Zwei Menschen () oder Die Einsamen (norwegisch De ensomme) ist ein Bildmotiv des norwegischen Malers Edvard Munch, das er in den Jahren 1892, 1894 und 1899 in einem Gemälde, einer Radierung und einem Holzschnitt gestaltete. Es zeigt eine Frau und einen Mann in Rückenansicht am Strand. Die Beziehung der beiden Figuren wird als erotische Spannung zwischen den Geschlechtern, aber auch als Ausdruck von Distanz und Einsamkeit interpretiert. Die vereinfachte Darstellung ist am Synthetismus orientiert. 1901 wurde das Gemälde durch eine Explosion zerstört. In der Folge malte Munch 1905, 1906/07 und 1933–35 drei weitere Fassungen des Motivs.
Bildbeschreibung
Die Komposition von Zwei Menschen. Die Einsamen zeichnet sich laut Arne Eggum durch ihre Einfachheit aus. Eine in hellem Weiß gekleidete Frau mit langen, blonden Haaren steht in Rückenansicht am Strand und blickt hinaus aufs Meer. Sie wirkt dabei „wie eine Lichtsäule“. Nicht weit entfernt von ihr steht eine zweite Rückenfigur, ein Mann im dunklen Anzug. Er scheint sich der Frau von hinten zu nähern, ist aber mitten im Schritt in der Bewegung eingefroren. Durch diese Erstarrung strahlt das Motiv für Eggum eine große Stille aus.Arne Eggum: Die Einsamen. In: Edvard Munch. Liebe, Angst, Tod. Kunsthalle Bielefeld, Bielefeld 1980, , S. 139. Die Position der beiden Figuren zueinander, der Abstand zwischen ihnen und der Hell-Dunkel-Kontrast ihrer Kleidung vermitteln sowohl Nähe als auch Distanz.To mennesker. De ensomme im Nationalmuseum Oslo.
Beide Figuren bilden die einzigen vertikalen Pfeiler in der Komposition, die ansonsten von den geschwungenen horizontalen Linien von Strand, Meer und Himmel bestimmt ist. Die Landschaft zeigt keine Spur von Leben. Die Figuren scheinen sich in absoluter Isolation zu befinden. Der Großteil des Hintergrundes wird durch ein offenes Gewässer eingenommen, dessen Horizontlinie fast bis an den oberen Bildrand reicht. Es entsteht der Eindruck von unermesslicher Weite des Meeres. Der wolkenlose Himmel nimmt die Farbe des Wassers auf. Einzig der Strand im Vordergrund ist bunt gehalten. Er wird bedeckt durch von den Gezeiten abgerundete Gesteinsbrocken.Reinhold Heller: Edvard Munch. Leben und Werk. Prestel, München 1993, ISBN 3-7913-1301-0, S. 59.
Motivgeschichte
mini|hochkant|alt=Schwarz-Weiß-Fotografie einer Frau und eines Mannes, die einander zugewandt im Viertelprofil in die Kamera sehen. Die Frau trägt ein gepunktetes Kleid, der Mann einen lässig geöffneten Anzug, beide haben Kappen auf dem Kopf.|Oda Krohg und Jappe Nilssen, 1891
Das Motiv Zwei Menschen geht – wie auch das zeitgleich entstandene Motiv Melancholie – auf ein Erlebnis des Sommers 1891 zurück, den Munch traditionell in Åsgårdstrand verbrachte, einer kleinen norwegischen Küstenstadt am Oslofjord, die als Sommerfrische vieler Bürger und Künstler aus dem nahen Kristiania, dem heutigen Oslo, diente. Munchs Freund Jappe Nilssen sowie das Malerehepaar Christian und Oda Krohg verlebten den Sommer am gleichen Ort, und Munch wurde Zeuge der unglücklichen Liebesaffäre des 21-jährigen Freundes mit der zehn Jahre älteren verheirateten Frau. Die Beziehung weckte in Munch Erinnerungen an seine eigene, nur wenige Jahre zurückliegende und gleichfalls unglückliche Liebe zu Milly Thaulow.Hans Dieter Huber: Edvard Munch. Tanz des Lebens. Reclam, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-010937-3, S. 47–48, 92. Auch Munch war 21 Jahre alt gewesen, als er sich 1885 in die drei Jahre ältere Frau seines Vetters Carl Thaulow (ein Bruder des Malers Frits Thaulow) verliebt hatte, eine verbotene Liebe, die ihn lange verfolgte und die er zwischen 1890 und 1893 in romanhaften Aufzeichnungen, in denen er der Geliebten den Namen „Frau Heiberg“ verlieh, verarbeitete. Zum Ende der Affäre bekundete er: „Danach habe ich alle Hoffnung, lieben zu können, aufgegeben.“Matthias Arnold: Edvard Munch. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-50351-4, S. 32–33. Sowohl Munchs literarische Notizen als auch Zeichnungen belegen den engen Bezug der beiden Motive Zwei Menschen und Melancholie. So zeigt eine Federzeichnung aus dem Jahr 1891 die leicht gebeugte Männerfigur aus Zwei Menschen in Rückenansicht vor der Küstenlinie von Melancholie.Melancholie (1891) im Munch-Museum Oslo.Arne Eggum: Die Bedeutung von Munchs zwei Aufenthalten in Frankreich 1891 und 1892. In: Sabine Schulze (Hrsg.): Munch in Frankreich. Schirn-Kunsthalle Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Musée d’Orsay, Paris und dem Munch Museet, Oslo. Hatje, Stuttgart 1992, ISBN 3-7757-0381-0, S. 146.
mini|zentriert|hochkant=1.4|alt=Fotografie eines Gemäldes im Sepia-Ton. Das Motiv ist ähnlich wie beim Eingangsbild. Die Darstellung ist gespiegelt.|Zwei Menschen. Die Einsamen (1892) auf einer Ausstellung 1892/93 in Berlin, Fotografie: Max Marschalk
Die erste Gemäldefassung von Zwei Menschen wird in der Literatur unterschiedlich datiert. Laut dem Catalogue raisonné von Gerd Woll entstand das Bild – in zeitlicher Nähe zur Melancholie – im Jahr 1892. Ursprünglich wurde es unter dem Titel Ein Mann und eine Frau in einer Sommernacht ausgestellt. Es gehörte zu den 55 Bildern, die Munch im Oktober 1892 auf einer Ausstellung des Vereines Berliner Künstler präsentierte, die in der deutschen Kunstwelt einen Skandal verursachte, den so genannten „Fall Munch“. Über die Jahreswende 1892/93 zeigte Munch die Bilder noch einmal privat organisiert in Berlin. Diese Ausstellung wurde von Max Marschalk fotografiert. Die von ihm angefertigte Schwarz-Weiß-Fotografie ist die einzige erhaltene Abbildung des Gemäldes, das am 9. Dezember 1901 an Bord des Dampfschiffs Kong Alf bei einer Explosion während eines starken Sturmes zerstört wurde.Hans Dieter Huber: Edvard Munch. Tanz des Lebens. Reclam, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-010937-3, S. 92. Die Bilder befanden sich auf dem Rücktransport von Ausstellungen in München und Wien nach Norwegen.Atle Næss: Munch. Meulenhoff Boekerij, 2015, ISBN 978-94-023-0419-0, Kapitel Meisjes op de brug. Das Bild Zwei Menschen hatte zu diesem Zeitpunkt bereits der norwegische Kunstsammler Olaf Schou erworben. Mit der Versicherungssumme von 1600 Kronen bestellte er bei Munch umgehend ein Ersatzbild, die noch im selben Jahr entstandene Komposition Mädchen auf der Brücke.Hans Dieter Huber: Edvard Munch. Tanz des Lebens. Reclam, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-010937-3, S. 105.
mini|zentriert|hochkant=1.4|alt=Druck einer Radierung im Sepiaton. Dasselbe Motiv wie zuvor.|Zwei Menschen. Die Einsamen (1894), Radierung, 15,5 × 21,4 cm, Thielska galleriet Stockholm
Im Jahr 1894 begann Munchs künstlerische Auseinandersetzung mit der Druckgrafik. Zwei Menschen war eines der ersten Motive, die Munch in der Technik der Kaltnadelradierung umsetzte. Er überarbeitete die Druckform mindestens sechsmal, ehe er 1895 bei Julius Meier-Graefe eine Mappe mit Druckgrafiken veröffentlichte, die neben Zwei Menschen noch sieben andere Motive enthielt. Im Jahr 1912 fertigte er weitere Abzüge an, dieses Mal mit brauner Druckfarbe auf bräunlich-gelbem Papier.Hans Dieter Huber: Edvard Munch. Tanz des Lebens. Reclam, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-010937-3, S. 85, 92. Bis auf die Tatsache, dass die Radierung spiegelverkehrt ist, ist sie stark an der ursprünglichen Gemäldefassung orientiert. In Paris nahm Munch 1896 das Motiv in einem Schabkunstblatt teilweise wieder auf. Dieses Mal konzentrierte er sich völlig auf die Frau in Rückenansicht am Strand und ließ den Mann weg. In dieser Darstellung probierte er diverse Farbzusammenstellungen aus, um mit der zur Monochromie neigenden Technik einen emotionalen Ausdruck zu transportieren. Die Grafik wird Einsame Frau am Ufer oder Die Einsame genannt.Arne Eggum: Die Einsamen. In: Edvard Munch. Liebe, Angst, Tod. Kunsthalle Bielefeld, Bielefeld 1980, , S. 143.
mini|zentriert|hochkant=0.8|alt=Druck einer Radierung. Dieses Mal steht die Frau allein am Ufer. Das Kleid ist weiß, das Haar blond, Strand und Meer in Blautönen.|Einsame Frau am Ufer (Die Einsame) (1896), Radierung, 28,5 × 21,6 cm, Munch-Museum Oslo
Im Jahr 1899 arbeitete Munch mit einer weiteren inzwischen erlernten Drucktechnik am Motiv Zwei Menschen, dem Holzschnitt. Durch das gröbere Medium ergibt sich eine stärkere Abstraktion der Darstellung. Munch schnitt die Holzplatte in drei Teile: die Frauenfigur, die Männerfigur samt Strand sowie Meer und Himmel. In den Drucken variierte er die Farben der einzelnen Platten und kolorierte teilweise auch von Hand. Munch experimentierte mit Farbmenge und -konsistenz, Bindemittel und Anpressdruck und benutzte teilweise auch eingefärbte Papierstückchen, die er auf die Holzplatten auflegte. Insgesamt zeigen die Drucke von Zwei Menschen laut Hans Dieter Huber „ein außerordentlich vielfältiges Spektrum farbiger Ausdruckmöglichkeiten“.Hans Dieter Huber: Edvard Munch. Tanz des Lebens. Reclam, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-010937-3, S. 93.Vgl. die unterschiedlichen Versionen von To mennesker. De ensomme (1899) im Munch-Museum Oslo. 1912 griff Munch noch einmal in einem kleineren Holzschnitt einen Teil des Motivs auf und stellte der Frau am Strand eine „Mondsäule“ gegenüber, die säulenartige Spiegelung des Mondes im Wasser, die ein charakteristisches Element seiner Bildsprache ist. Diese Mondsäule hatte er hin und wieder auch schon zwischen die Figuren der 1899er-Version eingefügt als ein erotisch aufgeladenes, das Paar gleichzeitig trennendes wie vereinendes Symbol.Arne Eggum: Die Einsamen. In: Edvard Munch. Liebe, Angst, Tod. Kunsthalle Bielefeld, Bielefeld 1980, , S. 140.
In Gemäldeform griff Munch das Motiv Zwei Menschen noch dreimal auf (siehe dazu auch die Liste der Gemälde von Edvard Munch). 1905 malte er ein Ölgemälde mit einer gegenüber der Erstfassung ebenfalls gespiegelten Anordnung. Das Bild gehörte von 1928 bis 1937 zur Städtischen Kunstsammlung Chemnitz, ehe es durch Hildebrand Gurlitt in eine ausländische Privatsammlung verkauft wurde. Aus dem Nachlass von Philip und Lynn Straus kam es 2023 zum Busch-Reisinger Museum in Cambridge. Abweichend vom Catalogue raisonné von Gerd Woll aus dem Jahr 2008 wird die Entstehung vom Museum auf 1906–1908 geschätzt.2023.551: Two Human Beings (The Lonely Ones) bei den Harvard Art Museums. Im Jahr 2025 wurde das Gemälde im Rahmen der Ausstellung Edvard Munch. Angst erstmals wieder in Chemnitz gezeigt.Edvard Munch. Angst bei den Kunstsammlungen Chemnitz.
1906/07 war das Motiv Teil des in Temperatechnik gemalten Reinhardt-Frieses, eines Bilderzyklus in Form eines Frieses, mit dem Max Reinhardt, Direktor des Deutschen Theaters, Munch beauftragt hatte, um einen Festsaal zu schmücken. Nachdem das Bild 1938 als entartete Kunst aus der Nationalgalerie beschlagnahmt und anschließend verkauft worden war, erwarb es 1968 das Museum Folkwang in Essen.Edvard Munch: To mennesker. De ensomme (Reinhardt-frisen), 1906/07 im Museum Folkwang. Zwischen 1933 und 1935 entstand schließlich ein weiteres Ölgemälde, das im Munch-Museum Oslo gezeigt wird.To mennesker. De ensomme (ca. 1935) im Munch-Museum Oslo.
Interpretation
Eros
Die beiden geläufigen Titel des Motivs richten ihren Fokus laut der norwegischen Kunsthistorikerin Sidsel Helliesen auf unterschiedliche Bildebenen. Zwei Menschen ist die sachliche Beschreibung des Bildinhalts, Die Einsamen transportiert die Stimmung des Bildes. Für Ulrich Bischoff ist hingegen „die erotische Spannung der eigentliche Darstellungsgegenstand“, dem sich Figuren und Landschaft unterordnen zur „symbolischen Veranschaulichung von Naturkräften mit sexuellem Charakter“.Ulrich Bischoff: Edvard Munch. Taschen, Köln 1988, ISBN 3-8228-0240-9, S. 62. Jens Thiis formulierte: „des Triebes starke Schwingen rauschen über diesem Bild“. Für Arne Eggum liegt „eine Art erotischer Ernst, ein Pietismus der Sinnlichkeit“ über der dargestellten nordischen Landschaft.