Heinrich Ludwig Albrecht Meyer, kurz auch Heinrich Meyer genannt (* 15. Juli 1901 in Jheringsfehn; † 7. Mai 1979 in Leer (Ostfriesland)), war ein deutscher evangelisch-lutherischer Geistlicher und ein führender ostfriesischer Nationalsozialist. Er gehörte zu den Mitbegründern der Niedersächsischen Arbeitsgemeinschaft evangelischer nationalsozialistischer Pfarrer und der Glaubensbewegung Deutsche Christen. In den frühen 1950er Jahren engagierte er sich als Propagandaredner und Kandidat rechtsextremer Parteien. 1957 wurde er Religionslehrer an einer Berufsschule in Herne. 1960 trat er wieder in das geistliche Amt ein, zunächst als Hilfsprediger und ab 1961 als Pfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen. 1969 ging er in den Ruhestand.

Leben und Wirken Heinrich Meyer entstammte einem evangelisch-lutherischen Pfarrhaus. Nach dem Besuch des Leeraner Ubbo-Emmius-Gymnasiums studierte er Evangelische Theologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen, der Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg und der Georg-August-Universität Göttingen.Hillard Delbanco: Artikel Meyer, Heinrich Ludwig Albrecht. In: Martin Tielke (Hrsg.): Biographisches Lexikon für Ostfriesland. Band 2. Verlag Ostfriesische Landschaft, Aurich 1997, S. 239.

Komotau (Böhmen) Seinem ersten theologischen Examen folgte ein achtzehnmonatiges Vikariat beim Gustav-Adolf-Werk, das er in der evangelischen Diaspora in und um Komotau (tschechisch: Chomutov) / Böhmen absolvierte. Die Mitglieder der von Meyer betreuten Gemeinden waren Sudetendeutsche.Hillard Delbanco: Kirchenkampf in Ostfriesland. 1933–1945. 2. Auflage. Verlag Ostfriesische Landschaft, Aurich 1989, S. 20f. Über seine Tätigkeit sowie über die Lage der deutschsprachigen Evangelischen verfasste er einen ausführlichen Bericht, der 1930 in einer Schriftenreihe des Gustav-Adolf-Werkes veröffentlicht wurde.Heinrich Meyer: Evangelisches Christentum im Grenzlande. Bilder und Betrachtungen aus der böhmischen Diaspora. Heft 10 der Schriftenreihe „Allermeist an des Glaubens Genossen.“ Aus der Arbeit und für die Arbeit des Gustav-Adolf-Vereins. Sächsische Verlagsgesellschaft, Leipzig 1930. Sprache und Gedankengänge der „Bilder und Betrachtungen aus der böhmischen Diaspora“ verrieten bereits Meyers völkische und nationalistische Gesinnung sowie sein kirchenpolitisches Programm, das er nur wenig später mit der Bewegung Deutsche Christen durchzusetzen suchte. Danach habe die evangelische Christenheit vor allem nationale und völkische Aufgaben.Hillard Delbanco: Kirchenkampf in Ostfriesland. 1933–1945. 2. Auflage. Verlag Ostfriesische Landschaft, Aurich 1989, S. 20. Die böhmischen Diasporachristen hätten das begriffen; ihre Gemeinden seien gegründet und ihre Kirchen errichtet worden, weil sie es „satt“ gewesen seien, „ihre hohen Nationalgüter durch Volksfeinde verraten und verkauft zu sehen“.Heinrich Meyer: Evangelisches Christentum im Grenzlande. Bilder und Betrachtungen aus der böhmischen Diaspora. Heft 10 der Schriftenreihe „Allermeist an des Glaubens Genossen.“ Aus der Arbeit und für die Arbeit des Gustav-Adolf-Vereins. Sächsische Verlagsgesellschaft, Leipzig 1930, S. 55.

Aurich (Ostfriesland) Am 7. Oktober 1927 trat Meyer als Hilfsgeistlicher der Auricher Lambertikirche in den Dienst der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Zum 1. Dezember 1928 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 109.485).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/27210389 Zum 1. Juni 1929 wurde er auf die dritte Pfarrstelle derselben Gemeinde berufen. Gleich zu Beginn seines Dienstes engagierte er sich für die nationalsozialistischen Ziele und initiierte gemeinsam mit gleichgesinnten Bürgern Aurichs die Gründung einer Ortsgruppe der NSDAP.Hillard Delbanco: Die Evangelisch-lutherische Lamberti-Kirchengemeinde in den Auseinandersetzungen von 1933–1945. In: Herbert Reyer (Hrsg. im Auftrag der Stadt Aurich): Aurich im Nationalsozialismus. Band 69 der Reihe Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands (hrsg. von der Ostfriesischen Landschaft in Verbindung mit dem Niedersächsischen Staatsarchiv in Aurich). Verlag Ostfriesische Landschaft, Aurich 1989, S. 301–338, hier: S. 301f. Sein Einsatz in Aurich sowie sein Redetalent wurde auch in führenden Kreisen der Hitler-Bewegung bekannt. Man berief ihn zum ehrenamtlichen „Gau- und Reichsredner der NSDAP“.Kurt Meyer: Der evangelische Kirchenkampf. Band I. Verlag VEB Niemeyer, Halle 1976 (Lizenzausgabe Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen), S. 390. 1931 gründete Meyer die Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Pfarrer. Sie ging auf eine Initiative des NS-Lehrerbundes zurück, der 1929 als Punkt 7 seiner Zielsetzungen formuliert hatte: „Sammlung aller deutschgesinnten Geistlichen beider Konfessionen in einer Arbeitsgemeinschaft innerhalb des NS-Lehrerbundes unter der großen Überschrift: Erziehung unseres Volkes auf religiös-christlicher Grundlage […]“.Zitiert nach Klaus Scholder: Die Kirchen und das Dritte Reich. Band 1: Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918–1934. Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M. / Berlin / Wien 1977, S. 244.

Meyers politisches Engagement für die nationalsozialistische Bewegung blieb nicht ohne Protest seitens der Kirchen- und Kommunalgemeinde. Mehrfach führten seine Äußerungen zu heftigen Auseinandersetzungen in der Leserbriefrubrik der Ostfriesischen Nachrichten. Der damalige Auricher Bürgermeister Karl Anklam (1863–1961),Zu Anklam siehe die Kurzbiographie Ribnitz-Damgarten.de: Dr. jur. Karl Anklam. der von den Nazis 1934 seines Amtes enthoben wurde, schrieb im April 1932 an seinen Haselünner Kollegen: „Pastor Meyer ist fanatischer Anhänger der Hitler-Partei, dem selbst Christus erster Antisemit und Vertreter des Hakenkreuz-Gedankens ist. Er ist für gläubige Menschen, besonders die Jugend, gefährlich durch die unbedingte Verkündigung der Hitler-Lehre als christliche Offenbarung.“Zitiert nach Hillard Delbanco: Die Evangelisch-lutherische Lamberti-Kirchengemeinde in den Auseinandersetzungen von 1933–1945. In: Herbert Reyer (Hrsg. im Auftrag der Stadt Aurich): Aurich im Nationalsozialismus. Band 69 der Reihe Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands (hrsg. von der Ostfriesischen Landschaft in Verbindung mit dem Niedersächsischen Staatsarchiv in Aurich). Verlag Ostfriesische Landschaft, Aurich 1989, S. 301–338, hier: S. 303. Meyers Einfluss auf junge Menschen wurde auch dadurch begünstigt, dass er sich bei seinem Amtsantritt ausbedungen hatte, für die gesamte kirchliche Jugendarbeit in Aurich zuständig zu sein. Im Rahmen dieses Verantwortungsbereiches gründete er 1931 eine Ortsgruppe des Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM).So lautete der damalige Name. Heute nennt sich die Vereinigung Christlicher Verein junger Menschen. Viele junge Menschen fühlten sich von ihm angezogen und wurden in den späteren innerkirchlichen Auseinandersetzungen seine Gefolgsleute.Hillard Delbanco: Die Evangelisch-lutherische Lamberti-Kirchengemeinde in den Auseinandersetzungen von 1933–1945. In: Herbert Reyer (Hrsg. im Auftrag der Stadt Aurich): Aurich im Nationalsozialismus. Band 69 der Reihe Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands (hrsg. von der Ostfriesischen Landschaft in Verbindung mit dem Niedersächsischen Staatsarchiv in Aurich). Verlag Ostfriesische Landschaft, Aurich 1989, S. 301–338, hier: S. 303.

Im Juni 1932 kam es in Preußen zur Gründung der Glaubensbewegung Deutsche Christen (GDC) (später in Deutsche Christen (DC) umbenannt). Alsbald entwickelte sich aus den Anfängen eine reichsweite kirchenpolitischen Bewegung, deren Ziel es war, dem Nationalsozialismus einen stärkeren Einfluss auf die evangelischen Kirchen zu ermöglichen. Heinrich Meyer gehörte zu ihrem Gründerkreis, der hauptsächlich aus jungen Pastoren bestand.Hillard Delbanco: Artikel Meyer, Heinrich Ludwig Albrecht. In: Martin Tielke (Hrsg.): Biographisches Lexikon für Ostfriesland. Band 2. Verlag Ostfriesische Landschaft, Aurich 1997, S. 240. Seine öffentlichen Äußerungen gingen über die offiziellen Verlautbarungen der GDC hinaus. So schrieb er zum Beispiel 1932: „Für Juden ist kein Platz in Deutschland!“Zitiert nach Hillard Delbanco: Kirchenkampf in Ostfriesland. 1933–1945. 2. Auflage. Verlag Ostfriesische Landschaft, Aurich 1989, S. 24.

Im Juni 1933 wurde durch das Kirchliche Amtsblatt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers mitgeteilt, dass mit Wirkung zum 29. Juni alle Kirchenvorstände, Kirchenkreistage und weitere gewählte oder berufene Mitgliedervertretungen der Landeskirche als aufgelöst gelten. Bis zu einer Neueinrichtung dieser Körperschaften wurden Bevollmächtigte mit den Leitungsaufgaben betraut. Für die Kirchenkreise Aurich, Emden und Norden war dies Heinrich Meyer. Zwei Monate später fanden Neuwahlen zu den Leitungsgremien der genannten Körperschaften statt. Mit Hilfe der NSDAP, die ihre Mitglieder aufforderte, sich in die Wählerlisten einzutragen, gelang es den Deutschen Christen an vielen Orten Ostfrieslands, in die Kirchenvorstände und Kirchenkreistage einzurücken und diese teilweise zu dominieren. Generalsuperintendent Schomerus wurde ebenso wie seine Amtskollegen in der Landeskirche Hannovers seines Amtes entbunden und in den Ruhestand versetzt. Am 26. September 1933 wurde Heinrich Meyer von den neuen Machthabern der Kirche zum kommissarischen Generalsuperintendenten berufen. Am 15. Februar 1934 erließ die Landeskirche Hannovers das „Kirchengesetz betreffend der Landespröbste“. Dieses Gesetz gliederte die Generalsuperintendentur Aurich in die neue Propstei Ostfriesland-Osnabrück mit Dienstsitz des Propstes in Aurich ein. Zum „Landespropst“ dieser neuen regionalen Kircheneinheit berief der DC-dominierte Kirchensenat Pastor Heinrich Meyer.

Allerdings hatte sich im Vorfeld dieser Berufung eine neue Gegenbewegung angekündigt. Der vom Kirchensenat am 15. Mai 1934 beschlossenen Eingliederung der Landeskirche Hannovers in die Deutsche Evangelische Kirche unter Führung des Reichsbischofs Ludwig Müller war die Zustimmung des hannöverschen Landesbischofs August Marahrens versagt worden. Dies führte zur förmlichen Gründung einer Bekenntnisgemeinschaft der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Zu ihr stellten sich auch Pastoren, die anfänglich den Deutschen Christen angehörten oder zumindest mit ihnen sympathisiert hatten. Von 93 ostfriesischen Pastoren bekannten sich 69 zur Bekenntnisgemeinschaft und nur 18 zu den DC. Sechs Geistliche blieben unentschieden. Bis 1945 schrumpfte die Zahl der ostfriesischen DC-Pastoren auf weniger als zehn.Menno Smid: Ostfriesische Kirchengeschichte. Band VI der Reihe Ostfriesland im Schutze des Deiches (hrsg. von Johannes Ohling im Auftrag der Niederemsischen Deichacht und ihrer Rechtsnachfolgerin der Deichacht Krummhörn). Selbstverlag Deichacht Krummhörn, Pewsum 1974, S. 563.

Ende Juni 1934 denunzierte Meyer in einem privaten Schreiben an den Gauleiter Carl Röver acht ostfriesische Pastoren, die der Bekenntnisgemeinschaft angehörten, und verlangte, dass sie „unschädlich gemacht werden“ müssten. Die Gauleitung und auch die anderen führenden Gremien der NSDAP reagierten nicht auf Meyers Einlassungen. Inzwischen hatte sich die NS-Führungsriege darauf verständigt, die Auseinandersetzungen zwischen DC und Bekenntnisgemeinschaft als interne kirchliche Angelegenheit zu betrachten. Dennoch gab Meyer seinen kirchenpolitischen Kampf nicht auf. Als das Oberlandesgericht Celle im März 1935 die Einsetzung der Landespröbste und andere Maßnahmen der Deutschen Christen innerhalb der hannöverschen Landeskirche für rechtsungültig erklärte, forderten die kirchlichen Behörden Heinrich Meyer auf, in sein kirchliches Amt zurückzukehren und die Dritte Pfarrstelle der Auricher Gemeinde wieder zu übernehmen.