Ivan D. London und Miriam London, auch Ivan Daniel London (1913–1983) und Miriam B. London (1923–2011), waren ein US-amerikanisches Forscherehepaar, das sich die Erforschung der Sozialsysteme der Sowjetunion und der Volksrepublik China (hinfort: VR China) zur Aufgabe gemacht hatte. Beide entstammten russisch-ukrainischen Einwandererfamilien.Familie bei Jblocklyn.com, Abruf am 14. September 2020 Beide wuchsen mehrsprachig auf und begannen ihre akademischen Karrieren mit dem Studium naturwissenschaftlicher Fächer. Die Methoden ihrer Forschung und deren Darstellung im Bereich der Sozialwissenschaften wurden von dieser naturwissenschaftlichen Vorarbeit in besonderer Weise geprägt. Ihre Veröffentlichungen, vor allem diejenigen, welche die VR China betrafen, blieben in den Jahren des Kalten Krieges bzw. des Ost-West-Konflikts nicht unumstritten. Heute könnte deren Charakterisierung als wegweisend schwerlich zurückgewiesen werden.Siehe Abschnitt „Bedeutung“ dieses Artikels
Ivan D. London Leben mini|Ivan D. London um 1975
Ivan D. London (geboren am 8. Januar 1913 in Philadelphia, USA; gestorben am 12. April 1983, Abruf am 5. September 2020 in New York City) sprach als Abkömmling einer russisch-ukrainischen Einwandererfamilie von Hause aus fließend Russisch. Sein Interesse an der Mathematik ebenso wie an der Psychologie veranlasste ihn, auch Deutsch zu lernen. Er erwarb den Grad eines Bachelor of Arts im Jahre 1935 an der Temple University in Philadelphia (USA) im Fach der Mathematik. Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst nahm er das Studium der Psychologie an der Northwestern University in Evanstone und Chicago (Illinois (USA) auf, das er 1945 mit dem Master of Arts abschloss. 1950 erwarb er an der Tulane University in New Orleans (USA) mit einer Arbeit unter dem Titel The convergent and divergent in Systematic Psychology (Das Konvergente und Divergente in der Systematischen Psychologie)Das Manuskript ist nicht veröffentlicht. Siehe aber Ivan D. London: An ideal Equation of Forgetting derived for Overlearning, in: Psychological Review, Januar 1951, Vol. 58, Nr. 1, S. 59, Fußnote 4 (Zusammenfassung und Möglichkeit zum Download und Erste Seite und Möglichkeit zum Download, Abruf am 11. Januar 2021) das Doktordiplom (Ph.D.).Liste der Mitglieder der American Oriental Society im Journal of the American Oriental Society, Vol. 83, Nr. 4 (1963), S. 542, Abruf am 5. September 2020 Im gleichen Jahr nahm er die Stelle eines Wissenschaftlichen Mitarbeiters am Russian Research Center der Harvard-Universität an und arbeitete hier im Rahmen des „Harvard Refugee Interview Project on the Social System of the Soviet Union“ (Harvard Projekt Flüchtlingsinterviews zum Sozialsystem der Sowjetunion) („Harvard Emigre Interview Project“).Siehe , Abruf am 5. September 2020, Abruf am 5. September 2020 Das Projekt finanzierte sich aus Mitteln der amerikanischen Luftwaffe nennt eine Summe von 1 Million US-Dollar für 1951 bis 1953, Abruf am 5. September 2020. und führte eine Reihe von namhaften amerikanischen Sozialwissenschaftlern zusammen, die aufgrund ihrer Sprachkenntnisse aus Interviews mit Flüchtlingen Erkenntnisse über die soziale und wirtschaftliche Realität in der stalinistischen Sowjetunion gewinnen konnten. Während der Tätigkeit in diesem Projekt veröffentlichte London auch unter Angabe der Zugehörigkeit zum Russian Research Center, z. B. Contemporary Psychology in the Soviet Union.Ivan D. London: Contemporary Psychology in the Soviet Union (Zeitgenössische Psychologie in der Sowjetunion), in: Science, 31. August 1951, Vol. 114, No. 2957, S. 227-233 (Zusammenfassung und Möglichkeit zum Herunterladen, Abruf am 23. September 2020) Anfang 1952 nahm Ivan D. London einen Lehrauftrag als Associate Professor am Brooklyn College der City University von New York an, an der er nach seiner Ernennung zum Professor bis zu seinem Tode das Fach Sozialpsychologie vertrat.Angaben bei Carnegiecouncil for Ethics in International Affairs (Carnegie-Rat für Ethik in internationalen Angelegenheiten), Abruf am 5. September 2020„Professor of psychology at Brooklyn College“ nennt ihn am 1. August 1978 die Zeitung Taiwan Today, Abruf am 1. Oktober 2020 1960 erlangte er auch seine Zulassung als praktizierender Psychologe im Staat New York.„Certificate of psychologist in State of New York“, 12. Januar 1960
Am Brooklyn College baute London zusammen mit seiner Frau Miriam London ein Forschungsinstitut für politische Psychologie (Institute of Political Psychology of Brooklyn College) auf, das er leitete.Ivan D. London: De-Stalinization in Soviet Physiology.The rehabilitation of L. A. Orbeli provides an exemple of historical unwriting in Soviet science, in: Science, 5. Oktober 1962, Vol. 138, Nr. 3536, S. 16 (Möglichkeit zum Herunterladen, Abruf am 24. September 2020) Von hier aus stand er auch dem „Inwood Project on Intercultural Communication“ vor,Siehe , Abruf am 20. September 2020 in dem weitere Wissenschaftler mitarbeiteten wie Oleg Anisimov, Herbert H. Paper, Gordon E. Peterson, Nikolai P. Poltoratzky (1921–1990)Ivan D. London und Nikolai P. Poltoratzky: Contemporary Religious Sentiment in the Soviet Union, in: Psychological Reports, 1957, 3, S. 113 (Möglichkeit zum Herunterladen, Abruf am 23. September 2020); Daten über Poltoratzky bei Worldcat, Abruf am 6. September 2020 und Über Polotoratzky bei Middlebury College, Language School Bulletin, 1958, S. 39, Abruf am 19. September 2020 und Avery D. Weisman.Über die Mitwirkenden siehe Bericht in: Behavioral Science, Journal of the Society for General Systems Research, 1958, S. 292, Abruf am 20. September 2020 Das Ehepaar setzte im Rahmen dieses Projekts zunächst die Forschungsarbeit mit Flüchtlingen aus der Sowjetunion fort. Besonderes Gewicht lag dabei auf der Untersuchung der Lage der Psychologie und der Arbeitsweise psychiatrischer Kliniken in der Sowjetunion. Ivan D. London berichtete hierüber in einer Reihe von Publikationen, A historical survey of psychology in the Soviet Union,Ivan D. London: A historical survey of psychology in the Soviet Union, in: Psychological Bulletin, Vol. 46, 1949, S. 241 – 277. (Zusammenfassung und Möglichkeit zum Herunterladen, Abruf am 23. September 2020)Der Aufsatz erschien auf Deutsch: Ivan D. London: Die Psychologie in der Sowjetunion. Ein historischer Überblick. in: Psyche, herausgegeben von Hans Kunz und Alexander Mitscherlich, Heidelberg, IV. Jg. Heft 9, 1950, S. 161–189. Soviet psychology and psychiatry,Ivan D. London: Soviet psychology and psychiatry (Sowjetische Psychologie und Psychiatrie), in: Bulletin of the Atomic Scientists, Vol. VIII, 152, 1953, S. 70–73. (Zusammenfassung und Möglichkeit zum Herunterladen, Abruf am 23. September 2020) Therapy in Soviet psychiatric hospitals.Ivan D. London: Therapy in Soviet psychiatric hospitals (Therapie in sowjetischen Krankenhäusern), in: The American Psychologist, 1953, Vol. 8, No. 2, S. 79–82. (Zusammenfassung und Möglichkeit zum Herunterladen, Abruf am 23. September 2020)
Im Zuge der Entstalinisierung der Sowjetunion in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre gelang es Ivan D. London, mit vielen seiner sowjetischen Kollegen auch persönlich in Kontakt zu treten, so dass er bald zu den besten amerikanischen Kennern der Sowjetpsychologie zählte.
Ab 1963 wandten sich die Londons der Untersuchung der sozialen Verhältnisse in der VR China zu. Auch hier dienten Interviews mit einer möglichst großen Zahl von Flüchtlingen aus möglichst allen Bevölkerungsschichten als primärer Zugang zu ihrem Forschungsgegenstand. Mit der Unterstützung durch verschiedene private Stiftungen, u. a. der Smith Richardson Foundation,Siehe Beschreibung der Smith-Richardson-Stiftung in der englischsprachigen Wikipedia wurde es ihnen möglich, solche Interviews im chinesischen Raum, hauptsächlich in Taiwan und Hongkong, mehr als ein Dutzend Jahre lang durchzuführen.Redaktionelle Mitteilung in: Miriam und Ivan D. London: Christ in China, in: Worldview, Volume 21, No. 4, April 1978, S. 19 (Link zum Digitalisat bei Carnegiecounsel.org, Abruf am 13. September 2020)
Am Brooklyn College bestand unter dem Direktorat von Ivan D. London das Center for the Study of World Psychologies, in dem auch Miriam B. London und Wu Ping-ChungBericht bei der English Learning Teaching Website über Wu Ping-chung Huai-nien ying-yü ming-shih Wu Ping-chung chiao-shou - Commemorating the famous master of the English language Professor Wu Ping-chung (Erinnerung an den berühmten Meister der englischen Sprache Professor Wu Ping-chung), Abruf am 7. Juli 2020. als Forscher tätig waren. In einem Bericht des Außenministeriums der Vereinigten Staaten von 1968 werden die interdisziplinären Studien, die Schwerpunkte auf Sowjetunion und China, die Gastwissenschaftler, die Bibliothek sowie Veröffentlichungen und Planungen für weitere Publikationen hervorgehoben.United States. Department of State: University Centers of Foreign Affairs Research. A selective Directory, Compiled by the Office of External Research, Washington April 1968, S. 4 (Link zum Digitalisat, Abruf am 24. September 2020)
Methodologie und Arbeitsmethoden Der Ruf nach einem Paradigmenwechsel in der Sozialwissenschaft In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzten sich viele in der Forschung arbeitende Psychologen für eine verstärkte Verwissenschaftlichung ihrer Disziplin durch die Übernahme von Konzepten und Methoden aus der herkömmlichen Physik ein.Sigmund Koch (Hrsg.): Psychology: A Study of a Science (Psychologie: eine Wissenschaftsstudie), 6 Volumes, McGraw Hill Book Company, New York 1963 Gleichzeitig bemühten sich zahlreiche Vertreter dieser herkömmlichen Physik darum, ihre Verfahrensweisen mit den Entdeckungen der Quantenmechanik zu versöhnen. London vertrat als erster Psychologe die Auffassung, auch seine Disziplin könne von einer entsprechenden Revision ihrer Konzepte und Methoden profitieren.Schriftliche Mitteilung von Warren Thorngate an den Verfasser. Zu Thorngate siehe auch Thorngates Postulat der angemessenen Komplexität
Während seines Studiums hatte London sich von den Schriften Werner Heisenbergs (1901–1976) zur Quantenmechanik faszinieren lassen, die er im deutschen Original lesen konnte. In seiner Publikation Psychology and Heisenberg’s Principle of IndeterminacyIvan D. London: Psychology and Heisenberg’s Principle of Indeterminacy (Die Psychologie und Heisenbergs Prinzip der Unbestimmtheit), in: Psychological Review, Vol. 52, No. 3, May 1945, S. 162–168. Siehe Zusammenfassung und Möglichkeit zum Herunterladen, Abruf am 19. September 2020 setzte er sich mit Heisenbergs Erkenntnissen und ihrer Relevanz für die Psychologie auseinander. Eine weitere Anregung, die für sein methodologisches Lebenswerk grundlegend werden sollte, entnahm er der berühmt gewordenen Rede, die Irving Langmuir (1881–1957), der 1931 den Nobelpreis für Chemie erhalten hatte, als Präsident der American Association for the Advancement of Science im Jahr 1943 hielt. Langmuir argumentierte darin, dass die Unterscheidung zwischen der traditionellen und der Quantenphysik eine Entsprechung in vielen Bereichen der Natur jenseits der Physik habe. Dazu gehörten alle Bereiche, denen „konvergente und divergente“ Erscheinungen innewohnten.
Irving Langmuir führte in seiner Rede im Jahr 1943 aus: