mini|Stich von Isidore-Stanislas Helman nach einer Zeichnung von Charles Monnet: Eröffnung der Generalstände am 5. Mai 1789 Der Saal der Generalstände in Versailles () war eine temporäre Konstruktion aus Holz und Leinwand des Architekten Pierre-Adrien Pâris in einer Halle am Stadthaus der „Menus Plaisirs“ an der „Rue des États Généraux“, ehemals „Rue des Chantiers“. Der Gebäudekomplex ist seit 1987 Sitz des Zentrums für Barockmusik, des "Centre de Musique Baroque de Versailles".Centre de Musique Baroque de Versailles mini|hochkant|Der Architekt Pierre-Adrien Pâris, (1745–1819), Musée des Beaux-Arts de Besançon
Der Saal diente als Kulisse für die letzte große Selbst-Inszenierung der absolutistischen, französischen Monarchie während der feierlichen Eröffnung der Generalstände am 5. Mai 1789. Danach war der Saal Schauplatz:
der Gründung der Nationalversammlung am 17. Juni 1789 der Abschaffung der Ständeprivilegien und -pflichten am 4. August 1789 der Verkündung der Menschen- und Bürgerrechte am 26. August 1789
Die letzte Sitzung der Nationalversammlung vor der Umsiedlung nach Paris fand am 15. Oktober 1789 in Versailles statt. Nach Leerstand und Besitzerwechsel wurde der Saal zusammen mit der Halle, in der er errichtet worden war, im Jahr 1802 abgerissen.Pinon 1989, S. 71–73; Le Cicérone de Versailles ou l'Indicateur des curiosités et établissemens de cette ville: Almanach pour l'an 1805, Versailles 1805, S. 138f: "[S. 138] Menus-Plaisirs: vastes Ateliers, dans l'un desquels fut pratiquée la Salle des Etats-généraux, et`où l'Assemblée nationale a tenues ses séances jusqu'au départ du Roi. // [S. 139] Cette salle fut abattue en l'an 10 [1801/1802]".
Allgemeines Die Halle mit dem Saal der Ständeversammlung – in zeitgenössischen Quellen "Hangar" genannt – bedeckte die gesamte Fläche des Gartens vom Stadthaus der "Menus Plaisirs. Die Halle war von 1786 bis Ende 1787 ursprünglich für große Ateliers sowie Lagerräume erbaut worden. Sie war vor der Erweiterung im Jahr 1789 54 m lang und 44 m breit.Zur Halle bzw. zum Hangar vgl. Pinon (1997), S. 385f. Ausgeführter Grundriss-Plan des Saals der Generalstände: Fünfte Fassung, in der Sammlung der Stadtbibliothek Besançon, Carton S IV n° 10; digitalisiert zugänglich unter S. 157 von: http://memoirevive.besancon.fr/?id=recherche&action=search&form_search_facettes=t18&type_affichage=liste; Paris, Archives Nationales, N IV Seine 87.2; digitalisiert zugänglich unter: https://art.rmngp.fr/fr/library/artworks/plan-des-salles-de-reunion-des-etats-generaux-a-l-hotel-des-menus-plaisirs-a-versailles-mai-1789. mini|Portal zum Ehrenhof des Stadthauses der "Menus Plaisirs" an der "Avenue de Paris" in Versailles Das Stadthaus der "Menus Plaisirs" war um 1745 nach dem Muster eines städtischen Adelspalastes ("Hôtel particulier") errichtet worden. Es hat einen Ehrenhof zur "Avenue de Paris" und einen rückwärtigen Garten zur heutigen "Rue des États Généraux", ehemals „Rue des Chantiers“. Seitlich grenzt das Grundstück an die "Rue de l'Assemblée nationale", ehemals "Rue St. Martin". Der Garten liegt mehrere Meter bzw. ein Stockwerk höher als der Ehrenhof. Dieses Stadthaus war seit 1750 eine Zweigstelle der Zentrale der "Menus Plaisirs" in Paris. Außer in Versailles gab es weitere Zweigstellen in Fontainebleau, Compiegne, Choisy und beim heute nicht mehr existierenden Schloss Saint-Hubert (Perray-in-Yvelines).Zu den Zweigestellen der Menu Plaisirs: Pinon 1989, S. 20; Pinon (1997), S. 335f. Zum Hôtel des Menus Plaisirs in Versailles: den entsprechenden Artikel im französischen Wikipedia, Demarié, S. 69–71; Brette, S. 12–19; S. 17: "La différence de niveau existant entre l'avenue de Paris et la rue des Chantiers mettait le premier étage de ces bâtiments au niveau du sol dans la partie voisine de la rue des Chantiers".
Bau Der große Versammlungssaal der Generalstände mit einer Länge von 56 m und einer Breite von 31,5 m wurde ab Anfang März 1789 in zwei Monaten errichtet. Dazu wurden Bau- und Dekor-Elemente zweier Säle der Notabeln-Versammlungen der Jahre 1787 und 1788 verwendet.Brette, S. 19–25; Pinon 1989, S. 31–46; Pinon (1997), S. 389–413. Gearbeitet wurde Tag und Nacht, es gab unter den Arbeitern sechs Verletzte und ein Todesopfer.Brette, S. 26; Pinon 1989, S. 46f; Pinon (1997), S. 406f.
Auch König Ludwig XVI. von Frankreich verletzte sich bei einem Baustellen-Besuch Anfang April 1789 im Brustbereich leicht. Eine Planke eines Baugerüstes im Dachstuhl zerbrach unter ihm. Der König konnte sich jedoch an einem rohen Holz-Pfosten neben ihm festhalten, bis Hilfe kam. Er verletzte sich aber an Splittern dieses Holz-Pfostens leicht.Vgl. Pinon (1997), S. 407. Nach Pinon ereignete sich der Unfall am 4. April 1789. Er beruft sich dabei auf einen Brief vom 4. April 1789, transkribiert und publiziert von M. de Lescure: Correspondance secrète inédite, Paris 1866, Bd. II, S. 342. Laut der Zeitung "Le Courier de l’Escaut, 9 avril 1789", S. 178, ereignete sich der Unfall am 3. April 1789.
Zusätzlich zum großen Versammlungssaal (nebst Zusatzräumen) wurde auf der heutigen "Rue des États Généraux" ein langgestreckter temporärer Bau für eine Galerie errichtet. Im Stadthaus selbst schuf man zwei kleinere Versammlungssäle für den ersten und zweiten Stand (Geistlichkeit und Adel) nebst Zusatzräumen.Brette, S. 12–19; Pinon 1989, S. 46; Pinon (1997), S. 400–406. Der dritte Stand hatte in der endgültigen Ausführung keinen eigenen Versammlungsraum, obwohl ein solcher Saal im vierten bzw. vorletzten Grundriss-Entwurf vorgesehen gewesen war.Brette, S. 38f, Pinon 1989, S. 42, Abb. 36, S. 46; Pinon (1997), S. 405. Vierter Grundriss-Plan des Saals der Generalstände, in der Sammlung der Stadtbibliothek Besançon, Carton S IV n° 9; digitalisiert zugänglich unter S. 157, von: http://memoirevive.besancon.fr/?id=recherche&action=search&form_search_facettes=t18&type_affichage=liste
Die Gesamtkosten für den großen temporären Saal nebst Nebenräumen beliefen sich auf insgesamt 213.871 livres.Pinon 1989, S. 55; Pinon (1997), S. 422.
Architektur mini|Öl auf Leinwand, Louis-Charles-Auguste Couder 1839: Eröffnung der Generalstände am 5. Mai 1789 Errichtet wurde ein Saal mit einem ca. 20 m breiten und ca. 13 m hohen, längsrechteckigen Mittelraum für die knapp 1200 Vertreter der drei Stände. Der mittlere Saal wurde an beiden Längsseiten von ca. 7 m hohen, schmalen Seitenräumen mit Zuschauertribünen flankiert.Pinon 1989, S. 46–48; Pinon (1997), S. 409f.
Insgesamt 26 kannelierte dorische Säulen ohne Basis aus Tannenholz von 7 m Höhe umgaben den Mittelraum:
jeweils eine Reihe von 10 Säulen an den beiden Längsseiten 4 Säulen an der Schmalseite zur „Rue des États Généraux“ 2 Säulen an der gegenüberliegenden Schmalseite, zu Seiten des königlichen Throns.Paris, Archives Nationales C 132 (49), Auflistung der Schreinerarbeiten; daraus paraphrasiert bei Pinon, 1989, S. 47f; in Ausschnitten zitiert bei Pinon, (1997), S. 409f; Vgl. auch Pinon, (1997), S. 402, Anm. 1896: "D'ailleurs, comme nous le verrons, les trois salles mesurent 20m de large (en comptant pour celle des Etats Généraux la largeur entre les colonnes)"; Pinon, (1997), S. 406: "La 'Grande Salle' mesure finalement 56m de longueur par 31m50 de largeur ... l'espace central mesure 20m". In der Kostenaufstellung des Schreiners ist immer wieder explizit von Tannenholz ("bois de sapin") die Rede.
Die Decke des Mittelraumes – ebenfalls aus Tannenholz – war nach den zeitgenössischen Stichen als Spiegelgewölbe gestaltet, mit achteckig kassettierten, gewölbten Seiten.Das Motiv der achteckigen Kassettierung mit ornamentaler Blattfüllung der Gewölbeseiten ist nach Pierre Pinon inspiriert vom Zeichner, Maler und Architekten Charles-Louis Clérisseau (1722–1820) bzw. von dessen um 1760 realisiertem "Ruinenraum" ("Ruined Room", "La Stanza delle Rovine") bzw. "Papageienzimmer" ("Parrot Room", "La Camera del Pappagallo"), einer heute noch existierenden, illusionistisch freskierten Mönchs-Zelle im Kloster Santissima Trinità dei Monti in Rom oberhalb der spanischen Treppe, realisiert für die Mönche Le Sueur und Jacquier, zu dem mehrere Zeichnungen erhalten sind. Vgl. hierzu Pinon 1989, S. 62f; Pinon, (1997), S. 425.
Das Zentrum des flachen Gewölbespiegels (30 m lang und 11 m breit)Paris, Archives Nationales C 132 (60), Auflistung der Malerarbeiten; daraus paraphrasiert bei Pinon, 1989, S. 48f; in Ausschnitten zitiert bei Pinon, (1997), S. 410-413, S. 411: "Grande salle d'assemblée. Le plafond ... contient 93 pieds [30 m] de long sur 33 pieds [11 m] de large". bildete eine große ovale Lichtöffnung. Lichtdurchscheinender weißer Seidentaft verdeckte den Blick in den darüber liegenden Dachstuhl. Für weiteres Licht sorgten halbrunde Fenster an den beiden Gewölbe-Schmalseiten, jeweils auch mit lichtdurchscheinendem weißem Seidentaft verkleidet.Mercure de France, May 1789; Journal Politique de Bruxelles; S. 119–144, bes. S. 123, 132f: "[S. 123] Le lendemain 5, S.M. fit l'ouverture des Etats-Généraux ... nous donnerons une esquisse de la salle ... [S. 133] ... au-dessus s'élève un plafond percé en ovale dans le millieu: le jour principal vient par cet ovale, & est adouci par une espèce de tente en taffetas blanc. Dans les deux extrémités de la salle, on a ménagé deux jours pareils qui suivent la direction de l'entablement & la courbe du plafond".
Den kannelierten dorischen Säulen an den Längsseiten des Saales entsprachen an der rückwärtigen Wand jeweils kannelierte dorische Pilaster, auch diese wiederum aus Tannenholz. Die Wände zwischen den Pilastern öffneten sich im oberen Drittel zu Emporen mit Balustraden. Die unteren Zuschauer-Tribünen an den Längsseiten hatten wohl jeweils sechs ansteigende Sitzreihen, die Logen-artigen Emporen wohl jeweils vier ansteigende Sitzreihen für Zuschauer.Vgl. Entwurfszeichnung von Pierre-Adrien Pâris, erhalten in der Stadtbibliothek Besançon, Carton R I n° 07, digitalisiert zugänglich unter S. 151 von: http://memoirevive.besancon.fr/?id=recherche&action=search&form_search_facettes=t18&type_affichage=liste Zur Anwendung kam bei allen Elementen eine modulare Konstruktion aus vorgefertigten Teilen weitestgehend mit Steckverbindungen mit Nut und Feder.Paris, Archives Nationales C 132 (49), Auflistung der Schreinerarbeiten; in Ausschnitten zitiert bei Pinon, (1997), S. 410: "... assemblées à tenons et mortaises".
Der Fries aus Triglyphen und Metopen des dorischen Gebälks war illusionistisch gemalt, ebenso der Marmor-Reliefschmuck der Metopen. Ebenfalls illusionistisch gemalt waren die achteckigen Kassetten der Gewölbeseiten, die halbkreisförmigen flachen Nischen nebst Reliefschmuck im Zentrum der beiden Gewölbe-Längsseiten und der Reliefschmuck des Gewölbespiegels seitlich der zentralen Lichtöffnung.Paris, Archives Nationales C 132 (60), Auflistung der Malerarbeiten; daraus paraphrasiert bei Pinon 1989, S. 48f; in Ausschnitten zitiert bei Pinon, (1997), S. 410–413, S. 412: "Dans la frise 115 trigliphes avec leurs goutes dans l'architrave [...] 145 livres, dans les métopes 57 branches de chêne formant couronne [...] 142 livres, dans les métopes alternativement avoir peint en bas relief 60 trophées différents en marbre blanc [...] 300 livres". mini|Aquatinta-Radierung von Charles Emmanuel Patas nach einem nicht genannten Zeichner: Eröffnung der Generalstände am 5. Mai 1789