Der Lamborghini Countach LP500 war ein fahrbereites Showcar des italienischen Sportwagenherstellers Lamborghini, das erstmals auf dem Genfer Autosalon 1971 gezeigt wurde. Er war der Vorläufer des Serienmodells Lamborghini Countach, das von 1974 bis 1990 in verschiedenen Ausführungen etwa 2000 Mal produziert wurde. Das Design des Countach LP500 und sein technisches Konzept waren revolutionär; seine Designsprache prägte bis in die Gegenwart hinein auch nahezu jedes weitere Lamborghini-Serienfahrzeug. Einige technische und historische Details des Autos sind umstritten oder Gegenstand von Legenden. Der Countach LP500 war ein Einzelstück. 50 Jahre nach seiner Präsentation stellte Lamborghini ein äußerlich authentisches Replikat des Autos her.
Entstehungsgeschichte Der 1963 gegründete Automobilhersteller Lamborghini hatte mit dem 1966 eingeführten Miura einen der ersten in Serie produzierten Hochleistungssportwagen mit Mittelmotor auf den Markt gebracht. Zu den Besonderheiten des von Giampaolo Dallara konstruierten Miura gehörte ein hinter den Sitzen quer zur Fahrtrichtung eingebauter Zwölfzylinder-V-Motor. 1968 begannen Lamborghinis neuer Technikchef Paolo Stanzani, der den zu De Tomaso abgewanderten Dallara ersetzte,Für De Tomaso konstruierte Dallara 1969 den Formel-1-Rennwagen De Tomaso 505, der in der Weltmeisterschaft 1970 von Williams eingesetzt wurde. und sein Mitarbeiter Massimo Parenti,David Hodges: Lamborghini. The Legend, Smithmark Publishers, London 1998, ISBN 978-0-7651-0846-3, S. 36. einen Nachfolger des Miura zu entwickeln. Ziel des werksintern Tipo 112 genannten Projekts war der Entwurf eines Sportwagens, der ebenso innovativ sein sollte wie es der Miura bei seiner Präsentation gewesen war.Graham Robson: Lamborghini Countach, Foulis Motoring Book, 1986, ISBN 0-85429-589-5, S. 18. Mit dem Karosseriedesign wurde die Turiner Carrozzeria Bertone beauftragt.
Lamborghini baute nach den Plänen von Stanzani, Parenti und Bertone einen fahrbereiten Prototyp, der die Bezeichnung Countach LP500 erhielt. Seine erste öffentliche Präsentation war zunächst für den Turiner Autosalon im Herbst 1970 vorgesehen, zu dieser Zeit war der Wagen aber noch nicht fertig. Der Aufbau des Autos begann erst Anfang Januar 1971 und dauerte bis in die erste Märzwoche 1971. Der gelb lackierte Lamborghini debütierte dann im März 1971 auf dem Genfer Autosalon.
Ursprünglich war keine Serienfertigung des Coupés geplant;Dieter Günther: Erdgeschoss. Oldtimer Markt, Heft 9/1997, S. 8. die Studie war lediglich als „Leistungsbeweis“Matthias Braun, Alexander Franc Storz: Typenkompass Lamborghini: Sportwagen nach 1964, Motorbuch-Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-613-02645-2, S. 87. gedacht. Der Prototyp fand jedoch so starken Anklang, dass der Unternehmensinhaber Ferruccio Lamborghini den fahrbereiten LP500 umfangreich auf seine Serientauglichkeit testen ließ. Im Mai 1972 fiel schließlich die Entscheidung für die Serienproduktion eines nach Merkmalen des LP500 gestalteten Coupés.Anthony Pritchard: Lamborghini. Die Geschichte der Supersportwagen aus Sant’Agata, Heel, Königswinter 2006, ISBN 3-89880-574-3, S. 91. Das erste Vorserienexemplar des nun Countach LP400 genannten und in einigen Details stark veränderten Autos erschien auf dem Genfer Autosalon im März 1973, die Serienfertigung begann 1974. Bis zur Ablösung durch den Diablo entstanden etwa 2000 Countachs.
Modellbezeichnung Die Modellbezeichnung Countach (ausgesprochen []), die auch für das spätere Serienfahrzeug übernommen wurde, geht nach verbreiteter Darstellung auf einen Ausdruck aus dem Piemontesischen Dialekt zurück. Der Begriff steht danach für einen Ausruf, der Erstaunen und Bewunderung in sich vereint. In der Literatur kursieren unterschiedliche Interpretationen; zu ihnen gehören „fantastisch“, „Boah!“, „Wahnsinn“ oder „Herrjeh“.Anthony Pritchard: Lamborghini. Die Geschichte der Supersportwagen aus Sant’Agata, Heel, Königswinter 2006, ISBN 3-89880-574-3, S. 90. Einigen Quellen zufolge ist Countach ein vulgäres Wort; einzelne übersetzen es mit „geil“.Matthias Braun, Alexander Franc Storz: Typenkompass Lamborghini: Sportwagen nach 1964, Motorbuch-Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-613-02645-2, S. 90. Hierzu wird allgemein die Geschichte verbreitet, es sei der Ausruf eines Mitarbeiters des im Piemont ansässigen Karosserieherstellers Bertone gewesen, als er die Sportwagenstudie zum ersten Mal sah. Ein britischer Autor zweifelt das allerdings an und hält sowohl die Geschichte als auch den Begriff Countach selbst für „frei erfunden“.
Als Zusatzbezeichnung verwendete Lamborghini die Buchstaben LP. Sie stehen für longitudinale posteriore („längsgerichtet hinten“) und beziehen sich auf die Position des Motors.Dieter Günther: Erdgeschoss. Oldtimer Markt, Heft 9/1997, S. 10. Die daran angehängte Zahl 500 bezeichnet gerundet den angeblichen Hubraum des Motors in Zentilitern. Auch diese Codierung übernahm Lamborghini für das spätere Serienfahrzeug.
Modellbeschreibung
Karosserie und Innenraum Das Karosseriedesign des Countach LP500 ist eine Arbeit von Marcello Gandini, der seit 1966 Designchef bei Bertone war. Der Entwurf wurde im Laufe des Jahres 1970 entwickelt; zu Weihnachten 1970 waren die 1:1-Zeichnungen fertiggestellt.
Stilistisch war das Design eine Weiterentwicklung früherer Gandini-Arbeiten. Im Profil folgt der Countach LP500 dem One-Box-Design, das Giorgio Giugiaro 1968 erstmals beim Showcar Bizzarrini Manta gezeigtWolfgang Blaube: Ein Fisch namens Manta. Vorstellung des Bizzarrini Manta und Kurzbeschreibung der Geschichte des Bizzarrini P 538 in: Oldtimer Markt, Heft 10/2008, S. 44 ff. und das Gandini 1968 bzw. 1970 bei seinen Bertone-Showcars Alfa Romeo Carabo und Lancia Stratos 0 aufgegriffen hatte.Hans-Karl Lange: Lamborghini. Alle Sportwagen seit 1963, Verlagsunion Pabel – Moewig, Rastatt 1991, ISBN 3-8118-3063-5, S. 50. Der Vorderwagen geht annähernd stufenlos in die stark geneigte Windschutzscheibe über, die ihrerseits eine Linie mit der flach auslaufenden Dachpartie bildet. Die Karosserie ist im Detail ein Aufeinandertreffen von fließenden Linien und scharfen Kanten: Während die Gürtellinie im Profil rundlich geschwungen ist, ist die Karosserie im Übrigen von geraden Linien und klaren Winkeln geprägt. Ein besonderes Merkmal des Countach LP500 sind die Scherentüren und die kleinen, in die im Übrigen fest verklebten Glasflächen eingelassenen seitlichen Fensteröffnungen, die Gandini jeweils ebenfalls vom Carabo übernahm. Ein Novum waren die schräg angeschnittenen hinteren Radläufe, die in den folgenden Jahrzehnten zu einem Markenzeichen Marcello Gandinis wurden.
Im Innenraum hatte der Countach LP500 eine frühe Form eines elektronisch gesteuerten Diagnoseanzeigers, der bestimmte Funktionen des Autos überprüfte und etwaige Fehler über Lichtsignale meldete. Die Anlage war links vom Lenkrad am Instrumententräger untergebracht.
Chassis Der Countach LP500 beruhte auf einem vielfach als SemimonocoqueGraham Robson: Lamborghini Countach, Foulis Motoring Book, 1986, ISBN 0-85429-589-5, S. 21.Anthony Pritchard: Lamborghini. Die Geschichte der Supersportwagen aus Sant’Agata, Heel, Königswinter 2006, ISBN 3-89880-574-3, S. 86.David Hodges: Lamborghini. The Legend, Smithmark Publishers, London 1998, ISBN 978-0-7651-0846-3, S. 37. beschriebenen Plattformrahmen, der aus einem Rohrgerüst aus Vierkantprofilen und daran angeschweißten Stahlblechpaneelen bestand. Die Radaufhängung und die Lenkung wurden vom Lamborghini Miura übernommen und nur geringfügig verändert.
Antriebstechnik
Auslegung Der Countach LP500 war mit einem Zwölfzylinder-V-Ottomotor in Mittelmotorlage ausgestattet. Anders als beim Miura lag der Motor nicht quer zur Fahrtrichtung, sondern wie bei Lamborghinis Frontmotormodellen längs. Im Vergleich zu ihnen war der Motor um 180 Grad gedreht eingebaut, sodass das Getriebe nicht am Fahrzeugheck, sondern in Fahrtrichtung vor dem Motor installiert war. Das Getriebe reichte damit in die Fahrgastzelle hinein und lag teilweise in einem Tunnel zwischen den beiden Sitzen. Eine durch die Ölwanne führende Antriebswelle übertrug die Kraft auf das Differentialgetriebe. Diese ungewöhnliche, bei Serienfahrzeugen bis dahin nicht anzutreffende Auslegung hatte das Ziel, die Baulänge des Autos zu begrenzen und das Gewicht so weit wie möglich zwischen den Achsen zu konzentrieren. Außerdem konnte der Motor so unverändert aus der Serienproduktion übernommen werden, ohne dass – wie beim Miura – umfangreiche Anpassungen an den Quereinbau notwendig wurden. Meist wird die Idee zu dieser Lösung Paolo Stanzani zugeschrieben; einzelne Quellen sehen dagegen den Lamborghini-Techniker Oliviero Pedrazzi als Urheber an.
Motorisierung Die Motorisierung des Countach LP500 ist nicht zweifelsfrei geklärt.
Zeitgenössischen Pressemitteilungen zufolge hatte Lamborghini für den Countach LP500 einen eigenständigen Zwölfzylinder-V-Motor konstruiert und gebaut, der als Weiterentwicklung der serienmäßigen Lamborghini-Motoren bezeichnet wurde. Sein Hubraum wurde mit 4971 cm³ angegeben. Als Maße für Bohrung und Hub nannte Lamborghini 85 bzw. 73 mm, als Höchstleistung 440 PS (DIN). Das maximale Drehmoment betrug angeblich 496 Nm. In der Fachliteratur wurde jahrzehntelang berichtet, der Countach LP500 sei tatsächlich mit einem solchen Motor ausgestattet gewesen,Anthony Pritchard: Lamborghini. Die Geschichte der Supersportwagen aus Sant’Agata, Heel, Königswinter 2006, ISBN 3-89880-574-3, S. 88. und Lamborghinis Internetauftritt verbreitet diese Darstellung auch 2026 noch.
mini|Hinten längs eingebauter 4,0-Liter-V12-Motor in einem frühen Serien-Countach Diese These ist vielfach angezweifelt worden. Mittlerweile besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass es im Countach LP500 keinen einsatzbereiten Motorblock mit der kolportierten 5,0-Liter-Konfiguration gab. Hinsichtlich der Einzelheiten weichen die Quellen voneinander ab. Entweder wurde solch ein Motor nie gebaut oder Lamborghini stellte ein Einzelstück her, das bereits beim ersten Einsatz irreparabel beschädigt wurde.Hans-Karl Lange: Lamborghini. Alle Sportwagen seit 1963, Verlagsunion Pabel – Moewig, Rastatt 1991, ISBN 3-8118-3063-5, S. 51.
Diesen Quellen zufolge war der Prototyp mit dem gleichen Motortyp ausgestattet, der auch in die Lamborghini-Serienmodelle eingebaut wurde.Geschichte des Prototyps auf der Internetseite countach.ch (abgerufen am 3. März 2026) Ein Autor berichtete 2021, Lamborghini habe dies mittlerweile bestätigt. Dieser Motor ist eine Konstruktion von Giotto Bizzarrini aus dem Jahr 1963. Sie ist ein Zwölfzylinder-V-Motor mit einem Zylinderbankwinkel von 60 Grad und einem Hubraum von 3929 cm³ (Bohrung × Hub: 82 × 62 mm). Jeder Zylinder hat ein Ein- und ein Auslassventil, die über zwei obenliegende Nockenwellen pro Zylinderreihe gesteuert werden. Seine Leistung wurde mit 375 DIN-PS angegeben.Graham Robson: Lamborghini Countach, Foulis Motoring Book, 1986, ISBN 0-85429-589-5, S. 64.
Motorenumfeld Die Wasserkühler des Countach LP500 sind anders als beim Miura nicht mehr vor der Vorderachse untergebracht, sondern seitlich des Motors vor den Hinterrädern.
Präsentation und Verbleib Der Countach LP500 war ein Einzelstück, das Anfang März 1971 fertiggestellt wurde.
Einer verbreiteten Erzählung zufolge fuhr Lamborghinis Testfahrer Bob Wallace den Countach LP500 unmittelbar nach der Fertigstellung auf eigener Achse über Nacht von Turin nach Genf, wo er wenige Stunden vor der Eröffnung des Autosalons eintraf.Graham Robson: Lamborghini Countach, Foulis Motoring Book, 1986, ISBN 0-85429-589-5, s. 22. Andere Quellen stellen das in Frage bzw. behaupten, der Prototyp sei auf einem Lastwagen nach Genf gebracht worden.