mini|Ort der Ausstellung: Gebäude der Wiener Secession Entwicklung des Impressionismus in Malerei und Plastik war der Titel der 16. Ausstellung der Wiener Secession, die vom 17. Jänner bis 28. Februar 1903 stattfand. Die Schau präsentierte Arbeiten internationaler Künstler und bot in Österreich-Ungarn den bis dahin umfangreichsten Überblick von Werken des Impressionismus, des Spätimpressionismus, des Pointillismus, der Werke der Nabis und des Symbolismus. Die Ausstellung trug zur Etablierung dieser neueren Kunst bei und wirkte nachhaltig auf das Schaffen mehrerer zeitgenössischer Künstler.

Vorgeschichte Die Ausstellung von 1903 war nicht die erste Gelegenheit, in Wien neuere Kunst aus dem Ausland zu sehen. Die Wiener Secession, eine Vereinigung von österreichischen Künstlern, war seit der Gründung 1897 bestrebt, dem Publikum neue Tendenzen der künstlerischen Entwicklung vorzustellen. Sie verstand sich dabei als Gegenpol zur konservativen Künstlervereinigung im Künstlerhaus. Ab 1898 zeigte die Secession im eigenen Gebäude eine Reihe von Ausstellungen mit Werken zeitgenössischer Künstler, darunter auch mehrere Schauen mit internationaler Beteiligung. Bereits in der ersten Ausstellung waren eine Reihe von französischen Künstlern vertreten. Hierzu gehörten die eher dem Symbolismus zugeordneten Maler Eugène Carrière, Henri Martin, Pierre Puvis de Chavannes, Jean-François Raffaëlli und der Bildhauer Auguste Rodin.Agnes Husslein-Arco: Wien - Paris : Van Gogh, Cézanne und Österreichs Moderne 1880-1960, S. 12. Weiterhin zeigte die Secession 1900 in der 5. Ausstellung Grafiken von Pierre-Auguste Renoir, Camille Pissarro und Henri de Toulouse-Lautrec und im selben Jahr waren in der 7. Ausstellung Gemälde des Spätimpressionisten Paul Signac zu sehen. Es folgten 1901 in der 8. Ausstellung drei Arbeiten von Edgar Degas und in der 9. Ausstellung der Secession erneut eine Reihe von Skulpturen von Auguste Rodin. Neben dem Ziel, dem Publikum die Künstler und ihre Werke vorzustellen, waren die Ausstellungen auch immer als Verkaufsschauen gedacht.

Organisation und Konzeption Die Organisation der Ausstellung oblag dem Arbeitsausschuss der Wiener Secession, in dessen Namen auch das Vorwort im Katalog verfasst war. Dem Arbeitsausschuss gehörten die Maler Wilhelm Bernatzik, Friedrich König, Anton Nowak und Hans Tichy, der Bildhauer Othmar Schimkowitz sowie die Architekten Leopold Bauer und Jože Plečnik an.Vereinigung Bildender Künstler Österreichs Secession: Entwicklung des Impressionismus in Malerei und Plastik, S. 20. Bernatzik war zudem Präsident der Secession. Er war im Vorfeld der Ausstellung nach Amsterdam, Den Haag, Brüssel und Paris gereist, um direkt mit möglichen Leihgebern zu verhandeln. Zu den im Katalog namentlich genannten Sammlern gehörten beispielsweise der Pariser Zahnarzt George Viau und der Maler Ignacio Zuloaga aus Sevilla. Nicht zuletzt war der Pariser Kunsthändler Paul Durand-Ruel durch seine Leihgaben maßgeblich beteiligt. Er sandte von den insgesamt 259 im Katalog verzeichneten Werken allein 33 Bilder zur Ausstellung nach Wien.Agnes Husslein-Arco: Wien - Paris : Van Gogh, Cézanne und Österreichs Moderne 1880-1960, S. 213. Hinzu kamen einige ältere Werke aus der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste. Zur Hängung der Bilder merkte der Kunstkritiker Emil Heilbut in der Berliner Zeitschrift Kunst und Künstler an: „Die Ausstellung ist wunderbar angeordnet, die schönste Verteilung der Gemälde hat stattgefunden, ohne Überfüllung – die Impressionisten gewähren einen Anblick wie bisher nirgends auf irgend einer Ausstellung in Europa“.Emil Heilbut: Die Impressionistenausstellung der Wiener Secession, S. 170.

Laut Katalogvorwort sollte die Ausstellung „die Entwicklung des Impressionismus in Malerei und Plastik zur Anschauung bringen“.Vereinigung Bildender Künstler Österreichs Secession: Entwicklung des Impressionismus in Malerei und Plastik, S. 14. Daran schließt sich die Erläuterung an, Impressionismus sei „jene große Bewegung, welche unsere jüngste künstlerische Vergangenheit so ausschließlich beherrscht hat“. Die folgende Behauptung „Heute ist Impressionismus etwas Selbstverständliches – Historisches“ war in dieser Absolutheit jedoch keine Tatsache, sondern eher ein Wunsch. Noch Jahre später kam es bei Museumsankäufen von Kunstwerken des Impressionismus und der direkt anschließenden Kunstströmungen wiederholt zu Kontroversen, so etwa 1911 beim Bremer Künstlerstreit. Das Verdienst der Wiener Ausstellung von 1903 war hingegen die historische Einordnung des Impressionismus und der entsprechende Blick auf Vorläufer. Im Katalogvorwort heißt es hierzu: „Was man Impressionismus nennt, hat es zu jeder Zeit gegeben“.Vereinigung Bildender Künstler Österreichs Secession: Entwicklung des Impressionismus in Malerei und Plastik, S. 16. Dabei wurden Verweise zurück bis zur Gotik und Renaissance gezogen.Vereinigung Bildender Künstler Österreichs Secession: Entwicklung des Impressionismus in Malerei und Plastik, S. 16. Rückblickend war die Ausstellung Entwicklung des Impressionismus in Malerei und Plastik „die erste didaktisch konzipierte Präsentation dieser Stilrichtung in Österreich“.Alexandra Caruso, Anneliese Schallmeiner: Getrennt und gemeinsam: Die sammelnden Brüder Gottfried und Hermann Eissler in Eva Blimlinger: Die Praxis des Sammelns: Personen und Institutionen im Fokus der Provenienzforschung, S. 121. Das Gesamtkonzept beruhte im Wesentlichen auf die Mitarbeit des Kunsthistorikers Richard Muther und des Kunstkritikers Julius Meier-Graefe. Beide hatten sich in ihren Schriften bereits zuvor für den Impressionismus eingesetzt.

Gliederung Die Gliederung der Ausstellung lässt sich mit Hilfe des Ausstellungskataloges nachvollziehen. Hierin sind alle Künstler und ihre einzelnen Werke gelistet. Anhand des Ausstellungskatalogs können jedoch nicht alle Arbeiten zweifelsfrei identifiziert werden, da die Werktitel nicht immer eindeutig sind und der Katalog ohne Abbildungen erschien. Darüber hinaus gibt es zeitgenössische Presseberichte, die Fotos von Teilbereichen der Ausstellung zeigen. Das vorhandene Fotomaterial gibt die Ausstellung allerdings nur ausschnitthaft wieder.

Der Katalog zur Ausstellung gliedert sich in die fünf Bereiche Anfänge und Entwicklung, Der Impressionismus, Der Ausbau des Impressionismus, Japanische Kunst und Übergänge zum Stil. Diese Bezeichnungen ordnen die dort gezeigten Kunstwerke teilweise sehr vage ein. Aus kunstgeschichtlicher Sicht lassen sich die ausgestellten Werke beispielsweise dem Spätimpressionismus, dem Pointilismus, dem Symbolismus oder den Nabis zuordnen, was so in der Ausstellungsgliederung nicht ablesbar ist. Ebenso problematisch ist die Zuordnung der umfangreichen Präsentation von Skulpturen, deren Schöpfer keinen direkten Bezug zum Impressionismus haben. Die Schau in der Wiener Secession zeigte vor allem Skulpturen von Zeitgenossen der impressionistischen Maler, ohne das hier im Einzelfall eine entsprechende künstlerische Einordnung nachvollziehbar wäre.

Anfänge und Entwicklung / Japanische Kunst Der Bereich Anfänge und Entwicklung war als didaktische Einleitung gedacht. Der Impressionismus sollte nicht als etwas vollkommen Neuartiges, sondern als die Fortsetzung verschiedener aus der Kunstgeschichte bekannter Ansätze gezeigt werden. Hierzu wurden Gemälde von Domenico Tintoretto, Peter Paul Rubens, Jan Vermeer, El Greco, Diego Velázquez, Juan Carreño, Francisco de Goya, Eugène Delacroix, Camille Corot, Honoré Daumier und Adolphe Monticelli ausgesucht. Einige der genannten Künstler gelten bis in die Gegenwart als wichtige Impulsgeber für den Impressionismus. Andere Künstler wie Juan Carreño wirken hingegen wie zufällig ausgewählt. Möglicherweise war dessen Gemälde Die Gründung des Trinitarierordens mit der Primiz des heiligen Johannes von Martha aus der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien für die Ausstellung leicht verfügbar. Ein Höhepunkt dieses Abschnitts war Vermeers Das Atelier des Malers (heute bekannt als Die Malkunst), das seinerzeit aus dem Privatbesitz des Grafen Czernin kam und sich nunmehr im Besitz des Kunsthistorischen Museums befindet. In der getroffenen Auswahl der Vorläufer fallen jedoch auch einige Lücken auf. So fehlten an älterer Kunst beispielsweise Werke der für den Impressionismus häufig als Vorbilder angeführten Maler Rembrandt van Rijn und Frans Hals, bei den Vorläufern aus dem 19. Jahrhundert hätten Arbeiten von Gustave Courbet oder William Turner eine sinnvolle Ergänzung ergeben. Die Abteilung Anfänge und Entwicklung präsentierte darüber hinaus Skulpturen von Jean-Jacques Caffieri, Jean-Antoine Houdon und François Rude. In einer eigenen Abteilung Japanische Kunst präsentierte die Ausstellung Werke von Ukiyo-e-Künstlern, die ebenfalls als Vorläufer des Impressionismus gelten. Zu sehen waren hier Farbholzschnitte von Torii Kiyonaga, Hosoda Eishi, Chōkōsai Eishō, Utagawa Toyokuni, Kitagawa Utamaro, Katsushika Hokusai und Utagawa Hiroshige.

Der Impressionismus Im Abschnitt Der Impressionismus waren die Hauptvertreter dieser Stilrichtung mit mehreren Werken vertreten. Alle hier gezeigten Werke standen zum Verkauf. Von Édouard Manet gab es neun Bilder in der Schau, darunter mit dem Bildnis der Eva Gonzalès (heute Dublin City Gallery The Hugh Lane und National Gallery, London)Angaben zum Gemälde Bildnis der Eva Gonzalès auf der Internetseite der National Gallery eines seiner Hauptwerke. Hinzu kamen seine durch spanische Malerei beeinflussten Frühwerke Das Spanische Ballet (heute Phillips Collection, Washington D.C.) und Stierkampf (heute Musée d’Orsay, Paris) sowie Arbeiten des Spätwerks wie Landhaus in Bellevue (heute Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich), Gartenallee in Rueil (heute Kunstmuseum Bern), Studie zu Bar in den Folies Bergère und Bildnis Constantin Guys (beide Privatsammlung). Von Claude Monet konnten die Besucher acht Bilder sehen. Hierzu gehörte die heute im Puschkin-Museum befindliche Variante seines Motivs Das Frühstück im Grünen und verschiedene Landschaftsbilder, etwa die Gemälde Frühling (heute Johannesburg Art Gallery) und Stürmisches Wetter, Étretat (heute National Gallery of Victoria, Melbourne) Angaben zum Gemälde Stürmisches Wetter, Étretat auf der Internetseite der National Gallery of Victoria. Weiterhin gab es von Monet die Porträts Frau Paul (heute Fogg Art Museum, Cambridge, Ma.) und Herr Paul (heute als Der Koch betitelt, Österreichische Galerie Belvedere). Auch von Pierre-Auguste Renoir konnte eine hochwertige Auswahl gezeigt werden. Unter seinen sechs ausgestellten Bildern befanden sich Werke wie Die Loge (heute Courtauld Institute of Art, London), Tänzerin (heute National Gallery of Art, Washington D.C.), Bildnis Jeanne Durand-Ruel (heute Barnes Foundation, Philadelphia) und La Grenouillère (heute Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur). Von Edgar Degas gab es in der Ausstellung eine Büglerin, einen Frauenkopf, ein Motiv Im Cafe-Concert und drei Darstellungen von Tänzerinnen, darunter das Bild Tänzerinnen in Rosa (heute Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen).Angaben zum Gemälde Tänzerinnen in Rosa auf der Internetseite der Ny Carlsberg Glyptothek