P. Trout: Alexander Hamilton, „the Celebrated Mr. Neckar“, and Public Credit In: The William and Mary Quarterly, Band 47 (1990), S. 422–430, hier: S. 424–425Max M. Edling: „So Immense a Power in the Affairs of War“: Alexander Hamilton and the Restoration of Public Credit S. 287–326, hier: S. 303 Auch Machiavellis und Hobbes eher zynische Betrachtungen zum wirtschaftlichen Eigeninteresse des Volkes beeinflussten laut dem Historiker Carson Holloway den Report on Public Credit. Im Gegensatz zu den Politikern kommender Jahrhunderte erwartete Hamilton vom Volke keine Aufopferung für den Staat, beispielsweise durch Kriegsanleihen. Stattdessen versuchte er, durch neue wirtschaftliche Realitäten die Kaufleute an die Bundesregierung zu binden. Als Mann des 18. Jahrhunderts berief er sich jedoch auch mehrfach auf die Ehre der Nation und lehnte damit eine rein machiavellistische Staatskunst ab.Carson Holloway: Hamilton versus Jefferson in the Washington Administration: Completing the Founding or Betraying the Founding? S. 16–19, 28 Hamiltons kaufmännisch-industriell geprägtes Weltbild stand im Gegensatz zum ländlich geprägten Weltbild Thomas Jeffersons, eines seiner einflussreichsten Rivalen. Jefferson erstrebte eine „yeoman republic“, also eine Republik aufrechter, unabhängiger Kleinbauern.Stanley Elkins und Eric McKitrick: The Age of Federalism S. 107–113Für die Einflüsse auf Hamilton siehe besonders: Harold C. Syrett (Hrsg.): The Papers of Alexander Hamilton. Introductory Note: Report Relative to a Provision for the Support of Public Credit, S. 51–65 mini|Die amerikanische Landbevölkerung (George Caleb Bingham, 1845)|alternativtext=Landschaftsgemälde, das ländliche Szenerie darstellt. In der Mitte sieht man eine kleine Hütte mit Strohdach. Des Weiteren musste Hamilton in seinem Bericht auf mehrere, teils populistische Forderungen der Politik eingehen. Zu diesen gehörte der Ruf nach einer „discrimination“ zwischen verschiedenen Gläubigern der Regierung: Aus Geldmangel wurden viele Soldaten der Kontinentalarmee mit Schuldscheinen besoldet, konnten sich allerdings aufgrund der derzeitigen Finanzlage von der Bundesregierung keine Zahlung erhoffen. Viele verarmte Veteranen sahen sich zum Verkauf ihrer Schuldscheine gezwungen, meist weit unterhalb ihres eigentlichen Wertes. Die Spekulanten, die die Schuldscheine massenweise aufkauften, galten im Volk daher als gierige Betrüger und „Blutsauger“. Dass die Veteranen nun mit ihren Steuern Wertpapiere abbezahlen sollten, die eigentlich ihnen gehörten, hielten breite Teile der Öffentlichkeit für eine Ungerechtigkeit. Aus diesem Grund wurde gefordert, die Schuldscheine nur an die Veteranen zurückzuzahlen.Richard Sylla und David J. Cowen: Alexander Hamilton on Finance, Credit, and Debt S. 71Carson Holloway: Hamilton versus Jefferson in the Washington Administration: Completing the Founding or Betraying the Founding? S. 23 Im Kongress kamen verschiedene Positionen zu Wort. Die radikalsten Gegner der Spekulanten waren Politiker aus der Frontier, angeführt von James Jackson, einem Repräsentant aus Georgia. Ihm zufolge müsse sich der Staat vor den „habgierigen Wölfen auf der Jagd nach ihrer Beute“ () – den Spekulanten – so gut es geht schützen. Mindestens die „ehrbaren“ Veteranen sollten eine kleine Beilage erhalten. Den Vorschlägen Hamiltons standen die Frontierpolitiker kritisch gegenüber, da sie in ihren Augen für ihre Wählerschaft nur höhere Steuern bedeuteten. Sie sympathisierten mit der Landbevölkerung, die eine „repudiation“ von Teilen der Staatsverschuldung forderte, also eine Zahlungsverweigerung. Im Gegensatz zu ihnen forderten Kaufleute wie William Bingham eine absolute Vertragstreue. Man müsse, koste es, was es wolle, alle Staatsanleihen mit der gegebenen Zinsrate von 6 % zurückzahlen. Die Hamilton nahe stehenden Abgeordneten im Kongress meinten ebenfalls, dass eine repudiation unmöglich sei. Zielführender sei eine Art und Weise zu finden, die Schulden zurückzuzahlen.Stanley Elkins und Eric McKitrick: The Age of Federalism S. 121, 141–142Forrest McDonald: Alexander Hamilton: A Biography, S. 157–158, 173–175

Inhalt Da die Wirtschaftswissenschaften den meisten amerikanischen Politikern des ausgehenden 18. Jahrhunderts nicht geläufig waren, musste Hamilton dem Kongress erst einige Grundlagen der Schuldenpolitik erklären. Zunächst erörterte er die Zweckmäßigkeit der Staatsverschuldung. Besonders in Krisenzeiten sei es ohne sie schwierig, nötiges Geldkapital zu beschaffen, besonders in den damals noch kapitalarmen Vereinigten Staaten. Ein Staat sollte es also nicht vermeiden, Schulden aufzunehmen. Es sei zweckmäßiger, möglichst kreditfähig zu wirken und so mit niedrigen Zinssätzen zu leihen. Hierzu sollte die Regierung alle Verträge genau befolgen, falls möglich Schuldenverzug begleichen und neue Kredite mit guten Absichten aushandeln. Neben diesem finanziellen Inzentiv hätten Regierungen auch eine moralische Pflicht, Schulden gewissenhaft zurückzuzahlen. Da ihre Schulden für sie der „Preis für ihre Freiheit“ () gewesen seien, gelte diese moralische Pflicht in besonderem Maße für die Vereinigten Staaten. Diese Berufung auf die Ehre der Nation hatte im 18. Jahrhundert unter wohlhabenden Gentlemen ein besonderes Gewicht. Weiterhin behauptete Hamilton, dass nicht nur die Gläubiger der Regierung hiervon profitierten, sondern das gesamte Land. Staatsanleihen könnten als Geld dienen, wodurch der Binnenhandel gestärkt und damit der Landwirtschaft und dem Gewerbe geholfen wäre. Die damit einhergehende Inflation wirke außerdem der Deflation der Grundbesitzpreise und den hohen Zinsraten entgegen. Auf diese Art und Weise könne man die Staatsverschuldung als „Segen für die Nation“ () gestalten. Allerdings betonte Hamilton, dass dieses neue Geld nicht gleichmäßig verteilt, sondern in den Händen einiger Kaufleute konzentriert werden sollte. Wenn jeder Bürger etwas mehr Kapital zur Verfügung hätte, würden nur die Preise steigen. Die Kaufleute würden hingegen das Geld produktiv verwenden und durch Investments zum Wirtschaftswachstum beitragen.Richard Sylla und David J. Cowen: Alexander Hamilton on Finance, Credit, and Debt S. 69–70Stanley Elkins und Eric McKitrick: The Age of Federalism S. 116–118Carson Holloway: Hamilton versus Jefferson in the Washington Administration: Completing the Founding or Betraying the Founding? S. 14–16, 20–22Forrest McDonald: Alexander Hamilton: A Biography, S. 165–166 mini|Amerikanische Soldaten im Unabhängigkeitskrieg. Zeitgenössisches Gemälde eines französischen Offiziers.|alternativtext=Vier amerikanische Soldaten der Kontinentalarmee in unterschiedlichen Uniformen.