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Igor Serafimowitsch Taschlykow (* 4. Juni 1946 in Hamhŭng, heute Nordkorea; † 7. Juni 2016 in Minsk) war ein sowjetischer und belarussischer Physiker und Professor. Er arbeitete in leitenden Funktionen an verschiedenen Universitäten in Belarus.
Taschlykow war auf dem Gebiet der Oberflächenmodifizierung von Festkörpern durch den Einsatz von Ionenstrahltechnologien tätig und leistete Beiträge zur Entwicklung der Solid States.F. F. Komarov, M. A. Kumakhov, I. S. Taschlykov. Nerazrushai︠u︡shchiĭ analiz poverkhnosteĭ tverdykh tel ionnymi puchkami. Universitetskoy Verlag, 1987. Er erarbeitete Kriterien zur Steuerung der Strukturumwandlung von ionenimplantiertem Galliumarsenid und Silicium. Diese Kriterien beruhten auf Berechnungen der Energiedichte, die bei elastischen Prozessen von Kaskadenkollisionen von Atomkernen freigesetzt werden. Er entwickelte auch Methoden zur Modifizierung von Feststoffen durch atomares Mischen und ionengestützte Abscheidung dünner Schichten. In seiner Theorie der ionengestützten Abscheidung dünner Schichten verallgemeinerte er experimentelle Studien.Erschwinglich elektronischer Bibliothekskatalog unicat.nlb.by.
Er ist Autor von 400 wissenschaftlichen Publikationen und drei in Belarus und den USA veröffentlichten Monografien.
Leben mini|Igor Taschlykows Ehrengrab Nr. 114 im Kolumbarium des Minsker Ostfriedhofs
Taschlykow wurde 1946 als Sohn einer Krankenschwester und eines Piloten in Hamhŭng (damals japanisch Kanko) im heutigen Nordkorea geboren, wo seine Eltern wegen des Zweiten Weltkriegs stationiert waren. Ab 1952 lebte die Familie in Babrujsk, ab 1962 in Minsk. 1964 absolvierte Taschlykow das Gymnasium Nr. 27 mit einer Silbermedaille und nahm das Studium der Physik an der Universität Minsk auf. Das Studium beendete er mit Auszeichnung. Sein Fachgebiet war die Festkörperphysik. 1969 nahm er ein Aufbaustudium am Institut für Festkörperphysik auf. 1970 wechselte er als Nachwuchswissenschaftler in das Labor für Experimentalphysik und physikalische Elektronik der Universität Minsk. 1971 erfolgte seine Versetzung in das Elektronik-Labor des Instituts für Angewandte Physikalische Probleme. Von 1972 bis 1989 war er Leitender Wissenschaftler im Elektronik-Labor. Nach der Verteidigung seiner Dissertation „Untersuchung von Strahlungseffekten in Bismut und seinen Legierungen“ wurde ihm 1973 der akademische Grad eines Kandidaten der physikalischen und mathematischen Wissenschaften verliehen. Seine Habilitationsschrift „Modifikation und Analyse der Struktur in Kristallen mit verschiedenen Bindungsarten (Si, GaAs, Ni) durch kernphysikalische Methoden“ verteidigte er 1989 an der Universität Charkow. Danach wurde er an die Technische Universität in Minsk berufen. 1992 erhielt er den Titel eines Professors für Physik und war hier bis 2003 tätig. Im Jahr 2003 nahm er den Ruf der Belarussischen Staatlichen Pädagogischen Maxim-Tank-Universität an. Hier leitete er ab 2007 den Bereich Experimentalphysik. Von 2013 bis 2016 war er Hochschullehrer für Physik und für Didaktik des Physikunterrichts.
Wissenschaftliche Leistungen Schwerpunkt der Forschungsarbeit von Igor Serafimowitsch Taschlykow war die Modifizierung von Struktur und Eigenschaften von Festkörpern durch Ionenstrahl- und Ionenplasmamethoden. Dies schließt die Untersuchung von physikalisch-chemischen Prozessen bei der Wechselwirkung beschleunigter Ionen mit Elastomeren ebenso ein wie bei der Bildung von Dünnschichtsystemen und ihrer Wechselwirkung mit dem Substrat. Seine wissenschaftlichen Interessen galten in der Festkörper-Strahlenphysik der Analyse und Modifikation der Oberfläche von Metallen, Halbleitern und Elastomeren. Für die Analyse nutzte er die Rutherford-Weitwinkelstreuung leichter Ionen, spezielle Kernreaktionen und die Rasterelektronenmikroskopie. Für die Modifikation der Oberflächen kamen die Ionenimplantation, Sputtern, Bedampfung und kernphysikalische Methoden zum Einsatz. Dabei entwickelte er die angewendeten Methoden weiter und wendete seine Arbeitsergebnisse auf praktische Fragestellungen wie z. B. elektrische Kontakte, absorbierende Schichten für Solarzellen und andere optoelektronische Bauelemente an.
Aspirantur mini|Familie von John A. Davies – Sohn John, Ehefrau Florence, Tochter Anne – und Igor Taschlykow, Deep River, Kanada, Januar 1980 mini|Internationale Konferenz REI-99. Oia und Igor Taschlykow, Gerhard Wolf, Jena, Deutschland, 1999 mini|Hardwig Treff, Igor Taschlykow, Lemberg, Ukraine, 2011
Taschlykow begann seine wissenschaftliche Arbeit zur Untersuchung von Strahlungsdefekten in Bismut und seinen Legierungen 1969 in der Graduiertenschule unter der Leitung der assoziierten Professoren G.A. Gumanski und V.I. Prokoschkin. Da in jenen Jahren in Belarus keine geeigneten Strahlungsquellen zur Verfügung standen, wurden durch die Staatliche Belarussische Universität entsprechende Vereinbarungen mit anderen wissenschaftlichen Einrichtungen der Sowjetunion getroffen.
Aufgrund seiner erfolgreichen Arbeit wurde Taschlykow für ein einjähriges Praktikum an die Friedrich-Schiller-Universität Jena in der DDR geschickt. Hier, in der Abteilung Ionometrie der Sektion Physik, wurde sein Interesse für Methoden der Ionenstrahlanalyse geweckt: Rutherford-Weitwinkelstreuung und ihre Anwendung zur Untersuchung von Gittereffekten in Kristallen. Auf einem Seminar unter Leitung von Oleg Firsow wurde konstatiert, dass Taschlykow der erste sowjetische Wissenschaftler war, der 1971–1972 Experimente zur schichtweisen Analyse von Strahlenschäden mittels Kanalisierungseffekt durchgeführt hatte. Diese Ergebnisse bildeten die Grundlage für die Zusammenarbeit mit Kumachov. Als Ergebnis dieser Zusammenarbeit entstand die Methode zur Berechnung der Konzentration von Strahlungsdefekten in bestrahlten Einkristallen unter Berücksichtigung der Mehrfachstreuung kanalisierter Heliumionen. Diese Arbeit wurde auf Seminaren am Lebedew-Institut für Physik und am Institut für Kernphysik der Moskauer staatlichen Universität diskutiert und publiziert. Am 25. September 1973 verteidigte Taschlykow seine Dissertation „Die Untersuchung von Strahlungseffekten in Wismut und seinen Legierungen“ an der Staatlichen Belarussischen Universität.
mini|Beschleuniger ESU-2 am Forschungsinstitut der Fakultät für Physik und Technologie der BSU A.N. Sevchenko. Igor Taschlykow, Jewgeni Kotow und Alexander Lisejenko, Minsk, 1983 mini|Auf dem Weg nach Conway. Igor Taschlykow, George Carter und Hilda Carter, Igor Bello, Großbritannien, Februar 1984
Die Arbeit im Institut für Angewandte Physikalische Probleme Taschlykow war Initiator eines Forschungskomplexes für die Anwendung kernphysikalischer Methoden. Es gelang, den elektrostatischen Generator ESU 2 zu erwerben und aus dem Lebedew-Institut für Physik in Moskau an das Institut zu überführen. Dieser Teilchenbeschleuniger war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg im Institut für Physik und Technologie Charkow (KITP) gebaut worden und im Lebedew-Institut unter Leitung von Wiktor Wawilow mit Elektronen betrieben worden. Am Institut wurde der Beschleuniger installiert, auf den Ionenbetrieb (Hochfrequenzionenquelle) umgestellt und mit einem für ionometrische Untersuchungen geeigneten Strahlführungssystem (Magnetseparator, 2-achsiges ZEISS-Goniometer) ausgestattet. Dabei wurde das Elioniklabor von namhaften Spezialisten unterstützt. I.J. Piwowar (KIPT Charkow), G.M. Asetinski und I.A. Cherpurtschenko (Dubna) und H. Treff (Freund und Kollege von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, DDR).
Anfang der 70er Jahre begann auf Anweisung des Staatsausschusses für Wissenschaft und Technologie des Ministerrats der UdSSR unter Leitung von G.A. Gumansky an der Belarussischen Staatlichen Universität die Erforschung der Ionenstrahlsynthese von Doppel- und Dreifachverbindungen optoelektronischer Materialien. Die Bedeutung dieser Forschungen zeigt sich auch in einer aktiven internationalen Zusammenarbeit. Taschlykow hielt sich in diesem Zusammenhang 1971–1972, 1973, 1975 und 1977 auf Einladung der Friedrich-Schiller-Universität Jena in deren Wissenschaftsbereich Ionometrie mit den Leitern Professor Gerhard Götz und Professor Gustav Schirmer auf. 1977 fand die internationale Tagung über atomare Kollisionen in Festkörpern (ICACS) an der Moskauer Staatlichen Universität unter Leitung von Professor A.F. Tulinov statt. Taschlykow konnte hier seine Arbeitsergebnisse präsentieren und unter anderen mit den „Vätern“ der Ionenimplantation Professor John Davies von den Chalk River Laboratories in Hamilton (Ontario) und Professor George Carter von der Salford University (Manchester, UK) diskutieren. Auf Einladung von Professor Carter absolvierte Taschlykow 1979–1980 ein Praktikum an der McMaster University und in den Chalk River Laboratories.
Er untersuchte die Defektbildung in GaAs bei der Implantation von N, Al, P, As, Sb-Ionen bei kontrollierter Energiedichte. Parameter waren die Temperatur im Bereich von 40 K bis einige 100 °C und die Ionenstromdichte von 1/100 bis zu einigen μA/cm². Die Verteilungsprofile von implantierten As und Sn wurden mit Rutherford-Rückstreu-Spektrometrie ermittelt und die Al-Profile mit der Kernreaktion 27Al(p, γ)28Si. Diese Arbeitsergebnisse und die Ergebnisse der Untersuchungen zur Modifikation der katalytischen Eigenschaften von Nickelelektroden für die wasseralkalische Elektrolyse zur Gewinnung von Wasserstoff bildeten die Grundlage der Dissertation. Taschlykow hatte neues Wissen über Mechanismen der Entstehung von Strahlenschäden und der Phasenumlagerung in GaAs während der Ionenbestrahlung gewonnen. Seine Arbeitsergebnisse zur Herstellung ionenimplantierter Nickelelektroden für die elektrolytische Wasserstoffgewinnung fanden nach seinem Vortrag im Kurtschatow-Institut für Atomenergie großes Interesse und Eingang in das Allunions-Wasserstoff-Programm. Dieses Programm wurde von einem Staatsausschuss des Ministerrates der UdSSR geführt. Der Leiter des Programms war Akademiemitglied W. A. Legassow. Die von Taschlykow durch Ionenimplantation hergestellten Elektroden zeichneten sich durch eine besonders hohe Korrosionsfestigkeit aus. Die Ergebnisse fanden Eingang in den Schwerpunkt „Entwicklung technischer Vorschriften für die Ionenimplantation von Metallkatalysatoren zur Herstellung korrosionsbeständiger Elektroden für die Elektrolyse von Wasser“; er erhielt dafür fünf Urheberrechtszertifikate. Die Arbeiten brachten nachweisbare ökonomische Effekte. Sie waren auch ein wichtiger Schritt in der wissenschaftlichen Karriere von Taschlykow. Seine wissenschaftliche Arbeit wurde zunehmend von der Lösung organisatorischer Aufgaben begleitet.