mini|Burg-Herzberg-Festival, 28. Juli 2017 mini|Von Anfang an mit dabei: die Krautrock-Band Guru Guru mini|Bis in die 1990er-Jahre Veranstaltungsort: die namensgebende Burg Herzberg in Breitenbach Das Burg-Herzberg-Festival ist ein Musik- und Literaturfestival der Hippie-Kultur im nahe dem osthessischen Alsfeld gelegenen Ort Breitenbach. Mit jährlich über 10.000, in einzelnen Jahren bis zu 20.000 Besuchern ist es sowohl das größte als auch das älteste Freiluft-Hippie-Festival Europas. Begründet 1968 als Nachwuchs-Festival für deutsche Beat- und Rockbands, findet es – nach einer längeren Pause – seit 1991 in kontinuierlicher Form statt.
Das Musikspektrum ist einerseits deutlich auf 1970er-Jahre-Rock, Kraut- sowie Progressive Rock fokussiert. Andererseits hat es sich im Lauf der Jahre deutlich ausgeweitet auf neuere Rockmusik-Genres, das Singer-Songwriter-Spektrum, Indie-Rock, Rap, World Music und Goa-Trance sowie verwandte Richtungen aus der elektronischen Musik. Veranstaltungsort ist der Breitenbacher Ortsteil Gehau. Das Musikfestival wird flankiert von Camping-Möglichkeiten und weiteren infrastrukturellen Angeboten. Das Festival, das bis in die 1990er hinein noch auf dem überschaubaren Gelände der Breitenbacher Burg Herzberg ausgerichtet wurde, findet traditionell Ende Juli oder Anfang August statt – jeweils von Donnerstag bis Sonntag.
Geschichte 1968 ff.: Start als deutsches Beat- und Rockmusik-Festival mini|Seit 1964 am Start, aber mit anderer Zielgruppe: das Burg-Waldeck-Festival (1968) Ursprünglich wurde das Burg-Herzberg-Festival mit der Absicht begründet, ein zentrales Festival für deutsche Pop- und Avantgarde-Musik auf die Beine zu stellen.Burgmauer war die Bühne: Breitenbacher Burg-Herzberg-Festival wird 50 Jahre alt, hna.de, 21. Juli 2018, aufgerufen am 1. März 2024 Die Initiative ging von der aus dem hessischen Ort Schrecksbach stammenden und bereits seit 1964 aktiven Rockband The Petards aus.Allstars zum Abschluss: 50 Jahre Burg Herzberg Festival, nh24.de, 2. August 2018, aufgerufen am 1. März 2024 Als Bestandteil der sich in Deutschland formierenden Beat- und Rockband-Szene hatten die Petards bereits 1965 Erfahrungen gesammelt mit den Hürden, welche diese Art Veranstaltungen zu überwinden hatte: Wegen „Ruhestörung“ anlässlich eines Konzerts in dem Ort Oberaula hatte das Amtsgericht Treysa jeden der beteiligten Musiker zu einem Bußgeld von 50 DM verurteilt.Frank Schäfer: Burg Herzberg Festival – since 1968. Verlag Andreas Reiffer, Meine bei Braunschweig 2018, ISBN 978-3-945715-68-0, Seite 13
Ungeachtet der Vorbehalte in einer ländlich-konservativ geprägten Region richtete die Band seit 1966 regelmäßig stattfindende Beat- und Rockmusik-Events aus.Burg Herzberg: Das erste Hippie-Festival, Frank Schäfer, Rolling Stone, 21. Mai 2018, aufgerufen am 15. März 2024 Das spektakulärste davon war die „Wald-Beat-Show“ im Herbst 1966 – ein von rund 1500 Besuchern frequentiertes Konzert am Rand des Gemeindewalds von Schrecksbach. Das Umfeld, das diese Art Aktivität ermöglichte, charakterisierte einer der beteiligten Bandmitglieder rückblickend als „weiblich betreute Musikerkommune“: die Mutter zweier Bandmitglieder kochte und wusch darüber hinaus die Wäsche. Hintergrund der Absicht, ein zentrales Festival für deutsche Beat- und Rockmusik auf die Beine zu stellen, war der Umstand, dass die größeren Festivals zu jener Zeit – das seit 1964 stattfindende Burg-Waldeck-Festival sowie die ab 1968 ausgerichteten Essener Songtage – sowohl andere Musikrichtungen als auch andere Zielgruppen im Fokus hatten.Schäfer, Burg Herzberg Festival, S. 14
Veranstaltungs-Örtlichkeit der ersten Burg-Herzberg-Festivals war die oberhalb von Breitenbach gelegene Burg Herzberg; die Bühne befand sich direkt an der Burgmauer. Frequentiert wurde das Festival hauptsächlich von Beat- und Rockmusik-Fans aus der Region. Hippies waren in der ersten Zeit weniger mit von der Partie. Die Moderation des ersten – von der Dauer her wie auch die Folgeveranstaltungen auf einen Tag angesetzten – Festivals übernahm der lokal bekannte Entertainer Alfred Trechsel alias Axel Traxel († 2025). Auftretende Bands auf dem ersten Herzberg-Festival waren die Petards, die Merchants, Misfits und die Blue Moons.Schäfer, Burg Herzberg Festival, S. 14 ff.
Neben der regionalen und überregionalen Beatmusik-Szene bestimmten bekannte Exponenten des Krautrock das Line-Up der Folgefestivals. Mit von der Partie waren unter anderem Guru Guru, Embryo, Can, Amon Düül II sowie Tangerine Dream. Dem Petards-Mitglied Arno Dittrich zufolge beliefen sich die Teilnehmerzahlen der ersten Festivals auf 1000 bis 3000 Besucher. Das Timing der Anschlussfestivals erwies sich wettertechnisch allerdings als nicht so glücklich. Die – rückblickend als „Lost Festival“ charakterisierte – Veranstaltung 1969 musste wegen Regen in die Stadthalle Alsfeld verlegt werden.Schäfer, Burg Herzberg Festival, S. 25 Das – wieder Open Air stattfindende – Festival 1970 wurde von der Presse zwar als „gelungen“ gelobt. Wetterbedingt hatte es allerdings spürbare Publikumseinbußen zu verkraften sowie einen finanziellen Verlust von 7000 DM.Schäfer, Burg Herzberg Festival, S. 43–45
Das – posthum mit der Bezeichnung „Bonsai-Woodstock“ belegte – Festival im Folgejahr brachte den Veranstaltern zufolge erstmals eine positive finanzielle Bilanz.Schäfer, Burg Herzberg Festival, S. 46 Deutlicher als bislang spürbar waren allerdings auch veränderte Erwartungshaltungen – vor allem von Seiten links engagierter Künstler sowie ihrem Anhang. Bereits 1970 hatte die Politrockgruppe Checkpoint Charlie das Publikum aufgefordert, die vorhandene Wut gegen das System als deren Ursache zu richten. 1971 monierten Linke erneut den fehlenden umstürzlerischen Eifer auf der Veranstaltung.Schäfer, Burg Herzberg Festival, S. 31 und 51
1971 war das letzte Festival-Jahr unter der Ägide der Ur-Veranstalter. Im Frühjahr 1972 gaben die Petards bekannt, dass sie für die weitere Ausrichtung des Festivals nicht mehr zur Verfügung stehen.Schäfer, Burg Herzberg Festival, S. 53 Ein Grund für die Nicht-mehr-Weiterführung war der Umstand, dass die Veranstalter aus dem Kreis der Petards die Festival-Organisation nicht mehr mit ihrer eigenen musikalischen Karriere in Einklang bringen konnten. Der Autor Frank Schäfer führte in seiner Buch-Chronologie über das Herzberg-Festival zusätzlich auch finanzielle Gründe auf. So hätte die maximale Gewinnmöglichkeit von 5000 DM nach Ansicht der Band in keinem Verhältnis gestanden zu dem fünfmal höheren Vorleistungsrisiko sowie den drei Monaten Vorarbeit, die bei der Größenordnung ebenfalls mit einzukalkulieren seien.
1991 bis 2002: Das Burg-Herzberg-Festival unter der Ägide von Karl-Heinz Becker mini|Publikum auf der Wiese vor der Hauptbühne (2001) mini|Festival 2005 1991 ließ eine Gruppe von Musikfreunden um den Fuldaer Alternativszene-Aktivisten Karl-Heinz „Kalle“ Becker das Festival wieder aufleben. Die Besucheranzahl der ersten Neuauflage belief sich lediglich auf einige hundert. Erstmals fand das Festival außerhalb der Burg statt. Die Veranstaltungsgruppe um Becker und Ralf Behr bestand teils aus Leuten aus dem Umfeld von Beckers Plattenladen „Marleen“, teils aus solchen aus der Fuldaer Alternativkneipe „Gasthaus zum Eck“.Schäfer, Burg Herzberg Festival, S. 57 Ein Mitgrund für die Neuetablierung des Herzberg-Festivals war die Promotion für Beckers Plattenlabel Think Progressive – respektive die Möglichkeit, Auftrittsmöglichkeiten zu schaffen für Musiker, deren Alben Becker produzierte.Schäfer, Burg Herzberg Festival, S. 61
Als Hippie-Festival war auch die Neuauflage des Burg-Herzberg-Festivals nicht konzipiert. Laut Buchautor Schäfer sei es vielmehr so gewesen, dass sich das entsprechende Publikum aufgrund der Vorgeschichte eingefunden habe. Mit der Neuetablierung war eine veränderte Ausrichtung in Anspruch und Programmatik verbunden. Um sich deutlicher von rein kommerziell orientierten Rockmusik-Festivals abzugrenzen, lautete das Motto der Neuauflage: „Der Besucher in seiner unermesslichen Schönheit soll hier im Mittelpunkt stehen“.„Vater“ von Deutschlands größtem Hippie-Festivals: Kalle Becker, osthessen-news.de, 21. Juli 2002, aufgerufen am 10. März 2024
Dem veränderten Selbstverständnis trug auch das auf internationale Rockmusik-Größen ausgeweitete Line-Up Rechnung. Das musikalische Spektrum blieb weiterhin auf die Richtungen 1970er-Jahre-Rock und Krautrock fokussiert. Auftretende Künstler in den 1990er-Jahren waren unter anderem Guru Guru, Embryo, Amon Düül II, Birth Control, die Groundhogs, Kevin Coyne, Louisiana Red, Wolf Maahn, Humble Pie, Chicken Shack, John Mayall, Caravan und Eric Burdon.Siehe Burgmauer war die Bühne: Breitenbacher Burg-Herzberg-Festival wird 50 Jahre alt, hna.de, 21. Juli 2018 und „Vater“ von Deutschlands größtem Hippie-Festivals: Kalle Becker, osthessen-news.de, 21. Juli 2002; beide aufgerufen am 10. März 2024
Die ersten beiden Neuauflagen – 1991 und 1992 – waren in finanzieller Hinsicht Zuschussgeschäfte. Danach ging es bergauf – wobei Herzberg-Buchautor Schäfer die von Becker kolportierten Besucherzahlen für 1995 und 1997 (12.000 und 30.000) allerdings als deutlich überhöht charakterisierte.Schäfer, Burg Herzberg Festival, S. 73 und 89 Ungeachtet dessen sprengte das Festival zwischenzeitlich die Aufnahmekapazitäten der unmittelbaren Burgumgebung. Zum neuen – bis heute beibehaltenen – Veranstaltungsort avancierte ab 1997 ein weiträumiges Wiesengelände im Tal auf dem Gelände der Pferdekoppel Hof Hühnstadt.
Unter der Ägide von Kalle Becker bekam das Burg-Herzberg-Festival einen politischeren Touch als bislang. Künstler und Veranstalter positionierten sich etwa gegen Castor-Transporte sowie die Kriege im ehemaligen Jugoslawien. Pannen und Konflikte blieben ebenfalls nicht aus. 2000 war ein weiteres Schlechtes-Wetter-Festival: Wegen Regen und ausbleibenden beziehungsweise frühzeitig abgereisten Besuchern mussten kurzfristig 2000 Bratwürste entsorgt werden. Ein – vorgeblich – vermisstes Mädchen rief die Bild-Zeitung auf den Plan; tatsächlich war die junge Frau mit einer Festivalbekanntschaft spontan nach Griechenland gereist. Konflikte verursachte auch der Haschischkonsum auf dem Festivalgelände sowie der damit einhergehende Verkauf. 1995 riefen Plakate eines „Movement of the Hippies“ radikale Feministinnen auf den Plan, die entsprechende Plakate mit dem Slogan „Veranstaltung fällt aus wegen Sexismus“ überklebten.
Festivalgefährdende Ausmaße nahmen schließlich die Alleingänge von Becker als Organisationsverantwortlichem an. Laut Aussagen von Beteiligten sowie Mitarbeitern der seit 2003 tätigen Veranstaltungsgruppe erstreckten sich die Probleme sowohl auf den persönlichen Umgang als auch die Zuverlässigkeit gegenüber Geschäftspartnern. Die Kritik: Becker – intern mit dem Spitznamen „GRÖVAZ“ („größter Veranstalter aller Zeiten“) versehen – habe sich nicht als vertrauenswürdig erwiesen, chronisch Alleingänge gestartet und überdies Rechnungen nicht bezahlt. Buchautor Schäfer, der als positivste Eigenschaft Beckers dessen Hartnäckigkeit aufführt, beurteilte diesen Konflikt in seinem Buch dergestalt, dass der 2014 verstorbene Festival-Impresario zu Anfang durchaus die einschlägigen Hippie-Ideale gehabt, dann allerdings mehr und mehr ein fragwürdiges Geschäftsgebaren etabliert habe – besonders um das Jahr 2000, als das Festival tatsächlich zu kriseln begann.Schäfer, Burg Herzberg Festival, S. 64–66