mini|Titelblatt des Erstdrucks von Die Doppeltgänger (1822) in dem Almanach Feierstunden Die Doppeltgänger ist eine Erzählung von E. T. A. Hoffmann. Sie entstand Ende Juni oder Anfang Juli 1821 und wurde im Herbst desselben Jahres im Almanach Feierstunden mit einer Vordatierung auf das Jahr 1822 veröffentlicht.
Die Erzählung war ursprünglich als Teil des fragmentarisch gebliebenen Romans des Freiherrn von Vieren konzipiert, den Hoffmann mit Adelbert von Chamisso, Julius Eduard Hitzig und Karl Wilhelm Salice-Contessa plante.
Während der Doppelgänger in anderen Texten Hoffmanns als Mittel zur Darstellung psychologischer Verwirrungszustände oder als atmosphärisches Beiwerk dient, stehen in der Erzählung das Phänomen selbst und die Frage im Mittelpunkt, was es für zwei junge Männer bedeutet, mit einem Ebenbild konfrontiert zu sein.
In der Literaturwissenschaft zählten Die Doppeltgänger lange Zeit zu den am wenigsten geschätzten und nicht selten schroff abgelehnten Werken Hoffmanns. Die überwiegend negativen Bewertungen wurden in der Forschung allerdings teilweise korrigiert.
Inhalt mini|Luzern, von Nordwesten (Gütsch), zwischen 1820 und 1825 Deodatus Schwendy wird von seinem Vater Amadeus Schwendy von einem Landhaus bei Luzern in der Schweiz nach Hohenflüh, einer Stadt im Fürstentum Reitlingen, geschickt. An diesem Ort „sollte sich seine Zukunft entscheiden durch ein wunderbares Ereignis, das ihm der Vater in dunklen geheimnisvollen Worten verkündet“ hatte. Dort angekommen kehrt er im Wirtshaus zum Goldenen Bock ein und wird mehrmals für den Porträtmaler George Haberland gehalten. Auch der Freund Georges, der Kupferstecher Berthold, hält ihn für diesen. Deodatus klärt den Irrtum nicht auf und gibt sich schließlich als George aus, da er glaubt, er müsse sich allem hingeben, „was die dunkle Macht über ihn beschlossen“ hat. Am Abend gibt eine alte Zigeunerin, die im Wirtshaus zum Goldenen Bock Weissagungen verkündet, eine Vorstellung, an der Deodatus teilnimmt. Er beobachtet, wie sie sich vor seinen Augen in eine junge Frau verwandelt, woraufhin er unvermittelt den Namen Natalie ruft.
Deodatus erhält später eine schriftliche Drohung des ihm unbekannten Grafen Hektor von Zelies mit der Warnung, die Stadt Hohenflüh zu verlassen, woraufhin sich dieser mit geladenen Pistolen bewaffnet und sich nicht vertreiben lässt. Kurz darauf tritt die alte Zigeunerin an ihn heran und fordert ihn auf, Natalie zu retten. Gemeinsam fahren sie in einen Wald. Dort begegnet er einer ihm unbekannten männlichen Gestalt, deren Stimme der seinen gleicht. Wie sich später herausstellt, handelt es sich um George. Während dieser an seiner Stelle mit der Zigeunerin weiterfährt, wird Deodatus angeschossen und bewusstlos von Förstern aufgefunden. Parallel wird Georges Geschichte erzählt. Er hatte sich bei einer Porträtsitzung in Natalie, die Tochter des Grafen Hektor von Zelies, verliebt. Ihr Vater verhinderte die Verbindung, indem er mit ihr fortging. Auf die Anweisungen der Zigeunerin hin versucht George, Natalie wiederzufinden. Als sein Freund Berthold ihn später trifft, berichtet George von einem Doppelgänger, gemeint ist Deodatus, den er nicht gesehen hat, der ihm jedoch sein Leben und Natalie nehmen wolle.
Nach seiner Genesung wird Deodatus zum Fürsten Remigius nach Sonsitz gebracht, der sich nach seinen Lebensumständen erkundigt. Er darf wegen seiner Verwundung zunächst auf dessen Landsitz bleiben. Nachts beobachtet er von dort aus, wie im verlassenen Schloss gegenüber ein Licht erscheint, dessen Ursache er zunächst nicht kennt. Zugleich erfährt er von den Konflikten innerhalb des Fürstenhauses. Remigius hatte seine Frau, Fürstin Angela, und seinen Sohn auf ein fernes und ödes Grenzschloss fortgeschickt, weil er sie des Ehebruchs mit Graf von Törny verdächtigte, dessen Gesichtszüge denen des Sohnes ähnelten. Tatsächlich hatte die Fürstin den Grafen nicht betrogen, sondern „nur der Geist hatte gesündigt“. Sie floh zu den Zigeunern und wurde zu jener alten, weissagenden Zigeunerin, auf die Deodatus zu Beginn der Erzählung traf. Zugleich erweist sich Graf Hektor von Zelies als Fürst Isidor, der jüngere Bruder des Fürsten Remigius, der den Verdacht des Ehebruchs gegen die Fürstin Angela erhoben hatte. Nach seiner Verbannung vom Fürstenhof nahm Fürst Isidor den Namen Graf von Zelies an, änderte sein Äußeres, und versteckte sich in dem verlassenen Schloss, um auf den Tod des Fürsten Remigius zu warten und dessen Nachfolge anzutreten.
Als Deodatus später bei Nacht das verlassene Schloss erkunden will, in dem sich Fürst Isidor versteckt, begegnet er erstmals Natalie, die er zuvor nicht kannte und die ihm bislang nur als Traumvision erschienen ist. Aufgrund seiner äußerlichen Ähnlichkeit mit George hält sie ihn für ihren Geliebten. Er gesteht ihr seine Liebe und erklärt ihr, dass er nicht George sei, doch Natalie hält ihn weiterhin für ihren Geliebten. Beide werden von sich nahenden Schritten gestört, sodass Deodatus aus dem Schloss flieht. Kurz darauf stirbt Fürst Remigius, woraufhin Fürst Isidor seine Tarnung als Graf von Zelies aufgibt und erscheint, um die Herrschaft übernehmen zu wollen.mini|Genealogie der Doppeltgänger
Im weiteren Verlauf klären sich die familiären und genealogischen Zusammenhänge. Deodatus wird als rechtmäßiger Sohn des Fürsten Remigius und damit als Thronfolger erkannt. Zugleich stellt sich heraus, dass Graf von Törny unter dem Namen Amadeus Schwendy gelebt hatte und Georges Vater ist. Die inzwischen von den Zigeunern zurückgekehrte Fürstin Angela erscheint mit einem Jüngling, der Deodatus vollkommen gleicht und sich als George erweist. Es wird bekannt, dass Graf Törny einst seinen Sohn George mit Deodatus vertauscht hatte, um den rechtmäßigen Thronfolger vor Isidor zu schützen. Während er Deodatus unter dem Namen Deodatus Schwendy erzog, wuchs George bei der Fürstin und den Zigeunern auf. Dadurch sind die beiden jungen Männer zu den titelgebenden Doppelgängern geworden.
Den Höhepunkt der Erzählung bildet die Begegnung der beiden Doppelgänger mit Natalie, die aufgrund ihrer Ähnlichkeit nicht unterscheiden kann, welcher von beiden ihr Geliebter George ist. Sie fordert beide zur Entsagung auf. Daraufhin erkennen sie ihre brüderliche Verbundenheit, verzichten auf Natalie und versöhnen sich. Natalie zieht sich in ein Frauenstift zurück, dessen Äbtissin sie wird. Deodatus bereitet sich auf die Nachfolge als Fürst vor. George erkennt in Natalie nunmehr ein künstlerisches Ideal und wendet sich wieder seiner Malerei zu. Obwohl er inzwischen von seiner Abstammung als Sohn Graf Törnys weiß, bleibt er Porträtmaler und verlässt gemeinsam mit Berthold Hohenflüh, um nach Italien zu reisen.
Form
Aufbau Die Erzählung besteht aus insgesamt acht Kapiteln mit je zwei, drei oder vier Szenen, die mit der Nummerierung der Kapitel betitelt sind. Der Aufbau entspricht Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre, der acht Bücher umfasst.
Die Erzählung weist einen für zahlreiche Werke Hoffmanns charakteristischen Aufbau auf. Sie setzt mit einem spannenden Geschehen und Verwechslungssituationen ein. Im weiteren Verlauf werden die zunächst dargebotenen Bruchteile der Vorgeschichte durch geheimnisvolle Bemerkungen eher verschleiert als aufgeklärt. Erst gegen Ende werden die Zusammenhänge der Vorgeschichte mitgeteilt und die genealogischen Verflechtungen entwirrt.
Eine Besonderheit stellt die verschachtelte Chronologie der Erzählung dar. Auf das erste Kapitel folgt nicht dessen chronologische Fortsetzung, sondern zunächst die Vorgeschichte des Fürsten Remigius und die Geschichte von Georges Liebe zu Natalie. Erst das vierte Kapitel knüpft an die Handlung des ersten Kapitels an. Die dadurch zunächst ausgesparten Zusammenhänge werden im weiteren Verlauf schrittweise erschlossen. Durch die verschachtelte Chronologie will der Erzähler das Interesse des Lesers wecken und ihm zugleich vorführen, dass und wie er ihn spannen und lenken kann.
Mit dem im siebten Kapitel durch den Tod des Fürsten Remigius aufgedeckten genealogischen Zusammenhang zwischen den Figuren werden im achten und letzten Kapitel die zuvor aufgebauten Verwicklungen zunehmend komisch aufgelöst. So ist Natalie mit dem Doppelbild ihres Geliebten überfordert und fordert beide dazu auf, ihrer Liebe zu entsagen. Diesem Verlangen kommen sie in einer pathetisch inszenierten Versöhnung nach.
Erzählweise Das erste Kapitel wird überwiegend aus der Perspektive Deodatus Schwendys fokalisiert. Mit der vermeintlichen Ermordung von Deodadus am Ende des Kapitels wechselt der Perspektivträger. Das zweite Kapitel setzt mit einer direkten Leseransprache ein. Der Erzähler gibt dabei erstmals Hinweise auf die Hintergründe der düsteren Vorgänge am Fürstenhof, um das weitere Geschehen über Fürst Remigius zu fokalisieren. Die kalkulierten Unterbrechungen eines Handlungsstrangs, um einen anderen zu erzählen, erinnern nach Annemarie Opp an die Erzähltechnik des Interlacement, die mit den Artusromanen entwickelt wurde.
Im dritten Kapitel wechselt ebenfalls der Perspektivträger. Hier wird die zentrale Szene im Marionettentheater durch Georges Freund Berthold vermittelt. Zugleich enthält das Kapitel mit der eingelassenen Geschichte von Georges Liebe zu Natalie eine für die Gesamterzählung bedeutsame Binnenerzählung. Deren Handlungsmuster, in dem sich der Maler George in das von ihm porträtierte Mädchen verliebt und dessen Vater, Fürst Isidor, die Verbindung verhindern will, reflektiert George selbstironisch: „Die Geschichte dieser Liebe – sie ist so einfältig, so abgedroschen, daß du sie in jedem abgeschmackten Roman nachlesen kannst.“ Nach dem Germanisten Christoph Kleinschmidt ist diese ironische Selbstreflexion „ein deutlicher Hinweis“ darauf, dass sich die Erzählung als Ganze parodiert, da sie die Liebesgeschichte in der Rahmenerzählung fortführt und damit eine negative Lesart vorwegnimmt und entkräftet.
Im fünften Kapitel fällt eine für die Erzählung ausführliche epische Beschreibung der Umgebung auf. Die damit verbundene stilistische Variation macht nach Christoph Kleinschmidt diese als „Versatzstück erzählerischer Souveränität“ kenntlich.
Das Nacheinandererzählen parallel verlaufender Handlungsstränge, die zunächst überwiegend variabel intern fokalisiert werden, verleiht der Erzählung eine multiperspektivische Struktur. Im weiteren Verlauf dominiert jedoch zunehmend eine Nullfokalisierung, bei der der Erzähler wiederholt kommentierend eingreift und sein Wissen nur schrittweise offenlegt.
Interpretation
Figuren
Deodatus Schwendy Die Erzählung führt zunächst Deodatus ein, ehe George Haberland erwähnt wird. Später stellt sich heraus, dass Deodatus der Sohn des Fürsten Remigius ist und von Amadeus Schwendy, hinter dem sich Graf von Törny verbirgt, aufgezogen wurde, um den künftigen Thronerben vor den Machenschaften Fürst Isidors zu schützen.
Deodatus’ Selbstbewusstsein erweist sich von Anfang an als vergleichsweise labil, da bereits harmlose Verwechslungen ihn so stark verunsichern, dass er eher an der eigenen Identität zweifelt, als ein klärendes Wort zu sprechen. So erkennt er in dem Doppelgänger George nicht die Erfüllung der väterlichen Verheißung, sondern betrachtet ihn vielmehr als Bedrohung der angekündigten positiven Entwicklungen. In der Erzählung heißt hierzu: Deodatus erschien es gewiss, dass „jenes Geheimnis, von dem der Vater in dunklen Worten gesprochen, sich zu enthüllen begann, daß aber irgend ein feindliches Wesen, wer konnte es anders sein, als der Maler George Haberland, der ihm so durchaus ähnlich, daß er überall mit ihm verwechselt worden.“