Mit dem Begriff Invertierter Totalitarismus (inverted totalitarianism) beschreibt der Politikwissenschaftler Sheldon Wolin 2003 die Vereinigten Staaten unter George W. Bush nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001: Sie seien eine „gemanagte“ und von Großkonzernen dominierte illiberale Scheindemokratie. 2008 arbeitete er das Konzept in Democracy Incorporated. Managed Democracy and the Specter of Inverted Totalitarianism weiter aus. Er sah im invertierten Totalitarismus die totalitären Züge unbeschränkter, auch mentaler Steuerung der Menschen und politischen Akteure und einer aggressiven imperialen Außenpolitik, die er mit der Regierung George W. Bushs nach 9/11 identifiziert. Das Konzept entwickelte er später durch den Begriff der Fugitiven Demokratie weiter.
Begriff Sheldon Wolin stellt in einem Kapitel seines Werks Tocqueville Between Two Worlds (2001) die USA als Postdemokratie dar (S. 561–572). Ähnlich wie die Aristokratie verfalle auch die Demokratie und entwickele sich zu einem spezifischen demokratisch erscheinenden Despotismus. In dieser Gesellschaftsformation würden sich die Individuen mit einem Leben ohne jede politische Verantwortung abfinden. Ihr Lebensprinzip sei: „geführt werden, sich aber gleichzeitig frei fühlen.“ Im Anschluss an diese Charakterisierung der Demokratie prägte Wolin 2003 den Begriff Invertierter Totalitarismus in einem Beitrag für die Zeitschrift The Nation, um die zeitgenössische Regierungsform der USA zu kennzeichnen. Systematisch arbeitete er das Konzept in der Publikation Umgekehrter Totalitarismus: Faktische Machtverhältnisse und ihre zerstörerischen Auswirkungen auf unsere Demokratie (2008) aus. Hintergrund des Politikverständnisses Wolins ist demnach Tocquevilles Verständnis der sanften Despotie als Verfallsform der Demokratie.N. Urbinati, (2010). [Review of Democracy Incorporated: Managed Democracy and the Specter of Inverted Totalitarianism, by S. S. Wolin]. Political Science Quarterly, 125(1), 171–174.
Wolin vergleicht die USA in erster Linie mit dem NS-Regime, daneben auch mit dem Italienischen Faschismus und dem Stalinismus. Der neuartige Totalitarismus ist seiner Auffassung nach insofern „invertiert“ („umgekehrt“), als die politische Dynamik und Willensbildung nicht wie im klassischen Demokratiemodell von der Masse und der Regierung ausgehe:
Die Regierung innerhalb eines invertiert totalitären Systems habe den Primat der Politik aufgegeben, um wirtschaftliche und politische Partikularinteressen einer privilegierten Elite gegen die Interessen der Masse, aber mit ihrer manipulierten Zustimmung oder Duldung, durchzusetzen. Was bisher also im politischen Kräftefeld eine abhängige Größe gewesen sei, etwa die wirtschaftlichen Interessenverbände, sei nun zur bestimmenden Größe geworden. Das Ergebnis sei aber dasselbe: Massenmanipulation innerhalb von scheindemokratischen Institutionen.
Das strukturelle Element trete nicht mehr als Massenphänomen in Erscheinung, sondern werde indirekt in der Schrankenlosigkeit des Regierungshandelns und dem Schweigen der Massen deutlich. Während außerdem die Nationalsozialisten wirtschaftliche Großunternehmen der staatlichen Autorität untergeordnet hätten, stünden diese heute über der Politik und amalgamierten mit dem Staat: Die Politikwissenschaftlerin Seyla Benhabib schreibt 2010 in einer Rezension von Democracy Incorporated:
Die Großunternehmen würden dabei allerdings eine vergleichbare reale Dynamik erzeugen wie das nationalsozialistische Lebensraumkonzept:
Die Nationalsozialisten hätten die Massen mit dem Slogan Kraft durch Freude in Bewegung gesetzt; der invertierte Totalitarismus hingegen vermittele den Massen das Bewusstsein von Schwäche und Ersetzbarkeit und bringe damit eine „demobilisierte“ und atomisierte (disaggregated) Gesellschaft von politisch Desinteressierten hervor.
Merkmale des invertiert totalitären Systems sind nach dem Journalisten Elie Mystal im Einzelnen:
eine schwache Legislative: Abgeordnete des Parlaments haben einen geringen Einfluss auf die Gesetzgebung; die Legislative dient der Akklamation der Regierungsentscheidungen. eine zugleich repressive und die Regierung unterstützende Judikative: Gerichte orientieren sich an den Wünschen der Regierung und unterdrücken Regierungskritik. eine von außerparlamentarischen Institutionen gesteuerte Exekutive: Die Regierung und ihre Ministerien folgen nicht eigenen Erkenntnissen und Interessen, sondern Lobbyisten und Beratern die Aufhebung der Gewaltenkontrolle durch eine übergeordnete Integration der Gewalten mithilfe eines uniformen Parteiensystems, das die Reichen, die Großkonzerne und die Gutvernetzten begünstige, die Armen in Hilflosigkeit und Verzweiflung zurücklasse und die Mittelklasse in der Balance zwischen Abstiegsangst und Aufstiegsversprechen halte; der Integration von Medien, Universitäten und Großkonzernen durch personelle und institutionelle Vernetzung speziell durch strukturelle Integration der Konzernmedien: Medien werden staatlich beaufsichtigt, benutzt und politisch besetzt affirmative Integration der Universitäten in das staatliche Kontrollsystem: Universitäten unterstützen staatliche Maßnahmen, weil sie von staatlicher und privater Förderung abhängig sind kooperative Integration der Großkonzerne in das staatlich Steuerungssystem: Unternehmen und Staat arbeiten zu gemeinsamen Zielen zusammen einer Propagandamaschine aus Think Tanks, Stiftungen und NGOs Kooperation von Polizei (Exekutive) und Rechtsbehörden (Judikative) bei der Feststellung terroristischer Umtriebe, verdächtiger Ausländer und Dissidenten.
Für Wolin hat der umgekehrte Totalitarismus im Gegensatz zum klassischen Totalitarismus die Einrichtungen von Wissenschaft, Forschung und Bildung nicht nachträglich in seinen Dienst gestellt (Gleichschaltung), sondern sich eine und die gesellschaftlichen Kräfte zur Selbstangleichung geführt. Der klassische Totalitarismus habe unabhängige Kritiker systematisch durch Ausstoßung oder Eliminierung zum Schweigen gebracht und von den übrigen Loyalität zu Partei und Regierung verlangt. Hingegen habe der umgekehrte Totalitarismus die Wissenschaftler und Forscher durch eine Kombination von staatlichen Aufträgen, Unternehmens- und Stiftungsgeldern, hohen Gehältern und Vergünstigungen nahtlos in das System integriert und greife nur gelegentlich ein, um Kritiker zu schikanieren und zu diskreditieren. Zur Zeit des Vietnamkrieges seien die Universitäts- und College-Campusse noch derart notorische Zentren der Opposition gewesen, dass man ernsthaft von einer notwendigen „Befriedung der Campusse“ gesprochen habe.Wolin: Umgekehrter Totalitarismus. Frankfurt am Main 2022, S. 147. Das so entstehende neue System nannte er „invertierten“ Totalitarismus.
Die aggressive Außenpolitik einer imperialen Orientierung an der Rolle als Supermacht vergleicht Wolin laut Benhabib mit dem Lebensraumkonzept des Nationalsozialismus:
Zur deutschen Ausgabe von Democracy Incorporated steuerte der Psychologe Rainer Mausfeld 2022 ein Vorwort bei, in dem er aufzeigt, wie sich Wolins Prophezeiungen mittlerweile in Deutschland erfüllt hätten.Sheldon Wolin: Umgekehrter Totalitarismus: Faktische Machtverhältnisse und ihre zerstörerischen Auswirkungen auf unsere Demokratie. Westend-Verlag, Frankfurt am Main 2022, ISBN 978-3-86489-348-3, S. 7–55.
Beispiel USA In seinem Artikel für The Nation beschrieb Wolin 2003 die Entwicklung der USA als „regime change“ hin zu einem undemokratischen „Empire“ oder einer „Superpower“. Kennzeichen dieser Entwicklung sei die „zunehmende Macht des Staates und die abnehmende Macht der Institutionen, die ihn kontrollieren sollen“. Den Republikanern als „glühend doktrinärer Partei“ würden die „zentristischen“ Demokraten keine echte Opposition mehr entgegensetzen. Die repräsentativen Institutionen seien durch ein institutionalisiertes Bestechungssystem „kurzgeschlossen und ständig korrumpiert“ worden, anfällig für mächtige Interessengruppen, „deren Wähler die großen Unternehmen und die reichsten Amerikaner sind“. Die Gerichte dienten der Unternehmensmacht oder respektierten die Ansprüche der nationalen Sicherheit.
Vergleich mit anderen totalitären Systemen Beide Herrschaftsformen würden die Angst als arcanum imperii nutzen, Präventivkriege führen und die Herrschaft einer Pseudoelite stützen. Dennoch unterscheide sich der umgekehrte vom klassischen Totalitarismus in mehreren wichtigen Punkten:
Revolution – Während die klassischen totalitären Regime das etablierte System stürzen würden, nutze der umgekehrte Totalitarismus die rechtlichen und politischen Zwänge des etablierten demokratischen Systems aus und verwende sie, um den ursprünglichen Zweck der Demokratie zu vereiteln. Regierung – Während die klassische totalitäre Regierung ein geordnetes, idealisiertes und koordiniertes Ganzes gewesen sei, sei sie im umgekehrten Totalitarismus eine Verwaltungsinstanz, die die grundlegenden demokratischen Institutionen manage. Propaganda und Dissens – Obwohl Propaganda sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Nazi-Deutschland eine wesentliche Rolle spiele, sei sie in den Vereinigten Staaten „nur zum Teil ein staatszentriertes Phänomen“. Das heißt: Während die Produktion von Propaganda in Nazi-Deutschland grob zentralisiert gewesen sei, werde sie in den Vereinigten Staaten hochgradig konzentrierten Medienkonzernen überlassen, um so die Illusion einer „freien Presse“ aufrechtzuerhalten. Nach diesem Modell ist Dissens prinzipiell erlaubt, aber die Konzernmedien dienen als Filter, so dass die meisten Menschen, die nur wenig Zeit haben, sich über aktuelle Ereignisse zu informieren, nur die Standpunkte hören, die die Konzernmedien als „seriös“ einstufen. Demokratie – Während die klassischen totalitären Regime schwache Demokratien/Regime gestürzt hätten, habe sich der umgekehrte Totalitarismus aus einer starken Demokratie entwickelt. Die Vereinigten Staaten würden sogar behaupten, ihre Demokratie sei das Modell für die ganze Welt. Es gehe die ganze Zeit um Politik, aber die Politik sei durch das fehlende politische Element weitgehend entschärft worden.
Ideologie – Der umgekehrte Totalitarismus weiche von der Ideologie des Nazi-Regimes ab, d. h. die Kategorie der Kosteneffizienz etwa steht anstelle der Kategorie Herrenrasse. Wirtschaft – In Nazi-Deutschland habe der Staat die Wirtschaftsakteure dominiert, während im umgekehrten Totalitarismus Konzerne durch Lobbying, politische Spenden und Drehtür-Effekte die Regierung der Vereinigten Staaten beherrschen würden, die als Diener der Großkonzerne agiere. Dies werde von der Öffentlichkeit jedoch als normal und nicht als korrupt angesehen. Nationalismus – Während Nazi-Deutschland und das faschistische Italien nationalistisch gewesen seien, sei der umgekehrte Totalitarismus globalistisch und unterstütze eine Supermacht, deren Macht auf dem globalen Austausch von Arbeitsplätzen, Kultur, Finanzprodukten, Währungen und Waren basiere. Das Volk – Während die klassischen totalitären Regime auf eine ständige politische Mobilisierung der Bevölkerung abgezielt haben, wolle der umgekehrte Totalitarismus die Masse der Bevölkerung in einem anhaltenden Zustand der politischen Apathie halten. Die einzige politische Aktivität, die von den Bürgern erwartet oder gewünscht werde, sei der Wahlakt. Eine niedrige Wahlbeteiligung werde gerne als Indiz dafür gewertet, dass der Großteil der Bevölkerung zufrieden sei, während sie in Wirklichkeit die Hoffnung aufgegeben habe, dass die Regierung ihnen jemals nennenswert helfen werde. Bestrafung – Während die klassischen totalitären Regime hart bestraften (Inhaftierung oder Ermordung von politischen oder ideologischen Gegnern und Sündenböcken), bestrafe der umgekehrte Totalitarismus vor allem durch eine Ökonomie der Angst. Deren wichtigste Elemente seien die Minimierung der sozialen Sicherheit, die Zerschlagung der Gewerkschaften, die Überalterung von Fähigkeiten und die Auslagerung von Arbeitsplätzen.